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11.06.2003 Jürgen Elsässer Junge Welt
Tod eines Lobbyisten
Die Akte Möllemann: Ein Fallschirmspringer als Vermittler zwischen Waffenindustrie und Politik.
»Ich weiß, daß manche es gerne sähen, wenn sich mein Fallschirm einmal nicht öffnen würde«, hatte Jürgen W. Möllemann vor einigen Monaten gescherzt, nachdem die FDP-Spitze ein Parteiausschlußverfahren gegen ihn eröffnet hatte. (zitiert nach Spiegel online, 5. Juni) Am vergangenen Donnerstag um 12.30 Uhr wurde aus dem Scherz tödlicher Ernst.

Seither sind die Big Players in Medien und Politik darum bemüht, die öffentliche Diskussion auf die Varianten Unfall oder Selbstmord zu beschränken. Familie und enge Freunde Möllemanns halten die Suizid-These für völlig abwegig und ein Unglück für schwer erklärbar. Auch die Staatsanwaltschaft schließt bis dato ein Fremdverschulden – im Klartext: einen Mord – nicht aus. Im Internet blühen Verschwörungstheorien, oft wird der israelische Geheimdienst Mossad als Drahtzieher ausgemacht. Der Jude ist schuld – das haben die Antisemiten schon immer gewußt. Auf diese Weise geraten inländische Vollblutarier als Tatverdächtige aus dem Blick. Geschäfte mit deutschen Waffendealern hatten schon im Jahre 1981 Heinz Herbert Karry, seinerzeit FDP-Schatzmeister und einer von Möllemanns Vorgängern als Beschaffer illegaler Spenden, das Leben gekostet.

Doch bleiben wir – zunächst – bei Möllemann. Sein politischer Absturz begann bekanntlich mit dem von ihm verantworteten »Klartext«-Flugblatt, das die FDP in Nordrhein-Westfalen vor den Bundestagswahlen an 8,4 Millionen Haushalte verteilen ließ. Daß der Flyer alle Schuld für den Nahost-Konflikt dem israelischen Premier Ariel Scharon sowie, sicher ist sicher, dem deutschen Talk-Master Michel Friedman auflud, konnte zwar nur Judenhassern gefallen, war aber nicht justitiabel. Nicht der Inhalt, sondern die Finanzierung der Aktion machte die Ermittler hellhörig. Woher hatte Möllemanns Landesverband die 840000 Euro, um eine Postwurfsendung diesen Ausmaßes zu finanzieren? Der Betrag war von Kleinspendern auf FDP-Konten eingezahlt worden, hieß es zunächst. Doch Ende November vergangenen Jahres räumte Möllemann ein, das gesamte Geld stamme von ihm, sei aber, zur Verschleierung dieses Tatbestandes, von anderen und zum Teil unter Verwendung gefälschter Namen einbezahlt worden. (FAZ, 7. Juni) Bis hierher ging es nur um Verstöße gegen das Parteiengesetz, um Betrug und um Urkundenfälschung.

Die Affäre weitete sich aus, als die Fahnder auf Möllemanns Pharaonengräber im Ausland stießen. So soll er gleich vor (oder gleich nach – es gibt widersprüchliche Angaben) der Flyer-Aktion von einem Konto in Luxemburg eine Million Euro in bar abgehoben haben. (FAZ, 7. Juni) Ein Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft bestätigte am Freitag, daß ein weiteres Guthaben in der französischen Hauptstadt bei der Bank BNP-Paribas aufgespürt worden sei. Von dort, so die Alternativversion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sei das Geld für die Flugblattaktion abgezweigt worden. (FAZ, 7. Juni)

Das Pariser Konto war von Möllemann bereits 1985 angelegt worden – darauf werden wir im Zuge der Karry-Affäre noch zurückkommen. Einstweilen mag der Hinweis der Zeitung Luxemburger Wort genügen, daß die BNP-Paribas auch Möllemanns Schmiergelder aus einem Big Deal Anfang der neunziger Jahre verwaltete: aus dem Verkauf von 36 Fuchs-Spürpanzern an Saudi-Arabien, dem größten Rüstungsexport der Nachkriegsgeschichte. Das Geschäft war 1990 von Klaus Geerdts, ehemals Militärattaché an der deutschen Botschaft in Riad, und dem mittlerweile nach Kanada geflüchteten Rüstungslobbyisten Karlheinz Schreiber eingefädelt worden. Mit dem Amtsantritt Möllemanns als Bundeswirtschaftsminister 1991 wurden Widerstände in der Kohl-Administration beiseite geräumt. Die bayrischen Ermittler gehen davon aus, daß der Panzerbauer Thyssen AG mit Bakschisch nachgeholfen hat. Inoffiziell ist die Rede von 220 Millionen Mark (bei einem Gesamtvolumen des Geschäfts von 460 Millionen Mark). 4,6 Millionen Mark, behaupten die Strafverfolgungsbehörden, sollen auf ein Liechtensteiner Konto geflossen sein, das einem Dortmunder Geschäftsmann namens Rolf Wegener gehört.

Mit Wegener und Geerdts war Möllemann auch in der Folge verbandelt. Mit Geerdts gründete er 1994 die Firma Web/Tec, mit Wegener im selben Jahr die MS-Air-Gesellschaft. Schon bald begann die Waschmaschine zu laufen: 1996 spendete Wegener der FDP in NRW 300000 Mark. Zwischen 1997 und 2000 zahlte Möllemann aus seinen Auslandskonten rund 4,5 Millionen Euro auf Wegeners Briefkastenfirma Curl AG in Liechtenstein ein. Im gleichen Zeitraum überwies die Curl AG 1,9 Millionen Mark an Web/Tec. Die Web/Tec berät – was immer das heißen mag – deutsche Firmen bei Ausschreibungen für Infrastrukturprojekte und Pipelines. Ein Viertel der Aktivitäten spielt sich nach Angaben Möllemanns in Nahost ab, der Rest im Fernen Osten und der ehemaligen Sowjetunion.

Die in Paris beschlagnahmten Kontounterlagen werden in den nächsten Wochen nach Deutschland überstellt und ausgewertet. (FAZ, 7. Juni) Doch über den Hintergrund, Zweck und Nutznießer von Bareinzahlungen und -abhebungen kann kein Überweisungsträger Auskunft geben. Diese Informationen nimmt Möllemann am Freitag mit ins Grab.



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