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| 28.07.2003 |
Rüdiger Göbel |
Junge
Welt |
Irak: Schiiten wollen »Imam-Armee« gegen Besatzer
kämpfen. Fünf US-Soldaten getötet Die in der vergangenen
Woche geäußerte Hoffnung der US-Regierung, daß sich die
desaströse Sicherheitslage im Irak nach dem Tod der Saddam-Söhne Udai
und Kusai verbessert, will sich nicht erfüllen. Am Wochenende kamen erneut
mindestens fünf US-Soldaten bei Angriffen irakischer Widerstandsgruppen
ums Leben. Darüber hinaus riefen Schiiten zur Bildung einer eigenen Armee
auf, die für das Ende der amerikanischen Besatzung in dem ölreichen
Zweistromland kämpfen soll. Bis zu 50000 Mann soll sie umfassen. Der Traum
von einem Abflauen der Angriffe auf die US-Truppen im Irak wäre damit
endgültig ausgeträumt.
Doch schon die Gegenwart ist für
die Besatzer am Golf bitter: Am Sonntag morgen wurde erneut ein
Marineinfanterist bei einem Granatangriff südlich von Bagdad getötet,
ein weiterer wurde verletzt, teilte die US-Armee mit. Bereits am Samstag kamen
bei mehreren Angriffen nordöstlich und westlich von Bagdad vier Soldaten
ums Leben. Die vergangene Woche war damit eine der verlustreichsten für
die US-Truppen, seit Präsident George W. Bush am 1. Mai die
Hauptkampfhandlungen für beendet erklärte. Die Zahl der seit Beginn
des Irak-Kriegs am 20. März getöteten US-Soldaten erhöhte sich
Pentagon-Angaben zufolge auf 163.
Nach Berichten des arabischen
Fernsenders Al Dschasira kam es am Sonntag in der Stadt Kerbala im Süden
von Bagdad zu Unruhen. US-Soldaten seien dort in der Nähe eines Schreins
aufgetaucht, der den Schiiten heilig ist. Die Besatzungstruppen sollen bei den
Auseinandersetzungen einen Iraker getötet haben.
In Mosul begannen
derweil Soldaten der 101. Luftlandedivision mit dem Abriß und der
Einebnung der Villa, in der nach US-Armee-Angaben am vergangenen Dienstag die
beiden Söhne Saddam Husseins gestellt und getötet wurden.
Offensichtlich soll damit verhindert werden, daß sich der Ort zu einer
Kultstätte für irakische Widerstandsgruppen entwickelt. Immerhin
sollen Udai und Kusai Hussein, sowie dessen 14jähriger Sohn Mustafa und
ein Leibwächter der Familie, rund 200 Mann der Task Force 20 sechs Stunden
lang bewaffnete Gegenwehr geleistet haben, bevor sie militärisch
überwältigt werden konnten.
Unterdessen rief mit Scheich
Muktada Al Sadr einer der führenden Geistlichen der irakischen Schiiten
wenige Tage nach dem Tod der Hussein-Brüder zum Aufbau einer eigenen
Widerstandsarmee auf. Die »Imam-Armee« werde die Amerikaner aus
Nadschaf und anderen heiligen Städten des Irak vertreiben und den
moralischen Verfall des Landes stoppen, sagte der geistliche
Würdenträger beim Freitagsgebet vor 50000 Menschen im Pilgerort Kufa
südlich von Bagdad. Offensichtlich nahmen die Besatzungstruppen den
Rekrutierungsaufruf ernst. Sie verschärften umgehend ihre
Straßenkontrollen zwischen Bagdad und Kufa sowie dem benachbarten
Nadschaf. Es gebe Berichte über zunehmenden Waffenschmuggel in die
schiitischen Städte, erklärte ein US-Offizier. Gleichzeitig wiegelte
er den Widerstandsaufruf ab: Al Sadr habe nur eine begrenzte
Anhängerschaft und könne nicht für die Mehrheit der irakischen
Schiiten sprechen.
Wohl wahr, doch auch bei der einflußreichen
SCIRI-Gruppe von Ajatollah Mohamad Bakr Al Hakim wächst der Unmut gegen
die Besatzer. Der »Hohe Rat der Islamischen Revolution im Irak« ist
einerseits im von US-Zivilverwalter Paul Bremer eingesetzten »Regierenden
Rat« vertreten, gleichzeitig ist er Ziel der amerikanischer
Aufstandsbekämpfung. Mitte des Monats wurden SCIRI-Büros durchsucht
und mehrere Aktivisten verhaftet, da die Gruppe »zur Destabilisierung des
Landes« beitrage, wie die US-Armee erklärte. Ajatollah Hakim hatte
kurz zuvor vor einem Volkswiderstand gewarnt, sollte sich die Situation im Land
nicht zum Besseren wenden und die USA ihre Truppen wieder abziehen. Nach
Massenprotesten wurden die SCIRI-Mitarbeiter inzwischen wieder freigelassen.
Vorläufig in Haft bleiben vier US-Soldaten. Die US-Armee leitete
Ermittlungen gegen die Militärpolizisten wegen der Mißhandlung
irakischer Kriegsgefangener ein. Sie sollen am 12.aMai irakische Häftlinge
im Gefangenenlager »Camp Bucca« so brutal geschlagen und getreten
haben, daß diese Knochenbrüche erlitten hätten. Das
US-Militär ermittelt zudem wegen des Todes eines irakischen Gefangenen im
vergangenen Monat in einem Internierungslager nahe Nasirija. Britische
Behörden untersuchen den Tod zweier Häftlinge sowie Vorwürfe von
Mißhandlungen durch Soldaten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty
International hatte erst in der vergangenen Woche Foltervorwürfe gegen die
Besatzungstruppen bekräftigt. |
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