Warum Michael Meacher gehen mußte.
Wachsender US-Druck in Sachen manipulierter Pflanzen Der Streit zwischen USA
und Europäischer Union um gentechnisch veränderte Lebensmittel ist
auch nach dem gemeinsamen Gipfel in Washington nicht beigelegt.
Spitzengespräche von Vertretern beider Seiten seien »nicht in die
richtige Richtung gegangen«, räumte EU-Handelskommissar Pascal Lamy
am Mittwoch (Ortszeit) nach Begegnungen mit US-Präsident Bush und weiteren
US-Regierungsvertretern ein. »Es gibt Differenzen, und wir haben noch
keinen Weg gefunden, damit umzugehen.«
George W. Bush sieht in
dem europäischen Moratorium für den Anbau gentechnisch
veränderter Pflanzen einen Wettbewerbsnachteil für amerikanische
Konzerne und droht mit einer Klage bei der Welthandelsorganisation WTO.
Ironischerweise dient er hiermit besonders den Interessen eines deutschen
Unternehmens: Die Leverkusener Bayer AG ist seit der Übernahme von Aventis
CropScience größter europäischer Anbieter von Genpflanzen und
selbst auf dem US-amerikanischen Markt die Nummer zwei.
Bereits in der
vergangenen Woche hatte dabei nach Angaben der britischen Zeitschrift Daily
Telegraph der Bayer-Konzern beim Sturz des britischen Umweltministers Michael
Meacher seine Finger mit im Spiel. Meacher, der als das »grüne
Gewissen« der Regierung galt, war als profunder Kritiker
genveränderter Nahrungsmittel bekannt und den Biotechnik-Firmen seit
langem ein Dorn im Auge. Dr. Paul Rylott, Direktor der Bayer-Tochterfirma
BioScience und zugleich Vorsitzender der einflußreichen
Industrievereinigung »Agricultural Biotechnology Council«, hatte
die Diskussion um Meacher mit heftiger Kritik entfacht. Da Premierminister Tony
Blair als uneingeschränkter Befürworter der Gentechnik gilt, hatte
die englische Presse daraufhin offen über einen Sturz des Ministers
spekuliert.
Meacher warf seinerseits in der jüngsten
Sonntagsausgabe des Independent dem Regierungschef vor, Hinweise auf Risiken
gentechnisch hergestellter Lebensmittel systematisch zu ignorieren und zu
vertuschen. »Niemand kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt garantieren,
daß gentechnische Nahrungsmittel sicher sind am allerwenigsten
Tony Blair«, so Meacher. Erst Anfang Juni hatte die britische Regierung
einen »Gentechnikdialog« initiiert. Dieser soll bereits in drei
Monaten eine Empfehlung darüber aussprechen, ob Großbritannien das
erste europäische Land wird, in dem gentechnisch veränderte Pflanzen
kommerziell angebaut werden dürfen. Die Entscheidung gilt, unabhängig
vom Ausgang des WTO-Verfahrens, als richtungsweisend für den Umgang der EU
mit Genpflanzen. Der »Gentechnikdialog«, der in ganz
Großbritannien Diskussionsrunden zum Thema organisiert, wird von einem
elfköpfigen Expertenteam geleitet mit von der Partie:
Bayer-Lobbyist Paul Rylott. Auch die Agriculture and Environment Biotechnology
Commission, die die britische Regierung über Risiken der Gentechnik
beraten soll, zählt Multifunktionär Rylott zu ihren Mitgliedern.
Axel Köhler-Schnura von der »Coordination gegen
Bayer-Gefahren« äußerte dazu: »Es ist kein Zufall,
daß der Gentechnikkritiker Meacher just in dem Moment geschaßt
wird, in dem über die Zukunft gentechnisch veränderter Lebensmittel
in England und in ganz Europa entschieden wird. Es ist erschreckend, daß
die Macht des Bayer-Konzerns auch in England groß genug ist, um
unliebsame Politiker auszubooten.«
Auch Tony Jupiter, Direktor
des größten britischen Umweltverbands »Friends of the
Earth«, kritisierte die Entscheidung Blairs: »Das Dialogforum zur
Zukunft der Gentechnik in der Landwirtschaft ist noch keine drei Wochen alt
und schon wurde der einzige Minister entlassen, der für ein
behutsames Vorgehen plädierte. Dieser Schritt nährt die
Befürchtung, daß sich die Regierung über Bedenken in der
Bevölkerung hinwegsetzt.« Die Mehrheit der britischen und
europäischen Bevölkerung lehnt Gentechnik in Nahrungsmitteln ab. Die
Bayer AG hingegen sitzt in den Startlöchern, um modifiziertes Getreide,
Raps, Mais und Soja auf den Markt zu bringen. |