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19.06.2003 von Naseer Aruri
Übersetzt von: Andrea Noll
ZNet
Die Roadmap kollabiert
Vergangene Woche wunderten sich Kommentatoren der US-Mainstream-Medien, wie schnell die "Hoffnungsbegeisterung" des von Bush einberufenen "Friedens"-Gipfels für Nahost in erneute Gewalt umschlug. Aber im Grunde war die von den USA unterstützte "Roadmap" für Frieden von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Mehr als 10 Jahre erlebten die Palästinenser, wie ihre Führer Konzessionen eingingen, im Verlauf des gesamten Osloer "Friedens"-Prozesses - mit den USA als Vermittler. Nur wenige Palästinenser sind daher der Ansicht, die Roadmap vertrete ihre Interessen. Gleichzeitig hat Israel dieses Jahrzehnt genutzt, um die Schaffung eines künftigen palästinensischen "Gebildes" hinauszuzögern. Stattdessen schuf Israel "Fakten vor Ort", in Form eines riesigen Netzwerks an Siedlungen nur für Juden. Sie durchziehen das gesamte Besetzte Gebiet, mit dem Ziel, einen lebensfähigen Palästinenserstaat zu verhindern. NASEER ARURI ist Autor zahlreicher Bücher (z.B.: 'Dishonest Broker: America's Role in Israel and Palestine'). Über die Wurzeln des Konflikts unterhält er sich hier mit ERIC RUDER von 'Socialist Worker':

Ruder:

Verkörpert die Roadmap für Palästinenser tatsächlich einen wichtigen Durchbruch - wie es die Mainstream-Medien suggerieren?

Aruri:

Nein. Hier wurde den Palästinensern in keinster Weise etwas angeboten, was sich substantiell von früheren von den Amerikanern vorgelegten Plänen unterscheidet. Auf den ersten Blick erscheint die sogenannte Roadmap zwar entscheidend besser als ihre Vorgängerprojekte - Oslo, vor allem - ich betone aber, "auf den ersten Blick". In Oslo damals hatte man bestimmte Begriffe, so scheint es, bewusst weggelassen: 'Besatzung', 'souveräner Palästinenserstaat', 'zusammenhängender Palästinenserstaat', 'Endstufe' - all diese Begriffe, die man in Oslo ausgespart hat, sind in der jetzigen Roadmap enthalten. Aber das alles ist eine Frage der Interpretation. Nehmen wir nur die Interpretation, die, wie wir wissen, Scharon dem Wort 'Staat' zugrundelegt - im Gegensatz zu dem, was Bush unter 'Staat' versteht. Zweitens die Frage, erlauben die vor Ort geschaffenen Fakten den Palästinenser überhaupt noch, zu erhalten, was die Roadmap ihnen verspricht - einen zusammenhängenden Staat beispielsweise? Sieht man sich eine echte Landkarte an, eine, in die die Fakten vor Ort eingetragen sind, so erkennt man, dass sie sich mit einem "lebensfähigen Staat" - auch so ein Begriff aus der Roadmap - nicht vertragen. Im Grunde reden wir in der Westbank von 3 großen Bantustans und 64 Clustern - fragmentiert und unzusammenhängend. Hinzu kommt die Mauer, die Israel errichten lässt. Sie erstreckt sich über mehr als 300 km. Sie wird größer und länger sein als selbst die Berliner Mauer. Sie durchschneidet palästinensisches Land, raubt viel von den Obst- und Gemüsegebieten der Westbank. Und sie macht sich auf 82 Prozent der Wasserressourcen der Westbank breit. Also erleben wir hier einen Prozess der ethnischen Säuberung, der Landeroberung, er findet jetzt im Moment statt. Aber all dies kam nicht zur Sprache - weder in der Roadmap noch beim Gipfel am 4. Juni in Akaba.

Ruder:

Hat diese Entwicklung - "Fakten vor Ort" - die mit Beginn des Osloer "Friedens-"Prozesses 1993 einsetzte, es für Scharon 'sicherer' gemacht, bzgl. der Roadmap zu einer Rhetorik der Versprechungen zu greifen - 'sicherer' in dem Sinne, dass er sowieso nie irgendetwas liefern muss?

Aruri:

So sieht es aus, ja. Sehen wir uns den sogenannten Friedensprozess seit den späten 60gern an. Motor dieses Prozesses war Geopolitik. Aber die Ungleichheit in der Machtverteilung brachte ihn ins Stottern. Und diese Macht-Ungleichheit ist heute noch viel kolossaler als damals während des Oslo-Prozesses. Jetzt, in den Nachwehen der Irak-Invasion, fühlen sich USA und Israel ohne Zweifel bestärkt, sie denken, sie hätten eine strategische Verschiebung bewerkstelligt - will heißen, Syrien und die übrigen arabischen Staaten sosehr eingeschüchtert, dass diese nicht länger auf den saudischen Plan vom Frühjahr 2002 beharren. Dieser Plan sieht die Anerkennung Israels durch die arabischen Staaten vor. Im Gegenzug müsste Israel sich aus den 1967 besetzten Gebieten zurückziehen. Meiner Ansicht nach glaubt Scharon, das alles gehöre einer Ära an, die längst vergangen ist - und jetzt seien neue Realitäten vor Ort geschaffen. Seit Oslo begann, also vor 10 Jahren, haben sich die (jüdischen) Siedlungen ja mehr als verdoppelt. Wenn man dies zugrundelegt und gleichzeitig den Druck bedenkt, den das Quartett (Europäische Union, Russland, UN u. USA) auf Amerika ausübte, denkt er (Scharon) wohl, es sei Zeit, einen neuen Plan sozusagen aus der Schublade zu ziehen, ihn auf den Tisch zu legen und so zu tun, als fände diplomatische Aktivität statt. In der Osloer Zeit sahen wir 7 Jahre lang ein So-tun-als-ob. Inzwischen hat Israel Fakten vor Ort geschaffen - Fakten, die es zusehends unwahrscheinlicher machten, dass eine Zwei-Staaten-Lösung Erfolg haben könnte. Und jetzt sehen wir einerseits ein Drehbuch, einen Rahmen und einen neuen Friedensplan, der sich herrlich liest - auf Papier. Tatsächlich aber kann er andererseits nicht umgesetzt werden - aufgrund der Machtverhältnisse und der vor Ort geschaffenen Fakten.

Ruder:

Aber weshalb hat sich Scharon augenscheinlich so willig in den Plan gefügt - um ihn dann mit einer Serie tödlicher Angriffe auf Hamas bzw. auf palästinensische Zivilisten wieder zu torpedieren?

Aruri:

Erstmal, Scharon hat sich nie wirklich 'willig in den Plan gefügt' - er stellte Bedingungen. Formell wurden diese Bedingungen durch sein Kabinett gestellt. Laut israelischer Presse gab es im letzten Jahr 100 solcher Bedingungen. Sie sind zusammenkomprimiert zu jenen 14, die man vor ein paar Wochen veröffentlichte. Sieht man sich diese 14 Abänderungen an - und Bush hat versprochen, sie sich genau anzusehen, was einer Aktzeptanz der meisten Punkte gleichkommen dürfte -, so fällt auf, die Palästinenser müssten auf ihr Rückkehrrecht verzichten, als Vorbedingung, damit überhaupt weiterverfahren wird, und die USA müssten das Quartett von jeglicher Überwachung (der Roadmap) ausschließen. Also hat Scharon die Roadmap zwar technisch gesehen akzeptiert aber nicht wirklich. Und noch etwas, er war vonseiten Bushs unter gewissen Akzeptanzdruck geraten. Bush seinerseits stand unter Druck, sich diplomatisch intensiver zu engagieren - wovor er bisher zurückgeschreckt war. Schließlich hatte er Bill Clinton damals scharf für sein Engagement kritisiert. Was wir hier erleben, ist ein Präsident, der zwar im Krieg auftrumpft, sich jetzt aber als Mann des Friedens profilieren will. Wir erleben im Grunde ein Bühnenstück - genauer, dessen Geräuschkulisse. Die "Roadmap" gehört zu dieser Geräuschkulisse, das ist keine Politik. Aus all diesen Gründen konnte Scharon schlecht weiter nein sagen. Lassen Sie mich noch eine Sache ergänzen. Seit langer Zeit sagt Scharon nein. Als die Roadmap im Herbst 2002 zum erstenmal veröffentlicht wurde, konnte er sie noch hinauszuzögern. Während eines Besuchs in Washington wurde Scharon von einem Korrespondenten der New York Times zu seiner Meinung bezüglich Roadmap befragt und antwortete: "Ich habe sie noch nicht mal gelesen". Und derselbe Mensch, der sie noch nicht mal las, schaffte es anschließend, sie mit der Begründung hinauszuzögern, in Israel stünden gerade Wahlen an. Also gab man ihm Zeit. Dann sagte Scharon, er brauche noch mehr Zeit, er müsse sein Kabinett bilden. Er formte sein Kabinett - was eine Weile dauerte -, und immer ging es mit der Roadmap nicht weiter. Die dritte Verzögerung bezog sich auf die Palästinenser, sie müssten gemeinsam handeln. Wir werden Jassir Arafat nicht länger akzeptieren - machte Bush in seiner Juni-2002-Ansprache klar - und Scharon. Gemeinsam schafften es Bush und Scharon, Arafat kaltzustellen, ihn bei dem ganzen Prozess außen vor zu halten. Und als dann die Zeit kam, einen Premierminister zu ernennen, nahmen die Palästinenser den Mann, den sowohl Washington als auch Israel wollte - Mahmoud Abbas. Alles in allem schaffte es Scharon, die Roadmap etwa fünf Monate hinauszuzögern. Aber irgendwann fielen ihm keine Gründe mehr ein für sein Nein. Also akzeptierte er sie provisorisch und bedingt - bevor er sie sabotierte.

Ruder:

Wie hängt der Aufstieg Abbas zum Premierminister mit dem Bemühen der USA zusammen, die Palästinenser zu Zugeständnissen zu zwingen?

Auriri:

Mahmoud Abbas, auch als Abu Mazen bekannt, ist ganz offensichtlich die Wahl der Amerikaner und Israelis. Das sollte uns an das Karzai-Regime in Afghanistan erinnern. Das ist genau die Art Modell, das auch die Neokonservativen und Likudniks applizieren wollen. Sie sehen in ihm (Abbas) praktisch den palästinensischen Karzai. Die Palästinenser sehen ihn nicht ganz so - aber ein Teil der öffentlichen palästinensischen Meinung, ein Segment, sieht ihn als die Wahl der Amerikaner und Israelis. Abu Mazen ist einer der Gründer der Fatah-Bewegung - so wie Arafat. Die beiden sind wohl die beiden letzten überlebenden Gründer. Alle anderen hat der Mossad getötet, der israelische Geheimdienst. Abu Mazen - beziehungsweise Abbas, wie er sich heutzutage lieber nennen läßt -, hält sich für einen Intellektuellen. Er ist kein wirklich machtgieriger Politiker - eher introvertiert - er benutzt keine blumige Sprache, fühlt sich in der Menge unwohl und mag keine Reden halten, und er verfügt auch nicht über eine unabhängige (Macht-)Basis wie Arafat. Seine jetzige Aufgabe wird ein Fußmarsch bergauf. Wenn man sich die Roadmap ansieht, fällt auf, die Schwelle der zu erbringenden Leistungen ist derart hoch angelegt, dass es für einen wie Abbas, mit so wenig Legitimität, fast unmöglich scheint, den Bedingungen nachzukommen. Man könnte auf den Gedanken verfallen, Scharon hat von Anfang an gewettet, Abbas schafft es nicht - und Bush wettet womöglich mit, dass er es nicht schafft, denn die Bedingungen sind praktisch unerfüllbar - wenn sich die Situation nicht ändert. Ironisch genug, aber ausgerechnet Scharon ist der Einzige, der Abbas noch stärken könnte, denn Scharon kann das Leben der Palästinenser unter der Belagerung normalisieren. In den letzten zweieinhalb Jahre mussten die Palästinenser ja wie die Ratten in Löchern hausen, sie konnten nicht mal von einem Dorf zum andern - nicht mal Ambulanzen - aufgrund der israelischen Checkpoints, die sich über die gesamte Westbank und Gaza erstrecken. Wenn Scharon sich also nicht dazu entschließt, Abbas in die Lage zu versetzen, die Bedingungen zu erfüllen, wird Abbas scheitern, die Roadmap zu erfüllen oder die schreckliche Perspektive ist, er wird zum Auslöser eines Bürgerkriegs unter den Palästinensern.

Ruder:

Abbas Popularitätsrate ist einstellig, während Hamas um die 40 Prozent Zustimmung erhält. Weshalb das?

Aruri:

Die Hamas ist populär, weil - anders als man das hier in den USA normalerweise weiß und im Gegensatz zu dem, was allgemein in den Mainstream-Medien zirkuliert -, Hamas eine Zwei-Staaten-Lösung will - Scharon will keine Zwei-Staaten-Lösung. Und die Leute in der Westbank fragen sich nach dem Gipfel von Akaba allmählich, ob Abbas sich wirklich einer solchen Zwei-Staaten-Lösung verpflichtet fühlt. Wird er nicht vielmehr bereit sein, einen "provisorischen" Palästinenserstaat zu akzeptieren - einen mit "provisorischen Grenzen" und (lediglich) "Attributen der Souveränität"? All diese Begriffe entstammen ja der Roadmap. Das ist der Unterschied. Nach seiner Rede in Akaba fragen sich die Leute, ob Abbas sich tatsächlich verpflichtet fühlt, sich für ihre Rechte starkzumachen. Schließlich erwähnte er die Rechte der Palästinenser nicht einmal, über den Terrorismus jedoch sprach er - es kam einem so vor, als hätte Bushs Redenschreiber seine Rede entworfen. Daher die Popularität der Hamas. Die Leute haben einfach das Gefühl, zumindest die Hamas bleibt konsequent und erwägt keine weiteren Kompromisse. Man ist am Endpunkt der Kompromisse angelangt - alles, was darüber hinaus geht, kann nicht zu Souveränität führen, nicht zu (territorialer) Kontinuität und nicht zu einem Leben in Würde.

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Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "
Breakdown Of The Roadmap"


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