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Noch nie ging es ihnen so gut wie heute.
Ich spreche von den politisch Verantwortlichen in
Bund, Ländern und Gemeinden, sowie den Gewerkschaftsfunktionären und
Lobby-Vertretern jeder Couleur, die unser gesamtes politisches Geschehen
beherrschen. Sie haben sich allesamt nur darum zu kümmern, in ihren
jeweiligen Parteien und Verbänden genügend Stimmen im eigenen Lager
zu sammeln, um bei den nächsten internen Wahlen in den entsprechenden
Führungsgremien Platz zu finden. Das Hochdienen in der jeweiligen
Partei/Organisation ist das zentrale Arbeits- und Aufgabengebiet, das im Auge
behalten werden muß. Der Öffentlichkeit, dem Bürger, dem
demokratischen Wähler gegenüber, braucht man sich ohnehin weder
verantwortlich zu fühlen noch real vor ihm zu verantworten.
Eine gewisse Hörfähigkeit
(welcher Lobby - die sich zahlenmäßig rentiert - redet man am besten
nach dem Munde?) ist sicherlich vonnöten. Aber dafür hat man seine
Referenten und Wasserträger, die ihrerseits durch diese Tätigkeit
weiter nach oben kommen.
Was steckt nun hinter dem Phänomen, daß -
gerade in der Bundesrepublik Deutschland - immer weniger Menschen meinen, sich
um das politische Geschehen in den verschiedenen Bereichen kümmern zu
müssen und derart unkritisch anderen Menschen gestatten - gegen hohes
Entgelt -, ihre Interessen meist mehr zu verraten als zu vertreten?
Zum einen ist daran sicherlich die differenzierte
Vielfalt schuld, die einen bundesdeutschen Mitbürger umgibt. Niemand ist
in der Lage, das vielfältige Geflecht von Technik, Wirtschaft,
Sozialpolitik, Wissenschaft und Forschung, Schul- und Bildungspolitik,
Gesundheitswesen etc. im Griff zu behalten, sich ständig über alles
Gegebene und ständig neu Hinzukommende zu informieren - vor allem nicht in
dem Maße, daß fundierte Entscheidungen getroffen werden
können. Es erhebt sich aber die Frage, warum dann zunehmend zu beobachten
ist, daß der Mensch von heute es völlig unterläßt, sich
auch nur in Teilbereichen ausreichend zu informieren und sich dann auch
politisch zu betätigen.
Hier spielt sicherlich eine Rolle, daß sich
immer weniger Menschen glauben, verantwortlich fühlen zu müssen, weil
es ihnen selbst und ihrer Umwelt heute so gut geht, wie nie zuvor in der
Geschichte.
Diese Sattheit und das Bewußtsein, doch
eigentlich ganz zufrieden sein zu können - speziell im
internationalen Vergleich -, verleitet natürlich zur Denkfaulheit,
lähmt das Wahrnehmungsvermögen und erzieht zum Egoismus. So lange
jeder Mensch seine Interessen halbwegs gewahrt sieht - und das verstehen
Politiker aller Couleur uns bestens einzusuggerieren -, kann man sich getrost
den eigenen, freudvollen Interessen widmen.
Mit welchem Recht werfen wir politischen
Faultiere der 90er Jahre eigentlich den Jahrgängen 1880 bis 1910
vor, während der Schreckensherrschaft des Dritten Reiches
geschwiegen zu haben, nichts unternommen zu haben, zugesehen zu haben?
Die Menschen der Zeit von 1930 bis 1945 waren nicht
weniger wach und nicht weniger aktiv (eher sogar mehr) als wir heute 20 bis
50-jährigen. Bedenkt man, daß es heute weitaus weniger
gefährlich ist, mitzudenken und den Mund aufzumachen, als zur damaligen
Zeit, dann ist jeder Vorwurf an die damalige Generation ein Hohn. Vergessen wir
jedoch nicht, daß es die politische Unmündigkeit war, die ehemals
wirtschaftlich und politisch starke Nationen schwach werden ließ - denken
Sie an England, Portugal und Spanien bis hin zu den ehemaligen Weltmächten
Rom und Griechenland. Auch dort ließ das satte Volk - mit Brot und
Spielen reichlich gefüttert - jedes Interesse an den politischen
Kräften erlahmen. Der Bürger wurde zum Spielball politischer
Klüngelei, entmündigt und zum Stimmvieh degradiert.
Ist es so unverständlich, wenn unsere Kinder
sich diesem Verhalten anpassen (dies ist die Gruppe der wohlerzogenen
Jungbürger), oder aber - reichlich desillusioniert und desorientiert -
aufbegehren und rebellieren, verzweifelt eigene Standpunkte und Ziele suchen
(und meist nicht finden)? Müssen wir uns über die Zunahme an
geistigen und seelischen Aussteigern wundern?
Das Desinteresse an allem, was nicht unseren
unmittelbaren familiären Bereich anbelangt und die Gewißheit,
daß man schon für jeden in unserem Staate sorgt, wird
uns von unseren Kindern, spätestens jedoch von unseren Enkeln, einmal
vorgehalten und die dafür fällige Quittung präsentiert werden.
Verlassen wir uns darauf!?
H.-W. Graf |