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07.2003 H.-W. Graf Zeitreport
Der unpolitische Mensch

Noch nie ging es ihnen so gut wie heute.

Ich spreche von den politisch Verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden, sowie den Gewerkschaftsfunktionären und Lobby-Vertretern jeder Couleur, die unser gesamtes politisches Geschehen beherrschen. Sie haben sich allesamt nur darum zu kümmern, in ihren jeweiligen Parteien und Verbänden genügend Stimmen im eigenen Lager zu sammeln, um bei den nächsten internen Wahlen in den entsprechenden Führungsgremien Platz zu finden. Das Hochdienen in der jeweiligen Partei/Organisation ist das zentrale Arbeits- und Aufgabengebiet, das im Auge behalten werden muß. Der Öffentlichkeit, dem Bürger, dem demokratischen Wähler gegenüber, braucht man sich ohnehin weder verantwortlich zu fühlen noch real vor ihm zu verantworten.

Eine gewisse „Hörfähigkeit” (welcher Lobby - die sich zahlenmäßig rentiert - redet man am besten nach dem Munde?) ist sicherlich vonnöten. Aber dafür hat man seine Referenten und Wasserträger, die ihrerseits durch diese Tätigkeit weiter nach oben kommen.

Was steckt nun hinter dem Phänomen, daß - gerade in der Bundesrepublik Deutschland - immer weniger Menschen meinen, sich um das politische Geschehen in den verschiedenen Bereichen kümmern zu müssen und derart unkritisch anderen Menschen gestatten - gegen hohes Entgelt -, ihre Interessen meist mehr zu verraten als zu vertreten?

Zum einen ist daran sicherlich die differenzierte Vielfalt schuld, die einen bundesdeutschen Mitbürger umgibt. Niemand ist in der Lage, das vielfältige Geflecht von Technik, Wirtschaft, Sozialpolitik, Wissenschaft und Forschung, Schul- und Bildungspolitik, Gesundheitswesen etc. im Griff zu behalten, sich ständig über alles Gegebene und ständig neu Hinzukommende zu informieren - vor allem nicht in dem Maße, daß fundierte Entscheidungen getroffen werden können. Es erhebt sich aber die Frage, warum dann zunehmend zu beobachten ist, daß der Mensch von heute es völlig unterläßt, sich auch nur in Teilbereichen ausreichend zu informieren und sich dann auch politisch zu betätigen.

Hier spielt sicherlich eine Rolle, daß sich immer weniger Menschen glauben, verantwortlich fühlen zu müssen, weil es ihnen selbst und ihrer Umwelt heute so gut geht, wie nie zuvor in der Geschichte.

Diese Sattheit und das Bewußtsein, doch „eigentlich ganz zufrieden sein zu können” - speziell im internationalen Vergleich -, verleitet natürlich zur Denkfaulheit, lähmt das Wahrnehmungsvermögen und erzieht zum Egoismus. So lange jeder Mensch seine Interessen halbwegs gewahrt sieht - und das verstehen Politiker aller Couleur uns bestens einzusuggerieren -, kann man sich getrost den eigenen, freudvollen Interessen widmen.

Mit welchem Recht werfen wir „politischen Faultiere” der 90er Jahre eigentlich den Jahrgängen 1880 bis 1910 vor, während der Schreckensherrschaft des Dritten Reiches geschwiegen zu haben, nichts unternommen zu haben, zugesehen zu haben?

Die Menschen der Zeit von 1930 bis 1945 waren nicht weniger wach und nicht weniger aktiv (eher sogar mehr) als wir heute 20 bis 50-jährigen. Bedenkt man, daß es heute weitaus weniger gefährlich ist, mitzudenken und den Mund aufzumachen, als zur damaligen Zeit, dann ist jeder Vorwurf an die damalige Generation ein Hohn. Vergessen wir jedoch nicht, daß es die politische Unmündigkeit war, die ehemals wirtschaftlich und politisch starke Nationen schwach werden ließ - denken Sie an England, Portugal und Spanien bis hin zu den ehemaligen Weltmächten Rom und Griechenland. Auch dort ließ das satte Volk - mit Brot und Spielen reichlich gefüttert - jedes Interesse an den politischen Kräften erlahmen. Der Bürger wurde zum Spielball politischer Klüngelei, entmündigt und zum Stimmvieh degradiert.

Ist es so unverständlich, wenn unsere Kinder sich diesem Verhalten anpassen (dies ist die Gruppe der wohlerzogenen Jungbürger), oder aber - reichlich desillusioniert und desorientiert - aufbegehren und rebellieren, verzweifelt eigene Standpunkte und Ziele suchen (und meist nicht finden)? Müssen wir uns über die Zunahme an geistigen und seelischen „Aussteigern” wundern?

Das Desinteresse an allem, was nicht unseren unmittelbaren familiären Bereich anbelangt und die Gewißheit, daß „man” schon für jeden in unserem Staate sorgt, wird uns von unseren Kindern, späte­stens jedoch von unseren Enkeln, einmal vorgehalten und die dafür fällige Quittung präsentiert werden. Verlassen wir uns darauf!?

H.-W. Graf



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