Der längst erwartete Aufstand im Irak hat begonnen
nicht um die Eindringlinge willkommen zu heißen, wie manche sich
das vorgestellt hatten, sondern um ihren Abzug zu fordern. Die Ausweitung des
Widerstands in den Süden und die Tötung britischer Soldaten bei Amara
am Dienstag
* dürfte die britische Öffentlichkeit überrascht
haben. Aber derartige Entwicklungen waren im Irak seit einigen Wochen
abzusehen.
Die US-Administration versucht uns davon zu überzeugen,
dass das »Überbleibsel« von Saddams Regime sind, die sich
gegen die Besetzung wehren. Man will uns glauben machen, dass Saddams
»fanatische« Anhänger, die zu Zeiten seiner Herrschaft nicht
bereit waren, für ihn zu sterben, auf einmal erstaunliche Heldentaten
vollbringen, nachdem er abgesetzt und der irakische Staatsapparat zerschlagen
worden ist. Viele britische Medien haben diesen Schwindel bereitwillig
mitgetragen, ist er doch hilfreich, die Wahrheit über den immer
schmutziger werdenden Krieg im Irak zu verschleiern.
Auch ohne langes
Nachforschen ist zu erkennen, dass Saddams tyrannisches Regime rasch ersetzt
worden ist durch die Gewaltherrschaft der Besatzer, die irakische Zivilisten
umbringen und im Vietnam-Stil irakische Siedlungen überfallen
**. In der Zwischenzeit machen die Iraker überdeutlich, was
sie wollen: Freiheit, Unabhängigkeit und Demokratie dasselbe
brennende Verlangen wie während Saddams Diktatur. Zu Millionen sind sie
seit dem Untergang des Regimes aufmarschiert und haben »La Amrieka, la
Saddam« gerufen: Nein zu Amerika, nein zu Saddam. Dieser Ruf vereint
derzeit die meisten Iraker mit auffallender und, wie ich glaube,
vorübergehender Ausnahme der irakischen Kurden.
Die Invasion des
Irak hat sich zu einem Kolonialkrieg entwickelt, während die
öffentliche Meinung die Programme der wichtigsten politischen
Organisationen im Irak bereits überrundet hat. Offenkundig wurde das in
der Art, wie man die Pläne Paul Bremers, des Leiters der
US-Besatzerverwaltung, für einen ernannten Beirat zurückgewiesen und
eine rasche Machtübertragung auf Iraker gefordert hat.
Im Gegensatz
zu der in den amerikanischen und britischen Medien propagierten Mythologie
richtete sich die öffentliche Meinung im Irak stets eindringlich gegen die
Invasion. Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, haben die Iraker niemals ihren
Hass auf Saddams brutale Tyrannei mit ihrem Widerstand gegen seine Sponsoren im
Weißen Haus verwechselt. Und die weit verbreitete Ablehnung der Besatzer
und ihrer Terrortaktik ist die wahre Kraft, die die Flut bewaffneten
Widerstands anschwellen lässt.
Anzeichen gibt es genug. Gewaltige
und zunehmend wütende Aufmärsche finden im ganzen Irak statt
einschließlich des von Briten besetzen Südens oft
ausgelöst von lokalen Streitfragen wie der Einsetzung von
Bürgermeistern. Von den USA und Großbritannien ernannte
Galionsfiguren in Basra, Karbala und Nadschaf sind Anschlägen zum Opfer
gefallen. Es wächst die Wut über den Tod hunderter Iraker, die seit
dem Fall Bagdads von den Besatzungsmächten umgebracht wurden, ganz
abgesehen von den tausenden im eigentlichen Krieg Getöteten. Das Massaker
an 18 zivilen Demonstranten in Falludscha Ende April zum Beispiel war
Auslöser für den dortigen Widerstand. Und letzte Woche hat die Dritte
Infanteriedivision der USA auf Sharon-Art mit Vergeltungsschlägen gegen
die Wohnhäuser derer begonnen, die angeblich die Besatzer
bekämpfen.
Der Großayatollah Ali Sistani, höchste
religiöse Autorität des Irak, hat nun eine Fatwa
*** ausgegeben, die jedermann untersagt, in Bremers
ungewählten Beratungsgremien mitzuwirken, und statt dessen freie Wahlen
fordert. Letzten Freitag warnte Ayatollah Hakim, Führer des
einflussreichen Obersten Islamischen Revolutionsrates, dass der bewaffnete
Widerstand noch zunehmen würde, sollte die Besetzung nicht rasch beendet
werden. Bremers Erwiderungstaktiken waren klar und unbarmherzig: hart und
schnell zuschlagen. Und das auch gegen Organisationen, mit deren Führern
er sich regelmäßig trifft, wie etwa den Revolutionsrat und die
kurdische KDP
****, deren Büros von Einheiten der USA überfallen
und zerstört wurden, nachdem ihre Führer protestiert hatten, weil
Bremers Pläne keine Wahlen vorsahen.
Manch einer hat behauptet, das
Interesse der USA gelte der Einführung der Demokratie im Irak, um die
Region zu stabilisieren und Möglichkeiten für US-Investoren und
für eine zuverlässige Ölversorgung zu schaffen. Aber bei einem
so rosigen Szenario werden die Ansichten des irakischen Volkes und die
Geschichte ihres langwierigen Freiheitskampfes gänzlich ignoriert. Dass
dies der US-Administration allmählich dämmert, könnte
erklären, warum die Besatzungsmächte zur Unterwerfung des irakischen
Volkes zunehmend in Terrortaktiken Zuflucht suchen.
Es ist bestimmt
nicht im Interesse der Briten zuzulassen, dass das irakische Volk zu Tausenden
kolonisiert und getötet wird. Genauso wenig ist es rechtens, das Leben
junger Briten auf dem Altar des US-Imperialismus zu opfern. Nur durch den
Abzug seiner Truppen und durch Druck auf die USA, sich systematisch aus dem
Irak zurückzuziehen mit einer begrenzten Rolle für die UN,
nämlich der Überwachung freier und ordentlicher Wahlen kann
Großbritannien in den Schoß der internationalen Gemeinschaft
zivilisierter Führungen zurückkehren.
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Sami Ramadani
ist Iraker im politischen Exil und außerordentlicher Professor für
Soziologie an der städtischen Universität von London.
sami.ramadani@londonmet.ac.uk
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24. Juni 2003 |
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orig. search and destroy raids
(»Suchen-und-Zerstören-Überfälle«)
großflächige Vernichtungsaktionen der USA im Vietnamkrieg
(19611970) zur Umsetzung der Drohung von General Curtis LeMay,
Nordvietnam »in die Steinzeit zurückzubomben« |
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religiöses Rechtsgutachten im
Islam |
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Demokratische Partei Kurdistans |
[Anmerkungen des
Übersetzers]
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Übersetzt von: Lupus
Orginalartikel:
"
Iraqi
Resistance to Occupation"