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10.06.2003 Eiichi Kido Junge Welt
Angst und Haß geschürt
In Japan wächst die Kriegsstimmung gegen Nordkorea
* Während die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit noch auf den Irak konzentriert ist, könnte Nordostasien eine vielleicht noch entscheidendere Konfliktregion werden. Seit dem letzten Jahr vollziehen sich dort einschneidende Entwicklungen. Unser Autor Eiichi Kido ist seit 1994 außerordentlicher Professor an der Staatlichen Universität Ôsaka (School of International Public Policy).


Am 17. September 2002 traf Japans Ministerpräsident Junichirô Koizumi in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il. Es war das erste Gipfeltreffen dieser Art, da bis heute keine diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern existieren. Während dieser Zusammenkunft wurden zentrale Hürden zur Normalisierung der Beziehungen genommen. Japan entschuldigte sich für die Kolonialherrschaft (1910-45) und erklärte sich bereit, Wirtschaftshilfe zu leisten. Nordkorea verzichtete im Gegenzug auf Wiedergutmachung und erkannte an, daß es in der Vergangenheit Menschen aus Japan entführt hatte. Außerdem sicherte Kim zu, das Raketentest-Moratorium über das Jahr 2003 hinaus zu verlängern.

Es schien, als ob Tôkyô endlich eine eigene Nordostasienpolitik initiieren würde. In einer gemeinsamen Erklärung signalisierten beide Seiten ihre Bereitschaft, einen Monat später (Oktober 2002) die zwischenzeitlich erneut unterbrochenen Verhandlungen zur Normalisierung der Beziehungen wieder aufnehmen. Doch bald schon wurde diese Hoffnung gedämpft. Die Crux: das Entführungs- und Atomproblem.


Schockierende Opferliste

In den 70er und den 80er Jahren wurden mehrere Japaner plötzlich vermißt. Seit Jahren kursierte das Gerücht, sie seien von nordkoreanischen Agenten entführt worden. Ende 1996 offenbarte ein nordkoreanischer Flüchtling in Südkorea, daß ein japanisches Mädchen, Megumi Yokota, am 15. November 1977 als damals 13jährige von nordkoreanischen Agenten verschleppt worden ist. Im März 2002 gestand die ehemalige Frau eines seit 1970 in Nordkorea weilenden Flugzeugentführers, sie habe im Juli 1983 eine in London studierende Japanerin mit entführt. Kurz vor dem Gipfeltreffen legte Nordkorea japanischen Diplomaten die Liste der Entführten vor. Kim sprach dem japanischen Ministerpräsidenten sein Bedauern über die Entführungen aus. Auf der Opferliste standen 13 Namen. Davon sollten acht Leute schon gestorben und fünf noch am Leben sein. Die Liste war aber wenig glaubwürdig, weil das Sterbealter der Opfer ungewöhnlich niedrig (durchschnittlich 32 Jahre) war und zwei Entführte am gleichen Tag gestorben sein sollten.

Auf Koizumis Nordkoreabesuch reagierte die japanische Öffentlichkeit positiv. Laut einer Blitzumfrage sprachen sich 81 Prozent der Befragten trotz des Schocks über die Opferliste für das Gipfeltreffen aus, 16 Prozent stimmten dagegen. 58 Prozent der Befragten waren damit einverstanden, die Verhandlungen zur Normalisierung wiederaufzunehmen, 28 Prozent stimmten dagegen. 59 Prozent votierten für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Nordkorea, 29 Prozent dagegen.

Aber die Trauer der Hinterbliebenen der Todesopfer beeinflußte die öffentliche Meinung in Japan ungewöhnlich stark. Die antinordkoreanische Stimmung wuchs dramatisch, und die Empörung in der Öffentlichkeit engte den Spielraum der japanischen Verhandlungsführer ein. Die Diplomaten, die das Gipfeltreffen vorbereitet hatten, wurden als Staatsfeinde diffamiert. Schnell war in Japan vergessen, daß Pjöngjang während des Gipfeltreffens einen guten Willen gezeigt hatte. Es erkannte ohne Umschweife das Entführungsproblem an, akzeptierte japanische »Wirtschaftshilfe«, ohne, wie sonst in der Vergangenheit, auf die Bezeichnung »Wiedergutmachung« zu pochen, und es signalisierte Bereitschaft, internationale Vereinbarungen über Nuklearwaffen zu befolgen, um den Weg für eine Wiederaufnahme des Dialogs mit den USA freizumachen.

Am 15. Oktober 2002 betraten fünf Entführte wieder japanischen Boden. Obwohl die Rückreise eigentlich ein Kurzaufenthalt hätte sein sollen, entschied die japanische Regierung nach einer Woche, diese Personen in absehbarer Zeit nicht nach Nordkorea zurückzubringen und forderte, die Familienangehörigen müßten ebenfalls aus Nordkorea ausreisen können. Auf diese Entscheidung übten der »Verbindungskreis der Familien der entführten Opfer« sowie die Nichtregierungsorganisation »Nationalkonferenz für die Rettung der Japaner, die von Nordkorea entführt wurden« einen beträchtlichen Einfluß aus. Der Wunsch der Betroffenen, ihre Familien bald wiederzusehen, wurde als Ergebnis nordkoreanischer »Gehirnwäsche« zurückgewiesen.

Am 15. November 2002 veröffentlichte die kritische Wochenzeitschrift Kin’yôbi« (Der Freitag) einen Interviewartikel mit dem amerikanischen Ehemann und zwei Töchtern der Hitomi Soga1). Weil die Befragten darin appellierten, die Mutter bald wiedersehen zu können, beschimpften andere Medien »Kin’yôbi« als nordkoreanischen Helfershelfer. Der Generalsekretär der »Nationalkonferenz«, Kazuhiro Araki, polterte, die Wochenzeitschrift habe »am nordkoreanischen Intrigenkrieg teilgenommen«. Insgesamt herrschte eine hysterische Atmosphäre, was den Eindruck erweckte, als sei die ganze japanische Nation der ideelle Familienangehörige der Entführten. Abweichende Meinungen waren gänzlich unerwünscht – auch und gerade was die japanische Kolonialherrschaft betraf. Diese Intoleranz basiert auf zweierlei: den Diskriminierungen während des Imperialismus und Militarismus sowie auf dem während des Kalten Krieges geschürten Feindbild.

Die Entführungsfrage gab den japanischen Nationalisten die einmalige Chance, den nordkoreanischen Erzfeind durch Drohungen einzuschüchtern. Am 10. November 2002 sagte der rechtsradikale Gouverneur von Tôkyô, Shintarô Ishihara, in einem Fernsehinterview unmißverständlich, Nordkorea sei ein »verrücktes, groteskes, unglaubliches« und »schmutziges, unmenschliches, gemeines Land«, gegen das Japan wegen der Entführungsfrage einen Krieg führen dürfe. Die Reaktion der japanischen Öffentlichkeit auf den Kriegstreiber, der inzwischen »Japan, erwache!« schreit, war zurückhaltend. Auch die Leute, welche die »Nationalkonferenz« bilden, hegen kaum humanitäre Motive. Die angeblichen Menschenrechtler zielen auf den Zusammenbruch des nordkoreanischen Regimes. Der Vorsitzende der »Nationalkonferenz«, Katsumi Satô, ist Direktor des »Modern Korea Institute«, dem auch andere Persönlichkeiten der »Nationalkonferenz« angehören. Es ist dies eine Organisation, die auch den Geschichtsrevisionismus in Schulbüchern mitträgt, was wiederholt – zuletzt 2001 – eine schwere Krise zwischen Japan und seinen Nachbarländern schürte, weil darin die japanische Aggression in Ostasien/Südostasien/Pazifik während des Zweiten Weltkrieges gerechtfertigt2) und das Schicksal der »Trostfrauen«3) geleugnet werden. Die »Menschenrechtler« und die Geschichtsrevisionisten arbeiten eng zusammen, wobei ihnen die Sankei-Zeitung ein Forum bietet. Ihre Schlagworte sind »Familie, Nation und Vaterlandsliebe«, mit denen sie ideologische Werte aus der nationalistisch-militaristischen Zeit wiederbeleben.


Gefährlicher Atompoker

Am 3. Oktober 2002 traf der amerikanische Sondergesandte James Kelly in Pjöngjang ein, um dreitägige Gespräche mit nordkoreanischen Regierungsvertretern zu führen. Damit wurde der politische Dialog zwischen beiden Ländern nach 22monatiger Unterbrechung reaktiviert. Das Ergebnis stimmte indes keineswegs hoffnungsfroh. Am 16. Oktober teilte der Sprecher des US-Außenministeriums, Richard Boucher, in Washington mit, die Nordkoreaner hätten während der Gespräche mit Kelly eingeräumt, seit mehreren Jahren ein geheimes Atomwaffenprogramm zu betreiben.

Es ist merkwürdig, daß die amerikanische Regierung eine solch bedeutsame Information mit fast zweiwöchiger Verspätung bekanntgab. Für das japanische Volk, das sich ständig an die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki erinnert, war diese Meldung ein Schock. Der Verstoß gegen das 1994 zwischen den USA und Nordkorea geschlossene Abkommen, das Nordkorea zur Aussetzung seines Atomwaffenprogramms verpflichtete, wurde scharf verurteilt4). Von Pjöngjang wurde verlangt, das Programm nachweisbar zu stoppen. Im Oktober 2002 befürworteten nur 44 Prozent der Befragten, daß die Verhandlungen zur Normalisierung just im selben Monat beginnen sollten, 43 Prozent lehnten das ab.

Die unerbittliche Haltung Nordkoreas eskalierte aber weiter. Am 12. Dezember hob Pjöngjang die Beschränkung der Entwicklung von Atomwaffen auf. Am 30. Dezember wies es die beiden Inspekteure der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) aus und erklärte schließlich am 10. Januar 2003 den Austritt aus der IAEA und dem Atomwaffensperrvertrag (NPT).

Dies könnte als Reaktion auf den Konfrontationskurs der Regierung Bush in den USA interpretiert werden. Nach dem Ende des Kalten Krieges sind die internationalen Beziehungen in Nordostasien recht asymmetrisch geworden. Weil China und Rußland mit Südkorea längst diplomatische Bande pflegen, muß sich Nordkorea nunmehr allein mit dem Dreierbündnis USA-Japan-Südkorea auseinandersetzen. Trotzdem handelt die Pjöngjanger Diplomatie, was die Atomfrage betrifft, wenig vernünftig. Durch einen Atompoker die USA an den Verhandlungstisch zu zwingen, isoliert sich Nordkorea noch mehr. Wenngleich es subjektiv im Sinne einer »defensiven« Maßnahme zu handeln glaubt, betrachten dies die Nachbarländer als bedrohlich.

In der japanischen Öffentlichkeit bestehen große Bedenken gegen das nordkoreanische Atomprogramm. Im November 2002 hatten 73 Prozent der Japaner »große« und 22 Prozent eine »gewisse« Angst davor. Zu Beginn dieses Jahres äußerten noch immer 59 Prozent beziehungsweise 33 Prozent Angst. Bevor Nordkorea einräumte, an einem Atomwaffenprogramm zu arbeiten, hatten konservative Politiker in japanischen Regierungskreisen keinen Hehl aus ihrer Ambition gemacht, selbst in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen. Bereits im Mai 2002 hatte der Vizeregierungssprecher Shinzô Abe erklärt, daß es für Japan kein Problem sei, über kleine Kernwaffen zu verfügen. Wenig später sagte sein Chef, Yasuo Fukuda, es sei durchaus vorstellbar, daß das japanische Volk den Besitz von Atombomben wünsche, zumal gerade über eine entsprechende Verfassungsänderung diskutiert werde.

Nach dem Gipfeltreffen ist Abe wegen seiner harten Linie gegenüber Nordkorea sehr populär geworden. Inzwischen behaupten auch rechte Publizisten, Japan solle in der machtpolitischen Auseinandersetzung mit Nordkorea auf die »Atomkarte« setzen. Der Vorsitzende der »Nationalkonferenz«, Satô, machte am 18. Februar 2003 die kriegslüsterne Äußerung: »Man darf keine Angst vor Krieg haben. Langfristig soll unser Land Atomraketen besitzen. Kurzum: Um das Land vor Atomwaffen zu verteidigen, gibt es keine andere Möglichkeit, als selbst mit Atomwaffen abzuschrecken.«


Eine neue Friedensarchitektur?

Seit einiger Zeit erinnert die Lage Nordkoreas an die Situation der DDR im Sommer 1989. Immer mehr Nordkoreaner verlassen das Land und fliehen in eine ausländische diplomatische Vertretung, um dort einen Antrag auf Asyl in Südkorea zu stellen. Die Bilder vor dem japanischen Konsulat in der chinesischen Stadt Shenyang vom 8. Mai 2002 wurden weltweit ausgestrahlt. Chinesischen Polizisten versuchten damals, die nordkoreanischen Flüchtlinge, die im Konsulat Zuflucht gesucht hatten, gewaltsam zurückzudrängen. Einen entscheidenden Unterschied zur damaligen DDR markiert indes die südkoreanische Aussöhnungspolitik gegenüber dem Norden. Bei der Präsidentschaftswahl vom 19. Dezember 2002 wählte das südkoreanische Volk den früheren Menschenrechtsaktivisten Roh Moo Hyun zum Nachfolger von Präsident Kim Dae Jung. Und Roh hat bekräftigt, die »Sonnenscheinpolitik« seines Vorgängers fortzusetzen.

Rohs Sieg war auf ein neues politisches Bewußtsein der jungen Generation zurückzuführen. Zudem hatte sich in Südkorea am 13. Juni 2002 ein Vorfall ereignet, der in gewissem Maße für den Wahlausgang entscheidend war. An jenem Tag hatten zwei US-amerikanische Soldaten zwei Schulmädchen auf dem Heimweg mit einem Panzerwagen überrollt. Als diese Soldaten von einem amerikanischen Militärtribunal freigesprochen wurden, erfaßte eine antiamerikanische Stimmung das ganze Land. Am 14. Dezember fanden in mehreren Städten Trauerkundgebungen statt, an denen sich etwa 200 000 Menschen beteiligten. Die Leute halten die Stationierung von 37 000 US-Soldaten in Südkorea nicht länger mehr für eine Sicherheitsgarantie, sondern für den entscheidenden friedensstörenden Faktor in Nordostasien.

Japan entfernt sich als treuer Vasall der USA immer mehr von einer gerechten Friedenskonstruktion in der Region. Am 16. Dezember 2002 wurde ein Aegis-Zerstörer der »Selbstverteidigungsstreitkräfte«, wie in Japan die Militärstreitkräfte beschönigend genannt werden, als Teil ihrer logistischen Unterstützung für den »Kampf gegen den Terrorismus« in Afghanistan in den Indischen Ozean entsandt. Dies geschah entsprechend den Bestimmungen des Gesetzes über die besonderen Antiterrormaßnahmen, das bereits am 29. Oktober 2001 verabschiedet worden war. Konservative Politiker reklamierten in diesem Zusammenhang eine kollektive Selbstverteidigung, was die Verfassung verbietet. Nur 40 Prozent der Japaner waren für die Entsendung des Zerstörers in den Indischen Ozean, 48 Prozent dagegen.


Anachronistisches Feindbild

Am 14. Januar 2003 besuchte der Ministerpräsident zum dritten Mal den Yasukuni-Schrein, den Hort des japanischen Militarismus. Unbeeindruckt von jeglicher Kritik erklärte er vor dem Haushaltsausschuß des Unterhauses am 28. Januar, er werde, solange er Ministerpräsident sei, auch künftig den Yasukuni-Schrein aufsuchen.

Was Nordkorea betrifft, so ist in Japan das anachronistische Feindbild aus der Zeit des Kalten Krieges noch immer virulent. Zudem herrscht ein starres Schwarz-Weiß-Schema vor, in dem alles Dunkle, Böse und Tyrannische auf die Volksrepublik projiziert wird. Noch am 29. Januar 2003 berichteten sämtliche Zeitungen mit großen Aufmachern, das nordkoreanische Fährschiff »Mangyongwon«, das als einziges die Verbindung zu Japan aufrechterhält, habe einen Agenten mit gefälschten Papieren nach Japan eingeschleust, der den Auftrag gehabt hätte, kooperationswillige Personen südkoreanischer Herkunft ausfindig zu machen und zu rekrutieren. Wohlverstanden: Es handelte sich um keinerlei illegale Tätigkeit, noch ging es um einen Entführungsversuch. Der Mann geriet lediglich in den Verdacht einer Urkundenfälschung. Doch das interessierte die Medien schon nicht mehr. Unkritisch werden vom japanischen Geheimdienst lancierte »Informationen« aufgeplustert, um gezielt Angst und Haß gegenüber Nordkorea zu schüren. Auch während der Asiatischen Winterspiele, die im Februar 2003 in Aomori stattfanden, tauchten immer wieder Berichte auf, in denen nordkoreanische Sportler in die Ecke von zwielichtigen Agenten gerückt wurden.

Der Tenor der Berichterstattung über Nordkorea ist durchgängig negativ: Nordkorea gilt als ein unkalkulierbarer Staat, der geneigt sein könnte, in einem Verzweiflungsakt Japan zu attackieren. Da aber unser Land darauf nicht vorbereitet sei, sollte recht bald das Verteidigungssystem entsprechend militärtechnisch und gesetzlich modifiziert werden. De facto betreiben einige japanische Medien bereits Kriegspropaganda. Die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet allerdings noch, daß Tokio sich um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Volksrepublik bemüht.

Am 6. Februar 2003 verlangte der Nordkorea nahestehende Dachverband »Sôren« (Gesamtvereinigung der in Japan lebenden Koreaner) vom Justizministerium geeignete Maßnahmen, um gegen Belästigungen von Koreanern und Übergriffen gegen Koreaner im Lande vorzugehen. Die koreanischen Schulen von »Sôren« sind auf die Bewahrung der (nord-)koreanischen Identität orientiert und ihre Schülerinnen tragen die koreanische Volkstracht »Hanbok«. Das wiederum schürt unter erzkonservativen Japanern Mißtrauen, die unbedingte Loyalität zu Japan erwarten. Laut »Sôren« soll es nach dem Gipfeltreffen zwischen Koizumi und Kim Jong Il insgesamt 319 Beschimpfungen und Gewaltakte gegeben haben: Schüler werden auf dem Schulweg schief angesehen, einige wurden bespuckt und mit »Ihr Scheißnordkoreaner!« beschimpft. Einer Schülerin wurde der »Hanbok« mit einem Messer aufgeritzt.

Die Nordkoreapolitik ist nicht isoliert, sondern im Rahmen Nordostasiens zu betrachten. Rußland zeigt beispielsweise großes Interesse, die transsibirische Eisenbahn mit dem nord-südkoreanischen Schienennetz zu verbinden. Die VR China sähe es gern, würde diese Eisenbahnlinie über ihr Territorium führen. Japan würde sich gern am Bau der Eisenbahn beteiligen, um die wirtschaftliche Kooperation und das Vertrauensverhältnis in der Region zu verstärken. Das wiederum eröffnete die Perspektive einer selbständigen Außenpolitik, die sich der überwiegende Teil der japanischen Bevölkerung wünscht. Kehrte Japan zum ursprünglichen Prinzip der »Friedensverfassung« zurück, die ihm das Recht zur Kriegführung und den Besitz von Kriegsmitteln abspricht, böte sich die Chance, in Nordostasien Frieden und Wohlstand zu begründen. Leider sieht die Realität im Augenblick anders aus. Das Unterhaus hat am 15. Mai ein Gesetz zur Kriegführung verabschiedet, das am 6. Juni auch das Oberhaus passierte. Am 23. Mai wurde ein Medienkontrollgesetz vom Oberhaus bewilligt. Nordkorea wirkt im aktuellen Kontext der japanischen Politik als willkommenes Sprungbrett, auf einen Kriegsstaat hinzuarbeiten.

1 Charles Robert Jenkins lehnte die Beteiligung am Vietnamkrieg ab und wurde fahnenflüchtig. Die Töchter studieren an der Fremdsprachenhochschule in Pjöngjang.

2 Vgl. Eiichi Kido, Die japanischen Nobelpreisträger und die Friedensfrage, in: Krieg und Literatur, 2002, S.31.

3 Hunderttausende Frauen, meist aus Korea, wurden von der japanischen Armee zur Prostitution in Frontbordellen gezwungen.

4 Im Gegenzug war dem Land der Bau zweier vom Westen finanzierter Leichtwasserreaktoren zur friedlichen Nutzung der Atomenergie zugesagt worden.


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