Wenn das Baath-Regime unter der Wucht der anglo-amerikanischen
Intervention erst einmal zusammengebrochen sei, werde eine Eruption der
Freude den Irak erschüttern, hatten amerikanische Nahostexperten arabischer
Herkunft vorausgesagt. Sie dürften schon sehr lange nicht mehr im Nahen
Osten gewesen sein, und falls doch, dann hatten sie sich nur unter ihresgleichen
und nicht auf der Straße umgehört. Nur unter den demoralisiertesten Schichten
war Freude aufgekommen. Doch nicht über den Machtwechsel, sondern über das
Machtvakuum, das nach dem ruhmlosen Abgang des Saddam-Regimes entstanden
war. Nachdem die Museen geplündert waren, war es mit der Begeisterung vorbei.
Nach dem Raubzug der Demokraten der ersten Stunde, die eine Umverteilung
des Reichtums zu verheißen schien, begann erst die wirkliche Neuregelung
der Macht- und Eigentumsverhältnisse.
Und die geht keineswegs reibungslos über die Bühne. War die Eroberung des
Irak, vor allem die Einnahme Bagdads – auf Grund der inneren Zersetzung
der Baath-Herrschaft – auf weniger Widerstand gestoßen als erwartet, so
ist der sich nun entfaltende Widerstand gegen die Besatzer wesentlich heftiger
als nach der Implosion der staatlichen Strukturen erwartet werden konnte.
Aus den Trümmern des irakischen Staates erwachsen die NGOs des bewaffneten
Befreiungskampfes.
Ölpipelines explodieren, US-Patrouillen werden in Gefechte verwickelt, der
»Kugeln aus dem Nichts« werden täglich mehr. Die Besatzungsmacht reagiert
mit Massenverhaftungen und versucht, das ihr schwer verständliche Phänomen
einer irakischen Intifada mit der Bildung letzter Widerstandsnester des
gestürzten Regimes zu erklären. Um Saddam Hussein ranken sich ähnliche Legenden
wie um Osama bin Laden: Er soll in irgendeiner Höhle oder Dorfhütte die
Apokalypse aushecken.
Zwar ist es nicht ausgeschlossen, daß sich am Kampf gegen die nationale
Unterwerfung auch Basisaktivisten der Baath-Partei beteiligen, doch die
organisierende Kraft des Volkswiderstandes ergibt sich sicher nicht aus
den Überresten jener Nomenklatura, die schon beim Anblick des ersten amerikanischen
Soldaten an den »Stadtmauern« von Bagdad das Weite gesucht hat. Die sich
formierende nationale Befreiungsbewegung speist sich nicht aus nostalgischer
Sehnsucht nach der Rückkehr eines für immer entfleuchten diktatorischen
Regimes, sondern aus dem spontanen Demokratismus der Volksmassen, die Fremdherrschaft
nicht zuzulassen, den angekündigten Demokratieexport mit eingeschlossen.
Die Dechiffrierung der Floskel von der »Demokratisierung des Iraks und der
Region« ergibt nichts anderes als Amerikanisierung, was den dauerhaften
Verzicht auf eine eigenständige Entwicklung bedeutet. Antiamerikanismus
ist noch kein Demokratieprogramm, aber ohne Überwindung der Pax Americana
wird es keinen demokratischen Umsturz im Nahen Osten geben. |