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23.07.2003 Jürgen Elsässer Junge Welt
Blutspur nach Downing Street
Der Selbstmord des Biowaffenexperten David Kelly verschärft den Machtkampf im britischen Establishment
Das politische System Großbritanniens wird in diesen Tagen eine möglicherweise dramatische Veränderung erfahren: Entweder werden die allzeit kriegsbereiten Kräfte um Regierungschef Tony Blair den Staatssender BBC durch eine Säuberung auf Linie zwingen. Oder die kriegskritischen Kräfte zum Beispiel im Geheimdienst MI-6 setzen den Sturz von Verteidigungsminister Geoff Hoon, möglicherweise sogar den des Premiers durch.

Blair selbst ist jedenfalls angeschlagen. Als er am Sonntag in Tokio auf einer Pressekonferenz gefragt wurde, ob er »Blut an den Händen« habe, verfiel der sonst so redegewandte Politiker für zehn Sekunden in ein versteinertes Schweigen. Das Umfrageinstitut YouGov hat im Auftrag des Daily Telegraph herausgefunden, daß nur noch 41 Prozent der Befragten den Premier stützen. Dagegen wünschen 39 Prozent, er solle seinen Amtssitz in Downing Street No. 10 räumen. 47 Prozent geben der Regierung für den Selbstmord des Wissenschaftlers David Kelly die Schuld. Dieser hatte sich am vergangenen Freitag just zu der Stunde die Pulsadern aufgeschnitten, als Blair vor dem Kongreß in Washington die britisch-amerikanische Waffenbrüderschaft feierte. Unter anderem sagte Blair zu diesem Anlaß, »daß die Geschichte uns vergeben wird«, auch wenn »wir falsch gelegen haben«, also wenn sich die offizielle Begründung des Irak-Krieges, die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins, als unzutreffend erweisen sollte. »Dann haben wir dennoch eine Bedrohung zerstört, die in jedem Fall für unmenschliche Massaker und Leiden verantwortlich war.«

Kelly war ein Kronzeuge, vielleicht sogar d e r Kronzeuge dafür, daß die britische Regierung das Land in den Krieg hineingelogen hat. Die Offensive der kriegskritischen Kräfte begann am 29. Mai mit einem BBC-Bericht, für den Kelly, wie der Sender am Sonntag eingeräumt hat, die Hauptquelle war. Dabei ging es unter anderem um ein von Blair im letzten September vorgelegtes Dossier zu den irakischen ABC-Waffen. Der BBC-Verteidigungsexperte Andre Gilligan sagte in dieser Rundfunksendung: »Ich habe mit einem britischen Beamten gesprochen, der mit der Vorbereitung des Dossiers befaßt war. Dieser hat mir gesagt, daß bis eine Woche vor der Veröffentlichung der von den Geheimdiensten vorbereitete Entwurf des Dossiers wenig mehr als das bereits Bekannte enthielt. Er sagte: Es wurde in der Woche vor der Veröffentlichung verändert, um es sexier zu machen. Klassisches Beispiel war die Aussage, daß Massenvernichtungswaffen innerhalb von 45 Minuten einsatzbereit sein könnten. Diese Information stand nicht im ursprünglichen Entwurf. Sie wurde ins Dossier eingefügt gegen ihren (der Geheimdienste) Willen, die das nicht für zulässig hielten.«

Die Sendung schlug ein wie eine Bomb. Blairs Umfragewerte, die nach dem schnellen Kriegsende ein Zwischenhoch erreicht hatten, begannen wieder zu fallen. Die Gegenoffensive von Downing Street No. 10 bestand darin, Kellys Identität als die von BBC bis dahin geheimgehaltene Quelle zu lüften. Dies geschah am 8. Juli durch das Verteidigungsministerium und stand am 9. Juli in verschiedenen Zeitungen. Kalkül von Minister Hoon mag gewesen sein, daß die BBC durch die Nennung des Informanten an Glaubwürdigkeit verlieren würde. Kelly war nämlich, anders als die BBC behauptete, kein offizieller Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes und damit, so hätte man sagen können, nicht kompetent, sich zu den entsprechenden Passagen des Dossiers zu äußern. Diese Schlußfolgerung stimmt nicht: Zwar stand Kelly wohl nicht auf der Gehaltsliste von MI-6, er war aber der führende Mikrobiologe am streng geheimen Kriegswaffenforschungszentrum in Porton Down und von 1991 bis 1998 UN-Waffeninspekteur im Irak. Nach eigenen Angaben hat er Expertisen über diese Zeit für das Dossier beigesteuert. Daher ist es wahrscheinlich, daß er auch in den Rest des Dossiers eingeweiht war und die späteren Verfälschungen durch die Regierung beurteilen konnte.

Flankierend setzten Hoons Mitarbeiter Kelly unter Druck. Zuerst wurde er im Ministerium vier Tage lang auseinandergenommen und wegen der Weitergabe internen Materials verwarnt. Dabei, so die Tageszeitung Independent vom gestrigen Dienstag, seien auch Drohungen bezüglich seiner Pensionsansprüche gefallen. Höhepunkt des Treibens war die Befragung vor dem außenpolitischen Ausschuß des Parlaments am Dienstag letzter Woche, bei dem Kelly von Blairs Emissären schwer zugesetzt wurde. »Haben Sie kein schlechtes Gewissen? Sie müßten eines haben«, belehrte ihn etwa der Abgeordnete Andrew Mackinlay inquisitorisch. Der Wissenschaftler wirkte so deprimiert und sprach so leise, daß schließlich die Klimaanlage abgestellt werden mußte, damit man ihn verstehen konnte.

Kelly sagte unmittellbar vor seinem Tod, in der ganzen Affäre trieben »viele dunkle Kräfte ihr Spiel«. Was er mitgemacht habe, sei »nicht die Welt, in der er leben möchte«. »Die Veröffentlichung seines Namens durch das Verteidigungsministeriums« setze ihn unter »unerträglichen Druck«. Damit hat Hoon eindeutig den Schwarzen Peter, und das Dementi von Blair vom gestrigen Dienstag, er habe Kellys Namen nicht an die Presse gegeben und dies auch nicht autorisiert, verstärkt den Druck auf den Verteidigungsminister noch.

Gegen alle Fakten versucht nun die Kriegspartei, der BBC den Tod Kellys anzulasten. Die führende Tageszeitung The Times, seit der Übernahme durch den Medienmogul Murdoch auf strikt proamerikanischem Kurs, zitierte Abgeordnete mit der Forderung, bei BBC müßten »Köpfe rollen«. Der Labour-Abgeordnete Gerald Kaufman stellte gar die Zukunft der BBC als öffentlich-rechtlicher Sender in Frage. Peter Mandelson, immer noch ein enger Berater Blairs, schrieb in der Sonntagsausgabe des Observer, der Sender müsse »den ganzen Müll wegschaffen und etwas Regierungsgeist aktivieren«.

Die kürzlich zurückgetretene Entwicklungshilfeministerin Clare Short kommentierte: »Diese Angriffe auf die BBC sind ein komplettes Ablenkungsmanöver von der Hauptfrage, wie wir in den Irak-Krieg gerieten.«


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