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Ein Hallo an alle! Hello
everybody!
Wie bereits in der letzten
Hinweis-Mail erwähnt, möchte ich auf den tragischen Tod von
Jürgen W. Möllemann eingehen. Die Zeitungen haben sich natürlich
wieder verbal überschlagen, als kurz nach dem dubiosen Todesumständen
vielerorts Verschwörungstheorien aufkamen. Nachdem einige Zeit
nicht klar war, ob es sich bei Möllemanns Tod nun einen
selbstverschuldeten Unfall (sprich Selbstmord), einen
zufälligen Unfall (sprich Unfall) oder fremdverschuldeten
Unfall (sprich Mord) handelt, einigten sich die Medien
alsbald darauf, die Sache auf Selbstmord festzulegen. Und
zugegebenermaßen hilft diese Lösung allen noch Lebenden und, wenn
man Jürgen W. Möllemann als sich einen der Verantwortung Entziehenden
ansehen will, auch ihm am meisten. Damit dürfte dieses Kapitel und das der
Ermittlungen gegen Jürgen W. Möllemann geschlossen werden. Möge
er in Ruhe begraben werden und alles geht wieder seinen gewohnten
demokratischen Lauf. Anderslautende Vermutungen umschreibt der
gewiefte Journalist dann gern so: Schnell war da die Antwort gefunden:
Jenen, den der Abbruch der Ermittlungen gegen Möllemann nutzt. So
entstehen Verschwörungstheorien der hartnäckigsten Sorte.
(Bsp. Frank Patalong, SPIEGEL-Online,
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,251929,00.html)
Na, erinnern wir uns? Wo es
ins Unbeweisbare geht, wo sich der Medienbeweis nicht mehr durchzusetzen droht,
holt man schnell eine Keule raus, die Verschwörungstheorie
heißt. Und ich kann Ihnen sagen, Herr Patalong, warum diese
Verschwörungstheorien für Sie so hartnäckig sind.
Ganz einfach deshalb, weil es Ihnen in Ihrer knapp bemessenen Arbeitszeit so
schwer fiel, sie alle einigermaßen journalistisch zu bearbeiten und möglichst gut zu
widerlegen.
Wie im richtigen Leben?
Ich kenne Jürgen W.
Möllemann kaum, habe zwei Interviews mit ihm gesehen bzw. im Radio
gehört und interessiere mich für die Politik der FDP im Grunde
genommen kaum (Als das eindringlichste FDP-Erlebnis ist mir noch das
Wahl-Plakat Frühstück in Prag - Für die A17.,
welches Mitte der 1990er Jahre in Dresden hing, in Erinnerung. Ich habe lange
überlegt, welches Wahlprogramm eine solche Partei wohl haben muss.).
Außer den einsilbigen Aussagen der Ermittler und der Zeugen (aus zweiter
Hand über Radio!) kenne ich nur die seines Mentors und Förderers
Hans-Dietrich Genschers und die seines jahrelangen Weggefährten Wolfgang
Kubicki, die im unteren Teil der Mail auszugsweise nachzulesen sind.
Um sich ein eigenes Bild vom
Tod Jürgen W. Möllemanns zu machen, könnte man viele Wege
beschreiten. Am verständlichsten wirkt aber für mich immer noch ein
Blick in das eigene Leben. Angenommen, ein guter Freund von Euch würde auf
diese Art und Weise sterben. Ihr glaubt, ihn gut zu gekannt zu haben
jahrelang und plötzlich redet kurz nach seinem mysteriösen Tod
alle Welt von Selbstmord. Wem glaubt
ihr Euch selbst oder den Medien?
Ich
möchte noch einmal betonen, dass die Hinweis-Mails immer als ein Appell an
den gesunden Menschenverstand (obwohl das Gefühl im Bauch
sicher der treffendere Begriff wäre) zu verstehen sind. Doch lest selbst
...
Auszug aus Interviews und Berichten
über den Tod von Jürgen W. Möllemann
Den Anfang
soll das Interview, geführt von Silvia Engels, mit Hans-Dietrich Genscher,
ehemaliger FDP-Vorsitzender und Bundesaußenminister, vom 06.06.2003 im
Deutschland Radio Berlin machen. Ein Auszug:
Engels: Die Todesursache steht noch nicht fest, doch
viele Wegbegleiter beschreiben Möllemann als einen "Vollblutpolitiker",
der nach dem Prinzip "ganz oder gar nicht" gelebt habe. Kennen Sie Ihn als eine
Persönlichkeit, der ein solcher Schritt wie ein Selbstmord zuzutrauen
wäre?
Genscher: Ich habe natürlich auch die Meldungen
gehört und im Fernsehen diejenigen gesehen, die mit ihm gesprungen sind,
sich auskennen mit dem Fallschirmspringen. Da können solche Vermutungen
nahe liegen. Mir will das aber nicht
recht in das Bild passen, das ich von Jürgen Möllemann habe, denn er
war eine Kämpfernatur. Er hat ja nie aufgegeben, sondern wenn er einen
Rückschlag erlitten hatte - und das ist nicht nur einmal geschehen - hat
er wieder angefangen, hat neu begonnen, hat auch die Fähigkeit gehabt,
sich mit den Gegnern von gestern auszusprechen und zusammen einen neuen Anfang
zu versuchen. In das Bild eines solchen
Menschen passt schlecht die Vorstellung, dass er dann plötzlich gesagt
hat: "Nein, ich will nicht mehr kämpfen". Das passt für mich nicht
zusammen. Ich kann Ihnen da aber auch keine Antwort geben. Wer könnte
das?
Engels: Jürgen Möllemann galt als
politisches Talent, aber auch als Enfant terrible. Ist Jürgen
Möllemann letztlich an sich selbst gescheitert?
Genscher: Was seinen Tod angeht, ganz sicher nicht.
Das würde uns wiederum in den Bereich der Spekulierungen führen. Da
sage ich noch einmal, dass die Vorstellung, dass er selbst seinem Leben ein
Ende gesetzt hat, nicht für mich zur Persönlichkeit passt. Wir werden
das aber vielleicht noch erfahren. Er
war natürlich jemand, der Unglaubliches auf die Beine stellen konnte, der
Dinge durchsetzen konnte, und der dann auch immer wieder einen Fehler gemacht
hat, der manches zunichte machte, was er vorher selbst aufgebaut hatte. Es
würde mir nur mal daran liegen, dass man heute, wenn man über
Möllemann spricht, nicht vergisst, dass er in staatlichen Ämtern, die
er innehatte, Beachtliches geleistet hat. Als er
Bundesbildungsminister war, war das
für viele auch ein Überraschungseffekt, die auch ein
vordergründiges Bild von ihm gehabt hatten und die nun plötzlich
jemanden erlebt haben, der der Bildungspolitik, so weit der Bund dafür
zuständig ist, wirklich neue Impulse gegeben hat. Der es auch fertig
brachte, in einer damals schon angespannten Haushaltslage Mittel für die
Hochschulen bereit zu stellen, der sich nicht scheute, Unpopuläres in
großen Studentenversammlungen zu vertreten. Das war dieser Jürgen
Möllemann, der keine Angst gehabt hat, in eine solche Veranstaltung zu
gehen. Als er Wirtschaftsminister
war, hat er ja im Abbau von Subventionen auch einen ganz deutlichen Schritt tun
können. Das war für den Landesvorsitzenden der FDP in
Nordrhein-Westfalen nicht leicht, gerade bei den Kohlesubventionen für
einen Abbau zu kämpfen. Die Widerstände waren ja nicht nur
solche in der Opposition, sondern
auch in der eigenen
Regierungskoalition. Auch in der
eigenen Partei gab es welche. (www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-interviewtag/date/today/)
Jürgen
W. Möllemann hatte also laut Hans-Dietrich Genscher viele Feinde, denn er
war offensichtlich ein Querdenker. Des Weiteren dürfte die
letztjährige Anti-Sharon Flugblatt-Aktion (http://www.toko-hagen.de/gedanken/2_moelle.htm)
kurz vor den Bundestagswahlen den Kreis seiner Feinde praktisch potenziert
haben. Zudem schien er auf vielen Gebieten fähig gewesen zu sein, anders
kann man es sich nicht erklären, dass er als Wirtschaft- und
Bildungsminister fungierte (ich weiß, die Realität spricht meist
andere Worte, was die Verbindung Amt & Fähigkeiten betrifft).
Zu einer Aussage eines
weiteren Freundes, der Wolfgang Kubickis:
"Für einen Selbstmord gibt es keinen
nachvollziehbaren Grund», sagte Kubicki der Zeitung [Bild am Sonntag, M.W.].
"Warum sollte er sich gerade jetzt
umbringen? Er hat es im November nicht getan, als klar wurde, dass seine
Karriere in der FDP zu Ende ist. Er hat es im März nicht getan, als er zum Parteiaustritt
genötigt wurde." (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,252051,00.html)
Der
selbe Artikel enthält auch folgende Zeilen:
Damit verdichteten sich die
Hinweise darauf, dass Möllemann den nach Zeugenaussagen bereits normal
geöffneten Hauptschirm selbst ausgeklinkt und sich damit das Leben
genommen hat. Einen gesicherten Hinweis auf einen Freitod haben die Ermittler
jedoch bisher nicht.
Von dieser Seite betrachtet,
hatte ich mich bis dahin der Sache noch gar nicht angenommen. Eine
Arbeitskollegin fragte aber berechtigterweise danach, warum ein
Selbstmörder seinen Fallschirm überhaupt öffnet? Nun ja, da
werden sicher wieder die ersten Gegenargumente in die Bildschirme springen,
etwa wie Vielleicht kamen ihm die Selbstmordgedanken ja erst in der Luft
...
Wie dem auch sei, ich
möchte mich nicht allzu sehr an den Diskussionen beteiligen, was, wer und
warum in dieser im Grunde genommen sehr traurigen Angelegenheit seine Finger im
Spiel hatte und wer nicht. Sinn und Zweck dieser Hinweis-Mail (wie aller
anderer auch) ist es sich einfach ab und an die berühmt-berüchtigte
Frage aus den unbeschwerten Kinderjahren zu stellen: Warum ist das
so? Und der Fall Möllemann ist da nur einer von vielen. Traurig,
aber wahr.
Dass das Wort Pietät in
der deutschen Journaille nur auf dem Papier besteht beweisen eine Unzahl von
Zeitungsartikeln. Viele versuchen das Bild des Enfant terrible und
Politikjunkies Jürgen W. Möllemann in den Vordergrund zu
stellen. Im Grunde genommen ein typisches Merkmal für unsere Gesellschaft
Tote können sich nicht mehr wehren., also nimmt man sie von
vorn bis hinten aus. Und da er Feinde, Neider und Missgünstlinge in allen
Lagern hatte, kommen die Leichenfledderer auch aus allen Richtungen.
Jürgen W. Möllemanns Angehörige werden alles andere tun, als
sich in dieser für sie schweren Zeit dieser Verzerrung des Bild des
dreifachen Familienvaters zu widmen. Somit übt sich die nationale Presse
in dem, was sie am besten kann Verzerrung und Defamierung. Beispiel
gefällig? Jürgen Leinemann vom investigativen SPIEGEL darf den
Abschluss machen: War Möllemann also ein
Politik-Junkie? Konnte er den Entzug der Droge Macht nicht verkraften? Fehlten
ihm öffentliche Anerkennung und Aufmerksamkeit als Aufputsch-Mittel? Es
sind ja nicht die Drogen, die abhängig machen, sondern es ist ihre
Wirkung. "Sucht", hat der Frankfurter Psychologe Werner Gross geschrieben, "ist
eine Möglichkeit, dem Leben davon zu laufen, eine innere Leere
auszufüllen". Suizid ist für viele Süchtige die letzte logische
Konsequenz.(http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,251855,00.html)
Quod erat
demonstrandum, danke Herr Leinemann. Anhand der Methode des journalistischen
Fakten-Verdreh-Beweises haben Sie auf nahezu klassische Art und Weise gezeigt,
wie oder woran Jürgen W. Möllemann starb. Ich kann mich nicht des
Eindrucks erwehren, dass hier wieder mal der Expertenaussagen-Klau
verwendet wurde. Erinnern wir uns an die Sächsische Zeitung
und Prof. Krysmanski (Hinweis 41)? Eine Expertenaussage wird in einem
völlig herausgerissenen Zusammenhang wiederverwendet und auf den
jeweiligen Fall medial vergewaltigt eingefügt. Bravo Jungs,
ihr versteht Euer Handwerk!
Weitere
Infos zum Tod von Jürgen W. Möllemann unter:
http://mainz-online.de/on/99/06/23/topnews/fallschirm_mord.html
(Meldung ist vom Juni 1999!)
http://www.jungewelt.de/2003/06-11/013.php
(Teil1), http://www.jungewelt.de/2003/06-12/016.php
(Teil 2), Teil 3 erscheint heute am 13.06.2003 (u.a. mögliche
Hintergrundinfos Waffengeschäfte etc.)
Fazit der
Jürgen-W.-Möllemann-Geschichte
Wie immer bleibt eines
festzuhalten: Politik ist ein dreckiges Geschäft. Viel
wichtiger ist jedoch der überaus treffende und eigentlich verdammt gute
Werbespruch eines verdammt schlechten Tagesblattes (wenn auch in leicht
abgewandelter Form): Bild(e) dir deine Meinung (selbst).
In diesem Sinne, ein
schönes Wochenende, Euer Micha. |