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G 8-GIPFEL IN EVIAN [*] Die Programmierer der Neuen Weltordnung
suchen den Fehler ihres Systems
Wir alle haben Matrix I und II gesehen
und uns fantastisch amüsiert. So fantastisch, dass wir das Realistische
des Plots mittlerweile verdrängen: Das Leben, das wir zu führen
glauben, ist eine Simulation. In Wirklichkeit vegetieren wir als Zuchtschweine
auf einem vollautomatisierten Wüstenplaneten und werden langsam versaftet.
Damit wir das nicht merken, überspielen die Herren der Welt eine
ausgetüftelte Computeranimation in unsere Gehirne. Gesteuert von dieser
Matrix träumen wir das pralle Leben, während wir jeden Tag einen
lausigen Tod sterben.
Doch die Software hat einen Killervirus, der nicht
nur die Simulation auffliegen lässt, sondern das gesamte System
zerstören könnte. Natürlich wollen die Programmierer der Neuen
Weltordnung das verhindern. Deshalb treffen sie sich in Evian, auf der
französischen Seite des Genfer Sees, 2000 Lichtjahre von Genua und Seattle
entfernt. Die Gruppe nennt sich G 8 und besteht aus hybriden Fundamentalisten,
mafiotischen Cyborgs und sozialdemokratischen Mutanten.
Wir, die
Menschen, stehen nicht auf der Agenda des Krisengipfels. Wozu auch? Die
allermeisten von uns halten die Matrix für die Wirklichkeit. Wir merken
gar nicht, wie wir von den Maschinen ausgesaugt werden. Viele schließen
sich freiwillig stundenlang an Mobilphone und Laptops an, als lägen sie
auf der Intensivstation und könnten nur durch Gerätemedizin
überleben. Ihnen ist ihr virtueller Schatten wichtiger geworden als ihre
biologische Präsenz - sie verwechseln SMS mit zwischenmenschlicher
Kommunikation und den Chatroom mit einer gemütlichen Kneipe. Der Orgasmus
kommt von Lara Croft und kostet via Highspeed-ISDN nur 29 Cent pro Minute. Die
Verkündigungen der großen Illusionsmaschine hören wir gern:
Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke. "Not
in Our Name" ist unser Motto. Soll heißen: Wir wollen nichts damit zu tun
haben.
Die Herren in Evian fürchten nicht uns, sondern die
Selbstzerstörung ihres Systems. Der Vormarsch der Automaten und die
Eliminierung der menschlichen Arbeit ist mittlerweile so weit gediehen, dass
immer mehr Waren erzeugt werden und davon prozentual immer weniger abgesetzt
werden können. In Deutschland hat die computergestützte Technisierung
fünf Millionen Menschen dauerhaft aus der Produktion verdrängt und
den Preis der noch beschäftigten Arbeitskraft gedrückt. So sank der
Anteil der Löhne am Volkseinkommen von 52,7 Prozent (1980) auf 48,1
Prozent (1991) und 41,9 Prozent (1997). Das bedeutet, dass sich die
Arbeiterinnen und Arbeiter immer weniger von dem kaufen können, was im
Lande - von ihnen selbst ! - hergestellt wird. Autos aber kaufen keine
Autos.
Diese Entwicklung konnte fast 20 Jahre ignoriert werden, weil die
Vereinigten Staaten die Überschüsse aus Deutschland, Japan und
anderen Ländern importierten. Damit ist jetzt Schluss: Big Brother hatte
2002 ein Handels- beziehungsweise Leistungsbilanzdefizit von fast einer halben
Billion Dollar. Die amerikanische Staatsschuld steigt ins Unermessliche.
Explosiv ist besonders die Netto-Auslandsverschuldung der USA, sie beläuft
sich auf 3,5 Billionen Dollar - 35 Prozent ihrer jährlichen
Wirtschaftsleistung (BIP). Als die DDR im Herbst 1989 für bankrott
erklärt wurde, betrug ihre Netto-Auslandsverschuldung 16 Prozent des
BIP.
Die USA balancieren ökonomisch am Abgrund, deswegen wird es in
Evian ein Hauen und Stechen geben. Erster Punkt: Die Hypermacht will die Beute
des Irak-Krieges - die zweitgrößten Ölvorkommen der Welt - ganz
für sich. Die anderen sollen ihre irakischen Außenstände
weitgehend abschreiben, abgeschlossene Verträge makulieren. Zweiter Punkt:
Die Road Map . Palästina und Israel sollen Protektorate des Imperiums
werden wie Bosnien und Herzegowina. Dritter Punkt: Kontrolle oder Liquidierung
Nordkoreas und damit einer potenziellen Pipelinetrasse zwischen dem russischen
Energielieferanten und den asiatischen Energieimporteuren. Vierter Punkt:
Afrika wird verramscht. Die Vereinigten Staaten geben den Kongo an Frankreich
zurück - aber nur, wenn die Euroarmee auch die Kadaver
entsorgt.
Die G 8 werden sich irgendwie einigen und die Probleme doch
nicht lösen. Die Öleinkünfte aus dem eroberten Irak dürften
gerade reichen, die neue Runde der US-Rüstung zu finanzieren. Woher aber
sollen die zusätzliche Billionen kommen, damit die US-Wirtschaft weiterhin
deutsche Autos und japanische Computer aufsaugen kann? Mit der Abwertung des
Dollars hat Washington deutlich gemacht, dass es die Rolle des
defizitgetriebenen Importstaubsaugers nicht mehr spielen will und spielen kann.
Nun tritt der Grundwiderspruch der Wirtschaftsweise hervor: Je mehr die
Maschinen aus der menschlichen Arbeitskraft herauspressen, um so weniger davon
kann auf dem Binnenmarkt abgesetzt und muss exportiert werden. Wenn aber alle
Nationalökonomien diesem Prinzip folgen, wohin soll dann noch exportiert
werden? Das globale Mehrprodukt erscheint als unverkäufliches
Überangebot und drückt die Preise. Die Deflation markiert den
Übergang vom Fall der Profitrate zum Fall der Profitmasse - den GAU des
Kapitalismus.
Im eingangs zitierten Film wird die Krise des
Gesamtsystems in der Figur von Mr. Smith deutlich. Er quittiert den Dienst als
Agent der Matrix, koppelt sich vom Motherboard ab, verhundertfacht sich und
kämpft auf eigene Rechnung. Gegen die menschlichen Rebellen, aber auch
gegen die alte Führung. Wer ist dieser Mr. Smith im Hier und Jetzt?
Schröder, Chirac, Putin? Und vor allem: Was will er? Die verehrten Freunde
von Attac müssen auf der Hut sein. Es gibt kein reales Leben im
virtuellen. |