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26.05.2003 Ben Granby
[ Übersetzt von: Andrea Noll
ZNet
Doppelstandard amerikanischer Medien

auch in den deutschen medien wird der legitime widerstand 
gegen die besatzung kriminalisiert und das völkerrecht
missachtet!

Gewalt und 'Roadmap' - Doppelstandard amerikanischer Medien

Die Szene, die sich am 19. Mai 2003 in Afula abspielte, war nur allzu vertraut. Schreie, Sirenen, Blut auf der Erde. Als sich Hiba Daraghmeh mit Sprengstoff um ihrem Körper in die Luft sprengte - vor einem Supermarkt - riss sie drei unschuldige Menschen mit in den Tod und dies auf brutalste Weise. Ein Großteil der amerikanischen Öffentlichkeit hat davon erfahren. Das Ereignis sorgte sofort für Schlagzeilen auf allen Kanälen, und die Horrorbilder prangten von der Titelseite der meisten wichtigen US-Zeitungen. Am selben Tag - an einem Ort fast wie in einer andern Welt - kam die Trauer aber auch über die Familie des 13-jährigen Khaled Naser. Der Junge war zuvor von israelischen Soldaten erschossen worden. Sein Schicksal war keine Schlagzeile wert. Die neuen Vorschläge für den Frieden in Nahost seien durch die Selbstmordattentate bedroht - daher fokusierten die Medien in den letzten Tagen auf diese Attentate, heißt es.

Innerhalb von nur 48 Stunden - beginnend am Samstag, dem 18. Mai - war es in Israel u. den palästinensischen Gebieten zu 5 Selbstmordanschlägen gekommen. Die plötzliche Attentatszunahme, so die wichtigsten US-Medien einhellig, könnte Präsident George Bushs neue Nahost-'Roadmap' (Straßenkarte) zum Scheitern bringen. Die Schlagzeile in 'The Chicago Tribune' vom 20. Mai lautete: "'Road Map' in Peril" ('Roadmap' in höchster Gefahr). Für 'USA Today' hing sie gar "in Fetzen". Und die 'Washington Post' schrieb: "Friedensplan in Gefahr". Zuvor hatte eine Schlagzeile der 'Post' gelautet: "Bombings Undercut Peace Plan" (Bomben unterminieren den Friedensplan). Als Reaktion auf den Bombenanschlag im Jerusalemer Vorort French Hill (technisch gesehen liegt er in der besetzten Westbank) vom Sonntag, bei dem 7 Israelis starben, sagte der israelische Premier seine geplante Reise zu George Bush ab. Bei dem Treffen wollte man über den 'Roadmap'-Plan diskutieren. Eine Reuters Schlagzeile von diesem Tag: "Selbstmordbomben bedrohen Friedensplan". Die amerikanischen Medien akzeptierten Scharons Absage. Dies sei eine vernünftige Reaktion auf die Zunahme der Terrorattentate. Es seien Splittergruppen der Palästinenser, die einen ansonsten funktionierenden Prozess störten. Der amerikanischen Öffentlichkeit wird so praktisch gesagt, es seien ausschließlich die militanten Palästinenser oder gar die Palästinenserbehörde selbst, die den Weg zum Frieden blockierten.

Am 1. Mai, am selben Tag also, als Präsident Bush seinen 'Roadmap'-Plan enthüllte, startete die Israelische Armee eine Großinvasion in den Gazastreifen, bei der man bis tief nach Gaza-Stadt vordrang. Unterstützt durch schwere Panzer u. Kampfhelikopter kämpften sich die israelischen Streitkräfte bis zu einem fünfstöckigen Wohnhaus vor, in dem ein verdächtiger Militanter lebte. Das Wohnhaus stand im dichtbevölkerten Shijaia-Distrikt. Es kam zu massiven Feuergefechten, bei denen Kugeln auch benachbarte Häuser trafen. Das Ganze dauerte von 1 Uhr nachts bis 17 am nächsten Nachmittag; dann sprengten die Israelis das Wohnhaus. Bilanz: 13 tote Palästinenser - darunter 2 Kleinkinder u. ein älterer Mann. Ein Sprecher Scharons, David Baker, verteidigte den Angriff mit den Worten: "diese Aktivitäten werden so weitergehen, wo und wann immer nötig, ohne dass außenstehende Erwägungen eine Rolle spielen" ('Washington Post' vom 1. Mai 2003). Palästinensische Offizielle wiesen umgehend darauf hin, dieser Angriff auf Gaza demonstriere, dass Israel Bushs 'Roadmap' sabotieren wolle. Die amerikanische Presse griff diesen Hinweis kaum auf. Und absolut keine der großen US-Medien erörterte die Ereignisse in Zusammenhang mit der Welle der jüngsten Bombenanschläge. Die israelischen Angriffe gingen indes weiter. So wurde am 8. Mai ein ranghoher Hamas-Kommandant ermordet. Es kam zu großangelegten Einmärschen in die Städte Khan Younis u. Beit Hanoun, bei denen dutzende Häuser zerstört wurden, viele Menschen wurden verletzt, Dutzende obdachlos. Zur selben Zeit mussten mehrere Menschen die israelische Strategie des 'Schieß-zuerst' ganz unnötig mit dem Leben bezahlen. So am 8. Mai, als israelische Heckenschützen außerhalb Khan Younis ohne Vorwarnung einen Geistigbehinderten erschossen. Am selben Tag wurde auch Zaher Hamad al-Shouli am israelischen Checkpoint vor Nablus erschossen, als er Waren hinüberkarren wollte. Dieser Mann hatte Tag für Tag am Checkpoint gestanden. Am 12. Mai schoss man in Khan Younis auf 2 Bauern, die auf dem Feld arbeiteten. Einer von ihnen wurde tödlich getroffen. Zwei Tage später erschossen israelische Soldaten am Netzarim-Checkpoint 3 palästinensische Polizisten, die im Dienst auf ihren üblichen Posten waren. Laut Palästinensischem Rotem Halbmond wurden zwischen dem 1. Mai (Tag der 'Roadmap'-Erklärung Präsident Bushs) u. dem Anschlag vom Montag (den 19. Mai in Afula) insgesamt 58 Palästinenser getötet, darunter 10 Kinder. Zu fast jedem dieser Vorkommnisse hieß es von palästinensischer Seite, Israel versuche, den Friedensprozess zu zerstören. Die amerikanischen Medien scherten sich kaum darum.

Tatsache ist, vor Verkündung des 'Roadmap'-Plans bzw. danach gab die Regierung Scharon mehrere Statements ab, man hege verschiedene Einwände dagegen. Nie wurde der Plan offiziell akzeptiert. Einige Schlüsselforderungen der 'Roadmap' waren für die Scharon-Regierung seit langem nicht mehr diskutabel, zum Beispiel die Frage der Entschädigung für palästinensische Flüchtlinge oder einer Restriktion des Siedlungsbaus in den besetzten Gebieten. Selbst als letzte Woche US-Außenminister Colin Powell Scharon besuchte, um die Siedlungsfrage zu diskutieren, äußerte der israelische Premier in der 'New York Times' (vom 14. Mai 2003): "Meiner Ansicht nach ist das Thema im Moment nicht am Horizont". Eine Woche zuvor, am 8. Mai, stand im Londoner 'Independent', Scharon weigere sich grundsätzlich, über irgendetwas zu diskutieren, bevor die Palästinenserbehörde nicht auf das "Rückkehrrecht" der palästinensischen Flüchtlinge verzichtet habe. Der 'Independent' widmete dem Thema einen ganzen Artikel. Der palästinensische Premier Abbas hatte öffentlich erklärt, er hege keine Einwände mehr gegen den von Amerika gestützten Plan, demgegenüber stellte die Regierung Scharon gleich 15 Kritikpunkte auf, die einer sofortigen Umsetzung im Wege stünden. Im Stillen und insgeheim hatte Scharon Anfang Mai den israelischen Tourismus-Minister Benny Elon nach Amerika entsandt, um aktiv gegen die Bush'sche 'Roadmap' tätig zu werden bzw. gegen jede Art von unabhängigem Palästinenserstaat. Kurz bevor er zu seinem Trip aufbrach, erklärte Minister Elon prophetisch in der israelischen Tages- zeitung 'Ha'aretz', der Islam "sei im Verschwinden begriffen".

Die US-Medien konstatieren Scharons Widerstreben gegen Bushs Plan zwar - in einem Leitartikel der 'New York Times' vom 7. Mai ist von "Verzögerungs- taktik" die Rede -, dennoch ist diese Nachricht keine echte Schlagzeile wert. Und auch die Schwierigkeiten, die Außenminister Powell bei seinem Scharon-Besuch entgegenschlugen, bzw. die Vermutung, Scharon werde sich mit Präsident Bush treffen, um gegen Teile der verhassten 'Roadmap' zu protestieren, waren amerikanischen Zeitungen nicht sehr viel Platz wert. Gleichzeitig werden die von Abbas eingegangenen Konzessionen schlicht ignoriert. Als Powell letzte Woche Israel verließ, riegelte die israelische Regierung sofort sämtliche Grenzen zum Gazastreifen für Internationale ab - auch die UN u. humanitäre Helfer gelangten nicht mehr hinein. Auch dies in den Zeitungen kaum einer Erwähnung wert - von den Spätnachrichten ganz zu schweigen. Nach den in US-Medien so vielberichteten Terrorattacken - in den Zeitungen standen sie auf Seite 1, im Fernsehen gab's aktuelle Sondermeldungen -, wird die Öffentlichkeit nun wohl glauben, nur die Palästinenser blockierten den Friedensprozess, ja mehr noch, nur sie verübten die Gewalt. Keine einzige große Zeitung stellte einen Zusammenhang zwischen der Welle der Hamas-Bombenanschläge und den ständigen Mordanschlägen Israels gegen Hamas-Führer her. Man denke nur an die Ermordung von Iyad Bek vor zwei Wochen. Dies ist nicht das erstemal, dass es so aussieht, als wolle Scharon die palästinensischen Militanten reizen. Am 23. Juli 2002 - an dem Tag, an dem Hamas und Islamischer Dschihad gemeinsam eine einseitige Waffenruhe verkünden wollten, die erste überhaupt -, warf ein israelischer Jet eine 500-lb-Bombe auf das Haus des Top-Hamas-Kommandeurs Saleh Shehade ab, wobei dieser zusammen mit 16 weiteren Menschen (darunter 9 Kinder) starb. Und keine der großen US-Zeitungen hat je die Frage gestellt, ob die jüngsten Bombenanschläge Scharon nicht sehr zupass kommen, da sie ihm einen Vorwand liefern, die Friedensbemühungen weiter zu sabotieren. Die 'Chicago Tribune' war die einzige Zeitung, die gleich im ersten Absatz ihres Berichts über den Bombenanschlag vom Montag die Tatsache erwähnt: Israel verweigert sich Bushs Plan.

Wie sich gezeigt hat, spielen die USA eine zentrale Rolle in der Frage, wie es mit dem tückischen palästinensisch-israelischen Konflikt weitergeht. Die amerikanische Öffentlichkeit verdient es, durch ihre Presse ausgewogen und über alle Vorgänge in der Region informiert zu werden. Aber wenn nur Selbstmordanschläge Schlagzeile machen, ist kaum verwunderlich, dass Durchschnittsamerikaner glauben, die meisten Palästinenser - wenn nicht gar alle - seien gegen den Frieden, wollten weiterhin Zivilisten angreifen. Auch im Hinblick auf ihre Schlussfolgerungen haben Medien die Pflicht, Leser u. Zuschauer über sämtliche Aspekte zu informieren. Die amerikanischen Medien waren schnell bei der Hand mit der Erklärung, die jüngsten Selbstmordanschläge schadeten dem Friedensprozess. Über die unzähligen Stolpersteine, die die Regierung Scharon diesem in den Weg legt, schweigen die Medien - oder denken wir nur an die fortgesetzten unprovozierten Angriffe der Israelischen Armee auf palästinensische Städte. Sollte die Presse sich nicht entscheiden, über das Thema ausführlicher und ausgewogener zu informieren, wird Bushs 'Roadmap' vermutlich scheitern, ohne dass die Bürger der USA je erfahren, was wirklich dahintersteckt.

Der Autor, Ben Granby, ist freier Schriftsteller. Er arbeitete früher als Freiwilliger für das 'Al Mezan Center for Human Rights' in Gaza-Stadt/ Gazastreifen.

 


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