Das Pentagon greift im Irak inzwischen auf alte Männer
und Wochenendsoldaten zurück »Up yours, asshole«, war die
Reaktion des US-Sergeants auf das Zuwinken eines vorbeifahrenden irakischen
Jugendlichen in der 200000-Einwohner-Stadt Falludscha, eines der Zentren des
irakischen Widerstandes gegen die fremden Besatzungstruppen. Und er fügte
hinzu: »Oh Gott, wie ich diese Leute hasse«. So zitierte
jüngst der Reporter einer britischen Tageszeitung den US-Feldwebel Ronald
Black von der Dritten US-Infanteriedivision. Trotz wiederholter Versprechungen,
bald nach Hause gehen zu können, bekamen die US-Soldaten kürzlich den
Befehl, bis zum Herbst vor Ort auszuharren.
Nach übereinstimmenden
Berichten hat die Moral der US-Soldaten im Irak-Einsatz einen Tiefpunkt
erreicht. Inmitten einer feindlichen Umgebung müssen sie sich in voller
Montur bei 40 Grad im Schatten ständig »als lebende
Zielscheiben« fühlen. Entsprechend verärgert und ungehalten
reagieren die GIs bei ihren Patrouillen. Immer wieder kommt es zu tragischen
»Irrtümern« der GIs, die so ihren im Irak erworbenen Ruf als
brutale und schießwütige Soldateska bestätigen. Damit aber
erreicht das US-Militär genau das Gegenteil dessen, was die fünf vom
Pentagon eingesetzten unabhängigen Experten in ihrem jüngsten Bericht
als oberste Priorität genannt haben: die »Herzen und
Köpfe« der Iraker zu erobern. Ansonsten, so heißt es in dem
Bericht, könnte das Land innerhalb von drei Monaten für die
US-Besatzer vollkommen unregierbar werden. Kürzlich berichtete CNN, wie
sich nach einem Angriff auf US-Truppen in Bagdad eine irakische Menschenmenge
zusammenfand und beim Abtransport eines toten GIs in Minuten langen Jubel
ausbrach.
Jüngsten Berichten zufolge gärt es sogar in den
ländlichen Keimzellen des amerikanischen Nationalismus. Ein Beispiel
bietet das 30000 Einwohner kleine Militärstädtchen Hinesville im
US-Bundesstaat Georgia, wo die Dritte US-Infanetriedivision beheimatet ist.
Hier können auch die riesigen US-Flaggen und Plakate, die an jeder
Straßenecke »patriotisch« Gottes Segen für Amerika und
seine Truppen im Irak erbitten, nicht über die zunehmende Unzufriedenheit
der Soldatenfrauen und Angehörigen hinwegtäuschen. Medienberichten
zufolge ist das »Klima von Angst bestimmt, die leicht in Wut umschlagen
könnte«. Die Moral der Angehörigen und der dort noch
stationierten Soldaten sei inzwischen sehr niedrig. Laut Patrick Donahue,
Redakteur der Lokalzeitung Coastal Courier, sind die Soldatenfrauen »sehr
enttäuscht es grenzt fast an Wut und Verbitterung«. Die
Tatsache, daß die US-Truppen im Irak nicht als Befreier gefeiert werden,
ist für viele ein Schock.
Nicht nur in Briefen an Angehörige
und ihre Vertreter im US-Kongreß machen die Soldaten inzwischen ihrem
Ärger und der Enttäuschung über die politische und
militärische Führung Luft, sondern auch in den Medien. »Ich
habe meine eigene Liste der am meisten gesuchten (Verbrecher -
R.R). Die Asse in meinem Kartenspiel sind Paul Bremer, Donald Rumsfeld, George
Bush und Paul Wolfowitz«, wurde ein namentlich nicht genannter
US-Feldwebel von dem amerikanischen Nachrichtensender ABC-News kürzlich
zitiert. »Ich habe mein Vertrauen in die Army verloren«, sagte auch
US-Soldat Jayson Punyhotra, der sich nicht scheute, seinen Namen zu nennen. Und
der GI Clinton Deitz sagte, er würde »Donald Rumsfeld auffordern,
sofort zurückzutreten«.
Da sich solche abfälligen
Äußerungen von GIs in den Medien gehäuft haben, wollen
kommandierende Offiziere bereits Verfahren wegen
»Wehrkraftzersetzung« anberaumen. Dennoch steht das Pentagon vor
einem Dilemma. Es steht zu befürchten, daß viele der für teures
Geld ausgebildeten GIs ihre Verträge nicht mehr verlängern oder
vorzeitig kündigen werden. Das geschähe zu einem Zeitpunkt, zu dem
das Pentagon Soldaten dringender braucht denn je. Zunehmend greift das Pentagon
auch für den Einsatz im Irak auf sogenannte Wochenendsoldaten der
Nationalgarde zurück und öffnet damit unfreiwillig eine weitere
gefährliche Flanke. Denn diese Männer kommen mitten aus dem zivilen
Leben, wo sie als Feuerwehrleute, Postboten, Techniker oder Lehrer arbeiten.
Der am 9. Juli von einem irakischen Scharfschützen getötete
55jährige US-Feldwebel Roger Dale Rowe war bereits siebenfacher
Großvater. Nun will das Pentagon weitere 10000 Nationalgardisten in den
Irak schicken.
Mit jedem Verwundeten oder Getöteten rückt der
Krieg im Irak derweil stärker ins Bewußtsein der amerikanischen
Bevölkerung. Der tägliche Blutzoll und die Berichte über
Beisetzungen und trauernde Familien in der Regionalpresse haben nicht nur in
den Medien inzwischen Erinnerungen an Vietnam geweckt. So könnte Bushs
»glorreicher Sieg« im Irak noch rechtzeitig zu den
Präsidentschaftswahlen nächstes Jahr zu seiner politischen Niederlage
werden. |