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Wenn sich ein Kind nicht so
verhält oder so entwickelt, wie es irgendeine Norm verlangt, oder die
Eltern überfordert, wird es dem Kinderpsychologen vorgestellt. Der stellt
dann entweder ein ADS-Syndrom oder ein XY-Syndrom oder ein "Indigokind" fest.
Auf jeden Fall bekommt das Kind ein Etikett auf die Stirn geklebt und früh
ein Therapiebewusstsein eingeimpft neben vielen anderen unnötigen
Impfstoffen.
Wo bleiben die Väter?
[. . .] Wo sind die
Väter, die dem Kind den Weg weisen? Wo ist die Vaterkraft, die das Kind an
die Hand nimmt, ihm die "Jagdgründe" des Lebens zeigt? Wo ist der Held des
Kindes, an dem es sich messen lernt? Was wundern wir uns, dass sich so viele
Kinder Ersatzväter in rauhen Gruppierungen oder seichten Esoterikkreisen
suchen?
Überforderte Mütter
[. . .] In vielen
Fällen will es scheinen, als seien die Männer gerade mal gut genug
gewesen, um das Kind zu zeugen. Dann sind sie überflüssig, zu
schwierig, zu lasch, zu soft, zu, zu, zu,. . . Zu oft erlebe ich Situationen,
dass junge Frauen bindungsunlustig und -unfähig sind, weil sie ihre
Konflikte nicht lösen, sondern sie in jede neue Beziehung mit
hineinnehmen, als dass ich es als Ausnahme verbuchen könnte. Sie suchen
die Lösung in der Therapie des Kindes, was wieder eine Projektion nach
aussen ist, also von den eigenen Problemen weg. Existiert noch ein Vater in der
Familie, so steht er oftmals im Hintergrund, schaut zu und sagt nichts. Er
macht sich überflüssig. In solchen desolaten Verhältnissen
wächst ein immenses Therapiebewusstsein heran, das gerade dem Kind schon
früh suggeriert: Konflikte kannst du micht alleine lösen, dazu
brauchst du einen Therapeuten. Kommen dann Mutter und Kind in die Praxis, sehe
ich eigentlich nur eine Patientin, nähmlich die Mutter - überfordert,
dominant, frustriert. Sie weist auf ihren Sprössling und berichtet, was er
aller nicht kann und tut oder was er alles kann, was andere nicht können.
Meine Praxis betreten erstaunlich viele Wunderkinder, die gerade in der
Esoterik mal wieder Hochkonjunktur haben und einen neuen Zweig der
Psychotherapie hervorbringen, denn ein normal begabter Psychologe ist
natürlich einem IQ-180-Kind nicht gewachsen.
Wunderkinder
müssen reifen
Nun ist es so, dass mich überdurchschnittlich
begabte Kinder, von ehrgeizigen Müttern präsentiert, wenig
beeindrucken, weil für mich Kinder sowieso ein Wunder sind und meine
besten Lehrer. Wunderkinder habe ich zur Genüge in der Kunst, in der Musik
erlebt, vor allem, wenn sie vom Markt verbraucht und ausgelaugt wurden. Zum
Thema Wunderkind habe ich sehr aufschlussreiche Erfahrungen in Nordindien
gemacht. Dort veranstaltet "All India Radio" jährlich ein Riesenfestival,
bei dem alle überdurchschnittlich begabten Kinder aus ganz Indien ihren
grossen Auftritt haben. Alles, was Rang und Namen hat, ist anwesend. Die
Minikünstler werden begeistert empfangen, gelobt, geehrt, gefeiert. Bis
dahin gleichen sich die Wege im Umgang mit begabten
Nachwuchskünstlern. Aber danach folgt ein gravierender Unterschied im
Umgang mit Sonderbegabung: In Indien verschwindet nun das Kind für 15 bis
20 Jahre von der grossen Bühne und wird umfassend geschult. Das bedeutet
nicht nur intensiver Unterricht auf dem Instrument oder in Tanz und Gesang,
sondern die Schulung des kindlichen Bewusstseins für seine spirituelle
Aufgabe als Künstler. Schon das kleine Kind lernt, dass es auf einer
erhöhten Bühne sitzt oder tanzt, weil es die Kraft der Transformation
entwickeln muss, damit es eines Tages das Bewusstsein des Zuhörers vom
Alltagsbewusstsein auf eine höhere Ebene erheben kann. Niemand im eigenen
familiären Umkreis oder in der Familie des Lehrers käme auf die Idee,
das Kind ob seiner Begabung aus dem natürlichen Verbund herauszunehmen. Im
Gegenteil, die Schulung besteht darin, den Menschen im kleinen Künstler
oder sonstwie Hochbegabten in der Wärme einer Familie reifen zu
lassen. Überhaupt ist "Reifen" das zentrale Thema, denn die indische
Kunst basiert auf dem Seniorenprinzip, nicht auf dem Jugendwahn und "unreifem
Obst". Natürlich darf das Kind, darf der Jugendliche im Kreise der
Familie, der Freunde und Bekannten seine Fortschritte nach und nach zeigen,
dennoch heisst es:Die Frau sollte sich erst ab 36 Jahren, der Mann ab 38 Jahren
der grossen Öffentlichkeit präsentieren, weil erst in diesem reifen
Alter die Kraft besteht, mit der anbrandenden Energie eines Publikums umgehen
zu können. Wir gehören im Westen in diesem Alter bereits dem
"alten Eisen" an, haben mindestens schon eine Lebensmittekrise absolviert,
unzählige Therapien und Krankheiten genährt und denken an Pension.
Für künstlerische Berufe sind wir längst zu alt. Was mich an
indischen Kindern und Jugendlichen mit wahrhaft aussergewöhnlichen
Begabungen tief beeindruckte, war ihre Persönlichkeit, ihre gesunde
Ausstrahlung von Selbstvertrauen, von Selbstwertgefühl. Der Mensch im
kleinen Genie war mit gewachsen. Klarerweise lässt sich mit solchermassen
geschulten Kindern kein Markt füllen, denn aussergewöhnliche
Begabungen sind eben selten.
Der Wunderkind-Wahn
Bei uns scheint
es umgekehrt zu sein. Wir erleben gerade eine Schwemme von begabten Kindern,
sogenannten Indigokindern, die eines eint: ihre verständliche Unreife. In
ihnen wird eine Facette herausgezüchtet, hochgejubelt, auf ein Podest
gestellt, vermarktet, verschlissen. Das Wunderkind-Syndrom ist ein weiteres
krankes Zeichen unserer schnelllebigen Zeit. Kinder werden Erwachsene, und es
ist nun mal bei unserer Lebenserwartung so, dass wir die längste Zeit im
Leben älter als 16 Jahre sind. Durch den Wahn, fast in jeder Familie ein
Wunderkind zu wähnen, produzieren wir menschliche Wracks. Das sehen wir
nicht jetzt, aber es gibt genügend Wracks, die früher einmal
Wunderkinder waren, um die sich niemand mehr schert. Kurzum: Kinder
gehören nicht auf die Bühne, nicht auf eine ideelle, reale,
marktorientierte oder esoterische.Erfreulicherweise gibt es auch
vernünftige Eltern, die tatsächlich hoch begabte Kinder haben und die
das Kind einfach reifen lassen, die ihm eine echte Kindheit
schenken.
Westlicher Wunderglaube
Das Wunderkind ist ein
westliches Phänomen, denn wir sind seit 2000 Jahren wundergläubig
bezüglich der Phänomene, die wir nicht erklären können und
von denen wir uns abkoppeln. Jesus lief übers Wasser, berührte
Lazarus und tat wahrlich viel Heilendes als unser grösster westlicher
Heiler. Aber das war eben Jesus, damit haben wir nichts zu tun. Basta! So
koppeln wir uns von seinen Wundern ab, sie gehören nicht zu unserem Leben.
Wunder geschehen von einer unerreichbaren Instanz aus. Wunder müssen gegen
den links-hirnigen Verstand verstossen, dann kommen sie in die
Schublade:"Spontanheilung" oder "Wunder" oder "Unerklärlicher Vorfall",
eben "para-normal". Wir kleinen, besser: klein gehaltenen und klein gemachten
Menschlein können keine Wunder vollbringen. Wir sitzen ja auch nicht neben
Gott im Himmel zu seiner Rechten oder Linken. Wir wuseln nur unten im
leidvollen Dasein und schauen auf die Leiche von Gottes Sohn, damit wir nur ja
nicht auf die Idee kommen, Jesus oder sonst ein Heiliger könnte auch ganz
normal gelebt, gegessen, gelacht haben. Mir hat mal eine Hardliner-Theologin
allen Ernstes gesagt: "Jesus verrichtete keine Notdurft." Ich antwortete: "Dann
wäre er sicher noch früher gestorben als ohnehin" - und erhielt einen
bösen Blick. Wunder finden irgendwo da draussen statt. Wunder
müssen die Naturgesetze aus den Angeln heben, sie haben mit der Natur
nichts zu tun. Je unnatürlicher, desto grösser die Wunderverehrung.
Deshalb masst sich auch die Pharmaindustrie jedes Jahr an, neue Wundermittel
auf den Markt zu bringen.
Wunderkinder-Produktion
Als der
Geigenpädagoge Daisetz Suzuki vor 25 Jahren propagierte, jedes Kind
könne Geige spielen, standen alsbald Scharen von Vier- und
Fünfjährigen auf der Bühne und spielten perfekt klassische
Violinkonzerte. Es gab plötzlich nur noch Hochbegabungen und Wunderkinder.
Man wedelte schon mal mit einer Minigeige über der Wiege des Neugeborenen,
um den kommenden Menuhin oder Oistrach vorzuprogrammieren. Zahllose Kinder
wurden verschlissen durch Geigendrill. Und dann dam eines Tages das grosse
Erwachen. Es stellte sich heraus, dass aus den Abertausenden von
Suzuki-Geigenkindern in aller Welt kein einziges an die Spitze der Profigeiger
gelangte, kein einziges Weltruhm erlangte. Was war passiert? Die Kinder
liessen sich bis zur Pubertät drillen, dann kam, wa kommen musste - Gott
sei Dank! Die Teenies hatten keinen Bock mehr auf Bach und Beethoven, auf
diszipliniertes Üben jeden Tag auf derselben Stelle, wo die Fussumrisse
auf den Boden gezeichnet waren. Ende des Wunderkinddaseins. Ende des Traums bei
den Eltern. Wie war es nur möglich, dass diese begabten Geigenkinder nicht
den normalen Geigenkindern den Rang abliefen? Wie war es möglich, dass
grosse Geiger zwar als Kinder anfingen, aber in der Pubertät lieber
Fussball spielten oder mit der Freundin rummachten, als Tonleitern spielen und
Dvorak zu üben? Suzuki hielt eisern an seinen Thesen fest - und sie
zerbrachen am eisernen Griff. Weitere Tausende Kinder in aller Welt wurden
gedrillt. Keines bestieg je die grosse internationale Bühne. Was fehlte
wohl? Ich habe Suzuki-Kinder zur Genüge auf der Bühne erlebt. Es
fehlte nur eines: das Lachen, der Spass, der Narr im kleinen Künstler. Ich
sah Mini-Erwachsene, die ernst ihre Pflicht taten. Ich lernte in diesen Kreisen
viel über das homöopathisch Arzneiwesen von Arsen. Es durfte nicht
gelacht erden, es durfte nicht von den festgelegten Strukturen abgewichen
erden. Das Kind im Kind war weggetrübt. Ich konnte das nicht ernst nehmen
und machte mich bei jeder Gelegenheit lustig über das todernste Gehabe der
Winzlinge und liess mich überhaupt nicht von der Leistung des Geigenspiels
beeindrucken. Das ärgerte viele Eltern, Geigenlehrer, Kollegen,
Fernsehleute, Rundfunkleute. Doch das war mir egal, und ich machte mich sehr
unbeliebt, indem ich das chaotische, lachende, Purzelbaum schlagende Kind in
meinem Musikunterricht vorzog. Aber so eine Musiklehrerin wollte man nicht, bei
der es laut zuging. Ich quittierte also meinen Dienst, der mir mein Studium
finanzierte, und ging lieber putzen, als diese kranke Musikschulwelt zu
unterstützen.
Modetrend Indigokinder
Offenbar reizt mich das
Thema Wunderkind. Der letzte Schrei sind ja im Moment die Indigokinder.
Mütter kommen mit ihren hellsichtigen, heilerisch begabten, medialen
Sprösslingen in meine Praxis und sind schnell sauer, weil ich auf die
ausserordentlichen Begabungen hin sage: Und? Was ist daran so besonders? Wo ist
das Wunder? Dann unterhalte ich mich mit dem Wunderkind und bin
erschüttert, dass ich wieder das das Suzuki-Phänomen erlebe: ernst,
wichtigtuerisch, arrogant, lustlos. Arsenisch im unerlösten Sinne. Es
trifft mich ein strafender Blick, wenn ich wage, ein Witzchen zum Thema
Medialität oder Heilen im Kindesalter zu machen. Darüber lacht man
nicht, das ist eben eine todernste Sache. Eben, Indigo, die Farbe der totalen
Einsamkeit und Isolation, der langen geistigen Reife. Indigo hat in der Aura
eines gesunden Kindes nichts zu suchen. Ich habe Indigo nur bei schwer kranken,
autistischen und gestörten Kindern gesehen. Das bestätigt auch mein
Lehrer, der 28 Jahre als Auramedium in einer Kinderklinik angestellt war. Die
besondere Farbe oder Energie des Indigo ist eine Projektion von einem
Erwachsenen auf ein Kind. Darum schaue ich mir immer zuerst das Energiefeld der
Mutter an, die mit ihrem Indigokind meine Praxis betritt. Hierzu ein
Beispiel:
die zwölfjährige Nina
Du siehst also die Aura
von Menschen. Ja, und dann gehe ich zu ihm und sage ihm, was ihm
fehlt. Ohne Erlaubnis? Ohne ihn zu fragen, ob du das darfst? Ich darf
das, ich bin an das höhere Selbst angebunden. Ich habe den Auftrag von
oben. Ich schaute suchend nach oben an die Decke: Ja, wo ist es denn, das
höhere Selbst. Ich schaue unter meinen Tisch, am Boden herum, unter meinen
Stuhl. Liebe Zeit, wo ist bloss das höhere Selbst hingekommen. Eben war's
noch da. Also, so was! Wo das bloss hingekommen ist! Ich sehe vor mir das
ernste Gesicht der Tochter und ein indigniert dreinschauendes Gesicht der
Mutter. Findest du das wirklich in Ordnung, einfach so die Menschen
anzusprechen und ihnen was über ihre Krankheiten zu sagen? Das ist mein
Auftrag von oben. Junge Dame, ich will dir mal was sagen. Lerne erst mal zu
leben und werde ein ganzer Mensch. Dann befasse dich mit den Gesetzen der
Heilkunst hier unten, dann kannst du besser deinen göttlichen Auftrag
verstehen. Ohne, dass jemand geheilt werden will, ganz tief in seinem Herzen,
kann niemend heilen, auch du nicht. Wenn dich jemand um Hilfe und Rat bittet,
ist das o.k., aber einfach in der Aura lesen und das beurteilen mit deiner
winzigen Lebenserfahrung ist eine Anmassung. Die Mutter ist aufgebracht: Na
hören sie mal, Sie nehmen überhaupt nicht meine begabte Tochter
ernst. Wir sind extra zu Ihnen gekommen, damit Sie das Talent bestätigen
und vielleicht sagen, was Nina noch besser machen kann. Ja, ich nehme das in
der Tat nicht ernst, weil es nicht in der Ordnung der Natur ist, mit 12 Jahren
solche anmassenden Dinge zu tun. Natürlich interessiert mich die Begabung
Ihrer Tochter. Zu Nina gewandt: Was hast du denn für Hobbies? Was
meinen Sie denn mit Hobbies? Was machst du in deiner Freizeit, wenn du aus
der Schule kommst? Ich meditiere, denn meine Gabe ist ein Geschenk Gottes .
. . Du sagst es! Es ist ein Geschenk, das du nicht ehrst. Diese Gabe hat
eine Aufgabe, nähmlich ein ganzer Mensch zu werden, zu lernen, wie man mit
Krisen, mit Lebensfreude, Spass und allen möglichen Lebenslagen umgeht.
Der Heiler muss erst mal selber heil und ganz werden. Davon bist du mit 12
Jahren noch weit entfernt. Du bist gerade mal zur Hälfte inkarniert, da
fehlt noch eine Menge Lebenserfahrung und Achtung der Eigenautorität
anderer Menschen.
Die Mutter ist stinksauer und giftet mich an: Nina ist
eine alte Seele, sie ist viel weiter als andere Kinder in dem Alter. Sie ist
schliesslich ein Indigokind! Ja, schade, dass Sie nur das Indigo in der Aura
beachten. Indigo ist die Farbe der Einsamkeit, der Askese, der inneren Reife,
der Entsagung. Dass Ihre Tochter hauptsächlich Indigo in der Aura hat, ist
pure Einbildung. Sie wollen es so, weil es jetzt "in" ist. Sie tun Ihren Kind
nichts Gutes, wenn Sie auf einer einzigen Farbe herumreiten. Was ist mit der
Lebenslust in Orange? Was mit dem strahlenden Gelb der Kommunikation, was mit
dem Knallrot der Sexualität, was mit dem Grün der rhythmischen
Bewegung? Das Reizwort "Sexualität" war gefallen. Die Tochter wendet
sich angewidert ab, die Mutter schaut mich an, als wolle sie mich erschlagen.
Wie ich sowas sagen könne? Ich antwortete: Die schöpferische Kraft
kann Leben hervorbringen. Oder haben Sie Ihre Tochter per mitotischer
Zellteilung empfangen? Was immer wir Ausserordentliches erschaffen,
benötigt diese schöpferische Basiskraft, eben die Sexualität,
die man erst mal körperlich erfahren muss, ehe man anfängt, sie zu
vergeistigen. Zu Nina gewandt: Wenn du den ersten Freund hast, dich
über beide Ohren verliebt hast, das Wunder der körperlichen Liebe
erfahren hast, kannst du gerne wieder mal zu mir kommen. dann erzähle ich
dir gerne was übers Heilen und Medialität. Dann bin ich auch gerne
bereit, mir deine Aura mal anzugucken. Soll das heissen, wir sind ganz
umsonst gekommen? Mag sein, das erscheint dir so. Weil ich dich als Kind
sehr mag und von Herzen annehme, gebe ich dir einen Rat, erst mal richtig zu
leben, zu tanzen, zu singen und zu lachen und für eine Weile deine
Begabung zu vergessen, damit sie sich entwickeln kann. Denk daran: Man schaut
niemals ungefragt in eines Menschen Energiefeld und heilt niemals einen
Menschen ungefragt. Das ist ein Verstoss gegen die Ethik und kein
Kavaliersdelikt. Mutter und Tochter rauschen ab. Man sieht ihnen deutlich
ihre Enttäuschung an. Vielleicht spüren sie darin den heilsamen Samen
eines Tages.
Perfektions-Kinder
Für mich ist es immer eine
grosse Herausforderung, ruhig und gelassen zu bleiben, wenn ich mit Brimborium
und Tünche der seichten Esoterik-Szene konfrontiert werde. Ich liebe das
Echte im Menschen, nicht das Aufgedonnerte, weil es alles so klein macht, weil
der Mensch durch die Aufmachung seine Schwächen und Nöte so deutlich
zeigt, ja, es ist mir sogar manchmal peinlich, hinter der Fassade, hinter dem
Brimborium das zu sehen, was der Mensch meint, gut verbergen zu können.
Gerade weil er es nicht merkt oder meint, andere merken es nicht, rührt es
mich zutiefst. Der neue Renner sind Indigokinder, die jetzt reicher an Zahl
auftreten als die bunten Regenbogenkinder, die wir so dringend in einer Welt
der Beziehungsunfähigkeit bräuchten. Die Produkte unseres
Perfektionswahns, die Manifestationen unserer unterdrückten Gaben brauchen
wir, nicht mehr das einfache Kind, das mit Bauklötzen spielt und vor
Freude in die Hände klatscht, wenn ein Türmchen entsteht. Nein, heute
brauchen wir fertige Miniaturerwachsene, die möglichst schon mit einem IQ
von 150 geboren werden, in der einen Faust eine Computermaus, in der anderen
das Modem für den Internetanschluss. Aber nun gut, jetzt gibt es sie,
die paranormalen, überdurchschnittlich Begabten, die alles im Eiltempo
machen und dabei doch so oft als Menschen auf der Strecke bleiben. Ich bin sehr
für Begabtenförderung, für Eliteschulen, nur sollten sie den
ganzen Menschen fördern und nicht nur die einseitige Begabung eines
Kindes, damit diese Kinder lebensfähig werden, soziales Verhalten lernen
und die Achtung vor dem Andersartigen, was wir Toleranz nennen, wahren. Es darf
eben auch alles anders sein und nicht nur nach dem Kopf eines Begabten. Der
ganze Mensch mit seinen Energieebenen muss wachsen dürfen. Das Wichtigste
ist dabei eine Herzensschulung, die intellektuelle Schulung steht an zweiter
Stelle, denn unser Leben leben wir primär als Mensch mit menschlichen
Qualitäten und nicht als Hülle oder Etikett mit Titeln und Oscars
versehen. Der Mensch im Hochbegabten ist zu schulen, auf dass er mit dem Herzen
sehen, fühlen, denken und handeln lernt.
Die 15-jährige Irene
in Orange
Eine Mutter kam mit ihrer 15-jährigen Tochter in meine
Praxis. Sie ist als Heilerin tätig und sagt, dass sie alle Energie von
ihrer Tochter bekomme. Das Mädchen erscheint im langen Gewand, alles an
ihr ist in Orange-Gold, die Kleidung, die Armreifen, die Ohrringe, die
Strümpfe, die Schuhe, alles in Orange. Die Gabe des Mädchens: Sie
bekommt Eingebungen aus anderen Dimensionen, hat den Auftrag, die Kranken zu
retten, heilt am laufenden Meter, manchmal sieben Patienten nach der Schule.
Sie nimmt Schmerzen weg, operiert mental, kommuniziert mit diversen Engeln . .
. Das Mädchen ist ernst, hat einen leeren, harten Blick, nichts an ihm ist
teenagerhaft, seine Aufmachung wirkt aufgesetzt, unnatürlich. Die Augen
blicken wie die eines Drogenabhängigen oder wie in einem
Rauschzustand. Ich frage, ob das Kind irgendwelche Medikamente oder
Stimulantien bekommt. Die Mutter: Nein. Ich frage nach der Schule und lasse
erst mal die wundersamen Talente beiseite. Bei jedem Thema schaut Irene
gelangweilt nach oben oder durch mich durch. Ich frage, wie sie sich
erdet. Irene: Das brauche ich doch gar nicht. Ich werde von vielen Wesen
gehalten. Zum Beispiel von wem? Die Augen von Irene beginnen zu flackern,
dass ich bereits befürchte, es finde gleich ein epileptischer Anfall
statt. Egal, was ich frage, ich bekomme keine Antwort. Die Mutter greift ein:
Es sieht so aus, dass Sie nicht in der Lage sind, das grosse Talent meiner
Tochter zu erkennen. Wir haben die weite Reise gemacht, um von Ihnen zu
hören, was Sie wahrnehmen. Wollen Sie das wirklich hören oder
wollen Sie das hören, was Sie gerne hören möchten? Nein, ich
will schon die Wahrheit wissen. Ist meine Tochter das grosse
Heilermedium? Warum ist das wichtig? Was passiert, wenn Sie es wissen? Ist
sie dann eine wertvollere Tochter? Warum muss ihre Tochter ein Heilermedium
sein? Die Tochter dreht die Augen himmelwärts und sagt stöhnend:
Oh, oh, was für schlechte Energien! Frau Sonnenschmidt, dort, wo Sie
sitzen, ist ein schwarzes Loch und ganz schwere Energie. Sie werden ganz krank
davon . . . Lass gut sein, Irene. Bis eben war hier noch eine gute
Schwingung. Seit ihr da seid, sind auf einmal schlechte Energien da. Das muss
wohl was mit euch zu tun haben. Irene macht eine Show mit Gesten des
Unwohlseins und Leidens: Oh, oh, welche dunklen Wolken ziehen da auf . .
. Schluss jetzt mit dem Theater! Ich habe keine Lust und keine Zeit, mich
mit Firlefanz zu befassen. Also, was willst du. Warum bist du hier? Die
Mutter antwortet: Sehen Sie das denn nicht. Irene ist ein Indigokind und hilft
mir in meiner Heilerarbeit. Wir arbeiten auch mit Ausserirdischen zusammen.
Wissen Sie, dass es inzwischen viele Ausserirdische auf der Erde gibt? Nein,
interessiert mich auch nicht. Kommen wir zur Sache. Warum sind Sie und Ihre
Tochter hier? Ich möchte wissen, ob Sie bei meiner Tochter das
Heilertalent erkennen. Tut mir leid, Ihnen zu sagen, dass ich kein Talent
sehe, weder zum Heilen noch als Medium. Durch die Pubertät ist sicher eine
Energie frei geworden - wie bei allen Teenagern -, die sogenannte paranormale
Phänomene hervorbringen kann. So wie Irene vor mir sitzt, sehe ich kein
Medium, sondern ein krankes Kind. Das traf die Mutter wie ein Keulenschlag.
Sie verzog ihr Gesicht zu einer solch grässlichen Fratze und bekam einen
so stählernen Blick, dass mir etwas blümerant zumute wurde. Es sassen
also zwei kranke Menschen vor mir! Ich sagte: Ich habe den Eindruck, wir
kommen hier nicht weiter. Wenn Sie eine Bestätigung für Ihr
Indigokind brauchen, bitte ich Sie, zu jemand anderem zu gehen. Ihre Tochter
reagiert wie ein kranker Mensch, nicht wie ein gesundes 15-jähriges
Mädchen. Wenn Sie eine Behandlung wollen, können Sie gerne mal
später anrufen. Das wär's für heute. Ich nötigte die
zwei, aufzustehen. Da sehe ich im Seitenblick, dass die Tochter ein paar
seltsame, runenhafte Zeichen mit der rechten Hand in die Luft
zeichnet. Irene, streng dich nicht an, hier etwas energetisch zu
verändern, es fehlt dir die wirkliche Kraft dazu! Das Mädchen
fühlt sich ertappt und errötet. Endlich ein menschliches Zeichen nach
all dem Zirkuszauber. Die beiden gehen heim. Ich erfahre von einer befreundeten
Heilerin, dass die Mutter weiter mit Irene hausieren ging, sie schliesslich von
der Schule genommen hatte, damit sie sich ganz auf ihre Aufgabe als Medium und
Heilerin konzentrieren könne.
Verlorene Kindheit
Da werden
Eltern angezeigt, weil sie ihrem Sprössling mal eine gelangt haben. Was
jedoch in der Esoterik-Szene derzeit abläuft, mit der Verbiegung von
Kindern zu Indigokindern, spottet jeder Beschreibung und erregt kein Aufsehen.
Ganz im Gegenteil, es kommen immer mehr Bücher auf den Markt, die den Wahn
schüren, beinahe jeder Haushalt beherberge ein ausserordentliches
Indigokind. Eine richtige Indigomanie ist ausgebrochen. Und jeder fühlt
sich geehrt, eine solche Begabung feststellen zu können. Das erinnert
lebhaft an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.
Wenn ich mir
die angeblichen Indigokinder, die meistens auch noch ein ADS-Syndrom haben, in
meiner Praxis anschaue, sehe ich die Folgen von - zu vielen Impfungen -
zu häufigen Antibiotika-Gaben - Einsatz von Psychopharmaka beim
kleinsten Problem - Fehlen der Vaterkraft - esoterisch verbrämter
Unfähigkeit, einem Kind Grenzen zu setzen.
Den Kindern zuliebe
betrachte ich das moderne Publicity-trächtige Phänomen nüchtern,
vielleicht desillusionierend für manche Mütter. Das tue ich, weil es
schon immer hoch begabte, mediale Kinder gab. Solche Kinder verhalten sich ganz
normal, haben normale Eltern und führen ein normales Leben, ohne
Aufhebens, ohne Vermarktung. Sie geniessen das Privileg, ihre Fähigkeiten
im warmherzigen Schutz einer intakten Familie zu entfalten. Kindliche
Medialität und heilerische Gaben sind natürliche Erscheinungen, die
ihren Platz in der kindlichen Bilderwelt haben. Zerren wir diese Kinder in die
Öffentlichkeit, zerbrechen sie daran, mögen wir auch noch so
abgehobene Namen für ihr Talent erfinden.
Ein letztes Beispiel aus
meiner Praxis zitiere ich aus meinem Buch "Die Heilkraft des Humors", das 2004
im Verlag Homöopathie&Symbol erscheinen wird:
Lasst den
Kindern, solange es geht ihre Kinderzeit mit
Märchen, Gummistiefel-in-Pfütze, Schokolade-an-Nase und
Lebenslust. Wir brauchen Regenbogenkinder!
Rat für eine
ehrgeizige Indigokind-Mutter
Arsen-Persönlichkeit
Es gibt
wirklich erstaunliche Kinder, bei denen es einem manchmal kalt und heiss den
Rücken herunter läuft. Da kommt ein fünfjähriges
Mädchen in die Praxis in Begleitung einer ausnehmend hübschen und
elegenten Mutter. Problem des Kindes: Es hält den Stuhl zurück. Ina
ist nicht verstopft, nein, sie will kein Häufchen abgeben. Vor mir
sitzt ein Kind wie aus dem Film "Der Herr der Ringe", nähmlich eine Elfe.
Klein, sehr zart gebaut mit riesigen dunkelblauen Augen, in denen ein
unglaublicher Silberglanz liegt. Wenn die Mutter gesagt hätte, Ina stamme
von irgendeinem Jupitermond oder sei die Kassiopeia persönlich - ich
hätte es geglaubt. Ina scannt mich minutenlang, ohne mit der Wimper zu
zucken. Ich halte dem Blick stand, wir schweigen und dringen tief ineinander
ein. Das ganze Kind ist durchsichtig, wie aus Elbenglas und wirkt ein paar
tausend Jahre alt. Die Mutter eröffnet das Gespräch: Sie wollen
sicher wissen, was mit Ina los ist? Das kann Ihnen Ina auch selbst
sagen. Gut, Ina, warum gibst du dein Häufchen nicht ab? Ooch,
einfach so. Ich mag kein Kakak machen. Hilf mir mal, das zu verstehen. Was
stört dich denn daran? Wie ich schon sagte, ich mag es einfach
nicht. Wie riecht es denn? Verzieht das Gesicht. Das stinkt! Wie
denn? Wie ein alter Socken? Ein alter Käse, wie faule Eier, scharf . .
.? Überlegt, ernsthaft, dann: Wenn ich mir das recht überlege,
trifft nichts von dem, wass Sie genannt haben. Gut, kluge Dame, dann sag
mir, wie es riecht. Das stinkt ekelig! Aha, das ist schon mal klar. Wie
fühlt sich denn das Häufchen an? Krümelig, schlabberig, matschig
. . .? Die Mutter erstarrt zur Salzsäule, schaut mich entsetzt an. Ina
schaut die Mutter an mit einem vielsagenden Blick: Das geht dich nichts an, das
ist meine Sache. Sie wendet sich mir zu und sagt ganz sachlich: Klebrig, ja, zu
klebrig. Wie hättest du es denn lieber? Die Mutter atmet schwer, es
schiesst ihr die Schames- und Zornesröte ins Gesicht, sie rutscht unruhig
auf dem Sessel hin und her. Ina beobachtet die Mutter, schüttelt den Kopf
und sagt: Mama, eine Fünfjährige wird doch wohl wissen, wie sich ein
Häufchen anfühlt! Das Kind wird immer unheimlicher. Ich fasse
mal zusammen. Dein Häufchen stinkt und es ist zu klebrig. Wenn es nun
nicht mehr stinkt und sich besser anfühlt, wie ist es dann? Dann reicht
es immer noch nicht. Wie bitte? Was reicht noch nicht? Dreht die Augen
gen Himmel. Na, Sie sind aber schwer von Begriff! Das Häufchen ist noch
nicht gut genug! Arsen tanzt vor meinem geistigen Auge. Du willst also
sagen, das Häufchen ist noch nicht perfekt, und deshalb willst du es
behalten. Genau! Ich schaue die Mutter fragend an. Die Mutter
bestätigt: Ja, Ina meint, was da hinten raus kommt, ist noch nicht gut
genug. Ina, hast du dir schon mal überlegt, dass das, was hinten raus
kommt, dein eigenes Produkt ist? Du hast es erschaffen. Jetzt kommt es raus, du
kannst es angucken, dann stellst du fest, dass du es nicht mehr
brauchst. Ina hört sehr interessiert zu: Nein, so habe ich das noch
nicht überlegt. Du könntest es ja mal versuchen. Du lässt
dein Häufchen raus, schaust es an, begrüsst es und sagst zu ihm: Da
bist du ja, ich habe dich gesehen, jetzt brauch ich dich nicht mehr.
Tschüss! Und dann spülst du es runter. Das werde ich
versuchen. Die Mutter: ich fasse es nicht. Ina will aufstehen, da spricht
die Mutter mit ihr Französisch und sagt: Warte bitte, ob du noch etwas
gefragt wirst. Aber Ina geht einfach raus. Ich unterhalte mich mit der
Mutter und komme zu dem Schluss, dass in dieser Familie mit diesem Einzelkind
etwas ganz und gar nicht stimmt. Ina kommt wieder, macht die Türe zum
Behandlungszimmer bedeutsam auf, stellt sich wie auf eine Bühne und sagt:
Was Sie gesagt haben, stimmt. Ich habe Kakak gemacht, hab's angeschaut und dann
gesagt, ich brauche dich jetzt nicht mehr, tschüss! Dann habe ich alles
runtergespült. Die Mutter sagt Ina auf Französisch, dass sie wie
ein kleines Kind Kakak sage. Ina antwortete auf Französisch: Lass mich
doch, es macht mir Spass. Aha, du sprichst auch Französisch? Ina
streift mich mit einem mitleidigen Blick und sagt etwas ironisch (ironisch mit
fünf Jahren!): Ich kann Ihnen das auch in vier anderen Sprachen
sagen! Es stellt sich heraus, die Mutter ist Französin, spricht perfekt
drei andere Sprachen. Der Vater ist ein Sprachgenie und spricht sieben
Fremdsprachen perfekt, und Ina ist viersprachig aufgewachsen. Ina sagt mir die
gleiche Begebenheit auf Italienisch und Englisch. Ich fasse es nicht, wie
sich das Kind verhält! Es ist mehr als Altklugheit, die ich schon oft bei
Einzelkindern erlebt habe. Ina ist geradezu unheimlich alt, denn sie vermittelt
mir mental bei jeder Bemerkung: Wehe, du nimmst mich nicht ernst! So, das
mit dem Häufchen hat geklappt. Bist du bereit, das auch zu Hause zu
üben? Ja, das mache ich, das ist lustig, dem Häufchen Tschüss
zu sagen. Hast du sonst noch Probleme? Tut dir was weh? Nö. Das
reicht ja auch für eine Fünfjährige, oder? Würde ich
auch sagen. Ein Häufchen perfekt ablegen ist eine grosse Aufgabe, die
verlangt viel Übung. So, dann sind wir fertig? Die Mutter fragt: wieso
fertig? Bekommt meine Tochter kein Medikament? Nein. Das gibt's doch
nicht. Doch. Ihr Kind ist nicht wirklich krank. Was ihm fehlt, ist
Kind-sein-dürfen, Schokolade-an-der-Nase,
Gummistiefel-in-Pfütze. Die Mutter schaut mich fassungslos an. Ina
sagt: Jetzt haben Sie aber schlechtes Deutsch gesprochen. Ja, stimmt, aber
hast du verstanden, was ich gesagt habe? Ina schaut fragend die Mutter
an. Also, wir sind fertig! Nein. So? Was ist denn noch? Ina schaut
intensiv an die Wand, an der Bilder hängen, und weist mit dem Kopf dahin.
Ich folge ihrem Blick. Ja, was siehst du da? Sehen Sie das etwa
nicht? Nein, was ist denn da? Ina schaut mit aufgerissenen Augen und
deutlicher Ungeduld hinter mich. Ich drehe mich herum und sehe, dass ein
Bilderrahmen minimal verrutscht ist. Aha, das Bild hängt nicht gerade!
Sag mir, wenn es richtig hängt. Während ich millimeterweise den
Rahmen bewege, kneift Ina nicht mal die Augen zusammen, sondern verfolgt
aufmerksam mein Tun und sagt schliesslich: Halt, jetzt
stimmt's. Arsen! Ina bekommt Arsen LM 12. Daraufhin haben die Eltern ein
Problem. Ina wird mehr Kind, macht brav ihr Häufchen mit dem
Übungsritual und lässt ihren Perfektionismus zugunsten von mehr Chaos
fallen. Die Eltern sind klug genug, das zu akzeptieren, und kommen nach einer
ganzheitlichen Behandlung zu der Erkenntnis: Wir haben ein Kind von fünf
Jahren, das sich wie ein Kind von fünf Jahren benehmen und verhalten darf.
Damit bröckelt auch bei den Eltern der ungesunde Anteil des
Perfektionismus ab.
Schlussbetrachtung
Es ist auffallend, dass
fast nie Väter ihre Indigokinder vorstellen oder eine
überdurchschnittliche Begabung anpreisen. Die Energiefarbe des Indigo
taucht bei Mönchen, Einsiedlern und Menschen auf, die alles alleine machen
müssen oder wollen, die keine Bindung eingehen wollen oder können,
Einzelgänger sind und die Fülle des Lebens meiden. Zweifellos ist
Indigo als Ausnahmefarbe auch ein gesundes Zeichen für eine
aussergewöhnliche Gabe. Doch eine Gabe ist eine Aufgabe, nähmlich als
Mensch mit menschlichen, charakterlichen Qualitäten zu wachsen und dadurch
ein Fundament zumTragen einer grossen Begabung zu entwickeln. Die kranke
Energie des Indigo ist heute wesentlich mehr verbreitet als die gesunde, und
zwar bei vielen Frauen und Müttern. Ihre tiefen Sehnsüchte nach
Anerkennung, Würdigung ihrer Leistung, ihrer Aufopferung, Kinder alleine
zu erziehen, sind starke mentale Botschaften, denen die Energie folgt, die sich
wie alle mentalen Botschaften manifestieren. Im systemischen Feld der Familie
übernimmt immer jemand ungelöste Konflikte, denn das Universum
verliert nichts. Eine Familie ist ein solches Universum im Kleinen. Die Zukunft
unserer Kinder kann nicht darin liegen, dass Frauen noch mehr Energie
aufbringen, den Vater zu ersetzen und ihr Kind an die leere Stelle der
männlichen Kraft zu stellen. Die Mutterkraft ist das nährende
Prinzip, die Kraft, die dem Kind zu inkarnieren hilft, die erste ind wichtigste
Heilerin, die dem Kind die Hand auflegt. Darum sind Frauen mit einer
natürlichen Sensitivität und Heilerkraft begabt. Aber solche Begabung
findet nicht auf dem Marktplatz statt. Und genau hier gerät die Frau in
einen schweren Konflikt, indem sie nach aussen gehen muss oder will, um eine
berufliche Karriere zu ermöglichen. Gleichzeitig will und muss sie aber
die von Natur aus weiche, sensitive, nach innen gerichtete weibliche Kraft
leben. Aus dieser verständlichen Spannung erwachsen Konflikte, die in dem
Masse lösbar werden, wie die Frau eine Brücke spannt,, nähmlich
zu natürlichen Pendant des Mannes, zum Vater, zum Lebensgefährten,
wie auch immer eine Partnerschaft gestaltet sei. Das Kind braucht heute mehr
denn je die Vaterkraft und nicht so viel überforderte Mutterkraft.
Wunderkinder gehen daraus hervor, dass sie früh in das Gehege des
Therapiewahns geraten. Wer meint, ein Wunderkind zu haben, sollte erst mal
selber in Therapie gehen und nachschauen, warum er/sie eines braucht! Wenn
ich mit Kindern allein erziehender Mütter eine kleine Alphareise (in
meditativem Bewusstseinszustand) an die seelische Tafelrunde durchführe
und nach der Vaterkraft frage, höre ich immer das Gleiche in Variation: da
ist keine. Dann erschaffe dir mal eine. Und dann bin ich tief gerührt
von dem Bild des Helden, der hoch zu Ross das Kind auf seinen Schoss nimmt, ihm
die Welt erklärt, ihm Struktur, Grenzen und Freiheit schenkt. Das
vaterlose Kind sucht jemanden, der ihm Grenzen setzt, damit es innere Freiheit
erfährt. Väter, die sich ihrer Verantwortung entziehen, sich wegjagen
lassen oder wie auch immer die Familie verlassen, helfen mit, noch mehr
Wunderkinder zu produzieren, noch mehr vereinsamtes Indigo zu fördern,
noch mehr Fitness- und Jugendwahn zu unterstützen, noch mehr Superbegabung
zu züchten. Von Natur aus zeigt die Vaterkraft, wo es langgeht, steckt
Grenzen, Reviere ab und sorgt für das Leben und Überleben - ob uns
das als Frauen passt oder nicht, es gibt biologische Gesetze. Wir können
die Folgen ihrer Überschreitung und Missachtung pausenlos sehen, weil sich
Kinder Ersatzhelden suchen, wenn der eigene Vater fehlt, wenn die
männliche, ordnende, strukturierende Kraft fehlt. Ehe wir also mit
grossem, psychologisch aufgeblähtem Getöse wunderliche Indigokinder
propagieren, schauen wir doch mal auf die Lösungsmöglichkeiten, auch
im modernen Leben die männliche und weibliche Kraft zugunsten der Kinder
aufleben zu lassen. Wenn uns das in unserer Zeit gelingt, könnte das zum
achten Weltwunder avancieren, was ein Grund zum Feiern, Tanzen, Singen, Lachen
und Jubeln wäre.
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