Zum Tod von Jürgen W.
Möllemann
Nur wenige Stunden nachdem die Nachricht vom
überraschenden Tod des früheren FDP-Spitzenpolitikers Jürgen W.
Möllemann (57) im politischen Berlin einen Schock auslöste und sich
die Hinweise auf einen Selbstmord verdichteten, schrieb der Kommentator der
Frankfurter Rundschau im Hauptstadtbüro seines Blattes: "Kein
anderer war dafür verantwortlich, nur er allein."
Wirklich? Ist es so einfach, den tragischen
Tod eines Politikers zu erklären? Genügt es, auf "übersteigerten
politischen Ehrgeiz, Selbstüberschätzung und die monomanische
Besessenheit" von Möllemann zu verweisen? Leidet diese Einschätzung
nicht an derselben Krankheit, die auch Möllemann hatte und die darin
besteht, politische Ereignisse völlig losgelöst von
gesellschaftlichen Entwicklungen, als ausschließliches Ergebnis
persönlicher Initiativen zu betrachten?
Kein Zweifel, Möllemann war ein
Politiker, der rechte Standpunkte vertrat und in den vergangenen Jahren immer
wieder versuchte, die wachsende Unzufriedenheit, die in großen Teilen der
Bevölkerung gegenüber allen Parteien und der ganzen offiziellen
Politik herrscht, zu nutzen, um rechtspopulistische Stimmungen zu schüren.
Auch die Methoden, mit denen er seine Ziele vertrat - eine Mischung aus
Showeffekten, Medienhappenings und Werbegags -, waren abstoßend. Aber sie
waren eben nicht das Produkt eines Einzelnen, eines an
Selbstüberschätzung leidenden Egomanen.
Möllemanns Tod - Augenzeugenberichte,
Obduktion und polizeiliche Ermittlungen lassen an einem Suizid kaum Zweifel -
muss im Zusammenhang mit einer anhaltenden Degeneration der politischen
Verhältnisse gesehen werden, die auch in anderen Ländern zu
beobachten ist.
Im Mittelpunkt dieser Entwicklung, die man
als politische Fäulnis der Demokratie bezeichnen kann, stehen zwei Dinge:
Erstens das vollständige Ausschließen der großen Mehrheit der
Bevölkerung aus dem politischen Entscheidungsprozess und zweitens - direkt
verbunden damit - die Unterdrückung jeder ernstzunehmenden politischen
Diskussion. Alle wichtigen politischen Entscheidungen werden in einem kleinen
Kreis von Parteifunktionären, Wirtschaftsvertretern, Experten und
Journalisten getroffen.
Die Interessen der Bevölkerung spielen
nicht mehr die geringste Rolle. Oder genauer gesagt, sie werden nur noch vom
Standpunkt aus bedacht, wie sie möglichst wirkungsvoll unterdrückt
werden können: Millionen demonstrieren gegen Krieg - er findet trotzdem
statt. Tausende protestieren gegen Sozialkürzungen - sie werden trotzdem
durchgesetzt.
Das Ausschalten der Bevölkerung aus der
Politik wirkt sich auch auf die Struktur der Parteien aus. Es gibt nicht mehr
die geringste Kontrolle von unten. Richtungsentscheidungen werden nicht
länger durch politische Debatten und Abstimmungen, sondern durch Intrigen
und Mobbing des politischen Gegners herbeigeführt.
Möllemann war sowohl Repräsentant
als auch Opfer dieser Entwicklung.
Als der 25-jährige
Grundschullehrer-Referendar aus Münster 1970 der FDP beitrat, begann er
eine rasante politische Karriere. Zwei Jahre später saß er bereits
als Abgeordneter im Bundestag. Möllemann unterstützte den damaligen
FDP-Vorsitzenden und Außenminister Hans-Dietrich Genscher 1982 beim
Koalitionswechsel zur Union und wurde mit dem Amt eines Staatsministers im
Außenministerium belohnt. Später wurde er Bildungs- und danach
Wirtschaftsminister im Kabinett Kohl. In dieser Funktion war Möllemann
sogar zeitweilig Vizekanzler, musste aber 1993 aufgrund einer
Korruptionsaffäre zurücktreten.
Die FDP vertrat seit den achtziger Jahren
den marktliberalen Flügel der deutschen Politik und bezeichnete sich als
"Partei der Besserverdienenden". Als sie nach dem Ende der Kohl-Regierung in
der Wählergunst immer weiter absackte und bei einer Landtagswahl nach der
anderen an der Fünfprozenthürde scheiterte, begann Möllemann
seine "Kampagne 18%". Anfangs hielten Beobachter seine Ankündigung, er
wolle bei den Bundestagswahlen 2002 die Stimmen für die FDP verdreifachen,
für einen verrückten Werbegag. Doch schnell wurde klar, dass
Möllemann eine Konzeption hatte.
Er wollt die FDP für rechte
Wählerschichten öffnen. In ähnlicher Weise hatte Jörg
Haider in Österreich die ehemalige Schwesterpartei der FDP in eine offen
rassistisch und rechtsradikale Partei verwandelt. Auch in anderen
europäischen Ländern hatten zu dieser Zeit Rechtsparteien Konjunktur,
wie Venstre in Dänemark und die Liste Pim Fortuyn in den Niederlanden.
Möllemann schreckte nicht davor
zurück, auch antisemitische Töne anzuschlagen, um sein Ziel zu
erreichen. Wochenlang lieferte er sich eine Auseinandersetzung mit Michel
Friedman, dem Vize-Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Möllemann warf Friedman vor, er verschaffe mit seiner "intoleranten,
gehässigen Art" und seinem "unerträglichen, aggressiv-arroganten
Umgang" den Antisemiten in Deutschland Zulauf.
Gezielt vermischte er berechtigte Kritik an
der israelischen Regierung mit antisemitischen Andeutungen und distanzierte
sich nicht, als rechtsradikale Gruppierungen Beifall klatschten. Zwar war sein
Kurs in der FDP nicht unumstritten, aber der Wahlparteitag 2001 erklärte
die 18% zur offiziellen Strategie und Möllemann wurde Stellvertreter des
Parteivorsitzenden Guido Westerwelle.
Doch schon während des Wahlkampfs wurde
deutlich, dass einflussreiche Teile der politischen Elite in Deutschland sich
gegen die Verwandlung der FDP in eine rechtspopulistische Partei stellten. Die
Gründe dafür waren vielfältig. Zum einen war in Österreich,
Holland und Dänemark deutlich geworden, dass die Rechtparteien nur mit
außerordentlichen Schwierigkeiten unter Kontrolle gehalten werden konnten
und ihre Regierungsbeteiligung eher instabile Verhältnisse schuf. Zum
anderen wurde befürchtet, dass antisemitische Töne aus der Partei,
die über Jahrzehnte den Außenminister stellte, dem Ansehen des
Landes und vor allem den Exporten schaden könnten.
Noch wichtiger aber war die Angst, dass jede
Art von Populismus die unteren Gesellschaftsschichten in Bewegung bringen
könnte - was die politische Elite hierzulande panisch fürchtet. Seit
dem Ende des Kriegs hat sie sich mit Hilfe der reformistischen Bürokratien
bemüht, jegliche unabhängige Mobilisierung von Teilen der
Bevölkerung zu verhindern, beziehungsweise unter Kontrolle zu halten. Die
Angst, dass sich diese Kontrolle nicht aufrecht erhalten lässt, wenn die
Politik die Büros der Experten und die Redaktionsstuben verlässt und
die Strasse erreicht, ist weit verbreitet.
So kam es, dass die Kampagne gegen
Möllemann äußerst heftige Formen annahm, nachdem die FDP bei
der Bundestagswahl ihr Wahlziel weit verfehlt hatte. Im Wahlkampf hatte er ein
Flugblatt mit erneuten Angriffen auf die israelische Regierung und Michel
Friedman an Millionen Haushalte in Nordrhein-Westfalen verteilen lassen. Noch
in der Wahlnacht wurde die Frage der Finanzierung aufgeworfen. Auf Druck der
Parteiführung trat Möllemann unmittelbar nach der Wahl als
stellvertretender Vorsitzender zurück.
Im Oktober warf der Schatzmeister der
Partei, Günther Rexrodt, Möllemann angesichts der ungeklärten
Flugblattfinanzierung eine "wesentliche Verletzung" des Parteiengesetzes vor
und erzwang damit Möllemanns Rücktritt als FDP-, Landes- und
Fraktionschef in NRW.
Als die Parteiführung im November
Möllemann zum Parteiaustritt aufforderte, konterte dieser mit der
Ankündigung einer Partei-Neugründung. Daraufhin begannen hektische
Aktivitäten der Parteiführung in Zusammenarbeit mit der
Staatsanwaltschaft, die nicht anders bezeichnet werden können als eine
Vernichtungskampagne gegen den Politiker Möllemann.
Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft
leitete vier Ermittlungsverfahren ein: wegen des Verdachts auf
Steuerhinterziehung, Betrugs, Untreue und Verstoßes gegen das
Parteiengesetz. Keiner der bisher erhobenen Vorwürfe geht über das
bekannte Maß an Korruption hinaus. Selbst wenn die weitergehenden
Ermittlungen Gerüchte bestätigen sollten, dass Möllemann
über seine Verbindung zu arabischen Organisationen an
Waffengeschäften im Nahen Osten beteiligt war, übersteigt das kaum
die Größenordnung krimineller und halbkrimineller Machenschaften
anderer Politiker.
Otto Graf Lambsdorf, Ehrenvorsitzender der
FDP, ist seit Jahren wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilt.
Alt-Kanzler Helmut Kohl (CDU) weigerte sich standhaft, die Namen der Spender in
seine Schwarze Kasse zu benennen, und wurde im Leuna-Schmiergeldskandal stark
belastet - Verfahren eingestellt. Der hessische Ministerpräsident Roland
Koch (CDU) hat nachweislich das Parlament über seine kriminellen
Spendenpraktiken belogen - Verfahren eingestellt, usw.
Anders bei Möllemann: Im Februar wurde
er aus der Bundestagsfraktion ausgeschlossen und Mitte März kam er durch
Austritt einem Parteiausschluss zuvor. Zwei Wochen später kündigte er
erneut die Gründung einer eigenen Partei an. Am 5. Juni forderte die
Staatsanwaltschaft die Bundestagsleitung auf, die Entscheidung über die
Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Möllemann von 16.00 Uhr auf
11.00 Uhr vorzuverlegen. Mehr als 100 Beamte standen bereit, um sofort nach der
Entscheidung 25 Objekte in vier Ländern zu durchsuchen:
Abgeordnetenbüros, Geschäftsräume, Privatwohnung, Ferienhaus
usw. Es handelte sich um die größt Durchsuchungsaktion gegen einen
Politiker seit Kriegsende.
Eine Stunde nach dem einstimmigen
Bundestagsbeschluss zur Aufhebung seiner Immunität sprang Möllemann
in den Tod.
Dass dafür kein anderer, "nur er
allein" verantwortlich war, wie Thomas Kröter schreibt, sagt vor allem
etwas über den Autor, der an politischem Tiefgang nichts gewonnen hat,
seit er von der Tageszeitung zur Frankfurter Rundschau wechselte.
Ernsthaftere Zeitgenossen werden verstehen, dass der Tod Möllemanns ein
Schlaglicht auf den Zustand der politischen Verhältnisse wirft. |