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28.06.2003 von Sami Ramadani ZNet
Irakischer Widerstand gegen die Besetzung
Der längst erwartete Aufstand im Irak hat begonnen – nicht um die Eindringlinge willkommen zu heißen, wie manche sich das vorgestellt hatten, sondern um ihren Abzug zu fordern. Die Ausweitung des Widerstands in den Süden und die Tötung britischer Soldaten bei Amara am Dienstag* dürfte die britische Öffentlichkeit überrascht haben. Aber derartige Entwicklungen waren im Irak seit einigen Wochen abzusehen.

Die US-Administration versucht uns davon zu überzeugen, dass das »Überbleibsel« von Saddams Regime sind, die sich gegen die Besetzung wehren. Man will uns glauben machen, dass Saddams »fanatische« Anhänger, die zu Zeiten seiner Herrschaft nicht bereit waren, für ihn zu sterben, auf einmal erstaunliche Heldentaten vollbringen, nachdem er abgesetzt und der irakische Staatsapparat zerschlagen worden ist. Viele britische Medien haben diesen Schwindel bereitwillig mitgetragen, ist er doch hilfreich, die Wahrheit über den immer schmutziger werdenden Krieg im Irak zu verschleiern.

Auch ohne langes Nachforschen ist zu erkennen, dass Saddams tyrannisches Regime rasch ersetzt worden ist durch die Gewaltherrschaft der Besatzer, die irakische Zivilisten umbringen und im Vietnam-Stil irakische Siedlungen überfallen**. In der Zwischenzeit machen die Iraker überdeutlich, was sie wollen: Freiheit, Unabhängigkeit und Demokratie – dasselbe brennende Verlangen wie während Saddams Diktatur. Zu Millionen sind sie seit dem Untergang des Regimes aufmarschiert und haben »La Amrieka, la Saddam« gerufen: Nein zu Amerika, nein zu Saddam. Dieser Ruf vereint derzeit die meisten Iraker – mit auffallender und, wie ich glaube, vorübergehender Ausnahme der irakischen Kurden.

Die Invasion des Irak hat sich zu einem Kolonialkrieg entwickelt, während die öffentliche Meinung die Programme der wichtigsten politischen Organisationen im Irak bereits überrundet hat. Offenkundig wurde das in der Art, wie man die Pläne Paul Bremers, des Leiters der US-Besatzerverwaltung, für einen ernannten Beirat zurückgewiesen und eine rasche Machtübertragung auf Iraker gefordert hat.

Im Gegensatz zu der in den amerikanischen und britischen Medien propagierten Mythologie richtete sich die öffentliche Meinung im Irak stets eindringlich gegen die Invasion. Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, haben die Iraker niemals ihren Hass auf Saddams brutale Tyrannei mit ihrem Widerstand gegen seine Sponsoren im Weißen Haus verwechselt. Und die weit verbreitete Ablehnung der Besatzer und ihrer Terrortaktik ist die wahre Kraft, die die Flut bewaffneten Widerstands anschwellen lässt.

Anzeichen gibt es genug. Gewaltige und zunehmend wütende Aufmärsche finden im ganzen Irak statt – einschließlich des von Briten besetzen Südens – oft ausgelöst von lokalen Streitfragen wie der Einsetzung von Bürgermeistern. Von den USA und Großbritannien ernannte Galionsfiguren in Basra, Karbala und Nadschaf sind Anschlägen zum Opfer gefallen. Es wächst die Wut über den Tod hunderter Iraker, die seit dem Fall Bagdads von den Besatzungsmächten umgebracht wurden, ganz abgesehen von den tausenden im eigentlichen Krieg Getöteten. Das Massaker an 18 zivilen Demonstranten in Falludscha Ende April zum Beispiel war Auslöser für den dortigen Widerstand. Und letzte Woche hat die Dritte Infanteriedivision der USA auf Sharon-Art mit Vergeltungsschlägen gegen die Wohnhäuser derer begonnen, die angeblich die Besatzer bekämpfen.

Der Großayatollah Ali Sistani, höchste religiöse Autorität des Irak, hat nun eine Fatwa*** ausgegeben, die jedermann untersagt, in Bremers ungewählten Beratungsgremien mitzuwirken, und statt dessen freie Wahlen fordert. Letzten Freitag warnte Ayatollah Hakim, Führer des einflussreichen Obersten Islamischen Revolutionsrates, dass der bewaffnete Widerstand noch zunehmen würde, sollte die Besetzung nicht rasch beendet werden. Bremers Erwiderungstaktiken waren klar und unbarmherzig: hart und schnell zuschlagen. Und das auch gegen Organisationen, mit deren Führern er sich regelmäßig trifft, wie etwa den Revolutionsrat und die kurdische KDP****, deren Büros von Einheiten der USA überfallen und zerstört wurden, nachdem ihre Führer protestiert hatten, weil Bremers Pläne keine Wahlen vorsahen.

Manch einer hat behauptet, das Interesse der USA gelte der Einführung der Demokratie im Irak, um die Region zu stabilisieren und Möglichkeiten für US-Investoren und für eine zuverlässige Ölversorgung zu schaffen. Aber bei einem so rosigen Szenario werden die Ansichten des irakischen Volkes und die Geschichte ihres langwierigen Freiheitskampfes gänzlich ignoriert. Dass dies der US-Administration allmählich dämmert, könnte erklären, warum die Besatzungsmächte zur Unterwerfung des irakischen Volkes zunehmend in Terrortaktiken Zuflucht suchen.

Es ist bestimmt nicht im Interesse der Briten zuzulassen, dass das irakische Volk zu Tausenden kolonisiert und getötet wird. Genauso wenig ist es rechtens, das Leben junger Briten auf dem Altar des US-Imperialismus’ zu opfern. Nur durch den Abzug seiner Truppen und durch Druck auf die USA, sich systematisch aus dem Irak zurückzuziehen – mit einer begrenzten Rolle für die UN, nämlich der Überwachung freier und ordentlicher Wahlen – kann Großbritannien in den Schoß der internationalen Gemeinschaft zivilisierter Führungen zurückkehren.

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Sami Ramadani ist Iraker im politischen Exil und außerordentlicher Professor für Soziologie an der städtischen Universität von London.

sami.ramadani@londonmet.ac.uk

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*   24. Juni 2003
**   orig. search and destroy raids (»Suchen-und-Zerstören-Überfälle«) – großflächige Vernichtungsaktionen der USA im Vietnamkrieg (1961–1970) zur Umsetzung der Drohung von General Curtis LeMay, Nordvietnam »in die Steinzeit zurückzubomben«
***   religiöses Rechtsgutachten im Islam
****   Demokratische Partei Kurdistans
[Anmerkungen des Übersetzers]

--

Übersetzt von: Lupus
Orginalartikel: "Iraqi Resistance to Occupation"


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