Die Akte Möllemann: Die kriminaltechnische Untersuchung
läßt viele Fragen offen. Teil II Einer der spektakulärsten
Todesfälle der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte wurde in Rekordzeit
weitgehend aufgeklärt. »Wir ermitteln nur noch in Richtung
Selbstmord oder Unfall«, gab ein Sprecher der Polizei Recklinghausen
schon am Montag bekannt. Worauf gründet sich die Sicherheit der
Behörden? »Nach dem vorläufigen Ergebnis einer
Sachverständigenuntersuchung ist eine Manipulation an dem Fallschirm
Möllemanns ausgeschlossen«, berichtetet die FAZ am 10. Juni. Wie
kann eine Untersuchung, deren Ergebnis lediglich »vorläufig«
ist, endgültige Gewißheit darüber bringen, daß ein
bestimmter Tathergang »ausgeschlossen« ist?
Die
Selbstverständlichkeit, mit der ein Fremdverschulden also Mord
von den Sachverständigen verneint wurde, ist bemerkenswert, da sie
bis zu jenem Zeitpunkt wichtige Beweismittel noch gar nicht hatten untersuchen
können. »Noch immer fehlen aber die Springerbrille Möllemanns
sowie ein Teil des Fallschirms«, vermeldete die Presse am selben Tag.
»Zwei Tage nach dem tödlichen Absturz gab die Polizei die Suche nach
einem fehlenden Metallteil des Fallschirms nahe dem Absturzort am Flughafen
Marl auf«, hieß es in Spiegel online am 7. Juni. Die Polizei hatte
zuvor ein ganzes Feld abmähen lassen, um die Suche zu erleichtern. Erst
einen Tag nach der vollmundigen Erklärung der Recklinghäuser Polizei
fand sich 400 Meter vom Absturzort entfernt das sogenannte Trennkissen
ein Stoffteil mit Klettverschluß, durch dessen Abriß Möllemann
den Hauptfallschirm ausgeklinkt haben soll. Und noch einen Tag später, am
gestrigen Mittwoch, sollte eine Expertise vorgestellt werden, warum der
Mini-Computer Cypres in Möllemanns Sprunggepäck den Reservefallschirm
nicht aktiviert hat. Doch die Pressekonferenz wurde auf Anfang nächster
Woche verschoben. Mit diesem wichtigsten Teil der Ermittlungen wurde
übrigens die GSG 9, eine Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes betraut.
Paradoxerweise kollidieren sowohl die Selbstmordthese wie die
Mord-Vermutung mit den Fakten. Einerseits: Warum sollte Möllemann, wenn er
sich denn umbringen wollte, den Hauptfallschirm überhaupt öffnen?
Andererseits: Wer, wenn nicht der Politiker selbst, sollte den Schirm kurz
darauf abgetrennt haben? Die Sat1-Sendung Akte 03/24 versuchte den Widerspruch
am Dienstag abend aufzulösen: Möllemann habe sich erst während
des Sprungs entschieden, aus der Schwerelosigkeit des freien Falls nicht mehr
in die Beschwernisse des Lebens zurückzukehren. Aber auch diese
Erklärung hat einen Haken: Einem spontanen Suizid-Entschluß (oder
einer plötzlichen Ohnmacht) wird nämlich durch die Automatik, den
erwähnten Mini-Computer, vorgebeugt. Wenn der Hauptfallschirm abgeworfen
und der Reservefallschirm nicht manuell betätigt wird, löst diesen
ersatzweise das eingebaute System Cypres aus. Am gestrigen Mittwoch
erklärte der leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke, es sei
»nicht geklärt«, ob der Cypres-Computer bei Möllemann
aktiviert gewesen sei. Zunächst hatte es aber in der Presse
geheißen: »Augenzeugen berichten, das Instrument an Möllemanns
Schirm sei angeschaltet gewesen.« Während des Fluges jedenfalls kann
das System nicht abgeschaltet werden Cypres befindet sich tief im
Rucksack zwischen den Schulterblättern des Springers.
Lag also
doch eine Manipulation des Fallschirms durch Dritte vor? Die Möglichkeit
dazu hat zumindest rein theoretisch bestanden. »Der Reservefallschirm
wird nicht vom Springer selbst gepackt, sondern von einem Experten«,
erklärte dazu Manfred Schallück, der Ausbilder des
Fallschirmsportclubs Münster, in dem Möllemann Mitglied war. Von
einem Experten? Das würde man gerne etwas genauer wissen. Immerhin ist am
16. August vergangenen Jahres bei einem Sprung in Lemwerder (Niedersachsen)
Möllemanns Hauptfallschirm gerissen angeblich, so ein
Verbandsfunktionär, weil der Politiker »seinen Schirm falsch
gepackt« habe. Und vor vier Jahren war es im Fallschirmclub Münster
schon einmal zu einem Mord gekommen. Eine Springerin stürzte in den Tod,
nachdem sich ein Vereinsmitglied an ihrem Fallschirm zu schaffen gemacht hatte.
Zunächst hatte es »Spekulationen« gegeben, »der Anschlag
habe eigentlich dem nordrhein-westfälischen FDP-Vorsitzenden Jürgen
Möllemann gegolten«, meldete die Rhein-Zeitung am 30. Mai 1999.
Auffällig auch, wie selbstsicher die Clubmitglieder die
Selbstmordthese bestätigten und wie dümmlich. Gleich mehrere
der neun Mitspringer behaupteten sogar, »Möllemann habe die Leinen
seines Schirmes während des Fluges durchgeschnitten«, berichtete die
Bild-Zeitung am 6. Juni was durch die kriminaltechnische Untersuchung
eindeutig widerlegt ist. Von Trauer war auch nicht viel zu bemerken
schon am nächsten Tag frönte die fidele Truppe wieder ihrem Sport.
Auch die widersprüchlichen Angaben über die Sprungfolge
verführen zu Spekulationen. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft sprang
Möllemann als Letzter, nach Recherchen des Internetportals yahoo und von
Bild als Vorletzter, nach Angaben der FAZ als Drittletzter.
Mancher mag
sich wundern, warum in diesem Artikel nichts über die Motive zu lesen ist,
weswegen sich der Politiker umgebracht haben soll oder auch nicht.
Seelenklempner jeder Fakultät haben derzeit auf allen Kanälen
Hochkonjunktur. Doch vergessen wir nicht: Psychologie ist nur eine abgeleitete
Hilfswissenschaft. Für den Kriminalisten (wie den Kommunisten) sollten die
materiellen Tatsachen im Mittelpunkt stehen.
* In Kürze Teil III:
Warum Möllemann für Kinkel und Co. gefährlich war |