http://observer.guardian.co.uk/international/story/0,6903,982422,00.html Es gab letzte Woche im Londoner Evening Standard ein
Photo von jungen amerikanischen Soldaten. Es brachte mich zur Besinnung. Ich
war einer Titelgeschichte in den Innenteil gefolgt, die von einer Gruppe
amerikanischer Soldaten handelte, die zugegeben hatten, so wahllos zu
schiessen, daß sie Zivilisten getötet hatten, vielleicht viele, als
sie um Baghdad kämpften. Die jungen Männer sahen wie alle anderen
US-Soldaten aus, die ich im Irak getroffen hatte. Und dann stach ein Gesicht
heraus. Einer aus der Gruppe kam mir irgendwie bekannt vor. Als ich den Text
überflog wurde mir klar, daß ich Männer dieser Einheit
getroffen hatte als ich auf dem Weg nach Baghdad war. Und daß sie, ihrer
eigenen Aussage nach, mich fast umgebracht hätten.
Es war ein
seltsam chaotischer Tag als ich auf die Männer des 3/ 15th Batallions der
3rd Infantry Division, einer Versorgungseinheit, die den ersten Panzern und
Bradleys in die Außenbezirke Baghdads mit Tankwagen, Lebensmitteln und
Munition gefolgt war. Wir waren von der südlichen Hafenstadt Umm Qasr nahe
der kuwaitischen Grenze gekommen, wo wir außerhalb des Hafens unser Lager
aufgeschlagen hatten während wir über den Fall Basras berichteten.
Als die Neuigkeiten aus Baghdad immer dringender wurden entschieden wir uns,
uns noch am gleichen Tag nach Baghdad aufzumachen. Vier Wagenladungen von uns -
die meisten Amerikaner - machten sich auf und folgten der
Hauptversorgungsstrecke der 3rd Infantry Division, bis wir an einer verlassenen
Autobahn nicht weit entfern vom Baghdader Flughafen ankamen.
Der erste
Anflug von Problemen kam, als wir etwas später versuchten, an einem
ausgebrannten irakischen Panzer, der die Straße Richtung Norden
versperrte, vorbeizukommen. Als wir an dem Panzer vorbeifuhren feuerten in der
Nähe postierte Amerikaner einen "Warnschuß" ab, der nur knapp an
unserem Führungsfahrzeug vorbeiging, so dicht, daß es zu einem
wütenden Streit zwischen dem amerikanischen Fahrer und dem Schützen
und Kommandeur des Bradleys kam, der nur darüber lachte.
Sie
liessen uns durch und wir fuhren weiter in die Vororte Baghdads, vorbei an
einer Szenerie totaler Zerstörung - brennende Häuser, brennende
US-Militärfahrzeuge und Körper auf der Straße - verteilt
zwischen drei Autobahnkreuzen.
Es war spät und die Feuer und der
Rauch verliehen der Szene im Zwielicht ein höllisches Glühen. Aber
alle amerikanischen Panzerbesatzungen, an denen wir vorbeikamen, die meisten
von ihnen umringt von neugierigen irakischen Zivilisten, winkten uns freudig
genug zu und so fuhren wir in der Hoffnung weiter, die Hotels im Zentrum
Baghdads zu erreichen, wo wir die Nacht verbringen wollten.
Da wir uns
bewußt waren, daß wir uns von hinten einer kämpfenden Armee
näherten, waren wir sehr vorsichtig, die Warnblinker waren eingeschaltet,
wir hatten weiße Fahnen und die Fahrzeuge waren mit aufgeklebten
orangefarbenen Schildern und Abzeichen markiert um zu signalisieren, daß
wir freundlich waren.
Wir überquerten eine Brücke und dann
wurden die Dinge plötzlich unangenehm. Auf dem Weg über die
Brücke in Richtung auf eine luxuriöse Gegend mit Palästen sahen
wir die Stacheldrahtabsperrung und den Bradley-Panzer nicht. Wir hörten
den Warnschuß und hielten sofort an. Aber irgendetwas stimmte mit den
Soldaten da vorn nicht. Wir konnten sehen, wie sie Waffen brachten und
aufstellten, die auf unsere Fahrzeuge gerichtet waren. Und plötzlich
hatten wir Angst.
Manchmal trifft man Entscheidungen ganz
plötzlich. Mehrere von uns sprangen aus ihren Autos und schrien "Medien!",
"amerikanische Journalisten!", darunter eine große, blonde US-Reporterin.
So groß und blond - davon bin ich überzeugt - daß sie für
nichts anderes gehalten werden konnte. Als sie auf uns zuliefen und uns und
unsere Fahrzeuge durchsuchten bemerkte ich etwas - daß diese Männer
sowohl ängstlich als auch wütend waren, die schlimmste Art von
Soldaten, der man begegnen kann.
Sie brachten uns zu ihrem
Hauptquartier, wo sie uns Essen gaben und uns schlafen liessen. Sie schienen
nette Jungs zu sein. Aber etwas, das der Schütze des Bradleys gesagt
hatte, machte mir Angst. Er hatte sich entschuldigt und uns gesagt, daß
er uns fast getötet hätte. Er sagte, er hätte den Finger auf dem
Abzug gehabt. Eine Sekunde später und es wäre zu spät für
eine Entschuldigung gewesen.
Später, als ich zurückkam um sie
zu besuchen, erzählten sie ihre Geschichten. Von einem schrecklichen Kampf
mit arabischen Freiwilligen. Von zerstörten Fahrzeugen auf beiden Seiten.
Sie sagten, man sei mit Selbstmordautos auf sie zugefahren. Was sie nicht
sagten, war das, was sie später dem Evening Standard sagten: daß
unter denen, die sie in dem 8-stündigen Kampf auf jener Autobahn und an
den darauffolgenden Tagen getötet hatten, viele mit Sicherheit
unbewaffnete Zivilisten waren, die nur getötet worden waren, weil sie zur
falschen Zeit am falschen Ort waren.
Ich hätte es mir denken
können. Unter denen, die ich in den Tagen in den Krankenhäusern
Baghdads interviewt hatte waren Insassen von Autos - viele von ihnen Kinder -
deren Fahrzeuge zerstört worden waren. Gewehrkamerabilder, die in der
ganzen Welt ausgestrahlt wurden, zeigten Panzer und Bradleys, die auf jedes
Auto, auf das sie auf ihrem Weg in Baghdad trafen, schossen. In Nasiriyah haben
Soldaten das gleiche zugegeben. Mit den Saddam Fedayeen in ihrer zivilen
Kleidung konfrontiert wurde jeder als Feind angesehen und
getötet.
Ein junger Marine hat es mir gegenüber selbst
zugegeben: wie seine Einheit ein Auto unter Beschuß nahm, das sich dem
Kontrollposten zu schnell näherte. Der einzige Überlebende war ein
Junge, dessen Gesicht zerrissen war.
Was passierte also bei dem
Vormarsch in Baghdad - und was passiert immer noch, da amerikanische Soldaten
auf Gruppen von Demonstranten schießen? Die Antwort kam mir letztens. Der
Welt größten und besten Armee - die technisch am besten
ausgerüstete - fehlt es an Disziplin im Hinblick auf ihre eigenen
Gefechtsregeln und der Fähigkeit - der entscheidenden Fähigkeit -
Ziele vor einem Angriff eindeutig zu identifizieren.
Das ist kein neues
Problem. Es steckt hinter den nur allzu häufigen Vorfällen von
"Friendly Fire" durch US-Soldaten auf Alliierte und hinter der Arroganz, mit
der die US-Streitkräfte viele Iraker behandelten.
Das Ergebnis ist
aber eine Rücksichtslosigkeit und das Fehlen von Sorge um zivile Opfer,
das schon ans Kriminelle grenzt.
Wenn ich das Bild der jungen
Männer vom 3/15th ansehe, wenn ich an ihre schreckliche Feuertaufe im
Kampf auf dieser Autobahn denke, würde ich gern mehr Sympathie für
sie empfinden als ich es tue. Die meisten von ihnen sind gute Männer, aber
sie haben den Tarnanzug angezogen und die Waffe genommen. Und sie haben bei der
schrecklichen Verantwortung, die ihnen das aufbürdet,
versagt.
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