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In seinem Buch "Geheim-akte Mossad" beschreibt
Ex-Agent Ostovsky, warum und wie Uwe Barschel ermordet wurde.
Uwe Barschel,
Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, wurde am 10./11. Oktober 1987
vom israelischen Mossad ermordet. Barschel mußte sterben, weil er sich
nicht kaufen ließ und damit drohte, die geheimen Militär-operationen
der Israelis auf deutschem Boden sowie die Waffengeschäfte Israels in
Zusammenarbeit mit dem deutschen Geheimdienst bekannt-zumachen. Zuerst wurde
Barschels Referent Pfeifer gekauft, der zusammen mit dem Mossad eine billige
Verleumdungskampagne gegen Barschels Herausforderer Björn Engholm in Szene
setzte. Die fadenscheinige Kampagne wurde von den Medien hochgespielt und
Barschel in die Schuhe geschoben. Uwe Barschel mußte zurücktreten,
drohte aber, er würde vor dem bereits angesetzten
Untersuchungsausschuß alles sagen, was er wüßte. Während
seines Urlaubs auf den kanarischen Insel wurde Barschel von Mossad-Mann "Ran"
angerufen, der ihm anbot, die Dokumente zu beschaffen, die ihn vor dem
Untersuchungsausschuß rehabilitieren würden. Ran verabredete sich
mit Barschel im Genfer Hotel Beau-Rivage. Der Mossad-Agent bot Barschel
während der ersten Unterredung im Hotel erneut Geld an, wenn er vor dem
Untersuchungsausschuß nicht aussagen würde. Uwe Barschel wies dieses
Angebot entrüstet zurück und drohte wiederum auszupacken. Damit hatte
er sein eigenes Todesurteil gesprochen. Lesen Sie im folgenden aus Kapitel
25 von Victor Ostrovsky's Buch "Geheimakte Mossad - Die schmutzigen
Geschäfte des israelischen Geheimdienstes" (Bertelsmann 1994) warum
und wie Barschel ermordet wurde. Die Zahlen in Klammern entsprechen den
Seitenzahlen im Buch: |
Aus Kapitel 25 (Geheimakte Mossad):
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Eine Stunde nach dem
Barschel durch den präparierten Wein in Bewußtlosigkeit fiel, setzte
hohes Fieber ein. Er wurde dann in das Eisbad gelegt. Der Schock rief starke
Körperzuckungen hervor. Der plötzliche Temperaturwechsel im Verein
mit der Wirkung der Medikamente erzeugte so etwas, was wie eine Herzattacke
aus-sah. Nach ein paar Minuten stellte das Mossad-Team fest, daß er
wirklich tot war. |
Ich kannte Ran noch von der Akademie her, ein
pausbäckiger Bursche mit braunem Haar und grauen Augen. Seine
Muttersprache war Deutsch, und er hatte sogar die rosigen Wangen und das blasse
Aussehen, das so typisch für die Deutschen ist. Bevor er zum Mossad kam,
war er Verantwortlicher für die El-Al-Sicherheit in Deutschland und
Österreich, wo er mehrere Jahre verbrachte. Die Tatsache, daß er
nicht in den Flugzeugen in direktem Kontakt mit den Passagieren arbeitete,
ermöglichte ihm die Arbeit beim Mossad.
Ich wußte über die Operation Hannibal durch
meinen Job im dänischen Ressort Bescheid. Es war eine kombinierte
Operation (286), bei der die Arbeit der Liaison und Geheimaktivitäten
seitens der Melucha verknüpft waren. Bei der Kooperation waren drei
Länder und ihre jeweiligen Geheimdienste beteiligt. Genauer gesagt, waren
es die Geheimdienste, die kooperierten, und nicht die Länder.
An sich war die Operation Hannibal ein Waffendeal
zwischen Israel und Iran, wobei der deutsche Geheimdienst als Strohmann
diente. Da der Iran dringend Ersatzteile für seine ramponierte
Luftwaffe brauchte und Israel die Teile besaß, vor allem für die
»Phantom F-4«, lag nahe, sie ihm zu verkaufen, zumal die
Verlängerung des Iran-Irak-Krieges ein erklärtes Ziel des Mossad war.
Dabei wurde auch nicht vergessen, bei dem Deal einen finanziellen Gewinn
herauszuschlagen. Da der Iran und sein Ayatollah Khomeini nicht gerade
begeistert waren, direkt mit Israel, das zu zerstören sie täglich
schworen, Geschäfte zu machen, wurden die Deutschen als
Zwischenhändler eingeschaltet. Der BND, der deutsche
Bundesnachrichtendienst, wurde ausgesucht, um den Job zu machen, obwohl der
Mossad die örtlichen Dienststellen des Verfassungsschutzes sowohl in
Hamburg als auch in Kiel auf dem laufenden hielt. Eine Zusammenarbeit dieser
Art mit dem BND war ziemlich neu; normalerweise ließ der Mossad bei
seinen Operationen in Deutschland den BND im dunkeln.
Im Mossad wurde der BND als unzuverlässig angesehen,
weil der Mossad sicher war, daß die Stasi ihn stark infiltriert hatte.
Außerdem stand er Helmut Kohl sehr nahe, der kein besonderer
Freund des Mossad war. Bei der Operation Hannibal jedoch gab es einen
Verbindungsmann für den BND, der rekrutiert worden war und der nebenbei
noch schmutzige Geschäfte über den Ex-Mossad-Offizier Mike Harari mit
dem Staatschef von Panama, General Manuel Noriega, machte.
Bei dieser Operation wurden die Flugzeugteile (von
Elektronikteilen für den Bordradar bis hin zu kompletten Motoren und
zerlegten Flügeln) über Land transportiert, damit sie auch wirklich
den Bestimmungsort erreichten beziehungsweise um die Herkunftsquelle zu
verschleiern, falls sie vor der Auslieferung abgefangen wurden.
Zuerst wurden die Teile im Hafen von Ashdod in speziellen
Containern auf israelische Schiffe verladen. Die Container waren so
konstruiert, daß sie direkt vom Schiff auf die wartenden LKWs (287)
gehoben werden konnten und Teil des LKW wurden. Die Schiffe liefen verschiedene
italienische Häfen an, wo der italienische Geheimdienst (SISMI) alle
notwendigen Papiere beschaffte, die bezeugten, daß es sich um
italienische Agrarprodukte handelte, die für Deutschland bestimmt waren.
Zu diesem Zweck wurden auch die LKWs mit Werbetafeln italienischer Produkte
versehen. Die Leute für diese Operation und die Fahrer wurden von den
italienischen Verbündeten des Mossad gestellt, den rechtsgerichteten
Anhängern eines Mannes namens Licio Gelli und seiner inzwischen verbotenen
Geheimloge mit dem Namen Propaganda 2 und einer zweiten Gruppe, Gladio genannt
(eine NATO-Gründung ähnlich der in Belgien).
Die Fahrer brachten ihre Wagen in ein Lagerhallengebiet in
Hamburg, wo sie von neuen Fahrern übernommen wurden, diesmal von Israelis.
Der Mossad nannte diese Fahrer OMI, die Abkürzung von Oved Mekomy,
was »ortsansässiger Arbeiter« heißt. Um ein OMI zu
werden, muß man als Student auf eigene Kosten in das betreffende Land
gekommen sein, und man muß wirklich ein Studium aufnehmen. Die Studenten
wenden sich dann an die israelische Botschaft, um nach Arbeit zu fragen, und
wenn der Mossad gerade Leute braucht, werden sie vom Shaback einem
Sicherheitscheck unterworfen. Wenn alles in Ordnung ist, können sie
eingestellt werden, um untergeordnete Tätigkeiten zu erledigen. Sie
arbeiten als Fahrer oder werden als Bewohner von sicheren Häusern
eingesetzt. Von Hamburg aus fuhren die LKWs zu einem ehemaligen Flughafen,
zwanzig Minuten von Kiel entfernt. Ein Iraner, der in den USA studiert und
seinen Flugzeugingenieur gemacht hatte, kam dann aus Kiel angereist und
inspizierte die Ladung.
Wurde die Lieferung für gut befunden, wurde die
Hälfte des Geldes in bar auf dem Flughafen übergeben. Die zweite
Hälfte wurde fällig, sobald die Lieferung im Iran angekommen war. Die
ganze Operation wurde in Kooperation zwischen BND-Leuten auf mittlerer Ebene
und dem Mossad-Verbindungsmann in Bonn durchgeführt.
Zur Geschichte des Ganzen muß noch erwähnt
werden, daß Helmut Kohl einer Kooperation mit dem Mossad zur
Bekämpfung des Terrorismus einst zugestimmt hatte, weshalb die
BND-Oberen (288) dem Mossad erlaubten, ihren Stationen im Ausland unter die
Arme zu greifen, und es als große Freundschaftsgeste betrachteten,
wenn der Mossad Seminare über Terrorismus abhielt (die den BND-Leuten als
Gästen des israelischen Geheimdienstes in Israel kostenlos geboten
wurden).
Die BND-Bosse wußten allerdings nicht, daß diese
Seminare, die der Mossad in der angenehmen Umgebung des Country Club abhielt,
in Wirklichkeit gut geschmierte Rekrutierungs-Operationen waren, die dem Mossad
Hunderte, wenn nicht Tausende von Staatsdienern aus den Vereinigten Staaten, wo
sie vom Bnai Brith rekrutiert wurden, oder aus den Geheimdiensten
Dänemarks, Schwedens und vieler anderer Länder Europas
einbrachten.
Im Geheimdienstbereich zählt vor allem die
Fähigkeit zu beweisen, daß es einem gelungen ist, einen
terroristischen Angriff abzuwehren. Mit dieser Verheißung manipulierte
der Mossad die mittleren Chargen des BND zur Kooperation, indem man sie
wissen ließ, daß ihre Bosse zwar einverstanden wären, aber die
Operation nicht offiziell billigen könnten. Auch die Tatsache, daß
der Mossad die rückhaltlose Unterstützung der örtlichen
Dienststellen des Verfassungsschutzes hatte, war hilfreich, die BND-Leute zu
überzeugen.
Die Transporte gingen reibungslos vonstatten, und lange Zeit
gab es keine Probleme. Von Deutschland fuhren die LKWs weiter nach
Dänemark, wo sie unter den wachsamen Blicken des dänischen
Geheimdienstes und ihres Verbindungsmannes zum Mossad, Paul Hensen Mozeh, auf
dänische Schiffe verladen wurden. Von dort ging die Fracht in den
Iran.
Irgendwann fragten die Iraner ihren BND-Verbindungsmann, was
man tun könnte, um iranische Piloten auszubilden, am liebsten
außerhalb des Kriegsgebietes. Mit dieser Frage wandte sich der BND-Mann
an den Mossad-Kontakt. Zuerst kam der Vorschlag auf den Tisch, das Training in
Südamerika durchzuführen, entweder in Chile oder in Kolumbien, wo der
Mossad sowohl die notwendigen Flugfelder als auch die Genehmigung für
solche Operationen erhalten könnte. Aber die Nachbarschaft zu
amerikanischen Aktivitäten in jener Hemisphäre ließ den Mossad
umdenken.
Nachdem der Mossad und der BND Experten der israelischen
Luftwaffe zu Rate gezogen und von den Iranern weitere Informationen erhalten
hatte, etwa über den Ausbildungsstand ihrer Piloten (289),
entschloß man sich, daß der größte Teil der
Ausbildung an Simulatoren und deshalb in Deutschland stattfinden
könnte. Es wurde vorgeschlagen, daß derselbe Flugplatz mit
seinen großen verlassenen Hangars, der für die Kontrolle der
Ersatzteile benutzt wurde, auch dafür dienen könnte, die fünf
Simulatoren mitsamt dem notwendigen Material aufzunehmen. Die Iraner
mußten die Simulatoren kaufen und auch die gesamte Installation sowie
alle sonstigen Ausgaben bezahlen und natürlich auch für das
eigentliche Training finanziell aufkommen.
Man kam zu dem Schluß, daß ein Team von
zumindest zwanzig Israelis bereitstehen müßte, um die iranischen
Piloten auszubilden und zu trainieren. Die Israelis sollten getrennt in Kiel
und Hamburg leben, während die iranischen Piloten (die, wie die Deutschen
fürchteten, Aufmerksamkeit wecken könnten) auf dem Flughafen
untergebracht werden sollten.
Der BND-Kontaktmann arbeitete jetzt direkt mit dem
Mossad-Verbindungsmann in Bonn zusammen, der seine Informationen an die geheime
Mossad-Station in der Bonner Botschaft weiterleitete. Die Deutschen
sagten, daß zur Sicherheit und für den glatten Verlauf der Operation
der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein in das Geheimnis
eingeweiht werden müßte. Sein Name war Uwe Barschel, er
zählte zu den engen Freunden von Helmut Kohl. Um sich seine
Unterstützung zu sichern, kam man überein, daß der BND seinen
Einfluß geltend machen würde, um Bundesgelder für eine
krisengeschüttelte Kieler Werft lockerzumachen, wofür Barschel dann
die Lorbeeren einheimsen könnte. Außerdem ging es um einen
großen internationalen Flughafen in der Region. Und man versprach noch
verschiedene andere Dinge, die weder für den Mossad noch für Ran von
Interesse waren, der jetzt die Operation leitete.
Als ich den Mossad verließ, war das Training der
Piloten voll im Gange. Außer den Simulatoren gab es noch einige umgebaute
Cessnas, an denen die Piloten auf einem anderen Flugfeld, fünfundvierzig
Minuten von Kiel entfernt, ausgebildet wurden. Ich kann mich noch gut
entsinnen, wie Ran damals zum Star aufstieg.
Ephraim erzählte mir, was danach passierte. Ihm zufolge
(und ergänzenden Details, die zum Ärger von Eli von Uri beigesteuert
(290) wurden, stellte Ran irgendwann im März 1987 fest, daß am
Horizont Gewitterwolken auf zogen.
Es gab im Mossad und bei den rechten Elementen in der
Regierung zunehmende Unzufriedenheit über das Verhalten von Kanzler Helmut
Kohl, der direkten israelischen Warnungen bezüglich seiner Beziehung zum
österreichischen Politiker Kurt Waldheim, den man scheinbar als
Nazi entlarvt hatte, trotzte. (Die »Entlarvung« war von einer
Al-Einheit vorbereitet worden, die in das UNO-Gebäude an der Park Avenue
in New York eingedrungen war und verschiedene belastende Dokumente, die anderen
Akten entnommen worden waren, in die Akte von Waldheim - und einiger anderer
Personen - geschmuggelt hatte. Die gefälschten Dokumente wurden dann von
dem israelischen Botschafter bei der UNO Benjamin Netanyahu,
»entdeckt«. Das war Teil einer Diffamierungskampagne gegen
Waldheim, der den israelischen Aktivitäten im südlichen Libanon
kritisch gegenüberstand.) Kohl wischte die israelischen Drohungen als
Nonsens beiseite und verursachte damit Wutausbrüche in israelischen
Geheimdienstkreisen, wo er als Klutz mit einem großen Maul und
schlechter Kinderstube beschimpft wurde.
Sorge bereitete der Mossad-Führung auch eine
plötzliche politische Krise in Dänemark. Der dänische
Geheimdienst bekam kalte Füße und bat darum, die Waffenlieferungen
über Dänemark zeitweilig zu stoppen, bis man wüßte, wie
sich die neue politische Situation im Land gestalten würde.
Der BND fragte nun bei Uwe Barschel um Erlaubnis an, die
Häfen in Schleswig-Holstein für die Überführung der Waffen
in den Iran benutzen zu dürfen. Barschel lehnte ab. Der Mossad hatte
es nicht für notwendig erachtet, Barschel deswegen anzugehen. Der BND
wußte allerdings nicht, daß der Mossad sich schon die Kooperation
des Verfassungsschutzes gesichert hatte. Deshalb kam es dazu, daß
der BND an Barschel herantrat und ihm einiges mehr erzählte, als
nötig war. Doch der BND hatte Barschels Festigkeit in dieser Angelegenheit
falsch eingeschätzt. Als Barschel ablehnte, gerieten alle in Panik. Sie
erkannten, daß Barschel für sie zu einer Bedrohung werden
könnte, wenn er sich dazu entschließen würde, Helmut Kohl
über all diese Vorgänge zu informieren.
Es war sehr verführerisch, mehrere Fliegen mit einem
Schlag (291) erledigen zu können: Der Mossad hätte das Sagen bei
der Kontrolle des neuen Politikers und könnte den BND als Partner
einführen. Man könnte einen Störenfried, nämlich Barschel,
eliminieren, der zwar kooperierte, aber nicht aus den richtigen Gründen.
Er war nicht wirklich gekauft, wie es der Mossad bei seinen Politikern gerne
hatte, sondern er nutzte die Situation nach Kräften, um, wie er meinte,
das Beste für seine Wählerschaft rauszuholen, und gleichzeitig
sicherte er seine politische Basis ab. Seine Beseitigung würde auch ein
Schlag für Helmut Kohl sein, der gerade eine Wahl gewonnen hatte und sich
deshalb nun noch unangenehmer aufführen würde als in der
Vergangenheit.
Ran begann also Verbindungen zur Oppositionspartei zu
knüpfen und kam in engen Kontakt mit einem ihrer Führer. Er
fühlte ihm auf den Zahn, ob er, für den Fall, daß er die Wahl
gewänne, zur Mitarbeit mit denen, die ihm geholfen hätten, bereit
wäre und sich erkenntlich zeigen würde. Jenem Oppositionspolitiker
wurde bedeutet, daß der BND hinter ihnen stehe und alles im besten
Interesse Deutschlands geschehe. Die Antwort übertraf alle Erwartungen
Rans: Der Oppositionspolitiker [Engholm], der keine Chance sah, die Wahl zu
gewinnen, war zu jedem Versprechen bereit. Nachdem Ran diesen Politiker
sicher in der Tasche hatte, was ihn eine neue Pfeife und etwas Tabak kostete,
war es an der Zeit, Barschel aus der politischen Arena zu werfen.
Yoel, ein Einsatzoffizier von der Bonner Station, wurde zu
dieser Operation herangezogen. Ihm wurde die Aufgabe übertragen, als
Kanadier mit deutschen Vorfahren aufzutreten, der sehr reich sei und nach
Deutschland zurückkehren wolle. Bevor er den entscheidenden Schritt
machte, plante dieser Kanadier angeblich, in Deutschland ein neues Unternehmen
zu starten und mit dem politischen Establishment bekannt zu werden, damit er
seine Firma optimal aufziehen und den größtmöglichen Vorteil
aus seiner Rückkehr ziehen könnte. Ein politischer Apparatschik
[Pfeifer] in Barschels Partei, der von Ran und Yoel den Spitznamen
»Whistler« (englisch: »to whistle« = pfeifen) erhielt,
wurde ihr Zielobjekt. Ran lieferte der Mossad-Liaison eine Liste mir allen
Leuten, die mit Barschel zusammenarbeiteten und direkten Kontakt zu ihm hatten.
Die Namen sollten durch die Polizeicomputer in Kiel und Hamburg gejagt werden,
um herauszufinden, ob über irgendeinen von ihnen (293) etwas Nachteiliges
bekannt war. Der Name von »Whistler« hatte einen dunklen Fleck. Es
stellte sich heraus, daß er der Mißhandlung einer Hamburger
Prostituierten beschuldigt worden war, aber da es jemandem gelang, den
Zuhälter auszuzahlen, wurde die Akte ohne förmliche Anklage
geschlossen.
Yoel wurde »Whistler« durch einen Sayan
vorgestellt, der »Whistler« laut seiner Mossad-Akte kannte.
Nach einigen Schmeicheleien sagte Yoel zu »Whistler«, daß er
nach Kanada zurückkehren müsse, und machte ihn mit Ran bekannt, der
seinen Geschäftsberater in Deutschland mimte. Falls »Whistler«
in seiner Abwesenheit irgend etwas benötige, könne er sich an Ran
wenden, der autorisiert sei, ihm zu helfen.
Einige Tage nach Yoels angeblicher Abreise rief Ran
»Whistler« an und verabredete ein Treffen, in dessen Verlauf er ihm
klarmachte, daß er »Whistlers« politische Richtung nicht
schätze, sondern die Opposition unterstütze. Ran erklärte ihm
außerdem, daß er verpflichtet sei, Yoels Interessen nach bestem
Wissen zu vertreten, weshalb er auf eigene Faust eine kleine Untersuchung
vorgenommen habe. Dabei sei er auf den Zwischenfall mit der Prostituierten
gestoßen, was bedeute, daß »Whistlers « politische
Karriere beendet sein dürfte, falls diese Tatsache an die
Öffentlichkeit käme, und obendrein wären Yoels Investitionen
auch verloren. Er schlug ihm dann vor, daß er ihm beim Sturz Barschels
helfen solle. Ran war überrascht, mit welcher Begeisterung
»Whistler« diesem Vorschlag zustimmte. »Whistler« sagte
klipp und klar, daß er kein Fan von Barschel sei und alles tun
würde, um ihn dranzukriegen.
Ran, der schon einen fertigen Plan in der Tasche hatte, um
Barschel abzusägen, ging die einzelnen Schritte mit dem Mann, den er
gerade rekrutiert hatte, bedächtig durch, um ihm das Gefühl zu geben,
dieser wäre an dem Planungsprozeß beteiligt. Auch sollte ihm das
Gefühl von eigener Wichtigkeit eingeflößt werden, unter anderem
für den Fall, daß ihm die Schuld zugeschoben werden mußte,
falls etwas schiefging. Ihm wurde darüber hinaus gesagt, daß man
sich finanziell großzügig um ihn kümmern werde, falls diese
Operation seine politische Zukunft gefährde. Ran gab
»Whistler« zu verstehen, daß er zu einer Organisation nach
Art der Mafia gehöre und daß es ausgeschlossen sei, daß er
seine Meinung (293) ändere oder Geschehenes ungeschehen machen könne.
Auch dürfe er über Ran kein einziges Wort verlieren.
Während dieser ganzen Zeit fütterte der Mossad
den Verfassungsschutz des Bundeslandes mit falschen Informationen über
Barschels angeblich geheimen Waffengeschäfte und sonstige illegale
Transaktionen, an denen sein Bruder beteiligt sei, quasi als Strohmann
Barschels.
Der Plan wurde von Mousa gutgeheißen, der für
Operationssicherheit in Europa zuständig war und damals auch als Chef
für Europa fungierte. Bei dieser ganzen Sache hielt man den BND
draußen. Ran ließ »Whistler« falsche, aber sehr
schädigende Informationen über die Führer der Opposition im
allgemeinen und den Spitzenmann der Opposition im besonderen in der
örtlichen Presse verbreiten, ohne die Quelle der Gerüchte verlauten
zu lassen oder aufzudecken, wer scheinbar nicht dichthielt. Als die Wahlen
näher rückten, wurden Mossad-Leute aus Belgien ins Land gebracht, um
als Privatdetektive aufzutreten, die anzuheuern Ran »Whistler«
empfohlen hatte. Sie agierten höchst auffallend, fuhren bei ihrer
Überwachung teure Autos und sammelten auf sehr amateurhafte Weise Material
über den Oppositionsführer, wodurch sie natürlich die
Aufmerksamkeit auf sich lenkten.
Die Sache wurde auf eine Weise durchgezogen, daß
höchstens ein Reporter der »Braille Times« nicht in der Lage
gewesen wäre, es als das zu erkennen, was es war: eine Schmutzkampagne. In
der letzten Minute, als Dementis von Barschel zu spät gewesen wären,
um noch den Wahlausgang zu beeinflussen, gab »Whistler« zu,
daß er hinter den schmutzigen Tricks stecken würde. Er gab an,
daß er dazu von Barschel beauftragt worden sei, wodurch er endgültig
die Karriere eines Politikers beendete, der sich nicht kooperativ zeigte, und
einen Mann ans Ruder brachte, der dazu bereit war. Außerdem wurde Kohl
dadurch in arge Bedrängnis gebracht. Alle Proteste Barschels, daß
er unschuldig sei, wurden als politische Rhetorik beiseite gewischt.
(294) ...
Ephraim erklärte, daß noch mehr an der Geschichte
dran sei. Er erzählte, daß nach seiner Niederlage bei den Wahlen
(eine direkte Folge der Kampagne, die Ran organisiert hatte) Barschel
seine BND-Verbindung kontaktierte. Er drohte, das Fehlverhalten des BND in
vollem Umfang offenzulegen, wenn der BND nicht alles tun würde, um seinen
Namen reinzuwaschen. Der BND, der seine Informationen
vom Verfassungsschutz bezog - dieselben Informationen, die dieser vom Mossad
erhalten hatte -, zweifelte nicht daran, daß Barschel Dreck am Stecken
hatte, und bat den Mossad um Hilfe.
Der Grund, warum der BND den Mossad benutzen mußte, um
mit dieser Situation fertig zu werden, bestand darin, daß sich die
Drohung Barschels gegen die mittleren Chargen des BND richtete. Diese hielten
entgegen den direkten Befehlen ihrer Vorgesetzten Kontakt mir dem Mossad. Der
BND konnte sich also nicht mit einem Hilfegesuch an seine eigenen Leute
wenden.
Der BND-Kontaktmann sagte dem Mossad-Verbindungsoffizier,
daß innerhalb weniger Tage einige Anhörungen vor einem
Untersuchungssausschuß stattfinden würden, und würde
Barschel vorher nicht Genüge getan, würde er auspacken. Der
Zeitrahmen war zu knapp für den Mossad, um die Operation auf den beiden
Flugfeldern abzubrechen und die israelischen Mannschaften mitsamt ihrem
Material rechtzeitig herauszuholen. Barschel mußte gestoppt werden,
bevor er als Zeuge aussagen konnte.
Der BND gab dem Mossad-Verbindungsmann den Ort bekannt, an
dem Barschel auf den Kanarischen Inseln Urlaub machte, sowie seine
Telefonnummer. Er wohnte in einem Haus, das ihm von einem Freund zur
Verfügung gestellt worden war.
Ran rief Barschel an. Beim ersten Anruf meldete sich
niemand. Eine Stunde später versuchte er es wieder, und jemand antwortete,
daß Barschel im Moment nicht erreichbar sei. Beim dritten Versuch
(295) hatte er Barschel am Apparat und sagte ihm, daß er Informationen
besitze, die helfen könnten, seinen Namen reinzuwaschen. Er stellte sich
als Robert Oleff vor.
Er bestand darauf, daß Barschel nach Genf kommen
solle. Er, Oleff, werde ihm am Flughafen abholen. Barschel verlangte mehr
Informationen, bevor er sich festlegte, und Ran sagte, daß vielleicht
einige interessante Iraner anwesend sein würden, die in das Geschäft
verwickelt seien. Das machte Barschel glauben, daß die Angelegenheit
seriös war. Der Mann am Telefon zeigte sich gut informiert, Barschel
war einverstanden, und sie legten die Details der Reise fest.
Das Kidon-Team, das direkt von Brüssel geschickt
worden war, wartete bereits in Genf. Nachdem es die Lage in Genf genau
untersucht hatte, kam es zu dem Ergebnis, daß das Hotel
Beau-Rivage am besten seinen Zwecken dienen würde. Ein Stück weiter
gab es eine riesige Baustelle. So etwas war immer gut, um das, was man in der
Eile loswerden wollte, verschwinden zu lassen. Zwei Einsatz-Paare quartierten
sich im Hotel ein: das eine im vierten Stock, nahe beim Ausgang zum Dach, und
das andere, das am selben Tag wie Barschel ankam, im dritten Stock neben dem
Zimmer, das Ran für Barschel reserviert hatte.
Die übrigen Leute des Teams deckten das Umfeld ab und
hielten sich in der Nähe auf, um nötigenfalls eingreifen zu
können. Ran traf Barschel in dessen Zimmer am Nachmittag des 10. Oktober
[1987]. Nachdem er eine Flasche Wein für den von ihm mitgebrachten
Käse bestellt hatte, machte er Barschel zuerst ein Angebot. Barschel
sollte überredet werden, seinen Sturz zu akzeptieren. Ran versprach ihm,
daß man ihn großzügig entschädigen werde. Er versuchte
ihm zu suggerieren, daß das, was er angeblich getan habe, im Bereich der
Politik keine so große Sache darstelle und daß es besser für
ihn sei, die Dinge laufen zu lassen und das Geld zu nehmen. Ran benutzte den
üblichen Satz, den der Mossad so liebte, daß Geld keine Rolle
spiele.
Barschel war sehr ungehalten. Er bestand darauf, daß
Ran ihm die Beweise liefere, die seinen Namen reinwaschen könnten, oder zu
verschwinden. Er war nicht daran interessiert, einen Profit aus der Sache zu
schlagen, sondern er wollte es allen zeigen, die ihn verleumdet hatten.
(296)
Da wurde Ran klar, daß es keine Möglichkeit
gab, den Mann umzustimmen. Die Operation mußte in ihre zweite Phase
treten, was die Beseitigung dieses Mannes bedeutete. Er war jetzt zu einer
Gefahr für die Sicherheit der beteiligten Mossad-Leute geworden. Es gab
aus diesem Grund keine Notwendigkeit, die Zustimmung zu seiner Eliminierung
außerhalb des Mossad einzuholen. Das wäre bei einer Exekution aus
politischen Gründen der Fall gewesen; hier hätte der Premierminister
seine Zustimmung geben müssen. Ran wollte jedoch das Einverständnis
des Mossad-Chefs haben, den man ständig auf dem laufenden hielt und der am
selben Tag wie Barschel nach Genf gekommen war. Er wohnte im Hotel Des Bergues
am Ende derselben Straße, in der Barschel untergebracht war. Er hatte
sich unter den Namen P. Marshon eingetragen.
Bis der Wein in Barschels Zimmer ankam, war er schon von
einem Kidon-Mitglied präpariert worden, entweder in der Küche oder
auf dem Weg nach oben. Andere Team-Mitglieder schafften in Vorbereitung auf den
letzten Akt Eisbeutel auf ihre Zimmer. Ran erzählte Barschel, daß es
nur seine Absicht gewesen sei, seine Standfestigkeit zu prüfen. Da er es
offenbar mit einem ehrenwerten Mann zu tun habe, wolle er ihm helfen. Barschel
war immer noch aufgebracht und weigerte sich weiterzureden, wenn Ran ihm nicht
sofort einen Beweis liefern würde, daß er wirklich seinen Namen
reinwaschen könnte.
Ran rief den Mossad-Verbindungsmann an, der in einem
sicheren Haus wartete. Er bat ihn, seinen BND-Kontaktmann anzurufen, der
Barschel in seinem Hotelzimmer zurückrufen solle, um ihm zu sagen,
daß alles gutgehen würde. Der Verbindungsmann war darauf
vorbereitet, er hatte mit Ran im Vorfeld alle Optionen abgesprochen. Der
BND-Mann stand in Wartestellung bereit; er war schon im voraus angerufen worden
- unter dem Vorwand, etwas Wichtiges würde sich tun.
Einige Minuten später rief der BND-Mann Barschel an und
sagte ihm, daß man die Dinge zurechtrücken werde. Barschel
entspannte sich und trank von dem Wein. Ran täuschte Magenbeschwerden vor
und lehnte ab; er nahm nur etwas von seinem Käse zu sich.
Ran wußte, daß Barschel in etwa einer Stunde
ohnmächtig werden würde, und wollte die direkte Zustimmung des
Mossad-Chefs, um den Job zu beenden. Er sagte Barschel, daß er einige
(297) Papiere holen wolle, die ihn entlasten würden, und daß er
in einer Stunde wieder da sei.
Ran traf den Mossad-Chef in dessen Hotelzimmer. Er gab ihm
eine kurze Zusammenfassung des Vorgefallenen und sagte, daß Barschel
innerhalb weniger Tage vor einem Untersuchungsausschuß aussagen werde,
der Behauptungen über Unregelmäßigkeiten im Vorfeld der Wahlen
prüfen solle. Es gebe keine Möglichkeit, Barschel davon abzubringen,
vor diesem Gremium alles auszusagen, was er wußte. Ran konnte nicht
garantieren, daß alle Beweisstücke, die Israel belasteten, in der
kurzen verbliebenen Zeit von den Flugfeldern beseitigt wären. Das Risiko
einer Entlarvung war für den Mossad hier viel zu groß, und deswegen
gab der Mossad-Chef sein Einverständnis, den Mann zu eliminieren.
Ran rief die zwei Männer im vierten Stock von Barschels
Hotel an und gab ihnen grünes Licht für die Operation. Sie warteten
die Zeit ab, bis Barschel von dem Mittel im Wein eingeschlafen war. Sie riefen
außerdem noch bei ihm an, um sicherzugehen, daß er nicht wach war.
Dann drangen sie in sein Zimmer ein.
Barschel lag auf dem Boden rechts neben dem Bett. Er war
offenbar ohnmächtig geworden und aus dem Bett gefallen. Das Team zog ein
Plastiktuch über das Bett und legte den Bewußtlosen darauf, mit den
Beinen zum Kopfende, damit die nächsten Schritte einfacher wären. Ein
zusammengerolltes Handtuch wurde ihm unter den Nacken gelegt, als ob er eine
Mund-zu-Mund-Beatmung bekommen sollte. Fünf Leute befanden sich zu dem
Zeitpunkt im Raum. Vier kümmerten sich um das Opfer, und einer füllte
die Badewanne mit Wasser und Eis; das Geräusch würde jedes andere
übertönen. Ein langer, gut geölter Gummischlauch wurde dem
schlafenden Mann in den Hals geschoben, langsam und vorsichtig, um ihn nicht zu
ersticken. Einer schob den Schlauch, während ihn die anderen Männer
für den Fall einer plötzlichen Konvulsion festhielten. Sie alle
hatten so etwas schon vorher gemacht.
Sobald der Schlauch den Magen erreicht hatte, brachten sie
am oberen Schlauchende einen kleinen Trichter an, durch den sie nun
verschiedene Pillen einführten, dazu ab und zu etwas Wasser, damit sie
auch tatsächlich den Magen erreichten.
Danach wurden dem Mann die Hosen heruntergezogen. Zwei
Männer hielten seine Beine hoch, und ein Dritter führte ihm rektal
(298) Zäpfchen mit einem starken Sedativ und einem fiebererzeugenden
Mittel ein. Die Hosen wurden ihm wieder hochgezogen, und die Leute warteten auf
die Wirkung der Medikamente; sie legten ihm ein Thermometer auf die Stirn, um
seine Temperatur zu beobachten.
Nach einer Stunde hatte er hohes Fieber bekommen. Er wurde
dann in das Eisbad gelegt. Der Schock rief starke Körperzuckungen hervor.
Der plötzliche Temperaturwechsel im Verein mit der Wirkung der Medikamente
erzeugte so etwas, was wie eine Herzattacke aussah. Nach ein paar Minuten
stellte das Team fest, daß er wirklich tot war, und begann das Zimmer
aufzuräumen, um keine Spuren zu hinterlassen. Sie merkten, daß
sie den Fehler gemacht hatten, dem Mann nicht die Kleider auszuziehen, bevor
sie ihn in die Wanne legten. Aber es war zu spät, das noch zu
ändern. Sie merkten auch, daß die Ersatzweinflasche, die sie
mitgebracht hatten, zwar ein Beaujolais war, aber nicht die richtige Marke, so
daß sie keine Flasche hatten, um sie dazulassen.
Die Lage war gespannt. Sie hatten mehrere Stunden in dem
Raum zugebracht, und einige von ihnen waren mehrmals hinausgegangen und
wiedergekommen. Daß sie neben einer toten oder sterbenden Person Wache
hielten, wäre wohl kaum zu erklären gewesen.
Nachdem sie das Zimmer verlassen und das Schild »Bitte
nicht stören« angebracht hatten, ging jeder seiner Wege. Zwei Leute
verließen das Hotel noch am selben Abend, das zweite Paar erst am
folgenden Morgen. Die übrigen Mitglieder des Teams hatten die Stadt schon
in derselben Nacht mit dem Wagen verlassen und fuhren zurück nach Belgien
in die Sicherheit des Mossad-Hauptquartiers in Europa. Ran wurde informiert,
daß die Mission erfüllt war, ebenso der Mossad-Chef, dem ein
Team-Mitglied ein Polaroidfoto von dem Toten brachte.
Ende Kapitel 25 (Geheimakte Mossad): |