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Unfall,
Selbstmord oder Mord? Selbstmord ist die unwahrscheinlichste Variante für
den Todessprung von Jürgen Möllemann am 5. Juni.
In den ersten Medienberichten und Politikerkommentaren
über seinen tödlichen Fallschirmabsprung wurde der Eindruck erweckt,
Jürgen Möllemann habe Selbstmord begangen. Man versuchte einen
Zusammenhang herzustellen mit einer breit angelegten, staatsanwaltschaftlichen
Durchsuchungsaktion von Büro wie Privatwohnung Möllemanns wegen
Verdachts auf Steuerhinterziehung. Das grüne Licht dafür wurde kurz
vorher gegeben, durch ein Votum des zuständigen Gremiums des Bundestages,
das die parlamentarische Immunität des (parteilosen) Abgeordneten
Möllemann aufhob. Es wurde suggeriert, Möllemann habe in einer
für ihn auswegslos erscheinenden Lage den plötzlichen Entschluß
zum Freitod gefaßt.
Spätere Medienberichte stellten dann aber Parallelen
her zum Fall Uwe Barschel, allerdings mit dem Zusatz, wie damals werde auch
diesmal "niemals die ganze Wahrheit ans Licht kommen". Jedenfalls glauben viele
Bundesbürger weder, daß Barschels Tod "Selbstmord" war, noch glauben
sie dies im Falle Möllemanns.
Vor beiden Todesfällen gab es eine breite Hetzjagd der
Medien, die über Wochen und Monate hinweg geführt wurde, mit dem
Ziel, den Angegriffenen als Mann dunkler Machenschaften erscheinen zu lassen.
Über ein Jahr lang war Möllemann Ziel einer solchen Rufmord-Kampagne,
die sich im übrigen um die "Steuerhinterziehungen" erst kümmerte,
nachdem er sich durch monatelange Unterstellung des "Antisemitismus" nicht
mundtot machen ließ. Angefangen hatte die ganze Kampagne nach
Äußerungen Möllemanns zu Beginn des Jahres 2002 gegen die
Kriegspolitik der Bush-Regierung und gegen die Besatzungspolitik der Regierung
Scharon in Palästina.
Für eine Friedenslösung im Nahen
Osten
Kritische Äußerungen zur
Konfrontationsstrategie der USA gegen den Islam hatte Möllemann bereits
kurz nach dem 11. September 2001 vorgebracht. Lange vor dem Kriegsaufmarsch der
USA gegen den Irak hatte er wiederholt die amerikanische Politik der
Wirtschaftssanktionen gegen die irakische Bevölkerung scharf attackiert.
Dies, und die von ihm immer wieder geäußerten Befürchtungen,
durch Leute wie Bush, Rumsfeld und Scharon würde der Westen in einen
Religionskrieg mit dem Islam getrieben, war durchaus keine
Außenseitermeinung Möllemanns, sondern entsprach der Meinung des
überwältigenden Teils der Bevölkerung, wie sich an der
Zustimmung der Bundesbürger für das "Nein" der Regierung zum
Irakkrieg zeigte.
Obwohl selbst eine Mehrheit der FDP ihm zugestimmt haben
dürfte, nahm die Parteispitze Ende September die sogenannte
"Flugblattaffäre" zum Vorwand für ein Ausschlußverfahren gegen
Möllemann. Jenes von Möllemann mit eigenständig beschafften
Mitteln finanzierte und in der letzten Bundestagswahlkampfwoche verteilte
Flugblatt enthielt übrigens überhaupt nichts "Antisemitisches", wie
ihm von Hauptgegnern wie Michel Friedman unterstellt wurde.
Im Flugblatt stand lediglich: "Jürgen W.
Möllemann setzt sich seit langem beharrlich für eine friedliche
Lösung des Nahost-Konflikts ein: mit sicheren Grenzen für Israel und
einem eigenen Staat für die Palästinenser. Israels
Ministerpräsident Ariel Scharon lehnt einen eigenen
Palästinenserstaat ab. Seine Regierung schickt Panzer in
Flüchtlingslager und mißachtet Entscheidungen des
UNO-Sicherheitsrates. Michel Friedman verteidigt das Vorgehen der
Scharon-Regierung. Er versucht, Scharon-Kritiker Jürgen W. Möllemann
als anti-israelisch und anti-semitisch abzustempeln. Von diesen
Attacken unbeeindruckt, wird sich Jürgen W. Möllemann auch weiterhin
engagiert für eine Friedenslösung einsetzen, die beiden Seiten
gerecht wird. Denn nur so kann die Gefahr eines Krieges im Nahen Osten gebannt
werden, in den auch unser Land schnell hineingezogen werden könnte."
Wie Möllemann in seinem Buch Klartext andeutete,
wurde seit Westerwelles Israel-Besuch im Mai 2002 wiederholt Druck aus Kreisen
des israelischen Geheimdienstes Mossad auf die FDP-Spitze ausgeübt, sich
von Möllemann zu trennen. Es sollte offensichtlich verhindert werden,
daß er in einer künftigen Berliner Regierungskoalition mit
Beteiligung der FDP ein führendes Amt erlangt. Der Ausschluß aus der
FDP-Bundestagsfraktion kam im Februar, der Austritt Möllemanns aus der FDP
im März 2003. Die Medienkampagne gegen ihn ebbte dann ab, ohne jedoch ganz
eingestellt zu werden.
FDP-Politiker bezweifeln die
Selbstmordthese
Wie Möllemanns enger, loyal zu
ihm stehender Freund Wolfgang Kubicki, FDP-Vorsitzender in Schleswig-Holstein,
in Interviews kurz nach der Todesmeldung am 5. Juni mitteilte, war der
gesundheitliche Zustand und die juristische Lage Möllemanns besser als
noch einige Wochen zuvor.
Mit Kubicki hatte Möllemann noch zwei Stunden vor
seinem tödlichen Sprung telefoniert und sich für ein Zusammentreffen
nach Pfingsten verabredet. Außerdem plante Möllemann, wie er in
einem erst nach seinem Tod am 8. Juni veröffentlichten letzten
Interview mit der Welt am Sonntag sagte, eine Rückkehr in die
Politik. Er wollte auch eine Stiftung für den Dialog der Kulturen
gründen, die von Vertretern der christlichen, muslimischen und
jüdischen Religionen getragen werden sollte. Anzeichen für eine
depressive Stimmung oder gar eine Selbstmordabsicht waren dies mit Sicherheit
nicht.
Gegen die Selbstmordthese äußerte sich auch Hans
Dietrich Genscher, der langjährige Bundesaußenminister, mit dessen
Unterstützung Möllemann seit seinem FDP-Eintritt 1970 seinen Weg nach
oben machte. Möllemann war Bundesbildungsminister (1987-1991), dann
Bundeswirtschaftsminister (1991-1993) und nach Genschers Rücktritt 1992
ein Jahr Vizekanzler. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk am
6. Juni sagte Genscher: "Ich habe natürlich auch die Meldungen
gehört und im Fernsehen diejenigen gesehen, die mit ihm gesprungen sind
und sich auskennen mit dem Fallschirmspringen. Da können solche
Vermutungen naheliegen. Mir will das aber nicht recht ins Bild passen, das ich
von Jürgen Möllemann habe, denn er war eine Kämpfernatur... In
das Bild eines solchen Menschen paßt schlecht die Vorstellung, daß
er dann plötzlich gesagt hat: Nein, ich will nicht mehr kämpfen. Das
paßt für mich nicht zusammen." Außer Genscher
äußerten auch die Landesvorsitzenden der FDP in Schleswig-Holstein,
der bereits erwähnte Wolfgang Kubicki, und in Rheinland-Pfalz, Rainer
Brüderle, in Interviews am 5. und 6. Juni Zweifel an der These vom
Selbstmord.
Dies allein ist schon ein großer Unterschied zu den
Stunden und Tagen unmittelbar nach dem Tod von Uwe Barschel. Eine systematische
Vertuschung von oberster Stelle, wie sie damals zumindest für eine Zeit
nach Barschels Tod nahezu lückenlos gelang, ist somit heute im Falle
Möllemanns nicht mehr möglich. Bemerkenswert ist weiterhin, daß
der Bundeskanzler selbst in einer persönlichen Todesanzeige im Namen der
Bundesregierung ausdrücklich die politischen Verdienste Möllemanns
als früherer Bundesminister und Vizekanzler würdigte und ihm ein
"bleibendes Andenken" zusicherte. Über die mutmaßliche Todesursache
sagte Schröder dort nichts, seine Anzeige deutet jedoch an, daß der
Tod Möllemanns als ein Ereignis, das die deutsche Politik an höchster
Stelle trifft und betrifft, verstanden wird.
Was geschah während des Sprungs?
Es stellt sich nun die Frage, ob
dieser Effekt beabsichtigt war, ob jemand durch ein Ausschalten Möllemanns
der Bundesregierung und der politischen Elite Deutschlands eine "Warnung"
zukommen lassen wollte. Es gibt durchaus Hinweise dafür, daß der Tod
Möllemanns das Resultat von Sabotage oder einer anderen Einwirkung von
außen sein kann: Einer der Augenzeuge gab an, Möllemann habe
unüblicherweise seinen Hauptfallschirm nicht erst bei 800 Metern
Höhe, sondern schon bei 1500 Metern geöffnet; zwei Teile des
Hauptfallschirms wurden trotz intensiver Suche in der Umgebung des
Aufschlagspunkts nicht gefunden und lagen für die technische Begutachtung
gar nicht vor. Die Automatik des Notfallschirms, die sich eigentlich nach dem
Ablösen des Hauptfallschirms hätte aktivieren müssen, konnte von
Möllemann (falls er dies vorgehabt hätte...) selbst schwerlich
ausgeschaltet werden, sie ist nämlich im Rückenbereich angebracht.
Die Automatik müßte sogar bei Bewußtlosigkeit oder
plötzlicher Lähmung des Springers eigentätig arbeiten.
Außerdem hatte Möllemann am 16. August 2002 während des
Bundestagswahlkampfs bei Bremen einen vergleichbaren "Unfall", als sein
Hauptfallschirm riß, sich um ihn wickelte und ihn ins Trudeln brachte.
Als erfahrener Springer gelang ihm damals, den Schirm zu kappen, somit die
Notschirmautomatik zu aktivieren und mit einigen Blessuren zu landen.
Für die Ereignisse des 5. Juni 2003 ergibt sich
als vorläufiges Bild eher folgende Rekonstruktion: Als der Hauptschirm
sich früher öffnete als vorgesehen, vermutete Möllemann eine
Fehlfunktion und versuchte, eine Umwicklung und gefährliches Trudeln wie
am 16. August durch Kappen des Schirms zu vermeiden. Spätestens bei
300 oder 400 Metern Höhe jedoch hätte sich der Notschirm öffnen
müssen, dafür ist die Automatik eben programmiert. Am 5. Juni
funktionierte diese Automatik aber nicht.
Mit Möllemann starb ein Politiker, der nicht zuletzt
nach 22 Jahren führender Tätigkeit in der Deutsch-Arabischen
Gesellschaft das geopolitische Terrain des Nahen Osten und des Persischen Golfs
genau kannte und somit auch die Absichten und Möglichkeiten gewisser
Gruppierungen in den anglo-amerikanischen Eliten - über die er sich in
seinem Buch Klartext andeutungsweise äußerte.
Rainer
Apel |