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Infos von  www.das-gibts-doch-nicht.info
  von Dr. phil. Rosina Sonnenschmidt  
Das Wunderkind-Syndrom
Wenn sich ein Kind nicht so verhält oder so entwickelt, wie es irgendeine Norm verlangt, oder die Eltern überfordert, wird es dem Kinderpsychologen vorgestellt. Der stellt dann entweder ein ADS-Syndrom oder ein XY-Syndrom oder ein "Indigokind" fest. Auf jeden Fall bekommt das Kind ein Etikett auf die Stirn geklebt und früh ein Therapiebewusstsein eingeimpft neben vielen anderen unnötigen Impfstoffen.

Wo bleiben die Väter?

[. . .] Wo sind die Väter, die dem Kind den Weg weisen? Wo ist die Vaterkraft, die das Kind an die Hand nimmt, ihm die "Jagdgründe" des Lebens zeigt? Wo ist der Held des Kindes, an dem es sich messen lernt? Was wundern wir uns, dass sich so viele Kinder Ersatzväter in rauhen Gruppierungen oder seichten Esoterikkreisen suchen?

Überforderte Mütter

[. . .] In vielen Fällen will es scheinen, als seien die Männer gerade mal gut genug gewesen, um das Kind zu zeugen. Dann sind sie überflüssig, zu schwierig, zu lasch, zu soft, zu, zu, zu,. . . Zu oft erlebe ich Situationen, dass junge Frauen bindungsunlustig und -unfähig sind, weil sie ihre Konflikte nicht lösen, sondern sie in jede neue Beziehung mit hineinnehmen, als dass ich es als Ausnahme verbuchen könnte. Sie suchen die Lösung in der Therapie des Kindes, was wieder eine Projektion nach aussen ist, also von den eigenen Problemen weg. Existiert noch ein Vater in der Familie, so steht er oftmals im Hintergrund, schaut zu und sagt nichts. Er macht sich überflüssig. In solchen desolaten Verhältnissen wächst ein immenses Therapiebewusstsein heran, das gerade dem Kind schon früh suggeriert: Konflikte kannst du micht alleine lösen, dazu brauchst du einen Therapeuten. Kommen dann Mutter und Kind in die Praxis, sehe ich eigentlich nur eine Patientin, nähmlich die Mutter - überfordert, dominant, frustriert. Sie weist auf ihren Sprössling und berichtet, was er aller nicht kann und tut oder was er alles kann, was andere nicht können. Meine Praxis betreten erstaunlich viele Wunderkinder, die gerade in der Esoterik mal wieder Hochkonjunktur haben und einen neuen Zweig der Psychotherapie hervorbringen, denn ein normal begabter Psychologe ist natürlich einem IQ-180-Kind nicht gewachsen.

Wunderkinder müssen reifen

Nun ist es so, dass mich überdurchschnittlich begabte Kinder, von ehrgeizigen Müttern präsentiert, wenig beeindrucken, weil für mich Kinder sowieso ein Wunder sind und meine besten Lehrer. Wunderkinder habe ich zur Genüge in der Kunst, in der Musik erlebt, vor allem, wenn sie vom Markt verbraucht und ausgelaugt wurden.
Zum Thema Wunderkind habe ich sehr aufschlussreiche Erfahrungen in Nordindien gemacht. Dort veranstaltet "All India Radio" jährlich ein Riesenfestival, bei dem alle überdurchschnittlich begabten Kinder aus ganz Indien ihren grossen Auftritt haben. Alles, was Rang und Namen hat, ist anwesend. Die Minikünstler werden begeistert empfangen, gelobt, geehrt, gefeiert. Bis dahin gleichen sich die Wege im Umgang mit begabten Nachwuchskünstlern.
Aber danach folgt ein gravierender Unterschied im Umgang mit Sonderbegabung: In Indien verschwindet nun das Kind für 15 bis 20 Jahre von der grossen Bühne und wird umfassend geschult. Das bedeutet nicht nur intensiver Unterricht auf dem Instrument oder in Tanz und Gesang, sondern die Schulung des kindlichen Bewusstseins für seine spirituelle Aufgabe als Künstler. Schon das kleine Kind lernt, dass es auf einer erhöhten Bühne sitzt oder tanzt, weil es die Kraft der Transformation entwickeln muss, damit es eines Tages das Bewusstsein des Zuhörers vom Alltagsbewusstsein auf eine höhere Ebene erheben kann. Niemand im eigenen familiären Umkreis oder in der Familie des Lehrers käme auf die Idee, das Kind ob seiner Begabung aus dem natürlichen Verbund herauszunehmen. Im Gegenteil, die Schulung besteht darin, den Menschen im kleinen Künstler oder sonstwie Hochbegabten in der Wärme einer Familie reifen zu lassen.
Überhaupt ist "Reifen" das zentrale Thema, denn die indische Kunst basiert auf dem Seniorenprinzip, nicht auf dem Jugendwahn und "unreifem Obst". Natürlich darf das Kind, darf der Jugendliche im Kreise der Familie, der Freunde und Bekannten seine Fortschritte nach und nach zeigen, dennoch heisst es:Die Frau sollte sich erst ab 36 Jahren, der Mann ab 38 Jahren der grossen Öffentlichkeit präsentieren, weil erst in diesem reifen Alter die Kraft besteht, mit der anbrandenden Energie eines Publikums umgehen zu können.
Wir gehören im Westen in diesem Alter bereits dem "alten Eisen" an, haben mindestens schon eine Lebensmittekrise absolviert, unzählige Therapien und Krankheiten genährt und denken an Pension. Für künstlerische Berufe sind wir längst zu alt.
Was mich an indischen Kindern und Jugendlichen mit wahrhaft aussergewöhnlichen Begabungen tief beeindruckte, war ihre Persönlichkeit, ihre gesunde Ausstrahlung von Selbstvertrauen, von Selbstwertgefühl. Der Mensch im kleinen Genie war mit gewachsen. Klarerweise lässt sich mit solchermassen geschulten Kindern kein Markt füllen, denn aussergewöhnliche Begabungen sind eben selten.

Der Wunderkind-Wahn

Bei uns scheint es umgekehrt zu sein. Wir erleben gerade eine Schwemme von begabten Kindern, sogenannten Indigokindern, die eines eint: ihre verständliche Unreife. In ihnen wird eine Facette herausgezüchtet, hochgejubelt, auf ein Podest gestellt, vermarktet, verschlissen. Das Wunderkind-Syndrom ist ein weiteres krankes Zeichen unserer schnelllebigen Zeit. Kinder werden Erwachsene, und es ist nun mal bei unserer Lebenserwartung so, dass wir die längste Zeit im Leben älter als 16 Jahre sind. Durch den Wahn, fast in jeder Familie ein Wunderkind zu wähnen, produzieren wir menschliche Wracks. Das sehen wir nicht jetzt, aber es gibt genügend Wracks, die früher einmal Wunderkinder waren, um die sich niemand mehr schert. Kurzum: Kinder gehören nicht auf die Bühne, nicht auf eine ideelle, reale, marktorientierte oder esoterische.Erfreulicherweise gibt es auch vernünftige Eltern, die tatsächlich hoch begabte Kinder haben und die das Kind einfach reifen lassen, die ihm eine echte Kindheit schenken.

Westlicher Wunderglaube

Das Wunderkind ist ein westliches Phänomen, denn wir sind seit 2000 Jahren wundergläubig bezüglich der Phänomene, die wir nicht erklären können und von denen wir uns abkoppeln. Jesus lief übers Wasser, berührte Lazarus und tat wahrlich viel Heilendes als unser grösster westlicher Heiler. Aber das war eben Jesus, damit haben wir nichts zu tun. Basta! So koppeln wir uns von seinen Wundern ab, sie gehören nicht zu unserem Leben. Wunder geschehen von einer unerreichbaren Instanz aus. Wunder müssen gegen den links-hirnigen Verstand verstossen, dann kommen sie in die Schublade:"Spontanheilung" oder "Wunder" oder "Unerklärlicher Vorfall", eben "para-normal". Wir kleinen, besser: klein gehaltenen und klein gemachten Menschlein können keine Wunder vollbringen. Wir sitzen ja auch nicht neben Gott im Himmel zu seiner Rechten oder Linken. Wir wuseln nur unten im leidvollen Dasein und schauen auf die Leiche von Gottes Sohn, damit wir nur ja nicht auf die Idee kommen, Jesus oder sonst ein Heiliger könnte auch ganz normal gelebt, gegessen, gelacht haben.
Mir hat mal eine Hardliner-Theologin allen Ernstes gesagt: "Jesus verrichtete keine Notdurft." Ich antwortete: "Dann wäre er sicher noch früher gestorben als ohnehin" - und erhielt einen bösen Blick.
Wunder finden irgendwo da draussen statt. Wunder müssen die Naturgesetze aus den Angeln heben, sie haben mit der Natur nichts zu tun. Je unnatürlicher, desto grösser die Wunderverehrung. Deshalb masst sich auch die Pharmaindustrie jedes Jahr an, neue Wundermittel auf den Markt zu bringen.

Wunderkinder-Produktion

Als der Geigenpädagoge Daisetz Suzuki vor 25 Jahren propagierte, jedes Kind könne Geige spielen, standen alsbald Scharen von Vier- und Fünfjährigen auf der Bühne und spielten perfekt klassische Violinkonzerte. Es gab plötzlich nur noch Hochbegabungen und Wunderkinder. Man wedelte schon mal mit einer Minigeige über der Wiege des Neugeborenen, um den kommenden Menuhin oder Oistrach vorzuprogrammieren. Zahllose Kinder wurden verschlissen durch Geigendrill.
Und dann dam eines Tages das grosse Erwachen. Es stellte sich heraus, dass aus den Abertausenden von Suzuki-Geigenkindern in aller Welt kein einziges an die Spitze der Profigeiger gelangte, kein einziges Weltruhm erlangte. Was war passiert?
Die Kinder liessen sich bis zur Pubertät drillen, dann kam, wa kommen musste - Gott sei Dank! Die Teenies hatten keinen Bock mehr auf Bach und Beethoven, auf diszipliniertes Üben jeden Tag auf derselben Stelle, wo die Fussumrisse auf den Boden gezeichnet waren. Ende des Wunderkinddaseins. Ende des Traums bei den Eltern. Wie war es nur möglich, dass diese begabten Geigenkinder nicht den normalen Geigenkindern den Rang abliefen? Wie war es möglich, dass grosse Geiger zwar als Kinder anfingen, aber in der Pubertät lieber Fussball spielten oder mit der Freundin rummachten, als Tonleitern spielen und Dvorak zu üben? Suzuki hielt eisern an seinen Thesen fest - und sie zerbrachen am eisernen Griff. Weitere Tausende Kinder in aller Welt wurden gedrillt. Keines bestieg je die grosse internationale Bühne.
Was fehlte wohl? Ich habe Suzuki-Kinder zur Genüge auf der Bühne erlebt. Es fehlte nur eines: das Lachen, der Spass, der Narr im kleinen Künstler. Ich sah Mini-Erwachsene, die ernst ihre Pflicht taten. Ich lernte in diesen Kreisen viel über das homöopathisch Arzneiwesen von Arsen. Es durfte nicht gelacht erden, es durfte nicht von den festgelegten Strukturen abgewichen erden. Das Kind im Kind war weggetrübt. Ich konnte das nicht ernst nehmen und machte mich bei jeder Gelegenheit lustig über das todernste Gehabe der Winzlinge und liess mich überhaupt nicht von der Leistung des Geigenspiels beeindrucken. Das ärgerte viele Eltern, Geigenlehrer, Kollegen, Fernsehleute, Rundfunkleute. Doch das war mir egal, und ich machte mich sehr unbeliebt, indem ich das chaotische, lachende, Purzelbaum schlagende Kind in meinem Musikunterricht vorzog. Aber so eine Musiklehrerin wollte man nicht, bei der es laut zuging. Ich quittierte also meinen Dienst, der mir mein Studium finanzierte, und ging lieber putzen, als diese kranke Musikschulwelt zu unterstützen.

Modetrend Indigokinder

Offenbar reizt mich das Thema Wunderkind. Der letzte Schrei sind ja im Moment die Indigokinder. Mütter kommen mit ihren hellsichtigen, heilerisch begabten, medialen Sprösslingen in meine Praxis und sind schnell sauer, weil ich auf die ausserordentlichen Begabungen hin sage: Und? Was ist daran so besonders? Wo ist das Wunder?
Dann unterhalte ich mich mit dem Wunderkind und bin erschüttert, dass ich wieder das das Suzuki-Phänomen erlebe: ernst, wichtigtuerisch, arrogant, lustlos. Arsenisch im unerlösten Sinne. Es trifft mich ein strafender Blick, wenn ich wage, ein Witzchen zum Thema Medialität oder Heilen im Kindesalter zu machen. Darüber lacht man nicht, das ist eben eine todernste Sache. Eben, Indigo, die Farbe der totalen Einsamkeit und Isolation, der langen geistigen Reife. Indigo hat in der Aura eines gesunden Kindes nichts zu suchen. Ich habe Indigo nur bei schwer kranken, autistischen und gestörten Kindern gesehen. Das bestätigt auch mein Lehrer, der 28 Jahre als Auramedium in einer Kinderklinik angestellt war. Die besondere Farbe oder Energie des Indigo ist eine Projektion von einem Erwachsenen auf ein Kind. Darum schaue ich mir immer zuerst das Energiefeld der Mutter an, die mit ihrem Indigokind meine Praxis betritt. Hierzu ein Beispiel:

die zwölfjährige Nina

Du siehst also die Aura von Menschen.
Ja, und dann gehe ich zu ihm und sage ihm, was ihm fehlt.
Ohne Erlaubnis? Ohne ihn zu fragen, ob du das darfst?
Ich darf das, ich bin an das höhere Selbst angebunden. Ich habe den Auftrag von oben.
Ich schaute suchend nach oben an die Decke: Ja, wo ist es denn, das höhere Selbst. Ich schaue unter meinen Tisch, am Boden herum, unter meinen Stuhl. Liebe Zeit, wo ist bloss das höhere Selbst hingekommen. Eben war's noch da. Also, so was! Wo das bloss hingekommen ist!
Ich sehe vor mir das ernste Gesicht der Tochter und ein indigniert dreinschauendes Gesicht der Mutter.
Findest du das wirklich in Ordnung, einfach so die Menschen anzusprechen und ihnen was über ihre Krankheiten zu sagen?
Das ist mein Auftrag von oben.
Junge Dame, ich will dir mal was sagen. Lerne erst mal zu leben und werde ein ganzer Mensch. Dann befasse dich mit den Gesetzen der Heilkunst hier unten, dann kannst du besser deinen göttlichen Auftrag verstehen. Ohne, dass jemand geheilt werden will, ganz tief in seinem Herzen, kann niemend heilen, auch du nicht. Wenn dich jemand um Hilfe und Rat bittet, ist das o.k., aber einfach in der Aura lesen und das beurteilen mit deiner winzigen Lebenserfahrung ist eine Anmassung.
Die Mutter ist aufgebracht: Na hören sie mal, Sie nehmen überhaupt nicht meine begabte Tochter ernst. Wir sind extra zu Ihnen gekommen, damit Sie das Talent bestätigen und vielleicht sagen, was Nina noch besser machen kann.
Ja, ich nehme das in der Tat nicht ernst, weil es nicht in der Ordnung der Natur ist, mit 12 Jahren solche anmassenden Dinge zu tun. Natürlich interessiert mich die Begabung Ihrer Tochter. Zu Nina gewandt: Was hast du denn für Hobbies?
Was meinen Sie denn mit Hobbies?
Was machst du in deiner Freizeit, wenn du aus der Schule kommst?
Ich meditiere, denn meine Gabe ist ein Geschenk Gottes . . .
Du sagst es! Es ist ein Geschenk, das du nicht ehrst. Diese Gabe hat eine Aufgabe, nähmlich ein ganzer Mensch zu werden, zu lernen, wie man mit Krisen, mit Lebensfreude, Spass und allen möglichen Lebenslagen umgeht. Der Heiler muss erst mal selber heil und ganz werden. Davon bist du mit 12 Jahren noch weit entfernt. Du bist gerade mal zur Hälfte inkarniert, da fehlt noch eine Menge Lebenserfahrung und Achtung der Eigenautorität anderer Menschen.

Die Mutter ist stinksauer und giftet mich an: Nina ist eine alte Seele, sie ist viel weiter als andere Kinder in dem Alter. Sie ist schliesslich ein Indigokind!
Ja, schade, dass Sie nur das Indigo in der Aura beachten. Indigo ist die Farbe der Einsamkeit, der Askese, der inneren Reife, der Entsagung. Dass Ihre Tochter hauptsächlich Indigo in der Aura hat, ist pure Einbildung. Sie wollen es so, weil es jetzt "in" ist. Sie tun Ihren Kind nichts Gutes, wenn Sie auf einer einzigen Farbe herumreiten. Was ist mit der Lebenslust in Orange? Was mit dem strahlenden Gelb der Kommunikation, was mit dem Knallrot der Sexualität, was mit dem Grün der rhythmischen Bewegung?
Das Reizwort "Sexualität" war gefallen. Die Tochter wendet sich angewidert ab, die Mutter schaut mich an, als wolle sie mich erschlagen. Wie ich sowas sagen könne?
Ich antwortete: Die schöpferische Kraft kann Leben hervorbringen. Oder haben Sie Ihre Tochter per mitotischer Zellteilung empfangen? Was immer wir Ausserordentliches erschaffen, benötigt diese schöpferische Basiskraft, eben die Sexualität, die man erst mal körperlich erfahren muss, ehe man anfängt, sie zu vergeistigen.
Zu Nina gewandt: Wenn du den ersten Freund hast, dich über beide Ohren verliebt hast, das Wunder der körperlichen Liebe erfahren hast, kannst du gerne wieder mal zu mir kommen. dann erzähle ich dir gerne was übers Heilen und Medialität. Dann bin ich auch gerne bereit, mir deine Aura mal anzugucken.
Soll das heissen, wir sind ganz umsonst gekommen?
Mag sein, das erscheint dir so. Weil ich dich als Kind sehr mag und von Herzen annehme, gebe ich dir einen Rat, erst mal richtig zu leben, zu tanzen, zu singen und zu lachen und für eine Weile deine Begabung zu vergessen, damit sie sich entwickeln kann. Denk daran: Man schaut niemals ungefragt in eines Menschen Energiefeld und heilt niemals einen Menschen ungefragt. Das ist ein Verstoss gegen die Ethik und kein Kavaliersdelikt.
Mutter und Tochter rauschen ab. Man sieht ihnen deutlich ihre Enttäuschung an. Vielleicht spüren sie darin den heilsamen Samen eines Tages.

Perfektions-Kinder

Für mich ist es immer eine grosse Herausforderung, ruhig und gelassen zu bleiben, wenn ich mit Brimborium und Tünche der seichten Esoterik-Szene konfrontiert werde. Ich liebe das Echte im Menschen, nicht das Aufgedonnerte, weil es alles so klein macht, weil der Mensch durch die Aufmachung seine Schwächen und Nöte so deutlich zeigt, ja, es ist mir sogar manchmal peinlich, hinter der Fassade, hinter dem Brimborium das zu sehen, was der Mensch meint, gut verbergen zu können. Gerade weil er es nicht merkt oder meint, andere merken es nicht, rührt es mich zutiefst.
Der neue Renner sind Indigokinder, die jetzt reicher an Zahl auftreten als die bunten Regenbogenkinder, die wir so dringend in einer Welt der Beziehungsunfähigkeit bräuchten. Die Produkte unseres Perfektionswahns, die Manifestationen unserer unterdrückten Gaben brauchen wir, nicht mehr das einfache Kind, das mit Bauklötzen spielt und vor Freude in die Hände klatscht, wenn ein Türmchen entsteht. Nein, heute brauchen wir fertige Miniaturerwachsene, die möglichst schon mit einem IQ von 150 geboren werden, in der einen Faust eine Computermaus, in der anderen das Modem für den Internetanschluss.
Aber nun gut, jetzt gibt es sie, die paranormalen, überdurchschnittlich Begabten, die alles im Eiltempo machen und dabei doch so oft als Menschen auf der Strecke bleiben. Ich bin sehr für Begabtenförderung, für Eliteschulen, nur sollten sie den ganzen Menschen fördern und nicht nur die einseitige Begabung eines Kindes, damit diese Kinder lebensfähig werden, soziales Verhalten lernen und die Achtung vor dem Andersartigen, was wir Toleranz nennen, wahren. Es darf eben auch alles anders sein und nicht nur nach dem Kopf eines Begabten. Der ganze Mensch mit seinen Energieebenen muss wachsen dürfen. Das Wichtigste ist dabei eine Herzensschulung, die intellektuelle Schulung steht an zweiter Stelle, denn unser Leben leben wir primär als Mensch mit menschlichen Qualitäten und nicht als Hülle oder Etikett mit Titeln und Oscars versehen. Der Mensch im Hochbegabten ist zu schulen, auf dass er mit dem Herzen sehen, fühlen, denken und handeln lernt.

Die 15-jährige Irene in Orange

Eine Mutter kam mit ihrer 15-jährigen Tochter in meine Praxis. Sie ist als Heilerin tätig und sagt, dass sie alle Energie von ihrer Tochter bekomme. Das Mädchen erscheint im langen Gewand, alles an ihr ist in Orange-Gold, die Kleidung, die Armreifen, die Ohrringe, die Strümpfe, die Schuhe, alles in Orange.
Die Gabe des Mädchens: Sie bekommt Eingebungen aus anderen Dimensionen, hat den Auftrag, die Kranken zu retten, heilt am laufenden Meter, manchmal sieben Patienten nach der Schule. Sie nimmt Schmerzen weg, operiert mental, kommuniziert mit diversen Engeln . . . Das Mädchen ist ernst, hat einen leeren, harten Blick, nichts an ihm ist teenagerhaft, seine Aufmachung wirkt aufgesetzt, unnatürlich. Die Augen blicken wie die eines Drogenabhängigen oder wie in einem Rauschzustand.
Ich frage, ob das Kind irgendwelche Medikamente oder Stimulantien bekommt. Die Mutter: Nein.
Ich frage nach der Schule und lasse erst mal die wundersamen Talente beiseite. Bei jedem Thema schaut Irene gelangweilt nach oben oder durch mich durch.
Ich frage, wie sie sich erdet.
Irene: Das brauche ich doch gar nicht. Ich werde von vielen Wesen gehalten.
Zum Beispiel von wem?
Die Augen von Irene beginnen zu flackern, dass ich bereits befürchte, es finde gleich ein epileptischer Anfall statt. Egal, was ich frage, ich bekomme keine Antwort. Die Mutter greift ein: Es sieht so aus, dass Sie nicht in der Lage sind, das grosse Talent meiner Tochter zu erkennen. Wir haben die weite Reise gemacht, um von Ihnen zu hören, was Sie wahrnehmen.
Wollen Sie das wirklich hören oder wollen Sie das hören, was Sie gerne hören möchten?
Nein, ich will schon die Wahrheit wissen. Ist meine Tochter das grosse Heilermedium?
Warum ist das wichtig? Was passiert, wenn Sie es wissen? Ist sie dann eine wertvollere Tochter? Warum muss ihre Tochter ein Heilermedium sein?
Die Tochter dreht die Augen himmelwärts und sagt stöhnend: Oh, oh, was für schlechte Energien! Frau Sonnenschmidt, dort, wo Sie sitzen, ist ein schwarzes Loch und ganz schwere Energie. Sie werden ganz krank davon . . .
Lass gut sein, Irene. Bis eben war hier noch eine gute Schwingung. Seit ihr da seid, sind auf einmal schlechte Energien da. Das muss wohl was mit euch zu tun haben.
Irene macht eine Show mit Gesten des Unwohlseins und Leidens: Oh, oh, welche dunklen Wolken ziehen da auf . . .
Schluss jetzt mit dem Theater! Ich habe keine Lust und keine Zeit, mich mit Firlefanz zu befassen. Also, was willst du. Warum bist du hier?
Die Mutter antwortet: Sehen Sie das denn nicht. Irene ist ein Indigokind und hilft mir in meiner Heilerarbeit. Wir arbeiten auch mit Ausserirdischen zusammen. Wissen Sie, dass es inzwischen viele Ausserirdische auf der Erde gibt?
Nein, interessiert mich auch nicht. Kommen wir zur Sache. Warum sind Sie und Ihre Tochter hier?
Ich möchte wissen, ob Sie bei meiner Tochter das Heilertalent erkennen.
Tut mir leid, Ihnen zu sagen, dass ich kein Talent sehe, weder zum Heilen noch als Medium. Durch die Pubertät ist sicher eine Energie frei geworden - wie bei allen Teenagern -, die sogenannte paranormale Phänomene hervorbringen kann. So wie Irene vor mir sitzt, sehe ich kein Medium, sondern ein krankes Kind.
Das traf die Mutter wie ein Keulenschlag. Sie verzog ihr Gesicht zu einer solch grässlichen Fratze und bekam einen so stählernen Blick, dass mir etwas blümerant zumute wurde. Es sassen also zwei kranke Menschen vor mir!
Ich sagte: Ich habe den Eindruck, wir kommen hier nicht weiter. Wenn Sie eine Bestätigung für Ihr Indigokind brauchen, bitte ich Sie, zu jemand anderem zu gehen. Ihre Tochter reagiert wie ein kranker Mensch, nicht wie ein gesundes 15-jähriges Mädchen. Wenn Sie eine Behandlung wollen, können Sie gerne mal später anrufen. Das wär's für heute.
Ich nötigte die zwei, aufzustehen. Da sehe ich im Seitenblick, dass die Tochter ein paar seltsame, runenhafte Zeichen mit der rechten Hand in die Luft zeichnet.
Irene, streng dich nicht an, hier etwas energetisch zu verändern, es fehlt dir die wirkliche Kraft dazu!
Das Mädchen fühlt sich ertappt und errötet. Endlich ein menschliches Zeichen nach all dem Zirkuszauber. Die beiden gehen heim. Ich erfahre von einer befreundeten Heilerin, dass die Mutter weiter mit Irene hausieren ging, sie schliesslich von der Schule genommen hatte, damit sie sich ganz auf ihre Aufgabe als Medium und Heilerin konzentrieren könne.

Verlorene Kindheit

Da werden Eltern angezeigt, weil sie ihrem Sprössling mal eine gelangt haben. Was jedoch in der Esoterik-Szene derzeit abläuft, mit der Verbiegung von Kindern zu Indigokindern, spottet jeder Beschreibung und erregt kein Aufsehen. Ganz im Gegenteil, es kommen immer mehr Bücher auf den Markt, die den Wahn schüren, beinahe jeder Haushalt beherberge ein ausserordentliches Indigokind. Eine richtige Indigomanie ist ausgebrochen. Und jeder fühlt sich geehrt, eine solche Begabung feststellen zu können. Das erinnert lebhaft an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.

Wenn ich mir die angeblichen Indigokinder, die meistens auch noch ein ADS-Syndrom haben, in meiner Praxis anschaue, sehe ich die Folgen von
- zu vielen Impfungen
- zu häufigen Antibiotika-Gaben
- Einsatz von Psychopharmaka beim kleinsten Problem
- Fehlen der Vaterkraft
- esoterisch verbrämter Unfähigkeit, einem Kind Grenzen zu setzen.

Den Kindern zuliebe betrachte ich das moderne Publicity-trächtige Phänomen nüchtern, vielleicht desillusionierend für manche Mütter. Das tue ich, weil es schon immer hoch begabte, mediale Kinder gab. Solche Kinder verhalten sich ganz normal, haben normale Eltern und führen ein normales Leben, ohne Aufhebens, ohne Vermarktung. Sie geniessen das Privileg, ihre Fähigkeiten im warmherzigen Schutz einer intakten Familie zu entfalten. Kindliche Medialität und heilerische Gaben sind natürliche Erscheinungen, die ihren Platz in der kindlichen Bilderwelt haben. Zerren wir diese Kinder in die Öffentlichkeit, zerbrechen sie daran, mögen wir auch noch so abgehobene Namen für ihr Talent erfinden.

Ein letztes Beispiel aus meiner Praxis zitiere ich aus meinem Buch "Die Heilkraft des Humors", das 2004 im Verlag Homöopathie&Symbol erscheinen wird:

Lasst den Kindern,
solange es geht
ihre Kinderzeit
mit Märchen,
Gummistiefel-in-Pfütze,
Schokolade-an-Nase
und Lebenslust.
Wir brauchen
Regenbogenkinder!


Rat für eine ehrgeizige
Indigokind-Mutter

Arsen-Persönlichkeit

Es gibt wirklich erstaunliche Kinder, bei denen es einem manchmal kalt und heiss den Rücken herunter läuft. Da kommt ein fünfjähriges Mädchen in die Praxis in Begleitung einer ausnehmend hübschen und elegenten Mutter. Problem des Kindes: Es hält den Stuhl zurück. Ina ist nicht verstopft, nein, sie will kein Häufchen abgeben.
Vor mir sitzt ein Kind wie aus dem Film "Der Herr der Ringe", nähmlich eine Elfe. Klein, sehr zart gebaut mit riesigen dunkelblauen Augen, in denen ein unglaublicher Silberglanz liegt. Wenn die Mutter gesagt hätte, Ina stamme von irgendeinem Jupitermond oder sei die Kassiopeia persönlich - ich hätte es geglaubt. Ina scannt mich minutenlang, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich halte dem Blick stand, wir schweigen und dringen tief ineinander ein. Das ganze Kind ist durchsichtig, wie aus Elbenglas und wirkt ein paar tausend Jahre alt.
Die Mutter eröffnet das Gespräch: Sie wollen sicher wissen, was mit Ina los ist? Das kann Ihnen Ina auch selbst sagen.
Gut, Ina, warum gibst du dein Häufchen nicht ab?
Ooch, einfach so. Ich mag kein Kakak machen.
Hilf mir mal, das zu verstehen. Was stört dich denn daran?
Wie ich schon sagte, ich mag es einfach nicht.
Wie riecht es denn?
Verzieht das Gesicht.
Das stinkt!
Wie denn? Wie ein alter Socken? Ein alter Käse, wie faule Eier, scharf . . .?
Überlegt, ernsthaft, dann:
Wenn ich mir das recht überlege, trifft nichts von dem, wass Sie genannt haben.
Gut, kluge Dame, dann sag mir, wie es riecht.
Das stinkt ekelig!
Aha, das ist schon mal klar. Wie fühlt sich denn das Häufchen an? Krümelig, schlabberig, matschig . . .?
Die Mutter erstarrt zur Salzsäule, schaut mich entsetzt an. Ina schaut die Mutter an mit einem vielsagenden Blick: Das geht dich nichts an, das ist meine Sache. Sie wendet sich mir zu und sagt ganz sachlich: Klebrig, ja, zu klebrig.
Wie hättest du es denn lieber?
Die Mutter atmet schwer, es schiesst ihr die Schames- und Zornesröte ins Gesicht, sie rutscht unruhig auf dem Sessel hin und her. Ina beobachtet die Mutter, schüttelt den Kopf und sagt: Mama, eine Fünfjährige wird doch wohl wissen, wie sich ein Häufchen anfühlt!
Das Kind wird immer unheimlicher.
Ich fasse mal zusammen. Dein Häufchen stinkt und es ist zu klebrig. Wenn es nun nicht mehr stinkt und sich besser anfühlt, wie ist es dann?
Dann reicht es immer noch nicht.
Wie bitte? Was reicht noch nicht?
Dreht die Augen gen Himmel.
Na, Sie sind aber schwer von Begriff! Das Häufchen ist noch nicht gut genug!
Arsen tanzt vor meinem geistigen Auge.
Du willst also sagen, das Häufchen ist noch nicht perfekt, und deshalb willst du es behalten.
Genau!
Ich schaue die Mutter fragend an. Die Mutter bestätigt: Ja, Ina meint, was da hinten raus kommt, ist noch nicht gut genug.
Ina, hast du dir schon mal überlegt, dass das, was hinten raus kommt, dein eigenes Produkt ist? Du hast es erschaffen. Jetzt kommt es raus, du kannst es angucken, dann stellst du fest, dass du es nicht mehr brauchst.
Ina hört sehr interessiert zu: Nein, so habe ich das noch nicht überlegt.
Du könntest es ja mal versuchen. Du lässt dein Häufchen raus, schaust es an, begrüsst es und sagst zu ihm: Da bist du ja, ich habe dich gesehen, jetzt brauch ich dich nicht mehr. Tschüss! Und dann spülst du es runter.
Das werde ich versuchen.
Die Mutter: ich fasse es nicht.
Ina will aufstehen, da spricht die Mutter mit ihr Französisch und sagt: Warte bitte, ob du noch etwas gefragt wirst.
Aber Ina geht einfach raus. Ich unterhalte mich mit der Mutter und komme zu dem Schluss, dass in dieser Familie mit diesem Einzelkind etwas ganz und gar nicht stimmt. Ina kommt wieder, macht die Türe zum Behandlungszimmer bedeutsam auf, stellt sich wie auf eine Bühne und sagt: Was Sie gesagt haben, stimmt. Ich habe Kakak gemacht, hab's angeschaut und dann gesagt, ich brauche dich jetzt nicht mehr, tschüss! Dann habe ich alles runtergespült.
Die Mutter sagt Ina auf Französisch, dass sie wie ein kleines Kind Kakak sage. Ina antwortete auf Französisch: Lass mich doch, es macht mir Spass.
Aha, du sprichst auch Französisch?
Ina streift mich mit einem mitleidigen Blick und sagt etwas ironisch (ironisch mit fünf Jahren!): Ich kann Ihnen das auch in vier anderen Sprachen sagen!
Es stellt sich heraus, die Mutter ist Französin, spricht perfekt drei andere Sprachen. Der Vater ist ein Sprachgenie und spricht sieben Fremdsprachen perfekt, und Ina ist viersprachig aufgewachsen. Ina sagt mir die gleiche Begebenheit auf Italienisch und Englisch.
Ich fasse es nicht, wie sich das Kind verhält! Es ist mehr als Altklugheit, die ich schon oft bei Einzelkindern erlebt habe. Ina ist geradezu unheimlich alt, denn sie vermittelt mir mental bei jeder Bemerkung: Wehe, du nimmst mich nicht ernst!
So, das mit dem Häufchen hat geklappt. Bist du bereit, das auch zu Hause zu üben?
Ja, das mache ich, das ist lustig, dem Häufchen Tschüss zu sagen.
Hast du sonst noch Probleme? Tut dir was weh?
Nö. Das reicht ja auch für eine Fünfjährige, oder?
Würde ich auch sagen. Ein Häufchen perfekt ablegen ist eine grosse Aufgabe, die verlangt viel Übung. So, dann sind wir fertig?
Die Mutter fragt: wieso fertig? Bekommt meine Tochter kein Medikament?
Nein.
Das gibt's doch nicht.
Doch. Ihr Kind ist nicht wirklich krank. Was ihm fehlt, ist Kind-sein-dürfen, Schokolade-an-der-Nase, Gummistiefel-in-Pfütze.
Die Mutter schaut mich fassungslos an.
Ina sagt: Jetzt haben Sie aber schlechtes Deutsch gesprochen.
Ja, stimmt, aber hast du verstanden, was ich gesagt habe?
Ina schaut fragend die Mutter an.
Also, wir sind fertig!
Nein.
So? Was ist denn noch?
Ina schaut intensiv an die Wand, an der Bilder hängen, und weist mit dem Kopf dahin. Ich folge ihrem Blick.
Ja, was siehst du da?
Sehen Sie das etwa nicht?
Nein, was ist denn da?
Ina schaut mit aufgerissenen Augen und deutlicher Ungeduld hinter mich. Ich drehe mich herum und sehe, dass ein Bilderrahmen minimal verrutscht ist.
Aha, das Bild hängt nicht gerade! Sag mir, wenn es richtig hängt.
Während ich millimeterweise den Rahmen bewege, kneift Ina nicht mal die Augen zusammen, sondern verfolgt aufmerksam mein Tun und sagt schliesslich: Halt, jetzt stimmt's.
Arsen!
Ina bekommt Arsen LM 12. Daraufhin haben die Eltern ein Problem. Ina wird mehr Kind, macht brav ihr Häufchen mit dem Übungsritual und lässt ihren Perfektionismus zugunsten von mehr Chaos fallen. Die Eltern sind klug genug, das zu akzeptieren, und kommen nach einer ganzheitlichen Behandlung zu der Erkenntnis: Wir haben ein Kind von fünf Jahren, das sich wie ein Kind von fünf Jahren benehmen und verhalten darf. Damit bröckelt auch bei den Eltern der ungesunde Anteil des Perfektionismus ab.

Schlussbetrachtung

Es ist auffallend, dass fast nie Väter ihre Indigokinder vorstellen oder eine überdurchschnittliche Begabung anpreisen. Die Energiefarbe des Indigo taucht bei Mönchen, Einsiedlern und Menschen auf, die alles alleine machen müssen oder wollen, die keine Bindung eingehen wollen oder können, Einzelgänger sind und die Fülle des Lebens meiden. Zweifellos ist Indigo als Ausnahmefarbe auch ein gesundes Zeichen für eine aussergewöhnliche Gabe. Doch eine Gabe ist eine Aufgabe, nähmlich als Mensch mit menschlichen, charakterlichen Qualitäten zu wachsen und dadurch ein Fundament zumTragen einer grossen Begabung zu entwickeln. Die kranke Energie des Indigo ist heute wesentlich mehr verbreitet als die gesunde, und zwar bei vielen Frauen und Müttern. Ihre tiefen Sehnsüchte nach Anerkennung, Würdigung ihrer Leistung, ihrer Aufopferung, Kinder alleine zu erziehen, sind starke mentale Botschaften, denen die Energie folgt, die sich wie alle mentalen Botschaften manifestieren. Im systemischen Feld der Familie übernimmt immer jemand ungelöste Konflikte, denn das Universum verliert nichts. Eine Familie ist ein solches Universum im Kleinen. Die Zukunft unserer Kinder kann nicht darin liegen, dass Frauen noch mehr Energie aufbringen, den Vater zu ersetzen und ihr Kind an die leere Stelle der männlichen Kraft zu stellen. Die Mutterkraft ist das nährende Prinzip, die Kraft, die dem Kind zu inkarnieren hilft, die erste ind wichtigste Heilerin, die dem Kind die Hand auflegt. Darum sind Frauen mit einer natürlichen Sensitivität und Heilerkraft begabt. Aber solche Begabung findet nicht auf dem Marktplatz statt. Und genau hier gerät die Frau in einen schweren Konflikt, indem sie nach aussen gehen muss oder will, um eine berufliche Karriere zu ermöglichen. Gleichzeitig will und muss sie aber die von Natur aus weiche, sensitive, nach innen gerichtete weibliche Kraft leben. Aus dieser verständlichen Spannung erwachsen Konflikte, die in dem Masse lösbar werden, wie die Frau eine Brücke spannt,, nähmlich zu natürlichen Pendant des Mannes, zum Vater, zum Lebensgefährten, wie auch immer eine Partnerschaft gestaltet sei. Das Kind braucht heute mehr denn je die Vaterkraft und nicht so viel überforderte Mutterkraft. Wunderkinder gehen daraus hervor, dass sie früh in das Gehege des Therapiewahns geraten. Wer meint, ein Wunderkind zu haben, sollte erst mal selber in Therapie gehen und nachschauen, warum er/sie eines braucht!
Wenn ich mit Kindern allein erziehender Mütter eine kleine Alphareise (in meditativem Bewusstseinszustand) an die seelische Tafelrunde durchführe und nach der Vaterkraft frage, höre ich immer das Gleiche in Variation: da ist keine.
Dann erschaffe dir mal eine. Und dann bin ich tief gerührt von dem Bild des Helden, der hoch zu Ross das Kind auf seinen Schoss nimmt, ihm die Welt erklärt, ihm Struktur, Grenzen und Freiheit schenkt. Das vaterlose Kind sucht jemanden, der ihm Grenzen setzt, damit es innere Freiheit erfährt. Väter, die sich ihrer Verantwortung entziehen, sich wegjagen lassen oder wie auch immer die Familie verlassen, helfen mit, noch mehr Wunderkinder zu produzieren, noch mehr vereinsamtes Indigo zu fördern, noch mehr Fitness- und Jugendwahn zu unterstützen, noch mehr Superbegabung zu züchten. Von Natur aus zeigt die Vaterkraft, wo es langgeht, steckt Grenzen, Reviere ab und sorgt für das Leben und Überleben - ob uns das als Frauen passt oder nicht, es gibt biologische Gesetze. Wir können die Folgen ihrer Überschreitung und Missachtung pausenlos sehen, weil sich Kinder Ersatzhelden suchen, wenn der eigene Vater fehlt, wenn die männliche, ordnende, strukturierende Kraft fehlt.
Ehe wir also mit grossem, psychologisch aufgeblähtem Getöse wunderliche Indigokinder propagieren, schauen wir doch mal auf die Lösungsmöglichkeiten, auch im modernen Leben die männliche und weibliche Kraft zugunsten der Kinder aufleben zu lassen. Wenn uns das in unserer Zeit gelingt, könnte das zum achten Weltwunder avancieren, was ein Grund zum Feiern, Tanzen, Singen, Lachen und Jubeln wäre.


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