Monsanto, Bayer und Unilever profitieren von ausbeuterischen
Löhnen in Indien. Betroffen sind Zehntausende Kinder zwischen sechs und 14
Jahren Internationale Saatgut-Konzerne profitieren von Kinderarbeit in ihrer
schlimmsten Form. Zehntausende Kinder überwiegend Mädchen
zwischen sechs und 14 Jahren arbeiten in Südindien in kleinen
Zulieferbetrieben, die für die Multis Baumwollsaatgut produzieren. Viele
Kinder befinden sich in Schuldknechtschaft und arbeiten über Jahre hinweg
auf denselben Feldern, um Darlehen und Zinszahlungen abzuarbeiten. Für
eine Zwölfstundenschicht erhalten sie weniger als 50 Cent, ihre Gesundheit
wird durch giftige Pestizide geschädigt. Vom Schulbesuch sind sie
ausgeschlossen damit haben sie keine Chance, jemals aus dem
Armutskreislauf ausbrechen zu können.
Dies sind die Ergebnisse der
Studie »Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau die Rolle
multinationaler Saatgutunternehmen«. Die Studie wurde von dem Institut
Global Research and Consultancy Services (GRCS) aus Hyderabad/Indien erstellt
und in der vergangenen Woche von der Coordination gegen Bayer-Gefahren und dem
Global March Against Child Labour in Deutschland
veröffentlicht.
Insgesamt sind nach den Berechnungen des GRCS bis
zu 450000 Kinder in der indischen Baumwollsaatherstellung beschäftigt.
Diese Zahlen übertreffen alle anderen Bereiche der indischen Wirtschaft,
in denen Kinder ausgebeutet werden (Teppichherstellung, Diamanten schleifen,
Verarbeitung von Kalkstein).
Konzerne in der
Verantwortung
Die indische Gesetzgebung verbietet sowohl Einzelpersonen
als auch Unternehmen den Besitz größerer Mengen Land. Die
großen Agrokonzerne sind daher bei der Produktion von Saatgut auf kleine
landwirtschaftliche Hersteller angewiesen. Die lokalen Farmbetriebe arbeiten
zwar nominell unabhängig, sind jedoch durch Qualitäts- und
Preisvorgaben sowie durch langfristige Lieferverträge vollständig an
multinationale Saatgutunternehmen wie Monsanto, Unilever, Bayer und Syngenta
gebunden.
Vertreter der Konzerne schreiben die Dauer der Pflanzperiode,
den Einsatz von Pestiziden, die Häufigkeit von Bewässerung und die
Qualität der Ernte detailliert vor und nehmen auf den Farmen
regelmäßige Kontrollen vor mit dem massenhaften Einsatz von
Kindern sind sie daher gut vertraut. Auf Anfrage räumen die Unternehmen
denn auch »Probleme mit Kinderarbeit« ein, schieben jedoch die
Verantwortung auf die Zulieferer. Die Farmbetreiber hingegen verweisen auf die
niedrigen Abnahmepreise für das Saatgut, die eine rentable Produktion nur
mit Hilfe von Kinderarbeit ermöglichen.
Axel Köhler-Schnura
von der Coordination gegen Bayer-Gefahren: »Es macht wütend,
daß Konzerne wie Bayer nicht einmal vor der Ausbeutung von Kindern
haltmachen. Schuldknechtschaft also Kinder in Sklavenarbeit
für goldene Bilanzen! Für die Agrokonzerne wäre es ein Leichtes,
durch Zahlung angemessener Abnahmepreise, konsequente Kontrollen und
vertraglichen Bedingungen dafür zu sorgen, daß arbeitslose
Erwachsene zu menschenwürdigen Löhnen die Arbeit der Kinder
übernehmen. Aber: Das würde ja die Profite
schmälern.«
Rainer Kruse von der deutschen Sektion des Global
March Against Child Labour ergänzt: »Das Beispiel macht sehr
deutlich, daß Kinderarbeit, weil sie so billig zu haben ist, den
Erwachsenen die Arbeitsplätze nimmt. Der deutsche Bayer-Konzern
könnte eine Vorreiterrolle bei der Befreiung der Kinder aus der Fron
einnehmen, indem er den Farmern angemessene Abnahmepreise zahlt
geknüpft an die Bedingung, unverzüglich Erwachsene auf
Mindestlohnbasis einzustellen. Der beachtliche Erfolg bei der Bekämpfung
der Kinderarbeit in der Teppichindustrie durch die Einführung des
Warenzeichens Rugmark zeigt, daß Bayer die Leiden der Kinder beenden
könnte.«
Fluch und Segen der Hybridsaat
Die
Einführung von hybridem Saatgut in den 70er Jahren hatte die indische
Baumwollproduktion grundlegend verändert: Qualität, Anbaufläche
und geerntete Menge erhöhten sich, und es entstand eine hohe Zahl neuer
Arbeitsplätze. Hunderte kleiner und mittlerer Firmen übernahmen den
Vertrieb des Saatguts. In den 90er Jahren stiegen große Agrokonzerne in
das Geschäft ein, so daß der indische Markt für hybride
Baumwollsaaten heute von sechs multinationalen Unternehmen dominiert wird. Der
sehr arbeitsintensive Anbau des Hybridsaatguts erfolgt in Tausenden lokaler
Baumwollfarmen.
Hybrides Saatgut entsteht aus der Kreuzung zweier
Pflanzen mit unterschiedlichem Erbgut. Die neu entstandenen Pflanzen sind nicht
fortpflanzungsfähig, daher wird jedes Jahr Saatgut aus neu gekreuzten
Pflanzen benötigt. Für die Kreuzung ist ein extrem hoher manueller
Aufwand erforderlich.
Die zeitintensive Kreuzung der Pflanzen wird
hauptsächlich von Kindern, meist Mädchen, durchgeführt. Auch
für die Ernte und die Aussaat werden Kinder eingesetzt. Die Arbeit
Erwachsener beschränkt sich auf Pflügen, Aussäen und die
Ausbringung von Düngemitteln und Pestiziden.
Der Rechtsstatus
der Kinder
Wegen des hohen Arbeitsaufwands bevorzugen die Produzenten
von hybridem Saatgut langfristige Arbeitsverträge. Diese werden meist vor
der jeweiligen Aussaat geschlossen. In der Regel erhalten die Eltern
Vorschüsse oder Darlehen (meist unter 50 Euro), zu deren Abtragung
langfristige, oft mehrjährige Verträge geschlossen werden. Von 320 im
Rahmen der Studie befragten und in Baumwollfarmen beschäftigten Kindern
lebten 95 Prozent in solcher Schuldknechtschaft. 70 Prozent waren länger
als ein Jahr an denselben Arbeitgeber gebunden.
Die Löhne von
Kindern liegen sehr viel niedriger als die erwachsener Arbeiter im
Schnitt bei 18 Rupien (Rs) pro Tag (0,42 Euro), gegenüber 26 Rs (0,62
Euro) für Frauen und 40 Rs (0,95 Euro) für Männer. Die
Arbeitszeiten werden vertraglich nicht festgelegt und variieren stark.
Ortsansässige Kinder arbeiten im Sommer rund neun Stunden täglich, im
Winter zwischen elf und zwölf Stunden. Von auswärts angeheuerte
Kinder, die auf den Farmen untergebracht sind, unterstehen einer totalen
Kontrolle und arbeiten zwischen zwölf und 13 Stunden täglich.
Die Schule abgebrochen
Die Studie kommt zu dem Ergebnis,
daß sich der Einsatz in Baumwollfarmen stark nachteilig auf die
schulische Ausbildung und die Gesundheit auswirkt: Rund 60 Prozent der
eingesetzten Kinder haben nur wenige Jahre eine Schule besucht und diese
für die Arbeit in den Feldern verlassen, knapp 30 Prozent haben nie eine
Schule besucht. Die Darlehen der Saatgutproduzenten werden meist im Sommer
angeboten, wenn auf dem Land kaum Arbeit verfügbar ist und viele Familien
in finanziellen Nöten sind.
Die Arbeit auf den Feldern birgt
große Gefahren für die Gesundheit der Kinder, denn in keinem anderen
Bereich werden so viele Pestizide eingesetzt wie im Baumwollanbau (in Indien
rund 55 Prozent aller Pestizide). Die Kinder sind hochgefährlichen
Wirkstoffen wie Endosulphan, Monocrotophos, Cypermethrin und Mythomyl direkt
ausgesetzt.
Die Kinder stehen bei der Arbeit bis zu den Schultern
zwischen den Pflanzen und beugen sich über diese, um die Blüten
für die Kreuzung auszuwählen. Wegen der Nähe zu den behandelten
Pflanzen nehmen sie über die Haut und die Atemwege große Mengen
Agrogifte auf. Hierdurch erleiden sie Schäden des Nervensystems, die
beobachteten Symptome sind Kopfschmerzen, Orientierungslosigkeit,
Schwächeanfälle, Krämpfe und Atemprobleme.
Die Autoren
der Studie berechneten die absolute Zahl der in der Baumwoll-Saatgutproduktion
arbeitenden Kinder nach der Größe der bestellten Gesamtfläche,
der durchschnittlichen Zahl von Arbeitern pro Hektar sowie dem
durchschnittlichen Verhältnis von Kindern zu erwachsenen Arbeitern.
Demnach stieg die Zahl der arbeitenden Kinder von rund 60000 in der Saison
1990/91 auf 300000 in der von 1999/2000. In der darauffolgenden Saison lag sie
bei etwa 250000 Mädchen zwischen sechs und 14 Jahren. Mädchen machen
78 Prozent der Arbeitskräfte aus, Jungen zehn Prozent und Erwachsene
zwölf Prozent.
Fallstudie einer
Zwölfjährigen
Die zwölfjährige Narsamma arbeitet
seit drei Jahren in den Baumwollsaatfeldern eines Farmers im Distrikt Kurnool.
Ihr Arbeitgeber produziert auf einem knappen Hektar die Baumwollsorte
»Brahma« für den Saatgutmulti Unilever.
Narsamma stammt
aus einem Dorf, das in etwa 100 Kilometer Entfernung liegt. Dort besuchte sie
drei Jahre lang die Schule. Obwohl ihre Eltern rund einen Hektar Land besitzen,
reicht der Ertrag des Landes wegen der Trockenheit nicht aus. Von einem
Arbeitsvermittler hatten sie 1998 ein Darlehen von 2000 Rs (knapp 50 Euro)
erhalten, seitdem arbeitet Narsamma jeweils von Juli bis Dezember im Betrieb
ihres Arbeitgebers. Zu Beginn erhielt sie 450 Rs pro Monat, heute sind es 800
Rs (19 Euro).
Zusammen mit anderen Kindern ist sie im Viehstall des
Familienbetriebs untergebracht. Dieser besteht aus einem einzelnen kleinen
Raum, in dem gleichzeitig Viehfutter aufbewahrt wird. Die Tiere werden
während der Saison ins Freie ausquartiert.
Jeweils um sechs Uhr
morgens macht sie sich auf den Weg in die Felder, wo sie bis 19 Uhr
verschiedene Tätigkeiten ausübt (Kreuzung der Pflanzen, Unkraut
jäten, Wasser holen etc.). Im Tagesverlauf hat sie zwei Pausen von 20 und
von 60 Minuten. Um 20.30 Uhr erhält sie Abendessen und schaut mit den
anderen Kindern im Haus des Verwalters eine Stunde TV, z.T. sortiert sie
hierbei Baumwollsamen.
Die Rechnung der Multis
Allein im
indischen Bundesstaat Andhra Pradesh vertreiben rund 100 Unternehmen hybrides
Saatgut. Die größten Firmen gehören dabei zu multinationalen
Saatgutkonzernen, die auch Lizenzen eigener, patentgeschützter Sorten
besitzen: Hindustan Lever Limited (HLL, Unilever), Mahyco (Monsanto), Syngenta,
Proagro (Bayer) und Advanta. Knapp ein Viertel der in Andhra Pradesh
ansässigen Baumwollfarmen beliefert diese fünf Konzerne. Die Zahl der
in diesen Betrieben arbeitenden Kinder liegt bei über 50000. Die
Zulieferbetriebe von Unilever beschäftigen rund 25500 Kinder, Syngenta
6500, Monsanto 17000, Bayer 2000 und Advanta 3000.
Die indische
Regierung hat im vergangenen Jahr die Zulassung für genetisch
verändertes Hybrid-Saatgut erteilt. Als erstes wurde die Aussaat
sogenannter Bt-Baumwolle von Monsanto erlaubt. Es wird erwartet, daß
ursprüngliche Sorten weiter verdrängt werden und der Anteil
multinationaler Unternehmen am indischen Saatgutmarkt weiter
wächst.
In der Regel treten die großen Unternehmen mit den
eigentlichen Produzenten nicht direkt in Kontakt; statt dessen schließen
sie langfristige Lieferverträge mit Zwischenhändlern ab (Seed
organizers), die das Saatgut ihrerseits von den Farmen aufkaufen. Die
Verträge zwischen Agrounternehmen und Seed organizers legen vorab alle
relevanten Größen fest: verwendete Sorten, produzierte Menge,
Qualität, Vorschüsse und insbesondere den Abnahmepreis des
produzierten Saatguts. Die Bedingungen werden von den Zwischenhändlern an
die lokalen Farmer weitergereicht.
Obwohl also die Saatgutkonzerne mit
den lokalen Produzenten nicht selbst Verträge schließen, üben
sie durch die Lieferung von Saatgut, die Bereitstellung von Kapital und die
Festlegung des Abnahmepreises eine fast vollständige Kontrolle über
die Farmer und die Arbeitsbedingungen aus. Zudem prüfen die Unternehmen
direkt auf den Feldern regelmäßige die Qualität und sind daher
mit der Situation vor Ort und dem Einsatz von Kindern bestens
vertraut.
Die Seed organizers, welche die Verträge mit den Farmern
schließen, sind bei der Festlegung der Abnahmepreise vollkommen
abhängig Preise werden von den Unternehmen festgelegt. Die
Zwischenhändler erhalten schlicht eine Provision (15 bis 20 Rs für
ein 750-Gramm-Paket). Weder die Farmer noch die Zwischenhändler haben das
Recht, Saatgut an Dritte zu verkaufen.
Die Gewinnspannen für die
Unternehmen liegen hoch. Beispielsweise lag der Verkaufspreis der Baumwollsaat
»Brahma« von HLL im vergangenen Jahr fast viermal höher als
der Betrag, den die Zulieferer erhielten. Syngentas »Sandocot 35«
wurde für mehr als den dreifachen Erzeugerpreis verkauft. Aufgrund der
geringen Erzeugerpreise ist jedoch der Einsatz von Kindern vorbestimmt
die Anstellung der teureren erwachsenen Arbeiter würde den Gewinn der
Farmen praktisch auf Null senken. Etwa die Hälfte der Kosten für die
lokalen Betriebe entfallen auf Löhne. Eine Beschäftigung von
männlichen Erwachsenen würde die Arbeitskosten in etwa verdoppeln
(von 18 Rs auf 40 Rs pro Tag) und damit den Farmer den gesamten Gewinn
kosten.
Bayer-Image im Eimer
Auf seiner Internetseite weist
der Bayer-Konzern darauf hin, daß er sich für Menschenrechte,
Arbeitsstandards, Umweltschutz und gegen Kinderarbeit einsetzt. Auch der UN
Global Compact, ein Abkommen der Vereinten Nationen mit 50 großen
Unternehmen, zu dessen ersten Unterzeichnern Bayer gehörte, verlangt einen
vollständigen Verzicht auf Kinderarbeit auch bei allen
Zulieferern.
Auf Anfrage äußerte ein Konzernsprecher von
Bayer: »Weder wir noch unsere indische Tochterfirma beschäftigen
Kinder, das paßt nicht zum Bayer-Image«. Weder direkt noch indirekt
bei Partnern dürften Kinder beschäftigt werden. Das sei auch in den
Kontrakten mit Zulieferern, wie den indischen Saatgutlieferanten, festgehalten.
Die Studie belegt nun allerdings, daß die Situation vor Ort hiervon
völlig unberührt bleibt; entsprechende Klauseln finden sich seit
Jahren in den Verträgen, haben jedoch keine realen Konsequenzen. Ohne
Erhöhung der Abnahmepreise und wirksame Kontrollen bleibt die Situation
unverändert. Die Autoren der Untersuchung werfen daher den Saatgutmultis
vor, daß sie Kinderarbeit nicht nur dulden, sondern für diese
aufgrund der niedrigen Abnahmepreise ursächlich verantwortlich
sind.
Dies wissen auch die Unternehmen. Ein Sprecher von Unilever
bekennt: »Wir räumen ein, daß im Anbau von hybridem
Baumwollsaatgut Kinderarbeit vorkommt. Dies ist ein reales Problem, dem wir uns
als Saatgutindustrie stellen müssen.« Bayer-Sprecher Norbert Lemken
gibt gegenüber Journalisten indirekt zu, daß das Verbot von
Kinderarbeit bei Zulieferern nur auf dem Papier steht: Er fordert
»strengere Kontrollen bei den in der Studie behandelten
Unternehmen«. Offenbar baut der Leverkusener Konzern für den Fall
vor, daß weitere Recherchen zeigen, daß die Bayer-Zulieferer noch
immer auf Kinderarbeit setzen.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Die
Aktivitäten multinationaler Saatgutunternehmen in Indien sind mit den
Erklärungen der Firmen zu sozial verantwortlichem Handeln nicht vereinbar.
Die Konzerne stellen zwar selbst keine Kinder an, üben aber zentralen
Einfluß auf die lokalen Saatgutfarmer aus, die ihrerseits Kinder in
großer Zahl beschäftigen. Es wäre für die großen
Saatgutunternehmen ein leichtes, durch die Zahlung höherer Abnahmepreise
sowie ein vertragliches Verbot von Kinderarbeit und diesbezüglichen
Kontrollen das Problem zu lösen. Bislang sind solche Initiativen
ausgeblieben.
* Die 28seitige Studie kann gegen Spende bei der
Coordination gegen Bayer-Gefahren bestellt werden: Tel.: 0211/333911, E-Mail:
CBGnetwork@aol.com. Die Studie ist auch
unter www.CBGnetwork.de abrufbar |