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27.08.2003 Uri Avnery Junge Welt
Putsch der Generale
Die Roadmap ist gescheitert, weil Ariel Scharon von Anfang an gegen sie gewesen ist
Es ist kein Geheimnis, daß die Militärpartei in Israel (und das ist die einzig funktionierende Partei in dem Land) vom ersten Augenblick an gegen den Waffenstillstand palästinensischer Organisationen (Hudna) war, genauso, wie sie gegen die Roadmap war. Ihr mächtiger Propagandaapparat, der alle israelischen Medien einschließt, verbreitete die Botschaft: »Die Hudna ist eine Katastrophe. Jeder Tag der Hudna ist ein schlechter Tag! Die Reduzierung der Gewalt auf beinahe Null ist ein großes Unglück – unter dem Deckmantel der Hudna sammeln sich die terroristischen Organisationen wieder und bewaffnen sich aufs neue. Jeder terroristische Akt, der heute vermieden wird, trifft uns morgen um so härter.«

Das Armeekommando war wie ein Süchtiger ohne seine Drogen. Es war ihm verboten, die von ihm gewünschten Aktionen durchzuführen. Es war gerade dabei, die Intifada zu zerbrechen, der Sieg lag schon hinter der nächsten Ecke. Was fehlte, war nur noch ein entscheidender Schlag.

Das Militär war außer sich, als es die neue Hoffnung sah, die sich in der israelischen Bevölkerung breitmachte, das Stimmungshoch an der Börse, das Steigen des Schekelwertes, die Rückkehr der Massen zu den Unterhaltungszentren, die Anzeichen von Optimismus auf beiden Seiten. Das war eine spontane Volksstimme gegen die Politik des Militärs.

Ariel Scharon wurde bewußt, daß, ginge es so weiter, dies seine langfristigen Pläne über den Haufen werfen würde. Darum hatte er schon bei Beginn der Hudna drei unmittelbare Ziele ins Auge gefaßt: Als erstes Abu Mazen (Mahmud Abbas, palästinensischer Premier – d. Red.) so bald wie möglich zu stürzen. Abu Mazen war George Bushs Liebling geworden. Scharons einzigartige Stellung in Washington war in Gefahr. Das Paar Bush–Scharon war in Gefahr, eine Dreiecksbeziehung zu werden. Eine größere Gefahr für Scharons Pläne gibt es nicht.

Zweitens: Die Roadmap schon in ihrem Anfangsstadium auszulöschen. Der Fahrplan verpflichtete Scharon, über 80 Siedlungsaußenposten aufzulösen, den Siedlungsbau einzufrieren, den Mauerbau zu stoppen und die Armee aus allen Westbank-Städten zurückzuziehen. Scharon wäre es nicht einmal im Traum eingefallen, auch nur eine dieser Verpflichtungen zu erfüllen.

Drittens: Den Waffenstillstand zu beenden und der Armee in allen palästinensischen Gebieten wieder freie Hand zu geben.

Die Frage war nur, wie konnte das erreicht werden, ohne daß der leiseste Verdacht auf Scharon fiel? Bei der großen Mehrheit der Israelis, die den Waffenstillstand begrüßt hatte, durfte unmöglich der Verdacht aufkommen, daß die eigenen Führer dafür verantwortlich sind, wenn dieser Funken Hoffnung ausgelöscht wird. Und was noch wichtiger war: Es war unbedingt erforderlich, daß eine solch bösartige Idee nicht etwa in den unschuldigen Kopf des guten George W. Bush gerät. Alle Schuld muß auf die Palästinenser fallen, damit sich die Sympathie für Abu Mazen in Haß wandeln würde.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurden die Mittel sehr sorgfältig ausgewählt, und die simplifizierte Weltsicht von Bush mit »Guten und Bösen« berücksichtigt. Die Bösen sind die Terroristen. Deshalb war es ratsam, Hamas-Angehörige und Dschihad-Militante zu töten. Das würde Bush nicht weiter aufregen. In den Augen des Präsidenten ist das Töten von Terroristen eine »gute Tat«. Die Folge davon: Die Palästinenser würden gezwungen sein, die Hudna zu brechen.

Und so geschah es auch.

Am 8. August töteten israelische Soldaten zwei Hamas-Militante in Nablus. Aber die Rache war minimal. Am 12. August tötete ein Hamas-Selbstmordattentäter einen Israeli in Rosh-Ha’ayin, und ein anderer Attentäter tötete eine Person in der Siedlung Ariel. Beide kamen aus Nablus. Hamas verkündete aber, daß die Hudna weiterginge. Am 14. August tötete die israelische Armee Muhammad Sidr, den Chef des militärischen Flügels von Hamas in Hebron. Fünf Tage später, am 19. August, sprengte sich ein Attentäter aus Hebron in einem Bus in Jerusalem in die Luft und tötete dabei 20 Männer, Frauen und Kinder. Zwei Tage später, am 21. August, ermordete die Armee Ismail Abu Schanab, den vierthöchsten Hamas-Führer.

Diesmal war es unmöglich, dem Opfer das Etikett »tickende Bombe« anzuheften, wie es in anderen Fällen üblich war. Der Mann war ein wohlbekannter politischer Führer. Warum wurde unter vielen anderen er ausgewählt? Ein Militärkorrespondent beim israelischen Fernsehen versprach sich: Abu Schanab wurde getötet, weil er ein leichtes Ziel war. Er war nach dem Busattentat nicht in den Untergrund gegangen, wie es die Führer des militärischen Flügels taten.

Zu guter Letzt wurde diesmal das Ziel erreicht. Die palästinensischen Organisationen verkündeten das Ende der Hudna. Scharon & Co freuten sich. Innerhalb weniger Stunden drang die israelische Armee wieder in die Zentren der palästinensischen Städte ein und begann eine Orgie von Verhaftungen und Hauszerstörungen – mehr als 40 an einem einzigen Tag.

Der Abhängige stürzte sich auf die Droge. Seine Krise war zu Ende; die Offiziere konnten wieder all das tun, woran sie neun Wochen lang verhindert waren.

Aber die Situation wird nicht an den Status quo ante Intifada zurückkehren. Die Angriffe und Morde werden häufiger und grausamer. Der Mauerbau tief innerhalb des palästinensischen Gebietes wird beschleunigt werden, wie auch die Bautätigkeiten in den Siedlungen.

Die militärische Propaganda-Maschinerie bereitet die Öffentlichkeit schon auf die »Vertreibung Arafats« vor; ein Euphemismus, von der »Wortwäsche«-Abteilung der Armee produziert, einer ihrer produktivsten Abteilungen. Es ist nicht die Absicht, den Führer aus seiner Ruine in Ramallah zu vertreiben, auch nicht aus Palästina, sondern aus dieser Welt. Wie die Reaktion der Palästinenser und der ganzen arabischen Welt aussehen wird, kann vorausgesagt werden. Man würde an einen historischen Punkt geraten, der keine Rückkehr erlaubt – vielleicht würde er die Chancen für einen Frieden generationenlang unmöglich machen.

(Übersetzung: Ellen Rohlfs)


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Sie sind Schöpfer der Ereignisse die in Ihrem Leben eintreten, also seien Sie sich bewußt
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