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28.05.2003 Laurie Zimmerman interviewt Haggai u. Anat Matar
Übersetzt von: Andrea Noll
ZNet
Solidaritätsnetzwerk der israelischen Militärdienstverweigerer
Bei Haggai Matar handelt es sich um einen 19-jährigen Israeli, Mitbegründer von 'Shministim', einer Organisation von Oberschülern, die sich weigern, ihren Militärdienst abzuleisten. Haggai Matar wird demnächst vor ein Militärgericht gestellt. Für seine Aktivitäten muss er mit bis zu 3 Jahren Haft rechnen. Dieses Interview führte Haggai vom Gefängnis aus.

1. Können Sie uns etwas über die Hintergründe der Militärgerichtsverfahren sagen? Warum, denken Sie, stellt die Israelische Armee (IDF) Sie und weitere 5 junge Männer vor Gericht, weil sie ihren Wehrdienst verweigern?

Haggai Matar:
Am 23. Oktober 2002 verurteilte mich ein Armeeoffizier zu 14 Tagen Militärgefängnis. Das nennt man "Disziplinarverfahren". Ich wurde wieder entlassen, und man verlangte erneut, ich solle Soldat werden. Ich verweigerte und wurde zu 28 Tagen Gefängnis verurteilt. So ging das immer weiter - insgesamt fünfmal. Also saß ich insgesamt fünfmal im Gefängnis, weil ich den Militärdienst verweigerte. Die Strafdauer war unterschiedlich (beim erstenmal 14 Tage, beim zweitenmal 28, beim drittenmal 56, beim viertenmal 14 und beim fünftenmal auch 14 Tage). Zusammen ergibt das 126 Tage. Früher mussten die Leute vielleicht dreimal sitzen, mit einer Gesamtstrafe von rund 90 Tagen, dann ließ man sie frei. Aber inzwischen hat sich die Politik geändert. Als ich jetzt zum sechstenmal verweigerte, wurde das Militärgericht, Abteilung "Kriminalstrafverfahren", für mich zuständig, also kein "Disziplinarverfahren" mehr mit Armeeoffizier. Ich befinde mich hier in einer Militärbasis - in "offener Haft" - und erwarte mein Verfahren. 4 meiner Freunde werden mit mir vor Gericht stehen. Zwischen dem Gerichtsverfahren und der Sache mit dem Armeeoffizier bestehen folgende zwei wesentliche Unterschiede: Erstens wird das ein richtiger Prozess mit Anwalt und allem. Zweitens, der Offizier kann dich höchstens zu 2 Monaten Haft verurteilen, das Gericht zu bis zu 3 Jahren. Zusammengefasst bin ich jetzt schon 4 Monate im Gefängnis, 3 davon hier in der Militärbasis. Wie die Sache ausgeht, kann ich noch nicht sagen. Also, die Idee junge Refuseniks vor Gericht zu stellen, ist gar nicht so neu in der IDF. Zwei Wehrdienstverweigerer haben das schon früher durchgemacht. Der Erste war Amnon Zichroni (1954), der Zweite Giyura Noiman (1971). Beide wurden zu einem Jahr Militärgefängnis verurteilt. Seither ist man nie mehr so weit gegangen, einen Wehrdienstverweigerer bis vors Militärgericht zu bringen. Wir fragen uns oft: "Weshalb gerade jetzt? Weshalb gerade wir?" Aber dann wird uns klar, die Frage beinhaltet die Antwort schon. Vom Standpunkt der IDF aus gesehen war das genau der richtige Zeitpunkt. Israel ist am absoluten Tiefpunkt (was Sicherheit und Moral anbelangt, usw.). So weit unten war es noch nie. Israel bekämpft uns, so wie es die ISM bekämpft*. Und natürlich mussten gerade 'wir' dran glauben - vor 5 Jahren hat man das Wort "Verweigerung" noch nirgends gehört (nicht im Zusammenhang mit jungen Leuten aber auch nicht im Zusammenhang mit Reservesoldaten), da war das noch keine Alternative. Aber die beiden Briefe - einer von 'Shministim', der andere von 'Courage to Refuse' - steigerten den akkumulativen Effekt von 'Yesh Gvul' und 'New Profile'. Die Briefe riefen eine öffentliche Debatte hervor, und seither kommt man um das Thema Verweigerung einfach nicht mehr herum. Lehrer sprechen darüber in den Schulen. Es ist in den Medien, die Leute sprechen davon, es ist Teil der alltäglichen politischen Diskussion. Natürlich sind die meisten Leute dagegen - aber das Thema steht doch im Raum. Immer mehr Menschen denken über Verweigerung nach beziehungsweise, wie sie den Militärdienst umgehen können. Selbst bei den Leuten innerhalb des Militärs zeigt sich Wirkung. So verweigerte vor ein paar Monaten der Offizier einer Geheimdienst-Eliteeinheit einfach den Befehl und blockierte dadurch den geplanten Luftangriff auf eine palästinensische Stadt - was zum Abbruch dieses Angriffs führte. Die Sache sorgte in der israelischen Gesellschaft für massive Unruhe - ganz zu schweigen vom Geheimdienst. Ich glaube, diese Sache und ähnliche sind das direkte Ergebnis der Verweigerungsidee. Sie sickert langsam aber sicher ins israelische Bewusstsein ein. Und ein Faktor, der dabei eine Rolle spielt, sind nunmal wir. 'New Profile', 'Yesh Gvul' sowie die beiden neuen Bewegungen halten sich in ihrer Arbeit an das israelische Recht. Folglich kommt man nicht an sie ran. Dennoch haben sie jetzt ein paar Führer dieser Gruppen eingesperrt: Da ist Ben-Artzi mit seiner besonderen Familiengeschichte** und dem ganzen Medienrummel und ich und die andern, wir haben überall bezüglich Okkupation ein großes Fass aufgemacht; wir haben zudem mit jungen potentiellen Verweigerungskandidaten gearbeitet, usw.. Das gibt diesen Leuten die Gelegenheit, massiv gegen die ganze Bewegung vorzugehen und ihren Standpunkt "ein- für allemal" klarzumachen. Aber ich persönlich denke, sie übernehmen sich. Zuerst wollten sie jeweils ein großes Verfahren für Ben-Artzi und mich veranstalten. Aber dann waren plötzlich 4 weitere Jungs mit an Bord. Und als ob das noch nicht reicht, drohen weitere hinzuzukommen. Das Wort 'Militärtribunal' hat die Bewegung nicht gestoppt - im Gegenteil. Wir sind jetzt mehr denn je in den Medien. Und wenn erst der Prozess beginnt, denken wir, dass das eine Riesensache wird.

2. Was resultiert Ihrer Ansicht nach als Konsequenz aus den Prozessen - sowohl positiv als auch negativ?

Haggai Matar:
Also ich kann noch nicht sagen, wie das Ganze endet - wäre im Moment ziemlich spekulativ. Was ich gut finde, dass wir vor Gericht unsere Meinung vertreten können. Dadurch lenken wir den Fokus der Öffentlichkeit (hoffentlich) auf die Okkupation. Und genau aus dem Grund, so meine Überlegung, werden sie es sich zweimal überlegen, bevor sie nochmal einen Verweigerer aus Gewissensgründen (CO) vor Gericht stellen. Das Letzte, was diese Leute wollen, ist, uns eine Plattform zu bieten! Also gut möglich, dass sie zum alten "Dreimal-und-du-bist-raus"-System zurückkehren - was sehr jungen Leuten das Verweigern einfacher macht. Und vielleicht werden auch die internationalen Menschenrechtsorganisationen auf die Sache aufmerksam - was sowohl den betroffenen COs als auch unserem generellen Kampf zugute käme. Die beiden negativen Auswirkungen: A) junge Refuseniks werden eventuell vom Verweigern abgeschreckt; sie werden versuchen, den Wehrdienst irgendwie anders zu umgehen B) Ein sehr offensichtlicher Nachteil: Ich werde vielleicht für lange Zeit hinter Gittern verschwinden (wobei die 7 Monate bisher schon eine "lange Zeit" waren). Und da gibt es noch eine schwer kalkulierbare Entwicklung: die weiblichen COs. Bisher war es nämlich so: Frauen gehen vor den Verweigerungsausschuss und werden ohne allzuviel Schikane freigestellt. Dabei spielt keine Rolle, ob sie sagen, sie wollen in keiner Armee dienen oder nur nicht in der IDF (wegen der Besatzung oder aus anderen Gründen). Bei einer unserer Verhandlungen warf unser Anwalt der Armee Diskriminierungspraxis vor. Er wies nach, dass man die Frauen anerkennt, auch wenn sie sich der Besatzung verweigern. Die Staatsanwaltschaft räumte daraufhin ein, das sei ein Fehler. Also wird der Ausschus von nun an wohl (die Frauen) nicht mehr so leicht davonkommen lassen. Das wird noch problematisch - sowohl für die Mädchen aus unserer Gruppe als auch für die Armee. Die wird nicht mehr wissen, was sie mit ihnen machen soll. Also diese Sache hat langfristige Konsequenzen, die wir noch nicht absehen können. Aber egal was auch immer, jedenfalls werden wir Frauen-Verweigerung wieder zum Thema der öffentlichen Debatte machen. Solange die Frauen so leicht wegkamen, war das ja schwierig.

3. Sie könnten für Ihre Wehrdienstverweigerung bis zu 3 Jahre Gefängnis bekommen. Warum nehmen Sie dieses Risiko in Kauf?

Haggai Matar:
Wollen Sie die kurze oder die lange Version? Die kurze Antwort: Es gibt keine Alternative. Ich muss einfach mitmachen. Ich seh' doch, was los ist in dieser Region und fühle mich zum Handeln gedrängt. Die ausführliche Antwort ist so ausführlich, dass der Platz nicht reicht. In meiner Aussage vor Gericht werde ich meine bisherigen Aktivitäten beschreiben und über die Okkupation sprechen, so wie ich sie erlebt habe. Ich habe 18 beschriebene Seiten vorbereitet - allerdings auf Hebräisch. Ich denke, die Übersetzung folgt bald. Was ich jetzt hier tun kann, ich kann kurz zusammenfassen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Ich war oft in den besetzten Gebieten und habe dort viele schreckliche Dinge gesehen: Erdhaufen vor dem Hauptzugang zu einem Dorf, sodass man mit dem Auto nicht mehr rein oder raus kam. Ich sah Häuserzerstörungen. Ich sah Wassertanks, die die Armee zerstört hat - damit raubte sie Wüstenbewohnern ihre einzige Wasserquelle! Soldaten griffen friedliche Demonstranten an. Ich sah ein Palästinenserdorf, in das illegale jüdische Siedler eingedrungen waren - sie zerstörten die Wasser- und Stromversorgung. Sie zwangen die Bewohner zur Flucht, ins Exil - zurück blieb ein leeres Dorf. Dies sind meine Verweigerungsgründe. Hinzu kommen die akkumulativen Effekte der Militarisierung auf unsere israelische Gesellschaft und noch vieles mehr - ich will, dass Menschen über diese Dinge Bescheid wissen, dass sie sie verstehen.

4. Sie haben zusammen mit anderen die Gruppe 'The Shministim' (Schüler der Oberstufe) gegründet. Was waren Ihre Motive?

Haggai Matar:
Als Friedensaktivist in einer Situation, die immer schlimmer wird, suchen wir ständig nach neuen Wegen, um handeln zu können und öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Und einer dieser Wege war eben der Shministim-Brief. Wir waren erfolgreich mit dieser Aktion, konnten viel öffentliche Aufmerksamkeit erzielen. Zudem haben wir damit erreicht, dass sich mehr junge Leute Gedanken über ihren Wehrdienst machen und die Sache nicht mehr einfach nur so hinnehmen. Und Leuten, die wissen, sie wollen nicht zum Militär, hat die Aktion bewiesen, es gibt andere, die genauso denken - Verweigerung ist eine Option (ich kenne persönlich einige, die zwar nicht zur Armee wollten, aber der Meinung waren, es gibt eben keine Alternative. Erst 'The Shministim Letter' (Der Shministim-Brief) half ihnen, diesen großen, mutigen Schritt zu tun). Aber mit die wichtigste Sache, um die es uns bei dem Brief geht: wir wollen Solidarität mit den Palästinensern erzeugen. In dieser Hinsicht ist Verweigerung derzeit das unschlagbarste Mittel. Wir haben danach auch unglaublich viele Solidaritäts- und Dankes-Briefe von Palästinensern aus den besetzten Gebieten erhalten. Einige schrieben, unsere Verweigerung hätte sie davon abgehalten, die Terroristen weiter zu unterstützen; sie wollten den Befreiungskampf jetzt auf andere Weise fortführen.

5. Machen Sie Vorschläge: Wie könnten Friedensaktivisten in Amerika der Verweigerungs-Bewegung helfen, die Besatzung zu beenden?

Haggai Matar:
Ich find' es gut, wie Sie formulieren. Die Frage ist tatsächlich, wie hilft man, die Besatzung zu beenden und nicht so sehr, wie uns geholfen werden kann. Vor einigen Wochen wurde einer meiner Freunde, der auch einsitzt, von seinen Eltern gefragt, was sie tun können, um ihm zu helfen, aus dem Gefängnis zu kommen. Seine Antwort: "Ich bin nicht im Knast, damit ihr einen Weg findet, mich rauszuholen". Genau das ist der Punkt - wir müssen der Okkupation Widerstand leisten. Im Internet gibt es viele alternative Info-Quellen. Ich bitte die Amerikaner, Informationen zu verbreiten über das, was wirklich passiert, um was es bei der Okkupation wirklich geht. Ich denke, sie könnten die israelische Verweigerungs-Bewegung nutzen, um zu zeigen, man kann gegen die Okkupation sein ohne dass man gegen die israelische Gesellschaft ist. Ebenso 'Ta'ayush' - die arabisch-jüdische Partnerschaftsorganisation. Sie beweist, wir können zusammen arbeiten, wir können zusammen leben. Macht das alles doch publik. Baut in den USA eine anti-rassistische und anti-imperialistische Bewegung auf, der Juden angehören und Muslime, Israelis und Palästinenser, einfach alle, die mitmachen wollen. Dies in Ergänzung zur Hauptaufgabe für Euch Amerikaner, die für mich darin besteht, sich den von den USA geführten Kriegen und der Globalisierung durch die USA entgegenzustellen. Das alles steht zudem in direkter Verbindung zur fortgesetzten israelischen Okkupation.

INTERVIEW MIT ANAT MATAR, DER MUTTER VON HAGGAI MATAR:

Frage: Bitte erzählen Sie uns etwas über sich selbst und Ihre Arbeit für die Verweigerer.

Anat Matar:
Mein Name ist Anat Matar, ich bin 46 Jahre alt und Philosophie-Dozentin an der Universität von Tel Aviv. Ich bin verheiratet und habe zwei Söhne, Haggai (19) u. Oren (15). Ich wuchs in einer linken Familie auf. Schon in der Vergangenheit habe ich mich auf verschiedendste Weise politisch engagiert. Ich war aktiv in der Bewegung 'The 21st year'*** (von 1988-1992) und bei 'Open Doors' - offene Türen - (in den späten 90gern haben wir uns für die Freilassung der palästinensischen Administrativgefangenen eingesetzt). Jetzt bin ich aktiv bei 'Taayush' und bei 'The Campus is not silent' (der Campus schweigt nicht). Wenige Monate, nachdem Haggai zum erstenmal inhaftiert wurde (eigentlich erst, als Matan Kaminer, Shimri Tzameret, Adam Maor u. Noam Bahat im Gefängnis zu ihm stießen), initiierten wird das 'Israeli COs Parents Forum' (Forum der Eltern von Verweigerern aus Gewissensgründen). Jede Woche veranstalten wir eine Protestwache vor dem Haus des Generalmilitärstaatsanwalts. Wir tun alles, um die Taten unserer Kinder in der Öffentlichkeit publik zu machen, wir treffen uns mit Vertretern ausländischer Botschaften, Konsulate, etc.. Erst gestern haben wir in 'Ha'aretz' eine Anzeige veröffentlicht, um die Öffentlichkeit davon in Kenntnis zu setzen, wieviele Tage jeder unserer Söhne bereits im Gefängnis sitzt (anders würden sie das nie erfahren). Und natürlich versuchen wir, Geld für unsere Aktivitäten zu sammeln.

2. Wie sind Sie zu Ihren Aktivitäten gekommen?

Anat Matar:
Haggais Haftstrafenserie begann im Oktober. Im Dezember kamen, wie gesagt, seine 4 Freunde dazu und die andern, die in unterschiedlichen Stadien schon denselben Prozess durchliefen. Wir hatten das Gefühl, die Armee ginge mit den COs jetzt anders um als üblich, also, dass sich etwas geändert hatte und sie nicht vorhatten, diese COs nach 3 oder 4 Monaten Gefängnis freizulassen, wie früher ja die Praxis. Daher beschlossen wir zu versuchen, gemeinsam tätig zu werden. Wir wollten versuchen, die Sache so publik wie nur möglich zu machen, und natürlich wollten wir uns auch gegenseitig Halt geben. Diese Inhaftierungszeiten sind für die Familien sehr hart, und es tröstet, Mitbetroffene zu haben.

3. Können Sie uns etwas über die Hintergründe der Militärgerichtsverfahren sagen? Warum, denken Sie, stellt die Israelische Armee (IDF) Ihren Sohn und weitere 5 junge Männer vor Gericht, weil sie ihren Wehrdienst verweigern?

Anat Matar:
Ende Februar entschied die Armee, Yoni Ben Artzi** vor ein Militärtribunal zu stellen, nachdem er zuvor 7 Gefängnisstrafen hinter sich gebracht hatte. Yoni ist Pazifist - aber die Armee anerkennt das nicht. Eine Woche später war Haggai mit seiner Gefängnisstrafe fertig. Man brachte ihn zurück zur Rekrutenbasis, wo er auf seine nächste Strafe wartete. Dort wurde ihm gesagt, er werde gleichfalls vor ein Militärtribunal gestellt. Die andern 4 beschlossen daraufhin, "freiwillig" seinen Weg mitzugeh'n. Sie begriffen, das wird jetzt die normale Prozedur, und sie wollten nicht noch mehr Zeit im Gefängnis vergeuden, bis es auch sie erwischte. Die beiden Verfahren laufen getrennt. Yonis Fall liegt so: die Armee zieht seine 'ehrlichen Motive' in Zweifel. Im Falle "der Fünf" hingegen sagt der Staatsanwalt, er akzeptiere ihre Gewissensgründe. Aber diese seien nach den IDF-Entscheidungskriterien nunmal keine Basis für eine Armee-Freistellung, da die Motivlage eher "politisch" als "persönlich" sei. Diese Unterscheidung werden wir vor Gericht anfechten. Folgendes ist der Grund, weshalb die IDF diese Jungs vor Gericht stellt. Die Zahl der Wehrdienstverweigerer steigt. Das liegt teilweise am Erfolg des Briefs der Zwölftklässler (siehe oben) aber hauptsächlich natürlich daran, dass mehr und mehr Leute sich der Verbrechen der IDF bewusstwerden - nicht nur Wehrpflichtige, auch andere. Aber je brutaler die IDF vorgeht, desto rücksichtsloser springen sie gleichzeitig mit ihren Kritikern um.

4. Was resultiert Ihrer Ansicht nach als Konsequenz aus den Prozessen - sowohl positiv als auch negativ?

Anat Matar:
Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das beantworten kann. Ich hoffe, die Presse wird intensiv über die Sache berichten, aber ich mache mir in dieser Hinsicht wenig vor. Ich hoffe, es führt dazu, dass noch mehr Wehrpflichtige den Dienst verweigern. Und genauso hoffe ich, unsere palästinensischen Verbündeten erfahren von den Prozessen und begreifen, es existiert nach wie vor eine Stimme des Widerspruchs in Israel. Aber ich bin mir wirklich nicht im klaren, was passiert. Ernsthaft negative Konsequenzen für die Verweigerungsbewegung erwarte ich nicht - im Gegenteil. Aber ein hartes Strafmaß würde vermutlich einige potentielle Refuseniks abschrecken. Und dann sind da natürlich noch die ganz trivialen negativen Konsequenzen für unsere Söhne - die Möglichkeit langer Haftstrafen. Wie gesagt, soetwas ist eine harte Erfahrung. 5. Wie stehen Sie zu dem Risiko, das Haggai auf sich nimmt?

Anat Matar:
Ergänzend zu dem, was ich oben gesagt habe, kann ich nur erklären, ich bin sehr stolz auf ihn. Ich glaube nicht, dass sie ihn tatsächlich zu 3 Jahren verurteilen werden - hoffentlich nicht. Ich weiß, er tut das Richtige. Es ist objektiv das Richtige, aber eben auch für ihn selbst das Richtige. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er in dieser Armee dienen könnte, und es sähe ihm nicht gleich, sich seine Freilassung zu erschleichen. Das wäre wirklich nicht er. Wobei ich absolut nichts gegen Leute habe, die auf diese Weise die Armee umgehen. Ich denke, die Israelische Armee hat ein Stadium erreicht, in dem mitmachen schlicht unmoralisch ist.

6. Machen Sie Vorschläge: Wie könnten Friedensaktivisten in Amerika der Verweigerungs-Bewegung helfen, die Besatzung zu beenden?

Anat Matar:
Ihre Unterstützung ist wirklich sehr, sehr wichtig. Als Haggai zum erstenmal inhaftiert wurde, an jenem Tag gab er eine Erklärung ab, die weite Verbreitung fand; er erhielt tolle Solidaritätsbriefe - ich fand das großartig, es hat so viel gebracht. Bitte helfen Sie uns, möglichst viele Leute über das alles zu informieren - via Internet aber nicht nur - zum Beispiel auch über Radio-Talks, TV-Shows, Dokus, Schulveranstaltungen, usw.. Natürlich ist uns auch an materieller Unterstützung gelegen. Was das Ende der Okkupation selbst angeht - da bin ich wirklich nicht sehr optimistisch. Natürlich muss man Druck auf die US-Regierung ausüben, und man muss Israel in jeder erdenklichen Hinsicht boykottieren - kurz gesagt, man muss die Ähnlichkeit zwischen Israel und Apartheid-Südafrika manifestieren -, das alles könnte etwas bewegen. Kurzfristig bin ich mir da zwar nicht sicher, aber sehr, sehr langsam könnte dies von immer mehr Menschen doch begriffen werden.

7. Gibt es etwas, was sie andern Müttern sagen wollen, die sich vielleicht auch große Sorgen um das Leben ihrer Kinder machen?

Anat Matar:
Das Wichtigste: Bringt jeder offiziellen Stellungnahme oder Warnung, usw. kritisches Misstrauen entgegen. Nehmt ihnen ihre Slogans vonwegen "nötige" "Sicherheitsmaßnahmen" nicht einfach ab; diese Maßnahmen kosten nur immer noch mehr Menschenleben - in den USA, in Israel, im Irak, überall. Das Zweite: Zeigt euern Kindern das Leid der Menschen, zeigt ihnen den Schmerz, der ihnen zugefügt wird, zeigt ihnen, was unsere Regierung anrichtet - verheimlicht diese Tatsachen nicht - aus Angst, unsere zarten Kinder könnten schlecht träumen.

8. Wollen Sie noch etwas hinzufügen?

Anat Matar:
Ja - ich möchte betonen, dass die Stimme des Protests von entscheidender Bedeutung ist, selbst wenn sie - "pragmatisch" gesehen - nicht immer effektiv ist. Verzweifeln Sie nicht an der Tatsache, ineffektiv zu sein. Wir leben in gnadenlosen Zeiten. Wer kann schon wissen, was tatsächlich den Wandel herbeiführen wird. Inzwischen müssen wir den Widerstandsgeist aufrechterhalten - das ist von vitaler Wichtigkeit! Lassen Sie nicht zu, dass Verbrechen geschehen, ohne dass jemand mit dem Finger darauf weist.

Anmerkung d. Übersetzerin

*ISM = 'International Solidarity Movement'; Organisation internationaler Friedensaktivisten, die in den besetzten Gebieten tätig sind. Siehe hierzu weitere Artikel auf unserer ZNet-Seite, z.B.: 'Israels 'Wir-haben-das-Recht-euch-zu- killen"-Visum für Gaza' von Ali Abunimah u. Nigel Parry.

**Yoni Ben-Artzi ist ein Neffe des früheren israelischen Premiers u. Falken Benjamin Netanjahu. Ben-Artzi wurde/wird, wie Haggai Matar, wiederholt inhaftiert, weil er den Armeedienst verweigert.

***Gemeint ist das Jahr 1967, in dem Israel nach dem 'Sechstagekrieg' Westbank u. Gazastreifen besetzte

--

Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "
The Refuser Solidarity Network"


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