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25.06.2003 Werner Pirker  Junge Welt
Bewaffnete NGOs 
Wenn das Baath-Regime unter der Wucht der anglo-amerikanischen Intervention erst einmal zusammengebrochen sei, werde eine Eruption der Freude den Irak erschüttern, hatten amerikanische Nahostexperten arabischer Herkunft vorausgesagt. Sie dürften schon sehr lange nicht mehr im Nahen Osten gewesen sein, und falls doch, dann hatten sie sich nur unter ihresgleichen und nicht auf der Straße umgehört. Nur unter den demoralisiertesten Schichten war Freude aufgekommen. Doch nicht über den Machtwechsel, sondern über das Machtvakuum, das nach dem ruhmlosen Abgang des Saddam-Regimes entstanden war. Nachdem die Museen geplündert waren, war es mit der Begeisterung vorbei. Nach dem Raubzug der Demokraten der ersten Stunde, die eine Umverteilung des Reichtums zu verheißen schien, begann erst die wirkliche Neuregelung der Macht- und Eigentumsverhältnisse.

Und die geht keineswegs reibungslos über die Bühne. War die Eroberung des Irak, vor allem die Einnahme Bagdads – auf Grund der inneren Zersetzung der Baath-Herrschaft – auf weniger Widerstand gestoßen als erwartet, so ist der sich nun entfaltende Widerstand gegen die Besatzer wesentlich heftiger als nach der Implosion der staatlichen Strukturen erwartet werden konnte. Aus den Trümmern des irakischen Staates erwachsen die NGOs des bewaffneten Befreiungskampfes.

Ölpipelines explodieren, US-Patrouillen werden in Gefechte verwickelt, der »Kugeln aus dem Nichts« werden täglich mehr. Die Besatzungsmacht reagiert mit Massenverhaftungen und versucht, das ihr schwer verständliche Phänomen einer irakischen Intifada mit der Bildung letzter Widerstandsnester des gestürzten Regimes zu erklären. Um Saddam Hussein ranken sich ähnliche Legenden wie um Osama bin Laden: Er soll in irgendeiner Höhle oder Dorfhütte die Apokalypse aushecken.

Zwar ist es nicht ausgeschlossen, daß sich am Kampf gegen die nationale Unterwerfung auch Basisaktivisten der Baath-Partei beteiligen, doch die organisierende Kraft des Volkswiderstandes ergibt sich sicher nicht aus den Überresten jener Nomenklatura, die schon beim Anblick des ersten amerikanischen Soldaten an den »Stadtmauern« von Bagdad das Weite gesucht hat. Die sich formierende nationale Befreiungsbewegung speist sich nicht aus nostalgischer Sehnsucht nach der Rückkehr eines für immer entfleuchten diktatorischen Regimes, sondern aus dem spontanen Demokratismus der Volksmassen, die Fremdherrschaft nicht zuzulassen, den angekündigten Demokratieexport mit eingeschlossen. Die Dechiffrierung der Floskel von der »Demokratisierung des Iraks und der Region« ergibt nichts anderes als Amerikanisierung, was den dauerhaften Verzicht auf eine eigenständige Entwicklung bedeutet. Antiamerikanismus ist noch kein Demokratieprogramm, aber ohne Überwindung der Pax Americana wird es keinen demokratischen Umsturz im Nahen Osten geben.


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