Manche meinen, zum Thema Irakkrieg sei
genug gesagt. Nun sei mehr Zurückhaltung als Überspitzung ratsam.
Nein. Die derzeitige US-Führung hat ein solches Ausmaß an
Unwahrhaftigkeit, Heuchelei und Brutalität an den Tag gelegt, daß
diplomatische Befürchtungen - etwa daß wir uns durch Kritik oder gar
schon durch Nichtbeteiligung an Feldzügen wie gegen den Irak isolieren
würden - fehl am Platze sind. Aber dürfen wir den Vorsteher des
Weißen Hauses in Washington mit dem Nazi-Diktator vergleichen?
Warum nicht? Falsch wäre es, beide
umstandslos gleichzusetzen. Vergleichen und gleichsetzen ist zweierlei.
Wenn wir Deutsche, vor allem wir Alten,
mit dem Finger auf die USA zeigen, setzen wir uns sofort dem Verdacht aus, von
unserer eigenen geschichtlichen Verantwortung ablenken zu wollen. Doch gerade
nach den deutschen Verbrechen der Nazizeit sind die allgemein gültigen
Kriterien der Menschenrechte und des Völkerrechts formuliert worden, die
in der UN-Charta stehen. An diesen Kriterien ist das Handeln heutiger
Regierungen zu messen. Deswegen wehre ich mich dagegen, daß manche
Zeitgenossen, auch Amtspersonen, jeden Vergleich als Majestätsbeleidigung
und Staatsvergehen zurückweisen - wie im Fall der Justizministerin Herta
Däubler-Gmelin, die kurzerhand aus dem Amt gejagt wurde. Mich kann keiner
daran hindern, den gegenwärtigen US- und den einstigen NS-Führer zu
vergleichen.
Wer sich an die UN-Charta, an die
Leitlinien des Völkerrechts, der Allgemeinen Menschenrechte und der
Rechtsstaatlichkeit auch im demokratischen Innenleben der Staaten gebunden
fühlt, kann auf die Handlungen des Präsidenten Bush nicht anders
reagieren, als sie als Verstöße gegen elementare Normen anzuprangern
und vor allem junge Menschen darauf hinzuweisen, wie solches autoritäres
Ge baren den Weg in die Diktatur ebnen kann. Es gibt nicht nur
Affinitäten, sondern Analogien zur Praxis Hitlers.
Der "Präventivkrieg" gegen den Staat
des Saddam Hussein begann mit der Propagandalüge, dieser stelle eine
latente Dauerbedrohung der USA und anderer Staaten dar, da der irakische
Diktator Massenvernichtungsmittel bereithalte. Der Kriegsverlauf sowie vorher
die Untersuchungen der von den Vereinten Nationen beauftragten Blix-Kommission
ergaben keinerlei Beweise für diese primäre Kriegsbegründung der
USA und Großbritanniens. Außerdem war von vornherein klar,
daß Saddam Hussein solche Waffen, wenn er sie gehabt hätte, gar
nicht anwenden konnte, weil er mangels erforderlicher Logistik (Flotte oder
moderne Luftwaffe) gar nicht in der Lage gewesen wäre, sie ins Ziel zu
bringen. Die Dreistigkeit der US-Regierung steigerte sich noch, als sie nun -
unter Desavouierung der Blix-Gruppe und deren Auftraggebers UN - die Entsendung
eines eigenen Untersuchungsteams mit CIA- und FBI-Agenten ankündigte. Die
Lügenhaftigkeit der Kriegsbegründung erinnert an Hitlers "Ab 5.45 Uhr
wird zurückgeschossen" zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem
Überfall auf Polen.
Gewiß sind die beiden von Herkunft
und Typus her sehr unterschiedlich, aber die Unterschiede werden überdeckt
durch das gewollt forsch-militärische Gehabe bei ihren öffentlichen
Auftritten. Vergleichbar ist die Selbstverständlichkeit, mit der einst
Hitler und jetzt Bush in ihrem Reden und Handeln von der Überlegenheit
arisch-deutschen Wesens oder US-amerikanischer Lebensart ausgehen. Ähnlich
erscheint mir das Sendungsbewußtsein der beiden, mit dem sie einen
geradezu natürlichen Anspruch auf militärische und wirtschaftliche
Dominanz erheben. Beide glühende Nationalisten mit hegemonialen
Gelüsten, wobei sich Bush religiös-sektiererisch auf Gott beruft wie
einst Hitler auf "die Vorsehung". Auch die an Fanatismus grenzende Besessenheit
beider in Wortwahl und Tonfall darf nicht übersehen werden.
"Wir werden weitermarschieren, bis alles
in Scherben fällt; heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze
Welt!", grölte Hitlers Soldateska. Ähnlich großmäulig sagt
nun Bush: "America first" und "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" oder,
auf Syrien angesprochen: "Eines nach dem anderen - alles zu seiner Zeit."
Hitler trat bald nach seiner
"Machtergreifung" aus dem Völkerbund aus. Bush mißachtet die UN und
deren Beschlüsse und die Normen des Völkerrechts. Damit entwertet er
die UN, die einst von den USA mitgegründet und gefördert wurden. Er
unterbindet den Beitritt der USA zum Internationalen Strafgerichtshof, um sich
den Rücken freizuhalten für künftige Aktionen wie im Irak.
Vergleichbar ist auch die Art der
Kriegsführung. Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs erinnern sich zeitlebens
der durch Mark und Bein gehenden Heultöne, wenn deutsche
Sturzkampfbomber-Geschwader ("Stukas") zwecks "Aufbereitung des Geländes"
Städte wie Rotterdam, Warschau und Belgrad bombardierten. Heutige
Bombardierungen durch die US-Luftwaffe sind noch wirkungsvoller, zum Beispiel
wenn Streubomben oder mit Uran angereicherte Geschosse verwendet werden. Heute
wie damals läßt es die Strategen kalt, welche Schäden dabei
entstehen, nicht nur an militärischen Zielen, nicht nur an Verkehrswegen
und Brücken, sondern auch an Verwaltungsgebäuden, Betrieben, Schulen
und Krankenhäusern ("Kollateralschäden"). Zu den vielen Parallelen in
der Kriegsführung gehört auch die Drohung mit der Superwaffe; die USA
haben den Einsatz von Atomwaffen ausdrücklich nicht ausgeschlossen.
Nicht zuletzt die Art, wie die Supermacht
USA durch mehr oder minder starken Druck sogenannte "Partner" in ihre
strategischen Ziele einspannt und unterordnet - ohne daß die Trabanten
wegen mangelnder vorheriger Konsultation aufbegehren und Widerstand leisten -,
erinnert mich an den einstigen deutschen Umgang mit "Verbündeten".
NATO-Mitglieder lassen sich zu "Willigen", Willfährigen herabstufen, wobei
Tony Blair als Steigbügelhalter möglicherweise davon träumt,
noch einmal einen Hauch vom Glanz des früherem Empire spüren zu
können. Wie bei den willkürlichen Grenzziehungen im Nahen Osten nach
dem Ersten Weltkrieg mag London nach dem Irak-Krieg wieder mithelfen wollen,
eine neue Landkarte der Region zu zeichnen, Blair mag sich dabei
wirtschaftliche Vorteile erhoffen. Jedenfalls müssen
Gefolgschaftsunwillige in Gefüge des Bündnisses damit rechnen, in die
Kategorie der nach Belieben definierten "Bösen" eingeordnet und in der
Folge mit Nachteilen bedacht zu werden.- Die NATO hat nach Auflösung der
Sowjetunion und des Warschauer Pakts als Bollwerk gegen den "Bolschewismus"
ausgedient. Die USA sind jedoch als ihr Befehlshaber und Nutznießer daran
interessiert, ihren Machtbereich auszudehnen und durch die "Osterweiterung" der
NATO sich im Osten neue Märkte zu erobern (auch Absatzmärkte für
ihre Rüstungsindustrie) und neue "Partner" unter ihre
Botmäßigkeit zu bekommen. Dies ist eine ihrer Methoden, ihre
Stellung als Weltmacht zu festigen. So könnte man Bush und Rumsfeld
für den Chorgesang empfehlen: "Wir werden weiter zerbomben, bis alles in
Scherben fällt; heut' untersteht uns der Westen, morgen die ganze Welt!"
Oder werden sich - über Europa hinaus - Völker und Staaten doch noch
rechtzeitig zusammenfinden, um den Vormarsch der USA noch zu bremsen?
Ich habe nur auf einige Parallelen
hingewiesen, etliche andere - zum Beispiel bei der Behandlung von Gefangenen -
ließen sich hinzufügen. Das alles berechtigt nicht zur
Gleichsetzung. Solche Verbrechen wie die fabrikmäßige
Menschenvernichtung in Auschwitz sind einmalig und dürfen niemals
vergessen werden. Unsinnig ist aber das häufig zu hörende Argument,
daß wir Bushs Politik unterstützen müßten, weil einst die
USA mitgeholfen haben, das Nazi-Regime niederzukämpfen. Vielmehr sind wir
es den Opfern des Kampfes gegen Hitler-Deutschland schuldig, auf die
Rechtsnormen zu achten, die damals erkämpft worden sind und die jetzt von
Bush rücksichtslos niedergetrampelt werden. Verantwortlich in die Zukunft
denkende Politiker sollten daher überlegen, ob nicht nach derart
gravierenden Völkerrechtsverletzungen wie auf den Kriegsschauplätzen
Balkan, Afghanistan und Irak ein internationales Tribunal in Aktion treten
sollte.
Hannsheinz Bauer
(SPD), Ossietzky-Lesern schon durch frühere Beiträge bekannt, ist das
einzige noch lebende Mitglied des Parlamentarischen Rates, der 1948/49 das
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auf den Weg gebracht hat.
Erschienen in Ossietzky 10/2003