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23.08.2003 Philipp Mimkes Junge Welt
Kinderarbeit im Saatgutanbau
Monsanto, Bayer und Unilever profitieren von ausbeuterischen Löhnen in Indien. Betroffen sind Zehntausende Kinder zwischen sechs und 14 Jahren
Internationale Saatgut-Konzerne profitieren von Kinderarbeit in ihrer schlimmsten Form. Zehntausende Kinder – überwiegend Mädchen zwischen sechs und 14 Jahren – arbeiten in Südindien in kleinen Zulieferbetrieben, die für die Multis Baumwollsaatgut produzieren. Viele Kinder befinden sich in Schuldknechtschaft und arbeiten über Jahre hinweg auf denselben Feldern, um Darlehen und Zinszahlungen abzuarbeiten. Für eine Zwölfstundenschicht erhalten sie weniger als 50 Cent, ihre Gesundheit wird durch giftige Pestizide geschädigt. Vom Schulbesuch sind sie ausgeschlossen – damit haben sie keine Chance, jemals aus dem Armutskreislauf ausbrechen zu können.

Dies sind die Ergebnisse der Studie »Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau – die Rolle multinationaler Saatgutunternehmen«. Die Studie wurde von dem Institut Global Research and Consultancy Services (GRCS) aus Hyderabad/Indien erstellt und in der vergangenen Woche von der Coordination gegen Bayer-Gefahren und dem Global March Against Child Labour in Deutschland veröffentlicht.

Insgesamt sind nach den Berechnungen des GRCS bis zu 450000 Kinder in der indischen Baumwollsaatherstellung beschäftigt. Diese Zahlen übertreffen alle anderen Bereiche der indischen Wirtschaft, in denen Kinder ausgebeutet werden (Teppichherstellung, Diamanten schleifen, Verarbeitung von Kalkstein).


Konzerne in der Verantwortung

Die indische Gesetzgebung verbietet sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen den Besitz größerer Mengen Land. Die großen Agrokonzerne sind daher bei der Produktion von Saatgut auf kleine landwirtschaftliche Hersteller angewiesen. Die lokalen Farmbetriebe arbeiten zwar nominell unabhängig, sind jedoch durch Qualitäts- und Preisvorgaben sowie durch langfristige Lieferverträge vollständig an multinationale Saatgutunternehmen wie Monsanto, Unilever, Bayer und Syngenta gebunden.

Vertreter der Konzerne schreiben die Dauer der Pflanzperiode, den Einsatz von Pestiziden, die Häufigkeit von Bewässerung und die Qualität der Ernte detailliert vor und nehmen auf den Farmen regelmäßige Kontrollen vor – mit dem massenhaften Einsatz von Kindern sind sie daher gut vertraut. Auf Anfrage räumen die Unternehmen denn auch »Probleme mit Kinderarbeit« ein, schieben jedoch die Verantwortung auf die Zulieferer. Die Farmbetreiber hingegen verweisen auf die niedrigen Abnahmepreise für das Saatgut, die eine rentable Produktion nur mit Hilfe von Kinderarbeit ermöglichen.

Axel Köhler-Schnura von der Coordination gegen Bayer-Gefahren: »Es macht wütend, daß Konzerne wie Bayer nicht einmal vor der Ausbeutung von Kindern haltmachen. Schuldknechtschaft – also Kinder in Sklavenarbeit – für goldene Bilanzen! Für die Agrokonzerne wäre es ein Leichtes, durch Zahlung angemessener Abnahmepreise, konsequente Kontrollen und vertraglichen Bedingungen dafür zu sorgen, daß arbeitslose Erwachsene zu menschenwürdigen Löhnen die Arbeit der Kinder übernehmen. Aber: Das würde ja die Profite schmälern.«

Rainer Kruse von der deutschen Sektion des Global March Against Child Labour ergänzt: »Das Beispiel macht sehr deutlich, daß Kinderarbeit, weil sie so billig zu haben ist, den Erwachsenen die Arbeitsplätze nimmt. Der deutsche Bayer-Konzern könnte eine Vorreiterrolle bei der Befreiung der Kinder aus der Fron einnehmen, indem er den Farmern angemessene Abnahmepreise zahlt – geknüpft an die Bedingung, unverzüglich Erwachsene auf Mindestlohnbasis einzustellen. Der beachtliche Erfolg bei der Bekämpfung der Kinderarbeit in der Teppichindustrie durch die Einführung des Warenzeichens Rugmark zeigt, daß Bayer die Leiden der Kinder beenden könnte.«


Fluch und Segen der Hybridsaat

Die Einführung von hybridem Saatgut in den 70er Jahren hatte die indische Baumwollproduktion grundlegend verändert: Qualität, Anbaufläche und geerntete Menge erhöhten sich, und es entstand eine hohe Zahl neuer Arbeitsplätze. Hunderte kleiner und mittlerer Firmen übernahmen den Vertrieb des Saatguts. In den 90er Jahren stiegen große Agrokonzerne in das Geschäft ein, so daß der indische Markt für hybride Baumwollsaaten heute von sechs multinationalen Unternehmen dominiert wird. Der sehr arbeitsintensive Anbau des Hybridsaatguts erfolgt in Tausenden lokaler Baumwollfarmen.

Hybrides Saatgut entsteht aus der Kreuzung zweier Pflanzen mit unterschiedlichem Erbgut. Die neu entstandenen Pflanzen sind nicht fortpflanzungsfähig, daher wird jedes Jahr Saatgut aus neu gekreuzten Pflanzen benötigt. Für die Kreuzung ist ein extrem hoher manueller Aufwand erforderlich.

Die zeitintensive Kreuzung der Pflanzen wird hauptsächlich von Kindern, meist Mädchen, durchgeführt. Auch für die Ernte und die Aussaat werden Kinder eingesetzt. Die Arbeit Erwachsener beschränkt sich auf Pflügen, Aussäen und die Ausbringung von Düngemitteln und Pestiziden.


Der Rechtsstatus der Kinder

Wegen des hohen Arbeitsaufwands bevorzugen die Produzenten von hybridem Saatgut langfristige Arbeitsverträge. Diese werden meist vor der jeweiligen Aussaat geschlossen. In der Regel erhalten die Eltern Vorschüsse oder Darlehen (meist unter 50 Euro), zu deren Abtragung langfristige, oft mehrjährige Verträge geschlossen werden. Von 320 im Rahmen der Studie befragten und in Baumwollfarmen beschäftigten Kindern lebten 95 Prozent in solcher Schuldknechtschaft. 70 Prozent waren länger als ein Jahr an denselben Arbeitgeber gebunden.

Die Löhne von Kindern liegen sehr viel niedriger als die erwachsener Arbeiter – im Schnitt bei 18 Rupien (Rs) pro Tag (0,42 Euro), gegenüber 26 Rs (0,62 Euro) für Frauen und 40 Rs (0,95 Euro) für Männer. Die Arbeitszeiten werden vertraglich nicht festgelegt und variieren stark. Ortsansässige Kinder arbeiten im Sommer rund neun Stunden täglich, im Winter zwischen elf und zwölf Stunden. Von auswärts angeheuerte Kinder, die auf den Farmen untergebracht sind, unterstehen einer totalen Kontrolle und arbeiten zwischen zwölf und 13 Stunden täglich.


Die Schule abgebrochen

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, daß sich der Einsatz in Baumwollfarmen stark nachteilig auf die schulische Ausbildung und die Gesundheit auswirkt: Rund 60 Prozent der eingesetzten Kinder haben nur wenige Jahre eine Schule besucht und diese für die Arbeit in den Feldern verlassen, knapp 30 Prozent haben nie eine Schule besucht. Die Darlehen der Saatgutproduzenten werden meist im Sommer angeboten, wenn auf dem Land kaum Arbeit verfügbar ist und viele Familien in finanziellen Nöten sind.

Die Arbeit auf den Feldern birgt große Gefahren für die Gesundheit der Kinder, denn in keinem anderen Bereich werden so viele Pestizide eingesetzt wie im Baumwollanbau (in Indien rund 55 Prozent aller Pestizide). Die Kinder sind hochgefährlichen Wirkstoffen wie Endosulphan, Monocrotophos, Cypermethrin und Mythomyl direkt ausgesetzt.

Die Kinder stehen bei der Arbeit bis zu den Schultern zwischen den Pflanzen und beugen sich über diese, um die Blüten für die Kreuzung auszuwählen. Wegen der Nähe zu den behandelten Pflanzen nehmen sie über die Haut und die Atemwege große Mengen Agrogifte auf. Hierdurch erleiden sie Schäden des Nervensystems, die beobachteten Symptome sind Kopfschmerzen, Orientierungslosigkeit, Schwächeanfälle, Krämpfe und Atemprobleme.

Die Autoren der Studie berechneten die absolute Zahl der in der Baumwoll-Saatgutproduktion arbeitenden Kinder nach der Größe der bestellten Gesamtfläche, der durchschnittlichen Zahl von Arbeitern pro Hektar sowie dem durchschnittlichen Verhältnis von Kindern zu erwachsenen Arbeitern. Demnach stieg die Zahl der arbeitenden Kinder von rund 60000 in der Saison 1990/91 auf 300000 in der von 1999/2000. In der darauffolgenden Saison lag sie bei etwa 250000 Mädchen zwischen sechs und 14 Jahren. Mädchen machen 78 Prozent der Arbeitskräfte aus, Jungen zehn Prozent und Erwachsene zwölf Prozent.


Fallstudie einer Zwölfjährigen

Die zwölfjährige Narsamma arbeitet seit drei Jahren in den Baumwollsaatfeldern eines Farmers im Distrikt Kurnool. Ihr Arbeitgeber produziert auf einem knappen Hektar die Baumwollsorte »Brahma« für den Saatgutmulti Unilever.

Narsamma stammt aus einem Dorf, das in etwa 100 Kilometer Entfernung liegt. Dort besuchte sie drei Jahre lang die Schule. Obwohl ihre Eltern rund einen Hektar Land besitzen, reicht der Ertrag des Landes wegen der Trockenheit nicht aus. Von einem Arbeitsvermittler hatten sie 1998 ein Darlehen von 2000 Rs (knapp 50 Euro) erhalten, seitdem arbeitet Narsamma jeweils von Juli bis Dezember im Betrieb ihres Arbeitgebers. Zu Beginn erhielt sie 450 Rs pro Monat, heute sind es 800 Rs (19 Euro).

Zusammen mit anderen Kindern ist sie im Viehstall des Familienbetriebs untergebracht. Dieser besteht aus einem einzelnen kleinen Raum, in dem gleichzeitig Viehfutter aufbewahrt wird. Die Tiere werden während der Saison ins Freie ausquartiert.

Jeweils um sechs Uhr morgens macht sie sich auf den Weg in die Felder, wo sie bis 19 Uhr verschiedene Tätigkeiten ausübt (Kreuzung der Pflanzen, Unkraut jäten, Wasser holen etc.). Im Tagesverlauf hat sie zwei Pausen von 20 und von 60 Minuten. Um 20.30 Uhr erhält sie Abendessen und schaut mit den anderen Kindern im Haus des Verwalters eine Stunde TV, z.T. sortiert sie hierbei Baumwollsamen.


Die Rechnung der Multis

Allein im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh vertreiben rund 100 Unternehmen hybrides Saatgut. Die größten Firmen gehören dabei zu multinationalen Saatgutkonzernen, die auch Lizenzen eigener, patentgeschützter Sorten besitzen: Hindustan Lever Limited (HLL, Unilever), Mahyco (Monsanto), Syngenta, Proagro (Bayer) und Advanta. Knapp ein Viertel der in Andhra Pradesh ansässigen Baumwollfarmen beliefert diese fünf Konzerne. Die Zahl der in diesen Betrieben arbeitenden Kinder liegt bei über 50000. Die Zulieferbetriebe von Unilever beschäftigen rund 25500 Kinder, Syngenta 6500, Monsanto 17000, Bayer 2000 und Advanta 3000.

Die indische Regierung hat im vergangenen Jahr die Zulassung für genetisch verändertes Hybrid-Saatgut erteilt. Als erstes wurde die Aussaat sogenannter Bt-Baumwolle von Monsanto erlaubt. Es wird erwartet, daß ursprüngliche Sorten weiter verdrängt werden und der Anteil multinationaler Unternehmen am indischen Saatgutmarkt weiter wächst.

In der Regel treten die großen Unternehmen mit den eigentlichen Produzenten nicht direkt in Kontakt; statt dessen schließen sie langfristige Lieferverträge mit Zwischenhändlern ab (Seed organizers), die das Saatgut ihrerseits von den Farmen aufkaufen. Die Verträge zwischen Agrounternehmen und Seed organizers legen vorab alle relevanten Größen fest: verwendete Sorten, produzierte Menge, Qualität, Vorschüsse und insbesondere den Abnahmepreis des produzierten Saatguts. Die Bedingungen werden von den Zwischenhändlern an die lokalen Farmer weitergereicht.

Obwohl also die Saatgutkonzerne mit den lokalen Produzenten nicht selbst Verträge schließen, üben sie durch die Lieferung von Saatgut, die Bereitstellung von Kapital und die Festlegung des Abnahmepreises eine fast vollständige Kontrolle über die Farmer und die Arbeitsbedingungen aus. Zudem prüfen die Unternehmen direkt auf den Feldern regelmäßige die Qualität und sind daher mit der Situation vor Ort und dem Einsatz von Kindern bestens vertraut.

Die Seed organizers, welche die Verträge mit den Farmern schließen, sind bei der Festlegung der Abnahmepreise vollkommen abhängig – Preise werden von den Unternehmen festgelegt. Die Zwischenhändler erhalten schlicht eine Provision (15 bis 20 Rs für ein 750-Gramm-Paket). Weder die Farmer noch die Zwischenhändler haben das Recht, Saatgut an Dritte zu verkaufen.

Die Gewinnspannen für die Unternehmen liegen hoch. Beispielsweise lag der Verkaufspreis der Baumwollsaat »Brahma« von HLL im vergangenen Jahr fast viermal höher als der Betrag, den die Zulieferer erhielten. Syngentas »Sandocot 35« wurde für mehr als den dreifachen Erzeugerpreis verkauft. Aufgrund der geringen Erzeugerpreise ist jedoch der Einsatz von Kindern vorbestimmt – die Anstellung der teureren erwachsenen Arbeiter würde den Gewinn der Farmen praktisch auf Null senken. Etwa die Hälfte der Kosten für die lokalen Betriebe entfallen auf Löhne. Eine Beschäftigung von männlichen Erwachsenen würde die Arbeitskosten in etwa verdoppeln (von 18 Rs auf 40 Rs pro Tag) und damit den Farmer den gesamten Gewinn kosten.


Bayer-Image im Eimer

Auf seiner Internetseite weist der Bayer-Konzern darauf hin, daß er sich für Menschenrechte, Arbeitsstandards, Umweltschutz und gegen Kinderarbeit einsetzt. Auch der UN Global Compact, ein Abkommen der Vereinten Nationen mit 50 großen Unternehmen, zu dessen ersten Unterzeichnern Bayer gehörte, verlangt einen vollständigen Verzicht auf Kinderarbeit – auch bei allen Zulieferern.

Auf Anfrage äußerte ein Konzernsprecher von Bayer: »Weder wir noch unsere indische Tochterfirma beschäftigen Kinder, das paßt nicht zum Bayer-Image«. Weder direkt noch indirekt bei Partnern dürften Kinder beschäftigt werden. Das sei auch in den Kontrakten mit Zulieferern, wie den indischen Saatgutlieferanten, festgehalten. Die Studie belegt nun allerdings, daß die Situation vor Ort hiervon völlig unberührt bleibt; entsprechende Klauseln finden sich seit Jahren in den Verträgen, haben jedoch keine realen Konsequenzen. Ohne Erhöhung der Abnahmepreise und wirksame Kontrollen bleibt die Situation unverändert. Die Autoren der Untersuchung werfen daher den Saatgutmultis vor, daß sie Kinderarbeit nicht nur dulden, sondern für diese aufgrund der niedrigen Abnahmepreise ursächlich verantwortlich sind.

Dies wissen auch die Unternehmen. Ein Sprecher von Unilever bekennt: »Wir räumen ein, daß im Anbau von hybridem Baumwollsaatgut Kinderarbeit vorkommt. Dies ist ein reales Problem, dem wir uns als Saatgutindustrie stellen müssen.« Bayer-Sprecher Norbert Lemken gibt gegenüber Journalisten indirekt zu, daß das Verbot von Kinderarbeit bei Zulieferern nur auf dem Papier steht: Er fordert »strengere Kontrollen bei den in der Studie behandelten Unternehmen«. Offenbar baut der Leverkusener Konzern für den Fall vor, daß weitere Recherchen zeigen, daß die Bayer-Zulieferer noch immer auf Kinderarbeit setzen.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Die Aktivitäten multinationaler Saatgutunternehmen in Indien sind mit den Erklärungen der Firmen zu sozial verantwortlichem Handeln nicht vereinbar. Die Konzerne stellen zwar selbst keine Kinder an, üben aber zentralen Einfluß auf die lokalen Saatgutfarmer aus, die ihrerseits Kinder in großer Zahl beschäftigen. Es wäre für die großen Saatgutunternehmen ein leichtes, durch die Zahlung höherer Abnahmepreise sowie ein vertragliches Verbot von Kinderarbeit und diesbezüglichen Kontrollen das Problem zu lösen. Bislang sind solche Initiativen ausgeblieben.

* Die 28seitige Studie kann gegen Spende bei der Coordination gegen Bayer-Gefahren bestellt werden: Tel.: 0211/333911, E-Mail: CBGnetwork@aol.com. Die Studie ist auch unter www.CBGnetwork.de abrufbar


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