Während es jetzt
offensichtlich wird, dass das Pentagon kein festes Konzept entwickelt hat, wie
der Nachkriegsirak regiert werden soll, hat jemand anderes bestimmt Pläne
entworfen, wie man die US-Herrschaft sabotiert.
Vor Beginn des Krieges
beharrten die Militärstrategen darauf, einen Plan für die Zeit nach
dem Ende der Kampfhandlungen zu haben. Ihr Plan bestand darin, sich auf Saddam
Hussein und seine Führungsmannschaft zu stürzen, ihn zu ergreifen
oder ihn zu töten und die Verwaltungsbeamten auf der mittleren Ebene, die
städtischen Beamten und die Polizeikräfte im Amt zu belassen, um das
Land zu regieren. Das Pentagon erwartete, dass das Militär sich weigern
würde zu kämpfen, Saddam mit einem Staatsstreich loszuwerden und die
Macht über die Sicherheitslage im Irak aufrechtzuerhalten, so dass die
US-Truppen in Bagdad einmarschieren und eine neue Regierung errichten
könnten.
Keiner dieser optimistischen Pläne hat wie erwartet
funktioniert. Während sich nämlich der Kongress langsam für die
Geheimdienstdaten des CIA und der Defense Intelligence Agency zu interessieren
beginnt und nach den Leuten sucht, die die irakischen Massenvernichtungswaffen
zu hoch einschätzten, hat noch niemand daran gedacht, Anhörungen zu
machen, um festzustellen, welcher Militärplaner oder welcher hohe
Regierungsbeamter aus der Bush-Administration uns in einen Krieg geführt
hat, dessen langfristige Planung einem Harry-Potter-Roman
ähnelt.
Als die US-Truppen während der Invasion vordrangen,
verließen die Funktionäre der Baath Partei und Angehörige der
Polizei ihre Posten, versteckten sich und hinterließen Chaos und
Plünderungen. In vielen kleinen Dörfern, besonders im von Schiiten
bewohnten Süden, wurden Funktionäre der Baath Partei getötet
oder von den Dorfbewohnern, deren Hass auf Saddam besonders stark war, aus
ihren Ämtern entfernt. Mächtige in den Orten ansässige Familien
oder Scheichs übernahmen ihre Ämter, bauten sich eine eigene Miliz
auf und provozierten Fehden zwischen den einzelnen Stämmen. Als die
amerikanischen und britischen Truppen ihre Angriffe und Hausdurchsuchungen
verstärkten, hat die Verwirrung, welche Milizen welche Städte und
Stadtbezirke kontrollieren, zu Angriffen und Überfällen aus dem
Hinterhalt gegen US- und britische Truppen geführt, dazu gehört auch
Schusswechsel bei dem letzte Woche sechs britische Soldaten getötet
wurden.
Die Sicherheit und die Plünderungen bleiben die einzigen
großen Probleme für die US-Übergangsbehörde. Wenn die
Sicherheitsprobleme gelöst würden, wären Hilfsorganisationen in
der Lage, Nahrungsmittel in den Irak zu bringen und zivile Bauunternehmen
könnten die zerstörte Infrastruktur wiederaufbauen. Am 19. Juni gab
die US Agency for International Development (USAID) einen Bericht heraus, in
dem mitgeteilt wurde, dass die Sicherheit im Hafen von Umm Qasr, der ersten
Stadt, die eingenommen und von den Invasionsstreitkräften "gesichert"
wurde, ein "großes Problem" bleibe und "noch problematischer geworden"
sei. USAID berichtete, dass bewaffnete Männer sackweise Mehl direkt von
einem der Schiffe mit Hilfsgütern, die im Hafen festmachen, gestohlen
hätten (was übrigens eine sehr billige und effiziente Vorgehensweise
zur Ernährung einer Guerillaarmee ist).
Die zunehmende Sabotage
irakischer Öl- und Gaspipelines ist ein noch größeres Problem.
Im Irak läuft fast alles mit Öl und Gas. Die wichtigsten
Stromkraftwerke werden mit Öl betrieben, die wiederum alles von
Wasserwerke über Eisfabriken bis Benzinpumpen an Tankstellen antreiben. In
der Zwischenzeit pumpt exportiertes Öl dringend gebrauchtes Geld in die
irakische Wirtschaft; die Bush Administration hatte gehofft, dass die
Wiederaufnahme der Ölexporte das meiste Geld für den Wiederaufbau
liefern würde.
Ursprünglich schätzte die Bush
Administration, dass die Ölexporte innerhalb von zwei Wochen nach Ende des
Krieges wieder auf das Vorkriegsniveau gebracht werden könnten. Die Frist
wurde dann auf Mitte Juni verschoben. Jetzt sind jedoch zwei Monate vorbei seit
George Bush das Ende der größten Feindseligkeiten im Irak
erklärte und die Ölproduktion ist kaum hoch genug, um die Versorgung
im Inneren zu sichern. Es hat sich herausgestellt, dass der Vertrieb fast
unmöglich geworden ist.
Am Tag, als die USA die Wiederaufnahme der
irakischen Ölexporte vom türkischen Hafen Ceyhan aus bekannt gab,
wurde die wichtigste Pipeline für den Export zwischen den Ölfeldern
im Norden und Ceyhan bombardiert. Das Öl aus dem Norden kann nicht in den
Süden nach Umm Qasr befördert werden, weil die wichtigste Pipeline
bei einem Bombenangriff der Amerikaner während des Krieges zerstört
wurde und frühestens bis zum Ende des Jahres repariert wird. Am 23. Juni
machten Saboteure eine Pipelineverbindung ausfindig, die unterirdisch ca. 180
Meter entfernt von der Hauptstraße vom Irak nach Syrien verläuft.
Sie gruben ein Loch, bis sie die Rohrleitung erreichten, befestigten daran
Sprengstoff und sprengten ein Loch in die Pipeline, die Öl von den Feldern
im Norden nach Syrien und dem Libanon befördert und schnitten somit die
Exporte vom Norden wirkungsvoll ab.
Die Felder in Rumaila im Süden,
von denen man erwartet hatte, dass sie sofort Exportöl produzieren
würden, haben sich als unstabil erwiesen. Weitverbreitete und
systematische Plünderungen haben die nahe gelegenen Wasserpumpstationen
ernsthaft beschädigt. (Wasser wird in Ölquellen gespritzt zur
Erzeugung von ausreichendem Druck, um das Öl hochzupumpen und Salz aus dem
Öl zu spülen, damit es raffiniert werden kann). Mitarbeiter des
Bauunternehmens Halliburton sind überzeugt, dass die Plünderungen als
Sabotageakte beabsichtigt waren und nicht, um wirtschaftlichen Gewinn zu
machen. Einer der Mitarbeiter sagte: "Es hat andere Anschläge auf
Einrichtungen gegeben, die sinnlos erscheinen, außer dass sie die
Entwicklung des Ölsektors aufhalten."
Aber die Sabotageakte sind
noch weiter gegangen. Am 22. Juni traf eine Explosion die Hauptpipeline, die
die Ölfelder im Süden mit Dura, der wichtigsten Raffinerie Bagdads
verbindet. Darauf folgende Anschläge in der vergangenen Woche haben
Gasleitungen beschädigt, die Elektrizitätswerke, die den gesamten
mittleren Irak, einschließlich die Hauptstadt, beliefern. Die Einwohner
Bagdads und der Umgebung leiden seit dem 23. Juni an dem vollständigen
Ausfall von Strom, fließendem Wasser, Klimaanlagen und Kühlungen,
während die Tagestemperaturen im mittleren Irak auf 43° Celsius
gestiegen sind.
Zusätzlich sind die Manager der öffentlichen
Dienstleistungsbetriebe unter Druck geraten. Am 24 Juni wurde die Leiterin
eines Kraftwerks, das des Westen Bagdads versorgt, in ihrem Haus ermordet und
der Bagdader Direktor eines Reparaturbetriebes für
Elektrizitätsanlagen wurde von einer Granate mit Raketenantrieb getroffen,
als er in einem bewachten Konvoi fuhr, um westliche Journalisten zu treffen,
mit denen er die über Elektrizitätsprobleme der Stadt diskutieren
wollte.
Derartig gut koordinierte und sachkundige Anschläge
passieren nicht zufällig. Sie weisen, trotz gegenteiliger Behauptungen von
Regierungsbeamten im Pentagon, auf eine Guerillabewegung hin. Und trotz
koordinierter Durchsuchungsaktionen der US-Truppen in den Städten und
Dörfern im "Sunni Belt" (dem Gebiet in dem in der Mehrheit Sunniten leben)
westlich und nördlich von Bagdad., steigt die Zahl der täglichen
Angriffe gegen US-Soldaten, allein an einem einzigen Tag in der vergangen Woche
wurden 25 verschiedene Überfälle aus dem Hinterhalt und Angriffe
gemeldet.
Wer steckt hinter diesen Angriffen? Der Pentagon behauptet,
dass Reste von Saddams Milizen und Anhänger der Baath Partei die
Schuldigen seien. Aber die "Theorie von einzelnen Widerstandsnestern" erscheint
schwach, selbst wenn man die Erklärungen des Pentagon zu diesem Thema
genau untersucht. "Was einst nach Zufall aussah, scheint jetzt irgendwie
organisiert zu sein", gestand ein hoher Regierungsbeamter der Washington Post.
Ein "loses Netzwerk" bewaffneter Kämpfer, die früher Saddam Husseins
Sicherheitsagenturen angehörten, hätten eine Gruppe namens "Die
Rückkehr" gebildet, diese würde von reichen sunnitischen Familien
finanziell unterstützt, behaupten andere Regierungsbeamte. Zwei andere
Milizen - Die Schlangenpartei und Die Neue Rückkehr - werden auch als
Verdächtige zitiert.
Andere Gruppen sind auf der Bildfläche
erschienen und haben die Verantwortung für Anschläge gegen US-Truppen
übernommen. Die libanesische Fernsehgesellschaft LBC TV strahlte ein Video
aus, das von einer Gruppe, die sich Irakische National Front der Fedajin nennt,
gemacht wurde. Die Irakischen Widerstandsbrigaden schickten eine Erklärung
an Al-Jazeera und erklärten sich verantwortlich für alle
Anschläge, die seit Ende des Krieges gegen die Besatzungstruppen
ausgeführt wurden. US-Regierungsbeamte geben zu, dass "muslimische
Organisationen, Waffenschmuggler und andere normale Kriminelle sowie Iraker,
die sich für den Tod ihrer Angehörigen durch Amerikaner rächen
wollen, an Anschlägen gegen die US-Streitkräfte beteiligt sind."
(Washington Post 22.06.2003)
Aber Zivilisten, die versuchen sich an
amerikanische Truppen zu rächen, sind nicht für die strategische
Zerstörung der Infrastruktur verantwortlich, die zufälligerweise
immer zu dem Zeitpunkt geschieht, wenn wichtige politische Stellungnahmen der
US-Übergangsbehörde veröffentlicht werden. Am Tag, nach dem Paul
Bremer vor dem Weltwirtschaftsforum in Jordanien sprach und verkündete, er
würde einseitig irakischen Nationalbesitz an private ausländische
Konzerne verkaufen, sprengten Saboteure die Gasleitung, die Bagdad und den
mittleren Irak von der Stromzufuhr abschnitt. Diese Aktion bereitet die
Bühne für einen größeren Aufstand in den nächsten Tag
vor, da die Einwohner beginnen unter der sengenden Hitze, Durst, Hunger (durch
den Mangel an Kühlanlagen) zu leiden, und krank werden, wenn sie Wasser
aus den verschmutzten Flüssen und stehenden Gewässern trinken oder
darin baden.
Es wird deutlich, dass jemand einen Plan für den Irak
hat, aber hierbei handelt es sich nicht um die Bush
Administration.
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Die Arbeiten von Maria Tomchick sind
auf folgenden Wesite veröffentlicht worden: Alternet, ZNet, the
CounterPunch, MotherJones.com und AntiWar.com. Sie ist außerdem
Mitherausgeberin und Redakteurin der Zeitschrift "Eat the State", einer
zweiwöchentlich erscheinenden antiautoritären
politisch-humoristischen Zeitung, die in Seattle herausgegeben
wird.
........
Quellen:
"Thefts Plague U.S. Contractors'
Efforts in Iraq," Jackie Spinner, Washington Post, 6/20/03, www.washingtonpost.com/ac2/wp-dyn/A14326-2003Jun19?language=printer"Fire, Explosions Hit Iraq-Turkey Pipeline," Michael
Georgy and Steve Bryant, Reuters, 6/13/03 "Iraqi Pipeline Blast and Fire Are
Laid to Sabotage," Neela Banerjee, New York Times, 6/14/03, www.nytimes.com"Key Iraq
Pipeline Won't Reopen Before Year's End," Keith Johnson, Wall Street Journal,
6/18/03, A14 "Attack on fuel pipeline in western Iraq: oil official,"
Agence France Presse, 6/23/03 "Explosion in Iraqi oil pipeline, residents
claim sabotage," Agence France Presse, 6/22/03. "Rash of Pipeline Fires Is
Keeping Workers Busy,"
Neela Banerjee, New York Times, 6/23/03, www.nytimes.com/2003/06/24/international/worldspecial/24OIL.html"Iraq Pipelines Easy Targets for a Sabateur," Warren
Vieth and Alissa J. Rubin, Los Angeles Times, 6/25/03, www.latimes.com"Gunmen
shoot dead Baghdad power-station boss; Explosion damages oil pipeline," Agence
France Presse, 6/25/03 "U.S. soldier killed, 8 hurt in attack," Ellen Barry
and Rebecca Bou Chebel, Boston Globe, http://www.boston.com/dailyglobe2/178/nation/US_soldier_killed_8_hurt_in_attackP.shtml"Facing Well-Planned Attacks, U.S. Alters Tactics to
Military Sweeps," Bradley Graham, Washington Post, 6/18/03, A16 "Attacks in
Iraq Traced to Network," Daniel Williams, Washington Post, 6/22/03, Al
"Unknown Iraqi Group Vows to Kill U.S. Soldiers," Reuters, 6/23/03
"Four killed in new clashes in Baghdad, London warns of lack of security,"
Agence France Presse, 6/18/03 "Overseer in Iraq Vows to Sell Off
Government-Owned Companies," Edmund L. Andrews, New York Times, 6/23/03,
www.nytimes.com--
Übersetzt von: Tony Kofoet Orginalartikel:
"This Is What A Guerilla War Looks Like" |