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10. 6. 2003 von F. William Engdahl* Zeitfragen
Washington zwingt Irak unter Knute des IWF

Artikel 1: Zeit-Fragen Nr. 21 vom 10. 6. 2003

Mitten im anhaltenden Chaos des Nachkrieg-Irak wurde einer höchst bedenklichen Berufung durch die Regierung in Washington viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Während viele die möglichen grossen Wiederaufbauverträge für US-Unternehmen wie Halliburton oder Bechtel im Auge haben, spielt sich ein weit wichtigeres Drama ab, in dem es um die gesamte Richtung geht, die die irakische Wirtschaft unter der US-Besetzung nehmen soll.

Washington hat Peter McPherson zum finanziellen Koordinator des Büros für Wiederaufbau und humanitäre Unterstützung (OHRA) ernannt. Das OHRA ist das Büro, dem der ehemalige General Jay Garner vorstand, bis er letzten Monat unerwartet wegen seines rambo-artigen Herangehens an den Wiederaufbau entlassen wurde. Das OHRA wird jetzt vom gemässigteren Paul Bremer geleitet, dem ehemaligen Chef der Kissinger-Gesellschaft und einem engen Freund führender Neokonservativer &endash; wenn auch vielleicht weniger offensichtlich als der aggressive Garner.

Das Hauptaugenmerk Washingtons ist zurzeit darauf gerichtet, die ökonomische Kontrolle über den Nachkriegs-Irak herzustellen, um die Kriegsgewinne zu sichern.

McPherson wird eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung eines abgestuften ökonomischen Nachkriegsplans mit dem Titel «Die Entwicklung der irakischen Wirtschaft von der Wiederbelebung zum nachhaltigen Wachstum» spielen. Vor kurzem war dieser Plan durch einen Artikel im Wall Street Journal durchgesickert. Der Plan wurde vom US-Finanzministerium zusammen mit der Agentur für internationale Entwicklung des Innenministeriums (USAID) entwickelt. Es ist kein Zufall, dass McPherson, der Mann, der von Washington ausgewählt wurde beim «Umbau des (irakischen) Finanzministeriums, der irakischen Zentralbank und des Bankensystems» zu helfen, selbst ehemaliger Chef der USAID unter Ronald Reagan ist.

Der Konsens zwischen IWF und Washington

Was bedeutet es, dass ein Mann von USAID das lebenswichtige Bankwesen, den zentralen Bankverkehr und sämtliche Finanzfunktionen des wiederauferstehenden Irak beaufsichtigt? Die Rolle von USAID ist, jenes Standardrezept anzuwenden, das den Irak zwingen wird, sich dem IWF-System, dem Kernstück des nach 1982 entwickelten Dollarsystems, anzuschliessen. Wenig verstanden wird die zentrale Rolle, die der IWF in den letzten zwei Jahrzehnten für die Unterstützung des globalen Dollarsystems &endash; die finanzielle Seite der Pax Americana &endash; spielte: für den Dollar als der Stütze der amerikanischen Macht und ihrer Rolle in der Welt. Auf diesen neuen Prozess wird häufig ein wenig ungenau als «Globalisierung» bezug genommen. Er hatte seine Wurzeln in den während der achtziger Jahre hervortretenden Schuldenkrisen verschiedener Märkte. Hier wurde der IWF durch Washington unter Zustimmung anderer führender Industrienationen einschliesslich Frankreichs, Deutschlands und Japans eingesetzt, um Schuldnerstaaten wie Brasilien, die Türkei oder Algerien zu zwingen, sich den rauen IWF-Bedingungen zu unterwerfen, indem man diesen Ländern drohte, dass sie nie einen Penny der Auslandsanleihen erhalten würden, es sei denn, sie zeigten eine «verantwortliche Regierungspolitik» zur Rückerstattung ausländischer (Dollar) Schulden.

Die Richtlinien, unter denen Washington diesen Prozess mit dem IWF und seiner Schwester, der Weltbank, betreibt, werden der «Washingtoner Konsens» genannt. Er besteht aus einer Folge von Schritten, die der IWF den Opferländern auferlegt, um sie zu zwingen, ihre Währung radikal abzuwerten. Das macht umgekehrt deren Exporte in der industriellen Welt spottbillig und zwingt das Land, verzweifelt immer mehr zu exportieren, um seinem Schuldendienst bei den ausländischen Gläubigern nachkommen zu können. Weil die Schulden sich in Dollar belaufen, muss das Land seine gesamte Wirtschaft auf den Dollarexportmarkt hin umorientieren. Dies wiederum verursacht eine globale Nachfrage nach Dollars, was den Vereinigten Staaten ermöglicht, ihre eigenen fast dauerhaften Handelsdefizite, die grösser sind als das BIP der meisten Länder, zu verwalten. Nur das US-Finanzministerium und die Federal Reserve Bank haben als einzige in der ganzen Welt die Fähigkeit, neue Dollar zu drucken. So lange, wie immer mehr Wirtschaftssysteme in den IWF-Washington-Konsens hineingezwungen werden, ist dem Dollar eine zunehmende Unterstützung sicher.

Der Irak hat ganz spezielle Ressourcen, die er in diesen IWF-Prozess einbringen kann. Wenn wir von einer dauerhaften US-Besetzung ausgehen, hat der Irak das Potential, innerhalb der kommenden vier bis sieben Jahre einer der Hauptproduzenten der Welt auf dem Ölsektor zu werden und innerhalb eines Jahrzehnts sogar mehr zu produzieren als Saudi-Arabien. Dies bedeutet eine potentielle Summe von 10 Milliarden jährlich aus Ölexporteinkommen für die irakische Zentralbank und das Finanzministerium. Kein Wunder, dass die beiden Bereiche, über die Washington sofort die Kontrolle übernahm, das Ölministerium und die Zentralbank waren. Diese Kombination gibt Washington die Kontrolle über alle Schlüsselbereiche der irakischen Wirtschaft. Der IWF wird zusammen mit der Weltbank dazu benutzt, dem Irak den «Wirtschaftsaufschwung» à la McPherson aufzuzwingen.

Wie wird der Wiederaufbau aussehen?

Der durchgesickerte Plan des US-Finanzministeriums umreisst die Vorhaben für das kommende Jahr im Irak, die die Privatisierung staatseigener Betriebe, einschliesslich der Ölindustrie, umfassen, die Einrichtung einer «Weltklasse-Börse» (sic) und die Einführung einer Mehrwertsteuer auf Verbrauchsgüter sowie eine neue irakische Währung vorsehen.

Es überrascht nicht, dass es sich dabei um genau jenes Programm handelt, das die USA und die Weltbank/IWF gerade in Kasachstan eingeführt haben, wo man grosse Hoffnungen in bezug auf riesige neue Ölreserven hegt und US-Ölfirmen, von Chevron/Texaco angeführt, in grossem Stil investieren. Es ist auch das Wirtschaftsprogramm, das in Kroatien, in Kosovo, in Polen, in Ungarn, in Mazedonien und anderswo implementiert wird, wo von Washington und seinen Verbündeten die «freie Marktwirtschaft» ausgerufen worden ist. Das Schema beginnt damit, dass die Weltbank und der IWF von dem jeweiligen Land verlangen, ein sogenanntes «strukturelles Anpassungsprogramm» zu schaffen. Das bedeutet unweigerlich die Privatisierung von staatlichen Industriebetrieben, die häufig an Ausländer übergehen und notwendige allgemeine Dienstleistungen in private, profitorientierte Firmen verwandeln.

Die neue irakische Währung wird fest an den Dollar gebunden sein. Eines der Probleme mit Saddam Hussein war nach Ansicht Washingtons, dass er versuchte, sich gegen das Dollarsystem zu sträuben, indem er das irakische Öl für Nahrungsmittel-Programm nicht in Dollar, sondern in Euro, abrechnete, etwas, was die anderen Ölländer wie der Iran und Indonesien mit wachsendem Interesse beobachteten, weil der Dollar im Wert fiel (vgl. Zeit Fragen, Nr. 20 vom 2. Juni).

Die Weltbank arbeitet mit dem Londoner Adam-Smith-Institut zusammen, einem Think tank aus der Thatcher-Ära, der sich radikal der freien Marktwirtschaft verschrieben und vorgeschlagen hat, das irakische Öl sowie die staatliche irakische Pension durch private Kapitalfonds zu ersetzen, ein System, in dem vermutlich eine «Weltklasse-Börse» eine Schlüsselrolle spielen soll.

Der durchgesickerte Plan des US-Finanzministeriums fordert, dass die Privatisierungsoffensive im Juli beginnen und die kommenden drei Jahre fortdauern soll, begleitet von einer Propagandakampagne, die die Iraker überzeugen soll, dass dies in ihrem besten Interesse sei. Es wird immer klarer, was Washington meint, wenn es davon spricht, den Irak zum «Modell» einer demokratischen Marktwirtschaft für andere Wirtschaftssysteme des Nahen Ostens zu machen. Diejenigen, die dazu Fragen haben, sollten einmal das Strafregister des IWF bei der Zerstörung von Industrien und Wirtschaftssystemen vieler exkommunistischer Staaten in den neunziger Jahren zurückverfolgen.

In weiteren Artikeln werden wir im Detail der Frage nachgehen, wie der IWF dazu dient, den Kurs des Dollarsystems und der Pax Americana in den letzten Jahrzehnten zu kontrollieren. Der Schlüssel zu all dem ist die Schaffung von milliardenschweren unzahlbaren Dollarschulden.

F. William Engdahl hat in den USA Politische Wissenschaften und Wirtschaftswissenschaften studiert. International bekannt wurde er durch sein Buch «Mit der Ölwaffe zur Weltmacht» (2. Auflage 2002), in dem er die politökonomischen Hintergründe der Machtpolitik im 20. Jahrhundert darstellt (vgl. die Buchrezension in Zeit-Fragen Nr. 19 vom 25. Mai).


«Washington-Konsens»

Der «Washington-Konsens» ist im wesentlichen ein Einsparungsprogramm, das der IWF den überschuldeten Ländern vorschreibt. Die dadurch erzwungene «Strukturanpassung» zielt vor allem darauf ab, sicherzustellen, dass das Schuldnerland seine Schulden abzahlen kann, indem die Ausfuhren erhöht werden. Die geforderten Massnahmen umfassen unter anderem:

  • Verminderung der öffentlichen Schulden, zum Beispiel durch Subventionsabbau und Kürzung der Staatsausgaben, etwa durch Entlassungen
  • Zinserhöhungen, um ausländisches Kapital anzulocken und Kapitalflucht zu vermindern
  • Liberalisierung des Aussenhandels und Abbau von Handels- und Investitionshindernissen
  • Abwertung der einheimischen Währung
  • Privatisierung staatlicher Unternehmen und Einrichtungen
  • Deregulierung der Wirtschaft, also weniger staatliche Kontrolle und Massnahmen zum Schutz einheimischer Unternehmen
  • deutliche Senkung der Inflationsrate.

Quelle: Uwe Hoering. IWF und Weltbank, 1999, Lamuv-Verlag, Göttingen, ISBN 3-88977-547-0

 

 


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