Wenn es sich nicht um meinen eigenen Buckel handeln
würde, und wenn nicht
Menschenleben auf dem Spiel stünden,
könnte man mit kühler akademischer
Faszination beobachten, wie die
beiden Gesellschaften, die israelische
und die palästinensische, sich
wieder in das Spiel vertiefen, das Ehud
Barak für sie erfunden hat: Mea
Culpa? Tua Culpa? Der Gewinner dieses
Spiels ist der, der es schafft, dass
die andere Seite von der Welt für
den Zusammenbruch des politischen
Prozess, einer erklärten Feuerpause
und auch nur einer momentären
Beruhigung verantwortlich gemacht wird.Das
letzte Tournier hat Israel mit
einem glänzenden Sieg gewonnen. Vor allem
deshalb, da die
palästinensische Seite die Spielregeln nicht kannte und
eigentlich auch
gar nicht begriff, dass es sich um ein Spiel handelt.
Wie wutentbrannte
Gänse stürzten sie sich in die Fallen, die man ihnen
stellte,
sowohl in Camp David als auch auf dem Tempelberg, und plötzlich
waren
sie die Schuldigen an dem abscheulichen Blutbad, das
folgte.Seither sind
fast drei Jahre vergangen. Jahre gegenseitigen
Tötens, hässliche
Jahre, grausame, kompromisslose und nutzlose Jahre.
Und jetzt beginnt ein
neues Tournier. Die erbarmungslose Welt hat Israel
wieder an den
Verhandlungstisch gezwungen, und wieder stellt sich die
schicksalhafte
Frage: wer wird an dem Scheitern schuld sein. Diesmal
wissen jedoch beide
Seiten, um welches Spiel es sich hier handelt.
Diesmal wissen auch die
Palästinenser den Wert der Schuld zu schätzen,
wenn sie der
anderen Seite an den Hals gehängt wird. Es scheint, dass
die
palästinensische Mannschaft die Lehren der ersten Runde
verinnerlicht
und begriffen hat, dass der mörderische Rausch nur den
Theo-Faschisten
und Chauvinisten beider Völker dient, und beginnt jetzt,
klug und
überlegt vorzugehen.Man hätte ja eigentlich annehmen
können,
dass sich in diesen drei Jahren etwas Wesentliches
geändert hat. Die
traurige Wahrheit ist jedoch, dass sich an den Zielen
der beiden Seiten
überhaupt nichts geändert hat. Die
palästinensische Regierung will für
seine Untertanen nach wie vor
einen Staat östlich der Grenzen 67 und ist
bereit, dafür mit einem
Friedensabkommen zu bezahlen. Die jetzige
israelische Regierung will
für seine Untertanen nach wie vor einen Staat
westlich der Grenzen 67
und ist bereit, dafür mit einer Fortsetzung des
Kriegs zu bezahlen. Und
weil ziemlich klar ist, dass eine solche Kluft
ein Abkommen unmöglich
macht, bleibt nichts anderes übrig, als sich auf
die Last der Schuld zu
konzentrieren.Israel öffnete mit dem Einsatz
"übernehmen Sie
Verantwortung". Die Palästinenser zögerten ein wenig,
erholten
sich jedoch schnell und parierten mit einer Annahme des
Einsatzes. Israel
regierte flink mit einer kleinen Liquidierung. Die
Palästinenser
blieben cool. In einem wagemutigen Schritt nahm Israel in
einer Nacht
Dutzende "gesuchte Terroristen" fest. Die
Palästinenser
überraschten mit einer raffinierten Reaktion und
erklärten Condoleezza
Rice die Grenzen des Trennzauns von Sharon und
brachten sie damit ein
wenig auf ihre Seite..Sharon musste darauf hin ein
wenig nachgeben, um
den Druck des amerikanischen Schiedsrichters zu
verringern. Die
Palästinenser schickten Abu-Masen und Dahlan immer
wieder an die Front,
und der unrasierte palästinensische Dämon
verlor in aller Welt
zunehmende seine Hörner.Israel stand vor einem
kleinen Problem. Eine
dramatische Maßnahme war angesagt. Die
"Gesten-Teams" analysierten die
interessante Situation, die entstanden war,
und es wurde beschlossen,
lautstark zu verkünden, dass ganz diskret die
Besuche jüdischer Gruppen
auf dem Tempelberg wieder aufgenommen wurden.
Ein brillanter Trick. Der
Islamische Jihad, der sich stets auf der Suche
nach einem Grund für die
Rückkehr auf die mörderische Schiene
befindet (ohne die er keine
Existenzberechtigung hat), verübte ganz
schnell einen Mord, um "den
Tempelberg zu läutern". Ein kurzer
Hoffnungsschimmer für die Fans der
israelischen Regierung, die
palästinensische Führung brach jedoch nicht
zusammen.Jetzt
konzentriert sich Israel auf den Trick der
"freigelassenen Häftlinge".
Israel erklärt den Palästinensern immer
wieder, es würden nur
einige hundert Häftlinge freigelassen, und zwar
noch folgender
Aufteilung: ein Drittel von ihnen sind Häftlinge, die
niemals vor
Gericht gestellt wurden, und von denen kaum jemand weiß,
warum sie
überhaupt in Haft sind. Beim zweiten Drittel handelt es sich
um schwer
arbeitende Familienväter, die eigentlich nur Brot nach Hause
bringen
wollten und auf dem Weg ohne Aufenthaltsgenehmigung erwischt
wurden. Und das
dritte Drittel setzt sich aus einer besonders
abstoßenden Mischung aus
Kriminellen, Vergewaltigern, Autodieben und
Räubern zusammen, die die
palästinensische Seite genauso braucht wie
eine neue Siedlung. "Wenn
sie das nicht aus dem Häuschen bringt, dann
gar nichts", lacht die
israelische Seite giftig. In der Zwischenzeit
beißen die
Palästinenser die Zähne zusammen und versuchen,
die
internationalen Schiedsrichter zu überzeugen, dass es sich um
einen
klassischen Trick handelt, der schon häufig erfolgreich
angewandt
wurde.So sieht es also im Moment aus: Ein Unentschieden mit
leichtem
Vorsprung der Palästinenser und zunehmender Spannung auf
dem
Spielfeld.Und wenn es nicht mein eigener Buckel wäre, und wenn es
sich
nicht um Menschenleben handeln würde, könnte ich weiter ein
faszinierter
Zuschauer sein, der gespannt auf die nächsten
Spielzüge wartet.
hagalil.com 15-07-03
Mostafa Elhady