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11.07.2003 Rainer Rupp Junge Welt
Rumsfeld ruft Hilfe
Anhörung im US-Senat: Zu hohe Kriegskosten, zu viele tote Soldaten
Donald Rumsfeld gab am Mittwoch abend (Ortszeit) in Washington den Unschuldsknaben. Könnte sein, die Begründung für den Angriff auf Irak sei eine Fälschung gewesen, meinte der Verteidigungsminister. Auch würde er »zur Stabilisierung der Lage in Irak« die Unterstützung von so vielen Ländern wie möglich begrüßen. Dazu gehörten auch die damaligen Kriegsgegner Deutschland und Frankreich, sagte Rumsfeld vor dem für die Streitkräfte zuständigen Senatsausschuß in Washington. Er gestand zugleich ein, daß die Besatzungskosten explodieren. Derweil haben am Donnerstag zwei neue Angriffe auf US-Truppen in Irak die Zahl der getöteten amerikanischen Soldaten seit dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen auf 76 steigen lassen. Vor deren Bekanntwerden berichtete das Pentagon am Mittwoch von 212 getöteten US-Soldaten seit Beginn des Irak-Kriegs am 20. März.

»Unter den Hunderten und Hunderten von Papieren, die wir jeden Tag sehen«, könnte natürlich die Information gewesen sein, daß »die Nachricht eine Fälschung war«. Mit der »Nachricht« meinte Rumsfeld die US-Begründung für den Angriff auf Irak, wonach Saddam Hussein im Niger Uran hätte kaufen lassen – eine inzwischen sogar vom Weißen Haus eingestandene Lüge. Daß es sich bei der von Bush mehrfach wiederholten Behauptung um eine gefälschte Nachricht gehandelt hatte, war der CIA bereits viele Monate bekannt gewesen. Inzwischen wies der Geheimdienst nach, daß er das Weiße Haus und die entsprechenden Regierungsstellen darüber unterrichtet hatte. Dennoch war der angebliche Urankauf des Irak eine der Schlüssellügen, die Außenminister Powell im Januar dieses Jahres dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen präsentierte, um so den Krieg gegen Irak zu rechtfertigen.

Die Niger-Geschichte sei nur »ein nachrichtendienstliches Papierschnipsel« gewesen, »das in den Argumenten der Administration für einen Krieg lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt« habe, erklärte dagegen Rumsfeld. Bei den Nachrichtendiensten ändere sich ohnehin ständig die Lage: Die Tatsache, daß diese spezielle Nachricht später modifiziert wurde, habe ihn »weder überrascht noch geschockt«, sagte Rumsfeld in seiner gewohnt schnodderigen Art. Vor dem Krieg gegen Irak habe man »keine dramatisch neuen Beweise« über Massenvernichtungswaffen gehabt. Das sei jedoch für den Krieg nicht ausschlaggebend gewesen. Vielmehr sei die potentielle Gefahr, die von (angeblichen) irakischen Massenvernichtungswaffen ausging, von der Bush-Administration nach dem 11.September in einem »dramatisch neuen Licht« gesehen worden. Rumsfeld wörtlich: durch »das Prisma des 11.Septembers«.

Die Anhörung war vom Streitkräfteausschuß des Senats einberufen worden, der auch wissen wollte, wie teuer die derzeitigen US-Kriege sind. Nach Angaben von Rumsfeld kostet der Irak-Krieg die USA monatlich 3,9 Milliarden Dollar, bedeutend mehr, als bisher geschätzt wurde. Auf beharrliche Fragen der Senatoren gab Rumsfeld zum ersten Mal auch Auskunft über die Kosten der US-Operationen in Afghanistan. Mit 900 bis 950 Millionen Dollar im Monat liegen diese weit über den Schätzungen des US-Kongresses in Höhe von 500 Millionen Dollar. Bereits tags zuvor, am Dienstag, hatte das US-Abgeordnetenhaus die »Verteidigungsausgaben« für das Haushaltsjahr 2004 in Höhe von 368,7 Milliarden Dollar mit überwältigender Mehrheit gebilligt. Das in der Zahl enthaltene Wachstum von 1,3 Prozent ist jedoch nicht aussagekräftig, denn Mitte des laufenden Haushaltsjahres war ein Nachtragshaushalt von 62,4 Milliarden Dollar für den Irak-Krieg verabschiedet worden, der im laufenden »Verteidigungshaushalt« nicht eingeschlossen ist. Auch in den fast 370 Milliarden fürs kommende Jahr sind die Irak-Kriegskosten nicht enthalten.

Vor dem Hintergrund des riesigen US-Rüstungshaushaltes dürften es weniger die Kosten der US-Besatzung, sondern die zunehmende Zahl von toten und verwundeten US-Soldaten gewesen sein, welche die Senatoren dazu veranlaßte, Verteidigungsminister Rumsfeld erneut und mit großer Dringlichkeit aufzufordern, andere Länder – insbesondere Deutschland und Frankreich – dazu aufzufordern, den USA bei der Besatzung und Unterdrückung des Irak mit Soldaten behilflich zu sein. Daher zeigten sich die Senatoren, von denen einige gerade von einer Erkundungsmission im Irak zurückgekommen waren, sichtlich verärgert, daß Rumsfeld nur vage über den Stand der amerikanischen Truppenanforderungen an Deutschland und Frankreich informiert zu sein schien. Rumsfeld erklärte lediglich, daß eine entsprechende Forderung bereits vor Monaten durch das US-Außenministerium an die Länder gegangen sei. Auch habe sein Stellvertreter Paul Wolfowitz schon im Dezember in der NATO eine solche Forderung gestellt. Ohne näher auf den Inhalt einzugehen, verwies Rumsfeld statt dessen auf Großbritannien und Polen, die 20000 zusätzliche Soldaten für den Irak versprochen hätten, und darauf, daß die NATO den Polen dabei behilflich sei.


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