Bei Haggai Matar handelt es sich um einen
19-jährigen Israeli, Mitbegründer von 'Shministim', einer
Organisation von Oberschülern, die sich weigern, ihren Militärdienst
abzuleisten. Haggai Matar wird demnächst vor ein Militärgericht
gestellt. Für seine Aktivitäten muss er mit bis zu 3 Jahren Haft
rechnen. Dieses Interview führte Haggai vom Gefängnis aus.
1.
Können Sie uns etwas über die Hintergründe der
Militärgerichtsverfahren sagen? Warum, denken Sie, stellt die Israelische
Armee (IDF) Sie und weitere 5 junge Männer vor Gericht, weil sie ihren
Wehrdienst verweigern?
Haggai Matar: Am 23. Oktober 2002 verurteilte
mich ein Armeeoffizier zu 14 Tagen Militärgefängnis. Das nennt man
"Disziplinarverfahren". Ich wurde wieder entlassen, und man verlangte erneut,
ich solle Soldat werden. Ich verweigerte und wurde zu 28 Tagen Gefängnis
verurteilt. So ging das immer weiter - insgesamt fünfmal. Also saß
ich insgesamt fünfmal im Gefängnis, weil ich den Militärdienst
verweigerte. Die Strafdauer war unterschiedlich (beim erstenmal 14 Tage, beim
zweitenmal 28, beim drittenmal 56, beim viertenmal 14 und beim fünftenmal
auch 14 Tage). Zusammen ergibt das 126 Tage. Früher mussten die Leute
vielleicht dreimal sitzen, mit einer Gesamtstrafe von rund 90 Tagen, dann
ließ man sie frei. Aber inzwischen hat sich die Politik geändert.
Als ich jetzt zum sechstenmal verweigerte, wurde das Militärgericht,
Abteilung "Kriminalstrafverfahren", für mich zuständig, also kein
"Disziplinarverfahren" mehr mit Armeeoffizier. Ich befinde mich hier in einer
Militärbasis - in "offener Haft" - und erwarte mein Verfahren. 4 meiner
Freunde werden mit mir vor Gericht stehen. Zwischen dem Gerichtsverfahren und
der Sache mit dem Armeeoffizier bestehen folgende zwei wesentliche
Unterschiede: Erstens wird das ein richtiger Prozess mit Anwalt und allem.
Zweitens, der Offizier kann dich höchstens zu 2 Monaten Haft verurteilen,
das Gericht zu bis zu 3 Jahren. Zusammengefasst bin ich jetzt schon 4 Monate im
Gefängnis, 3 davon hier in der Militärbasis. Wie die Sache ausgeht,
kann ich noch nicht sagen. Also, die Idee junge Refuseniks vor Gericht zu
stellen, ist gar nicht so neu in der IDF. Zwei Wehrdienstverweigerer haben das
schon früher durchgemacht. Der Erste war Amnon Zichroni (1954), der Zweite
Giyura Noiman (1971). Beide wurden zu einem Jahr Militärgefängnis
verurteilt. Seither ist man nie mehr so weit gegangen, einen
Wehrdienstverweigerer bis vors Militärgericht zu bringen. Wir fragen uns
oft: "Weshalb gerade jetzt? Weshalb gerade wir?" Aber dann wird uns klar, die
Frage beinhaltet die Antwort schon. Vom Standpunkt der IDF aus gesehen war das
genau der richtige Zeitpunkt. Israel ist am absoluten Tiefpunkt (was Sicherheit
und Moral anbelangt, usw.). So weit unten war es noch nie. Israel bekämpft
uns, so wie es die ISM bekämpft*. Und natürlich mussten gerade 'wir'
dran glauben - vor 5 Jahren hat man das Wort "Verweigerung" noch nirgends
gehört (nicht im Zusammenhang mit jungen Leuten aber auch nicht im
Zusammenhang mit Reservesoldaten), da war das noch keine Alternative. Aber die
beiden Briefe - einer von 'Shministim', der andere von 'Courage to Refuse' -
steigerten den akkumulativen Effekt von 'Yesh Gvul' und 'New Profile'. Die
Briefe riefen eine öffentliche Debatte hervor, und seither kommt man um
das Thema Verweigerung einfach nicht mehr herum. Lehrer sprechen darüber
in den Schulen. Es ist in den Medien, die Leute sprechen davon, es ist Teil der
alltäglichen politischen Diskussion. Natürlich sind die meisten Leute
dagegen - aber das Thema steht doch im Raum. Immer mehr Menschen denken
über Verweigerung nach beziehungsweise, wie sie den Militärdienst
umgehen können. Selbst bei den Leuten innerhalb des Militärs zeigt
sich Wirkung. So verweigerte vor ein paar Monaten der Offizier einer
Geheimdienst-Eliteeinheit einfach den Befehl und blockierte dadurch den
geplanten Luftangriff auf eine palästinensische Stadt - was zum Abbruch
dieses Angriffs führte. Die Sache sorgte in der israelischen Gesellschaft
für massive Unruhe - ganz zu schweigen vom Geheimdienst. Ich glaube, diese
Sache und ähnliche sind das direkte Ergebnis der Verweigerungsidee. Sie
sickert langsam aber sicher ins israelische Bewusstsein ein. Und ein Faktor,
der dabei eine Rolle spielt, sind nunmal wir. 'New Profile', 'Yesh Gvul' sowie
die beiden neuen Bewegungen halten sich in ihrer Arbeit an das israelische
Recht. Folglich kommt man nicht an sie ran. Dennoch haben sie jetzt ein paar
Führer dieser Gruppen eingesperrt: Da ist Ben-Artzi mit seiner besonderen
Familiengeschichte** und dem ganzen Medienrummel und ich und die andern, wir
haben überall bezüglich Okkupation ein großes Fass aufgemacht;
wir haben zudem mit jungen potentiellen Verweigerungskandidaten gearbeitet,
usw.. Das gibt diesen Leuten die Gelegenheit, massiv gegen die ganze Bewegung
vorzugehen und ihren Standpunkt "ein- für allemal" klarzumachen. Aber ich
persönlich denke, sie übernehmen sich. Zuerst wollten sie jeweils ein
großes Verfahren für Ben-Artzi und mich veranstalten. Aber dann
waren plötzlich 4 weitere Jungs mit an Bord. Und als ob das noch nicht
reicht, drohen weitere hinzuzukommen. Das Wort 'Militärtribunal' hat die
Bewegung nicht gestoppt - im Gegenteil. Wir sind jetzt mehr denn je in den
Medien. Und wenn erst der Prozess beginnt, denken wir, dass das eine
Riesensache wird.
2. Was resultiert Ihrer Ansicht nach als Konsequenz
aus den Prozessen - sowohl positiv als auch negativ?
Haggai
Matar: Also ich kann noch nicht sagen, wie das Ganze endet - wäre im
Moment ziemlich spekulativ. Was ich gut finde, dass wir vor Gericht unsere
Meinung vertreten können. Dadurch lenken wir den Fokus der
Öffentlichkeit (hoffentlich) auf die Okkupation. Und genau aus dem Grund,
so meine Überlegung, werden sie es sich zweimal überlegen, bevor sie
nochmal einen Verweigerer aus Gewissensgründen (CO) vor Gericht stellen.
Das Letzte, was diese Leute wollen, ist, uns eine Plattform zu bieten! Also gut
möglich, dass sie zum alten "Dreimal-und-du-bist-raus"-System
zurückkehren - was sehr jungen Leuten das Verweigern einfacher macht. Und
vielleicht werden auch die internationalen Menschenrechtsorganisationen auf die
Sache aufmerksam - was sowohl den betroffenen COs als auch unserem generellen
Kampf zugute käme. Die beiden negativen Auswirkungen: A) junge Refuseniks
werden eventuell vom Verweigern abgeschreckt; sie werden versuchen, den
Wehrdienst irgendwie anders zu umgehen B) Ein sehr offensichtlicher Nachteil:
Ich werde vielleicht für lange Zeit hinter Gittern verschwinden (wobei die
7 Monate bisher schon eine "lange Zeit" waren). Und da gibt es noch eine schwer
kalkulierbare Entwicklung: die weiblichen COs. Bisher war es nämlich so:
Frauen gehen vor den Verweigerungsausschuss und werden ohne allzuviel Schikane
freigestellt. Dabei spielt keine Rolle, ob sie sagen, sie wollen in keiner
Armee dienen oder nur nicht in der IDF (wegen der Besatzung oder aus anderen
Gründen). Bei einer unserer Verhandlungen warf unser Anwalt der Armee
Diskriminierungspraxis vor. Er wies nach, dass man die Frauen anerkennt, auch
wenn sie sich der Besatzung verweigern. Die Staatsanwaltschaft räumte
daraufhin ein, das sei ein Fehler. Also wird der Ausschus von nun an wohl (die
Frauen) nicht mehr so leicht davonkommen lassen. Das wird noch problematisch -
sowohl für die Mädchen aus unserer Gruppe als auch für die
Armee. Die wird nicht mehr wissen, was sie mit ihnen machen soll. Also diese
Sache hat langfristige Konsequenzen, die wir noch nicht absehen können.
Aber egal was auch immer, jedenfalls werden wir Frauen-Verweigerung wieder zum
Thema der öffentlichen Debatte machen. Solange die Frauen so leicht
wegkamen, war das ja schwierig.
3. Sie könnten für Ihre
Wehrdienstverweigerung bis zu 3 Jahre Gefängnis bekommen. Warum nehmen Sie
dieses Risiko in Kauf?
Haggai Matar: Wollen Sie die kurze oder die
lange Version? Die kurze Antwort: Es gibt keine Alternative. Ich muss einfach
mitmachen. Ich seh' doch, was los ist in dieser Region und fühle mich zum
Handeln gedrängt. Die ausführliche Antwort ist so ausführlich,
dass der Platz nicht reicht. In meiner Aussage vor Gericht werde ich meine
bisherigen Aktivitäten beschreiben und über die Okkupation sprechen,
so wie ich sie erlebt habe. Ich habe 18 beschriebene Seiten vorbereitet -
allerdings auf Hebräisch. Ich denke, die Übersetzung folgt bald. Was
ich jetzt hier tun kann, ich kann kurz zusammenfassen, was ich mit eigenen
Augen gesehen habe. Ich war oft in den besetzten Gebieten und habe dort viele
schreckliche Dinge gesehen: Erdhaufen vor dem Hauptzugang zu einem Dorf, sodass
man mit dem Auto nicht mehr rein oder raus kam. Ich sah
Häuserzerstörungen. Ich sah Wassertanks, die die Armee zerstört
hat - damit raubte sie Wüstenbewohnern ihre einzige Wasserquelle! Soldaten
griffen friedliche Demonstranten an. Ich sah ein Palästinenserdorf, in das
illegale jüdische Siedler eingedrungen waren - sie zerstörten die
Wasser- und Stromversorgung. Sie zwangen die Bewohner zur Flucht, ins Exil -
zurück blieb ein leeres Dorf. Dies sind meine Verweigerungsgründe.
Hinzu kommen die akkumulativen Effekte der Militarisierung auf unsere
israelische Gesellschaft und noch vieles mehr - ich will, dass Menschen
über diese Dinge Bescheid wissen, dass sie sie verstehen.
4. Sie
haben zusammen mit anderen die Gruppe 'The Shministim' (Schüler der
Oberstufe) gegründet. Was waren Ihre Motive?
Haggai Matar: Als
Friedensaktivist in einer Situation, die immer schlimmer wird, suchen wir
ständig nach neuen Wegen, um handeln zu können und öffentliche
Aufmerksamkeit zu erregen. Und einer dieser Wege war eben der Shministim-Brief.
Wir waren erfolgreich mit dieser Aktion, konnten viel öffentliche
Aufmerksamkeit erzielen. Zudem haben wir damit erreicht, dass sich mehr junge
Leute Gedanken über ihren Wehrdienst machen und die Sache nicht mehr
einfach nur so hinnehmen. Und Leuten, die wissen, sie wollen nicht zum
Militär, hat die Aktion bewiesen, es gibt andere, die genauso denken -
Verweigerung ist eine Option (ich kenne persönlich einige, die zwar nicht
zur Armee wollten, aber der Meinung waren, es gibt eben keine Alternative. Erst
'The Shministim Letter' (Der Shministim-Brief) half ihnen, diesen großen,
mutigen Schritt zu tun). Aber mit die wichtigste Sache, um die es uns bei dem
Brief geht: wir wollen Solidarität mit den Palästinensern erzeugen.
In dieser Hinsicht ist Verweigerung derzeit das unschlagbarste Mittel. Wir
haben danach auch unglaublich viele Solidaritäts- und Dankes-Briefe von
Palästinensern aus den besetzten Gebieten erhalten. Einige schrieben,
unsere Verweigerung hätte sie davon abgehalten, die Terroristen weiter zu
unterstützen; sie wollten den Befreiungskampf jetzt auf andere Weise
fortführen.
5. Machen Sie Vorschläge: Wie könnten
Friedensaktivisten in Amerika der Verweigerungs-Bewegung helfen, die Besatzung
zu beenden?
Haggai Matar: Ich find' es gut, wie Sie formulieren. Die
Frage ist tatsächlich, wie hilft man, die Besatzung zu beenden und nicht
so sehr, wie uns geholfen werden kann. Vor einigen Wochen wurde einer meiner
Freunde, der auch einsitzt, von seinen Eltern gefragt, was sie tun können,
um ihm zu helfen, aus dem Gefängnis zu kommen. Seine Antwort: "Ich bin
nicht im Knast, damit ihr einen Weg findet, mich rauszuholen". Genau das ist
der Punkt - wir müssen der Okkupation Widerstand leisten. Im Internet gibt
es viele alternative Info-Quellen. Ich bitte die Amerikaner, Informationen zu
verbreiten über das, was wirklich passiert, um was es bei der Okkupation
wirklich geht. Ich denke, sie könnten die israelische
Verweigerungs-Bewegung nutzen, um zu zeigen, man kann gegen die Okkupation sein
ohne dass man gegen die israelische Gesellschaft ist. Ebenso 'Ta'ayush' - die
arabisch-jüdische Partnerschaftsorganisation. Sie beweist, wir können
zusammen arbeiten, wir können zusammen leben. Macht das alles doch publik.
Baut in den USA eine anti-rassistische und anti-imperialistische Bewegung auf,
der Juden angehören und Muslime, Israelis und Palästinenser, einfach
alle, die mitmachen wollen. Dies in Ergänzung zur Hauptaufgabe für
Euch Amerikaner, die für mich darin besteht, sich den von den USA
geführten Kriegen und der Globalisierung durch die USA entgegenzustellen.
Das alles steht zudem in direkter Verbindung zur fortgesetzten israelischen
Okkupation.
INTERVIEW MIT ANAT MATAR, DER MUTTER VON HAGGAI
MATAR:
Frage: Bitte erzählen Sie uns etwas über sich selbst
und Ihre Arbeit für die Verweigerer.
Anat Matar: Mein Name ist
Anat Matar, ich bin 46 Jahre alt und Philosophie-Dozentin an der
Universität von Tel Aviv. Ich bin verheiratet und habe zwei Söhne,
Haggai (19) u. Oren (15). Ich wuchs in einer linken Familie auf. Schon in der
Vergangenheit habe ich mich auf verschiedendste Weise politisch engagiert. Ich
war aktiv in der Bewegung 'The 21st year'*** (von 1988-1992) und bei 'Open
Doors' - offene Türen - (in den späten 90gern haben wir uns für
die Freilassung der palästinensischen Administrativgefangenen eingesetzt).
Jetzt bin ich aktiv bei 'Taayush' und bei 'The Campus is not silent' (der
Campus schweigt nicht). Wenige Monate, nachdem Haggai zum erstenmal inhaftiert
wurde (eigentlich erst, als Matan Kaminer, Shimri Tzameret, Adam Maor u. Noam
Bahat im Gefängnis zu ihm stießen), initiierten wird das 'Israeli
COs Parents Forum' (Forum der Eltern von Verweigerern aus
Gewissensgründen). Jede Woche veranstalten wir eine Protestwache vor dem
Haus des Generalmilitärstaatsanwalts. Wir tun alles, um die Taten unserer
Kinder in der Öffentlichkeit publik zu machen, wir treffen uns mit
Vertretern ausländischer Botschaften, Konsulate, etc.. Erst gestern haben
wir in 'Ha'aretz' eine Anzeige veröffentlicht, um die Öffentlichkeit
davon in Kenntnis zu setzen, wieviele Tage jeder unserer Söhne bereits im
Gefängnis sitzt (anders würden sie das nie erfahren). Und
natürlich versuchen wir, Geld für unsere Aktivitäten zu
sammeln.
2. Wie sind Sie zu Ihren Aktivitäten gekommen?
Anat
Matar: Haggais Haftstrafenserie begann im Oktober. Im Dezember kamen, wie
gesagt, seine 4 Freunde dazu und die andern, die in unterschiedlichen Stadien
schon denselben Prozess durchliefen. Wir hatten das Gefühl, die Armee
ginge mit den COs jetzt anders um als üblich, also, dass sich etwas
geändert hatte und sie nicht vorhatten, diese COs nach 3 oder 4 Monaten
Gefängnis freizulassen, wie früher ja die Praxis. Daher beschlossen
wir zu versuchen, gemeinsam tätig zu werden. Wir wollten versuchen, die
Sache so publik wie nur möglich zu machen, und natürlich wollten wir
uns auch gegenseitig Halt geben. Diese Inhaftierungszeiten sind für die
Familien sehr hart, und es tröstet, Mitbetroffene zu haben.
3.
Können Sie uns etwas über die Hintergründe der
Militärgerichtsverfahren sagen? Warum, denken Sie, stellt die Israelische
Armee (IDF) Ihren Sohn und weitere 5 junge Männer vor Gericht, weil sie
ihren Wehrdienst verweigern?
Anat Matar: Ende Februar entschied die
Armee, Yoni Ben Artzi** vor ein Militärtribunal zu stellen, nachdem er
zuvor 7 Gefängnisstrafen hinter sich gebracht hatte. Yoni ist Pazifist -
aber die Armee anerkennt das nicht. Eine Woche später war Haggai mit
seiner Gefängnisstrafe fertig. Man brachte ihn zurück zur
Rekrutenbasis, wo er auf seine nächste Strafe wartete. Dort wurde ihm
gesagt, er werde gleichfalls vor ein Militärtribunal gestellt. Die andern
4 beschlossen daraufhin, "freiwillig" seinen Weg mitzugeh'n. Sie begriffen, das
wird jetzt die normale Prozedur, und sie wollten nicht noch mehr Zeit im
Gefängnis vergeuden, bis es auch sie erwischte. Die beiden Verfahren
laufen getrennt. Yonis Fall liegt so: die Armee zieht seine 'ehrlichen Motive'
in Zweifel. Im Falle "der Fünf" hingegen sagt der Staatsanwalt, er
akzeptiere ihre Gewissensgründe. Aber diese seien nach den
IDF-Entscheidungskriterien nunmal keine Basis für eine Armee-Freistellung,
da die Motivlage eher "politisch" als "persönlich" sei. Diese
Unterscheidung werden wir vor Gericht anfechten. Folgendes ist der Grund,
weshalb die IDF diese Jungs vor Gericht stellt. Die Zahl der
Wehrdienstverweigerer steigt. Das liegt teilweise am Erfolg des Briefs der
Zwölftklässler (siehe oben) aber hauptsächlich natürlich
daran, dass mehr und mehr Leute sich der Verbrechen der IDF bewusstwerden -
nicht nur Wehrpflichtige, auch andere. Aber je brutaler die IDF vorgeht, desto
rücksichtsloser springen sie gleichzeitig mit ihren Kritikern
um.
4. Was resultiert Ihrer Ansicht nach als Konsequenz aus den
Prozessen - sowohl positiv als auch negativ?
Anat Matar: Ich
weiß nicht, ob ich Ihnen das beantworten kann. Ich hoffe, die Presse wird
intensiv über die Sache berichten, aber ich mache mir in dieser Hinsicht
wenig vor. Ich hoffe, es führt dazu, dass noch mehr Wehrpflichtige den
Dienst verweigern. Und genauso hoffe ich, unsere palästinensischen
Verbündeten erfahren von den Prozessen und begreifen, es existiert nach
wie vor eine Stimme des Widerspruchs in Israel. Aber ich bin mir wirklich nicht
im klaren, was passiert. Ernsthaft negative Konsequenzen für die
Verweigerungsbewegung erwarte ich nicht - im Gegenteil. Aber ein hartes
Strafmaß würde vermutlich einige potentielle Refuseniks abschrecken.
Und dann sind da natürlich noch die ganz trivialen negativen Konsequenzen
für unsere Söhne - die Möglichkeit langer Haftstrafen. Wie
gesagt, soetwas ist eine harte Erfahrung. 5. Wie stehen Sie zu dem Risiko, das
Haggai auf sich nimmt?
Anat Matar: Ergänzend zu dem, was ich
oben gesagt habe, kann ich nur erklären, ich bin sehr stolz auf ihn. Ich
glaube nicht, dass sie ihn tatsächlich zu 3 Jahren verurteilen werden -
hoffentlich nicht. Ich weiß, er tut das Richtige. Es ist objektiv das
Richtige, aber eben auch für ihn selbst das Richtige. Ich kann mir nicht
vorstellen, dass er in dieser Armee dienen könnte, und es sähe ihm
nicht gleich, sich seine Freilassung zu erschleichen. Das wäre wirklich
nicht er. Wobei ich absolut nichts gegen Leute habe, die auf diese Weise die
Armee umgehen. Ich denke, die Israelische Armee hat ein Stadium erreicht, in
dem mitmachen schlicht unmoralisch ist.
6. Machen Sie Vorschläge:
Wie könnten Friedensaktivisten in Amerika der Verweigerungs-Bewegung
helfen, die Besatzung zu beenden?
Anat Matar: Ihre Unterstützung
ist wirklich sehr, sehr wichtig. Als Haggai zum erstenmal inhaftiert wurde, an
jenem Tag gab er eine Erklärung ab, die weite Verbreitung fand; er erhielt
tolle Solidaritätsbriefe - ich fand das großartig, es hat so viel
gebracht. Bitte helfen Sie uns, möglichst viele Leute über das alles
zu informieren - via Internet aber nicht nur - zum Beispiel auch über
Radio-Talks, TV-Shows, Dokus, Schulveranstaltungen, usw.. Natürlich ist
uns auch an materieller Unterstützung gelegen. Was das Ende der Okkupation
selbst angeht - da bin ich wirklich nicht sehr optimistisch. Natürlich
muss man Druck auf die US-Regierung ausüben, und man muss Israel in jeder
erdenklichen Hinsicht boykottieren - kurz gesagt, man muss die Ähnlichkeit
zwischen Israel und Apartheid-Südafrika manifestieren -, das alles
könnte etwas bewegen. Kurzfristig bin ich mir da zwar nicht sicher, aber
sehr, sehr langsam könnte dies von immer mehr Menschen doch begriffen
werden.
7. Gibt es etwas, was sie andern Müttern sagen wollen, die
sich vielleicht auch große Sorgen um das Leben ihrer Kinder
machen?
Anat Matar: Das Wichtigste: Bringt jeder offiziellen
Stellungnahme oder Warnung, usw. kritisches Misstrauen entgegen. Nehmt ihnen
ihre Slogans vonwegen "nötige" "Sicherheitsmaßnahmen" nicht einfach
ab; diese Maßnahmen kosten nur immer noch mehr Menschenleben - in den
USA, in Israel, im Irak, überall. Das Zweite: Zeigt euern Kindern das Leid
der Menschen, zeigt ihnen den Schmerz, der ihnen zugefügt wird, zeigt
ihnen, was unsere Regierung anrichtet - verheimlicht diese Tatsachen nicht -
aus Angst, unsere zarten Kinder könnten schlecht träumen.
8.
Wollen Sie noch etwas hinzufügen?
Anat Matar: Ja - ich
möchte betonen, dass die Stimme des Protests von entscheidender Bedeutung
ist, selbst wenn sie - "pragmatisch" gesehen - nicht immer effektiv ist.
Verzweifeln Sie nicht an der Tatsache, ineffektiv zu sein. Wir leben in
gnadenlosen Zeiten. Wer kann schon wissen, was tatsächlich den Wandel
herbeiführen wird. Inzwischen müssen wir den Widerstandsgeist
aufrechterhalten - das ist von vitaler Wichtigkeit! Lassen Sie nicht zu, dass
Verbrechen geschehen, ohne dass jemand mit dem Finger darauf
weist.
Anmerkung d. Übersetzerin
*ISM = 'International
Solidarity Movement'; Organisation internationaler Friedensaktivisten, die in
den besetzten Gebieten tätig sind. Siehe hierzu weitere Artikel auf
unserer ZNet-Seite, z.B.: 'Israels 'Wir-haben-das-Recht-euch-zu- killen"-Visum
für Gaza' von Ali Abunimah u. Nigel Parry.
**Yoni Ben-Artzi ist ein
Neffe des früheren israelischen Premiers u. Falken Benjamin Netanjahu.
Ben-Artzi wurde/wird, wie Haggai Matar, wiederholt inhaftiert, weil er den
Armeedienst verweigert.
***Gemeint ist das Jahr 1967, in dem Israel nach
dem 'Sechstagekrieg' Westbank u. Gazastreifen
besetzte
--
Übersetzt von: Andrea Noll Orginalartikel:
"The Refuser Solidarity Network"
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