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KRIEGSFIXIERT
ODER FRIEDENSORIENTIERT [*] Der Golfkrieg hat ein weiteres Mal gezeigt, dass es auch
kritischen Journalisten schwer fällt, weniger über den Kampf, als
vielmehr über den Konflikt zu berichten
"Wipeout!" -
"Ausgelöscht!" Nicht gerade pietätvoll äußerte sich die
New York Post am 26. März auf Seite eins über 300 irakische
Kämpfer, die während des Vormarschs der US-Truppen auf Bagdad ihr
Leben verloren hatten. Auch sechs Tage vorher trompeteten die Frühausgaben
von The Times und Boulevardschwester The Sun unzweideutig heraus, dass sich ihr
amerikanischer Eigentümer Rupert Murdoch einen ähnlich
kompromisslosen Umgang mit dem irakischen "Feind" wünscht: "Show them no
pity: they have stains on their souls" ("Zeigt ihnen keine Gnade: sie haben
Schandflecken auf ihren Seelen") - in beiden britischen Zeitungen wurde diese
unheilvolle Order eines britischen Kommandeurs an die Seinen zur Schlagzeile
aufgeblasen.
Derlei martialische und latent kriegsverherrlichende
Berichterstattung war kein Einzelfall. Während viele amerikanische und
britische Zeitungen - darunter auch einige renommierte
Qualitätsblätter - schon lange vor den eigentlichen Kriegshandlungen
eifrig die Kriegstrommeln rührten und ungeniert einen Hurrapatriotismus
herbeischrieben, machten sich US-Fernsehstationen, allen voran die beiden
Fox-Kanäle, als Cheerleader um den - so deklarierten - "gerechten"
Bush-Krieg verdient: Propagandistische Zuspitzungen nach dem
Freund-Feind-Klischee beherrschten den angloamerikanischen Mediencocktail aus
Showdown, Militainment und Sportreport. Über die weltweiten
Friedensdemonstrationen und die gewaltfreien Lösungsansätze der
Kriegsgegner erfuhren die Amerikaner indes kaum etwas.
Doch selbst im
kriegsunwilligen Deutschland tobte eine publizistische Schlacht um Bilder,
Auflagen und Quoten. Bereits im Vorfeld des 20. März konnte man vereinzelt
beobachten, wie großzügig Sendezeiten freigeschaufelt wurden und der
Anteil an Nachrichten und Sondersendungen sprunghaft anstieg. Countdowns
zählten ungeduldig die Tage bis Kriegsbeginn (n-tv), Web-Cams brachten
Fernsehzuschauern den nächtlichen Bombenhimmel von Bagdad live ins
Wohnzimmer und mit aufwändigen Computeranimationen und detailverliebten
Info-Grafiken - "Was Waffen kosten - Amerikas Arsenal" (Stern) - waren auch
deutsche Vor-Kriegsberichte zeitweilig mehr kriegsfixiert denn
friedensorientiert.
Als dann die Gefechte begannen, taten die
Propaganda-Abteilungen des US-Militärs ihr übriges, um die mythischen
Erzählungen des Medien-Mainstreams vom heldenhaften Aufmarsch im
Schurkenstaat Irak zu vertiefen - und erfanden eine völlig neue Variante
der PR-gesteuerten Kriegsberichterstattung: das embedding. Die
Fraternisierungsstrategie von Soldaten und "eingebetteten Journalisten" ging
auf: Ihre Frontberichte verdrängten in den ersten Kriegstagen
glaubwürdige Hintergrundinformationen und gründliche Analysen.
Unabhängige Einordnungen und Interpretationen der Geschehnisse waren -
wenn überhaupt - fortan nur noch von nicht-eingebetteten Kollegen wie
Stephan Kloss (ARD) und Antonia Rados (RTL, Bild) zu erwarten, die unterdessen
steile, allerdings äußerst fragwürdige
Selbstvermarktungskarrieren als Starreporter durchliefen. Und die teilweise
heroisierenden Fotostrecken in einschlägigen Magazinen (Focus, Stern)
zeichneten bisweilen ein angeblich unzensiertes, in jedem Fall ziemlich
gewaltorientiertes Bild des Krieges.
Der jüngste Krieg am Golf habe
den Medien eine "seltsame Ambivalenz beschert", findet NDR-Intendant Jobst
Plog. Auf dem 40-jährigen Weltspiegel -Jubiläum in Hamburg sagte
Plog, diese ersten Live-Bilder von einem Krieg hätten der
Berichterstattung zwar den Schein besonderer Authentizität verliehen. Aber
gleichzeitig sei das Kampfgeschehen in den Vordergrund gedrängt worden.
Weil dieser Weg der schwierigste zur Wahrheit gewesen sei, "den Medien seit
langem gegangen sind", plädiert Plog für eine
Kriegsberichterstattung, die sich am Konzept eines Friedensjournalismus
orientiert, wie es der norwegische Friedensforscher und Träger des
alternativen Nobelpreises Johan Galtung entwickelt hat. Demnach sollten sich
Journalisten weniger für den Kampf als für den Konflikt dahinter
interessieren, also die Perspektive des Gegenübers stärker
mitberücksichtigen, sich mehr um Ursachen und Motive des Krieges
bemühen. "Das Bild vom Golfkrieg war damit in diesem Sinne gelegentlich
verkürzt", urteilt Plog, "auch und gerade dann, wenn breit berichtet
wurde, atemlos, ohne breite Informationsbasis."
Ausgerechnet Galtung,
der als Mitbegründer der Nachrichtenwerttheorie in Europa ausgewiesener
Medienexperte ist und dem wie keinem anderen bewusst sein muss, dass Kriege
einen besonders hohen Nachrichtenwert haben, fordert seit Anfang der neunziger
Jahre diesen Journalismus, der sich auf Hintergründe, Folgen und
Lösungsmöglichkeiten von Kriegen konzentriert. Aus seiner Sicht
sollten Journalisten häufiger über Friedensbemühungen und
alternative Konfliktlösungen berichten. Eine solche,
deeskalationsorientierte Berichterstattung würde außerdem Leiden und
Opfer aller Beteiligten benennen und an den Gemeinsamkeiten der Kriegsgegner
ansetzen. Das Pendant "gewaltorientierter Hassjournalismus", wie Galtung die
gängige Berichterstattung über Kriege nennt, stützt sich vor
allem auf die von ihm erforschten Nachrichtenwerte. Und propagiere oftmals
Krieg und Gewalt als einziges Lösungsmittel von Problemen. Dieser
Journalismus blende Hintergründe aus und konstruiere Feindbilder.
Gleichzeitig werde eine Wir-Sie-Dramaturgie aufgebaut, die Kampf und Sieg in
den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rücke.
"Wer
behauptet, Kriegsberichterstattung sei seit jeher ein hassorientierter
Gewaltjournalismus, hat in den letzten Wochen keine deutschen Zeitungen
gelesen", verteidigt Kai Diekmann, Chefredakteur und Herausgeber von Bild, die
deutsche Presse. "Alle Printmedien haben weitgehend sehr sachlich berichtet,
die Hintergründe beleuchtet, das Für und Wider erörtert und auch
den Opfern viel Raum gegeben", so Diekmann. Doch gerade Deutschlands
auflagenstärkste Tageszeitung verkündete nach Kriegsende stolz:
"Sieg. Saddam geschlagen! Jubel in Bagdad". Darunter abgebildet: ein Soldat im
Großformat mit der Unterzeile "Ja! Ein US-Soldat reißt auf seinem
Panzer triumphierend die Arme hoch, schreit seine Erleichterung über das
Ende des Kampfes heraus".
Peter Unfried, stellvertretender Chefredakteur
der taz, fühlt sich bei solchen Schlagzeilen an ein Fußballspiel
erinnert, "das ?wir? dann gewonnen hätten. Dahinter kann entweder
Dilettantismus stecken oder Strategie", sagt Unfried. ZDF-Chefredakteur
Nikolaus Brender beurteilt die Friedensjournalismus-These durchaus
selbstkritischer: "Zahlreich sind die Beispiele kriegsfördernder
Berichterstattung in Friedenszeiten und friedensstiftender Berichterstattung
über den Krieg", meint Brender. Guter Journalismus habe "immer den Frieden
im Sinn."
Doch mit dem Bemühen um breite Berichterstattung und dem
Frieden im Sinn alleine ist es nicht getan - zumindest nach Meinung einiger
Medienwissenschaftler: "Journalisten sind in der Perspektive der
Kriegsbeteiligten zwangsläufig Teil der Kriegsmaschinerie. Was sie tun,
ist folglich entweder Kriegs- oder Friedensjournalismus", behauptet
Mediensoziologe Friedrich Krotz von der Uni Münster. Auch Wilhelm Kempf
sieht dringenden Handlungsbedarf: dem Konstanzer Psychologen zufolge
beabsichtigt das akademische Projekt des Friedensjournalismus,
"friedenswissenschaftliche Erkenntnisse an Journalisten weiterzugeben und
für die journalistische Arbeit fruchtbar zu machen" - indem es die Rolle
der Medien als Katalysatoren von Gewalt kritisch hinterfragt. Ein wichtiges
Untersuchungskriterium sind für Kempf berufsethische Normen, wenn also
beispielsweise Journalisten in Kriegen ihre eigenen Professionsregeln und
-standards über Bord werfen, etwa, weil sie sich vom strategischen
Informationsmanagement der kriegführenden Nationen an der Nase
herumführen und sich auf deren militärische Ziele einschwören
lassen. Vermeintlicher Desinformation zu misstrauen und darüber hinaus auf
unnötig polarisierende, dramatisierende Darstellungen zu verzichten,
empfiehlt Friedensexperte Kempf daher als Richtlinien für eine
deeskalationsorientierte Konfliktberichterstattung.
Reflexartig tun
viele Journalisten solche wissenschaftlichen Empfehlungen als praxisfernen
Unfug ab: "Die Idee des Friedensjournalismus ist weltfremd und nicht
erstrebenswert", erklärt beispielsweise Peter Limbourg, Chefredakteur von
N24. Man könne "auch als Reporter nicht den Hunger in der Welt
bekämpfen, in dem man sich zum Nahrungsjournalisten erklärt." Martin
Bell, von 1965 bis 1997 Reporter der BBC in elf Kriegen, ist da ganz anderer
Meinung. Seine Idee des "Zuneigungsjournalismus" (Journalism of Attachment)
geht - wie der Friedensjournalismus - zwar ebenfalls davon aus, dass Medien in
Krisengebieten keinesfalls nur reine Beobachter sind, sondern durchaus als
vierte Waffengattung gelten. Doch der Zuneigungsjournalismus geht noch weiter:
Aus eigener Erfahrung, so Bell, empfände jeder Journalist automatisch eine
moralische Verantwortung für die Opfer, und zwar auf beiden Seiten des
Krieges. Journalisten seien letztlich auch nur Menschen, die sich
gegenüber Gut und Böse gar nicht neutral verhalten könnten,
sondern immer selbst emotional in Kriege involviert seien. Daher verlangt Bell,
Kriegsberichterstatter sollten aktiv gegen die Aggressoren von Konflikten
anschreiben und mit allen professionellen Mitteln einen etwaigen Friedenskurs
unterstützen. Bells Wunsch ist es, sozusagen ein publizistisches
Gegengewicht zur atemlosen Frontberichterstattung und Kriegspropaganda der
Militärs zu schaffen, etwa mit offen zugänglichen Nachrichtenpools.
Ein Zuneigungsjournalist würde seine Aufgabe darin sehen, für die
Kriegsopfer Partei zu ergreifen, um moralischen Druck auf die internationale
Staatengemeinschaft auszuüben.
Freilich ist die Frage, ob
Journalisten zur Kriegsprävention beitragen können, nicht weniger
umstritten als die, ob sie es überhaupt tun sollen. "Ein Journalist sollte
sich nie mit einer Sache gemein machen - auch nicht mit einer guten", war der
Leitsatz von Tagesthemen-Legende Hajo Friedrichs. Genauso sieht es
USA-Korrespondent Gerhard Spörl vom Spiegel : "Ich bemühe mich, den
Dingen auf den Grund zu gehen, egal, worüber ich schreibe. In jedem Fall
aber", so Spörl, "sind mir Ratschläge von Friedensforschern oder
Kriegsfreunden unwillkommen, die mehr Gesinnung erbitten." Doch gerade die
goldene Journalistenregel "be first, but first be sure" war im Irak leichter
gesagt als getan.
Die journalistische Sorgfaltspflicht in Kriegszeiten
könnte deshalb ebenso ein frommer Wunsch bleiben wie die gut gemeinten
Ratschläge von Akademikern. Denn erst kürzlich deckten
wissenschaftliche Studien der Columbia University und des Pew Institutes
Schwächen in der US-Berichterstattung über den vergangenen Krieg am
Golf als unmittelbare Folge der Medienstrategie des Militärs auf: Die
Berichte der eingebetteten Journalisten blieben größtenteils
anekdotenhaft, lieferten weder Einordnungen noch Interpretationen des
Kriegsgeschehens und zeigten insgesamt eine deutliche Tendenz zur
Kritiklosigkeit. Es ist fraglich, ob wissenschaftliche Studien über die
Irak-Kriegsberichterstattung in Deutschland tatsächlich andere Ergebnisse
zutage fördern.
Stephan Alexander Weichert ist
Medienwissenschaftler am Institut für Journalistik und
Kommunikationswissenschaft der Universität
Hamburg.
Schreiben für den Frieden - ein
Definitionsversuch
Friedensjournalismus ist: (1) Friedens- bzw.
konfliktorieniert, das heißt er untersucht die Konfliktursachen und Ziele
der Konfliktparteien; ist win-win-orientiert; konzentriert sich auf die
(unsichtbaren) Kriegsfolgen; liefert eine präventive, einfühlende
Berichterstattung. (2) Wahrheitsorientiert, das heißt er entlarvt
Unwahrheiten und Lügen auf allen Konfliktseiten. (3) Menschenorientiert,
das heißt er fokussiert das Leiden aller (auch Frauen, Alte, Kinder) und
gibt ihnen eine Stimme; benennt alle, die Unrecht tun; lenkt den Blick auf alle
Friedensstifter im Volk. (4) Lösungsorientiert, das heißt er
versteht Frieden als Gewaltfreiheit plus Kreativität; konzentriert sich
auf Strukturen, Kultur und die friedliche Gesellschaft; berichtet über
Folgen des Krieges (Lösung, Wiederaufbau, Versöhnung); stellt
Friedensinitiativen und Konfliktlösungen heraus, um neue Kriege zu
verhindern.
Gewaltjournalismus ist: (1) Kriegs- und gewaltorientiert,
das heißt er polarisiert (Wir-Sie-Gegenüberstellung); konzentriert
sich auf Kampf und sichtbare Folgen von Gewalt; ist nullsummenorientiert;
stellt Krieg als Lösung von Problemen dar; liefert eine reaktive,
objektivierende Berichterstattung. (2) Propagandaorientiert, das heißt er
entlarvt ausschließlich Unwahrheiten der "Gegner" bzw. der "Anderen". (3)
Elitenorientiert, das heißt er fokussiert Leiden einseitig; benennt nur
gegnerisches Unrecht; ist Sprachrohr von Eliten; schaut auf Friedensstifter der
Elite. (4) Siegorientiert, das heißt er versteht Frieden als Sieg plus
Waffenstillstand; verheimlicht Friedensinitiativen, solange kein Ergebnis in
Sicht ist; konzentriert sich auf Abkommen, Institutionen und die kontrollierte
Gesellschaft; vernachlässigt die Nachkriegsphase; berichtet erst über
Folgen, wenn Krieg wieder aufflammt.
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