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zum Tod von Mazen Dana und
Sergio Vieira de Mello
Mazen Dana war Vater von 4 kleinen Kindern,
Palästinenser und preisgekrönter Kameramann der Nachrichtenagentur
Reuters. Ein US-Soldat hat ihn aus nächster Nähe erschossen, als Dana
gerade die Zerstörung an einem irakischen Gefängnis - infolge eines
Mörserangriffs - filmte. Sergio Vieira de Mello war gleichfalls Vater, er
war Brasilianer und UN-Gesandter im Irak; er starb, als eine Lastwagenbombe
unter dem Fenster seines Bagdader Büros explodierte. Zwischen dem Tod
beider Männer liegen nur 48 Stunden. Irak ist derzeit ein
gefährlicher Ort - ein Ort, nach wie vor im Klammergriff des Kriegs, ein
Ort, an dem US-Soldaten, junge wie erfahrene, in der Falle des automatischen,
tödlichen Waffengebrauchs stecken. Jedes Auto ist verdächtig. Wer zu
schnell fährt oder um die Ecke biegend auf eine unmarkierte
Straßensperre trifft, kann leicht mit seiner ganzen Familie im
automatischen Feuer hingemetzelt werden. Du hältst dir etwas vors Gesicht,
und ein verschreckter Soldat glaubt, er sieht ein nichtexistentes Gewehr, einen
nichtexistenten Granatwerfer. Im Guerillakrieg sind alle Ziele
weich. Was verbindet Mazen Dana und Sergio Vieira de
Mello? Viel. Mazen Dana stammt aus der Westbank-Stadt Hebron. Dort hat er die
Militäreinmärsche der Israelis in die Westbank gefilmt. In den
letzten drei Jahren wurde er dabei - mit der Kamera in der Hand - mehrmals
angeschossen bzw. verprügelt. Sergio Vieira de Mello war der
Triage*-Spezialist der UN. Er managte Flüchtlings- ströme im Kosovo,
in Bangladesh, in Zypern, Peru und Sudan. Er agierte in den Nachwehen des
horrenden ruandischen Genozids - ein von der damaligen Clinton-Administration
ignorierter Genozid. Drei Jahre hat er damit zugebracht, Osttimor auf den
felsigen Pfad der Unabhängigkeit zu führen. Beide Männer waren
Zeugen von Konflikten, von Genozid - von nächtlichem Mord, die Tür
wird eingeschlagen, Familien für immer auseinandergerissen, Häuser
zerstört; dieser Mord hinterlässt braune Blutspuren auf der Erde. In
manchen Fällen entwickeln sich Zeugen dieser Art zu Botschaftern der
Toten. Mazen Danas Aufnahmen der schrecklichen Zerstörung seiner Heimat
sind wie Fenster, die der Welt den schlimmsten aller permanenten Konflikte vor
Augen führen, ein Konflikt, der derzeit leider durch einen anderen Krieg
in den Hintergrund gerät - jener Krieg, der Dana töten sollte.
Manchmal werden diese Zeugen aber auch zu Helfern der überlebenden
Opfer, Zeugen, die ihnen helfen, mit den Folgen der Gewalt fertigzuwerden. So
schlüpfte Sergio Vieira de Mello in die Rolle des UN-Hochkommissars
für Flüchtlinge. Er leistete eine Arbeit, die mit zu der schwersten
und gleichzeitig verdienstvollsten, die man sich vorstellen kann, zählt,
nämlich Menschen, die halbtot sind, die heimatlos, staatenlos, vertrieben
und enteignet sind, einen Rückweg zu bahnen in die Welt der Lebenden.
Mazen Dana und Vieira de Mello - beides Vermittler im Grenzbereich zwischen
Leben und Tod. Und beide Männer waren Internationale,
Weltbürger. Es gab keine Nation, der sich Vieira de Mello restlos
verpflichtet gefühlt hätte - es sei denn, der Weltgemeinschaft
selbst. Für Mazen Dana - wie für die Menschen in Westbank und
Gazastreifen - existiert soetwas wie Nation ohnedies nicht, und mit
jedem Tag schwindet die Hoffnung, dass es diese Nation je geben könnte.
Beide Männer gehören zur Gemeinde der Furchtlosen - eine sehr kleine
Gemeinde. Und damit meine ich nicht die "tapferen" Jungs, die in den Krieg
marschieren - mit der Waffe in der Hand - um eine Lüge zu verteidigen.
Nein, Vieira de Mello und Mazen Dana gehörten zur Gemeinschaft der
Unerschrockenen, die sich in Gefahr begeben, mit nichts in der Hand als eine
Kamera oder ein Stift, ein Sack Getreide, eine Handvoll Medizin, ein Leinenzelt
oder ein Presseausweis. Diese Leute treten der Gewalt entgegen - mit nichts,
was sie schützen könnte, außer ihrer Humanität. Für
die Leute, die diesen nicht zu erklärenden Krieg führen, ist sie
schlicht unbegreiflich, diese Art von Tapferkeit. Nehmen wir George W.
Bush, jener Mann, der angeblich die Verantwortung für die US-Truppen im
Irak trägt. Neulich besuchte er meinen Heimatstaat Washington - nur einen
Tag lang, ein atemloses Kam-sah-und- siegte. Er hielt uns einen Vortrag
über die Renaturierung der Lachse - und das ausgerechnet neben einem Damm,
der mehrere Lachs-Sprungstufen fast vollständig vernichtet hat. Um Seattle
machte Bush einen Bogen - weil er möglichst rasch Vorstadt-Handy-Magnat
und Multimillionär Craig MacCaw in die Arme schließen und von ihm
$1,4 Millionen für die Wiederwahlkampagne in Empfang nehmen wollte. Und
die Feigheit stand Bush aus allen Poren quellend ins verschwitzte Gesicht
geschrieben, als er in seiner gepanzerten Limousine in Boeing Field einfuhr -
um ganz schnell in der Air Force One zu verschwinden (schließlich wollte
er vor Einbruch der Dunkelheit aus der Stadt sein). Der Wilde
Westen scheint ihm einen tödlichen Schrecken einzujagen: In 6
Stunden hatte sich Bush keinem einzigen gewöhnlichen Sterblichen von
Angesicht zu Angesicht gezeigt. Was für eine Ironie: Ausgerechnet
die UN - in diesem unverzeihlichen Krieg mittlerweile von beiden Seiten unter
Feuer genommen -, muss die Füße stillhalten und Colin Powell
zuhören, wie er mehr internationale Truppen für den Irak fordert.
Powell hat sich zum Anti-Sergio-Vieira-de-Mello entwickelt: Er ist Botschafter
von nichts und Repräsentant von niemand. Die Regierung Bush ließ ihn
so oft hängen, dass Powell inzwischen nicht mehr ernstgenommen werden
kann. Stattdessen leiht die internationale Gemeinschaft Donald Rumsfeld ihr
Ohr. Offensichtlich ist Rumsfeld inzwischen der Mann in Kontrolle in Washington
D.C.. Rumsfeld könnte als Anti-Mazen-Dana bezeichnet werden: ein Mann, der
uns keinen einzigen Beweis liefert, uns nie die Wahrheit sagt, der uns weder
Fakten noch Zahlen liefert. Von Arabern spricht Rumsfeld nie anders als von
Terroristen oder Opfern. Wenn Dana und Vieira de Mello Botschafter der
Leidenden sind, Botschafter jener, die für irgendeine Art von Freiheit,
für irgendeine Art von Frieden buchstäblich sterben, dann sind
Rumsfeld und Powell als die Totengräber des Empire zu bezeichnen.
In einer Welt, die von Terminatoren beherrscht wird, ist es wohl schicksalhaft,
dass Menschen wie Vieira de Mello und Dana - die sich ständig nur mit
ihrem Verstand und ihrem Ehrgefühl bewaffnet in den Krieg begeben -, eines
gewaltsamen und schrecklichen Todes sterben müssen. Hat ihr Tod Sinn? Es
steht fest, die internationale Gemeinschaft wird sich an Mazen Dana erinnern -
bekam sie doch mehr von seinen Aufnahmen zu sehen als wir hier in Amerika. Uns
zeigt man nur Filmaufnahmen von Reportern, die mit der US-Armee ins Bett gehen.
Sie liegen flach auf ihrem Rücken und lassen zu, dass ihr Gewissen unter
der Last dieser Armee erdrückt wird. Mazen Dana schaffte es, eine ganze
Generation von Reportern in Israel und Palästina zu inspirieren. Diese
Leute haben ihn geliebt und verehrt. Seine Professionalität und sein Mut
waren ihnen Inspiration. Ihm zu Ehren werden die wirklichen
Nachrichten weiter fließen - auch wenn die Welle unsere Küste
nie erreicht. In gleicher Weise wird die internationale Gemeinschaft Sergio
Vieira de Mello betrauern. Man hatte gehofft, er werde eines Tages, nach dessen
Rückzug, Kofi Annan als UN-Generalsekretär beerben. Aber bereits
jetzt hat sein Tod wichtige Konsequenzen für die internationale
Gemeinschaft: Die wenigen Verbündeten, die die Regierung Bush im Irak hat,
überdenken plötzlich ihren Beitrag zu diesem fehlkonstruierten Krieg.
Polen zog bereits seine Truppen aus einem 1000 Quadratmeter großen Gebiet
unmittelbar südlich von Bagdad ab. Japan hat seine Entsendung von 1000
Soldaten in den Irak verschoben. Auch Thailand denkt über seine
ursprüngliche Zusage von 400 Soldaten nach. Selbst die Türkei -
scharf auf den Zugang zu den nördlichen irakischen Ölfeldern -
zaudert: Das türkische Parlament wird womöglich die Entsendung von 10
000 Soldaten ablehnen - das Militär hatte sie bereits zugesagt. Andere
Nationen, die keine festen Zusagen erteilten - wie Indien, Pakistan,
Ägypten, Deutschland, Russland oder Frankreich - tragen inzwischen ja die
Last von Peacekeeping-Operationen in Afrika, Osteuropa oder Südostasien,
dabei kaum bzw. gar nicht unterstützt von den USA. Das ist eben der
Bumerang-Effekt. Ihr Tod könnte sie beide schließlich zu
Friedensbotschaftern machen - Mazen Dana und Sergio Vieira de Mello. Das sollte
unsere Hoffnung sein; tragen wir dazu bei, dass sie Wirklichkeit wird.
Maria Tomchick ist Ko-Redakteurin bzw. Autorin von Eat the State!.
Die undogmatische Zeitung (Schwerpunkt: politische Meinungsbildung, Forschung,
Humor) erscheint zweimal wöchentlich (Sitz: Seattle/Washington). Siehe
auch http://www.eatthestate.org Anmerkung d. Übersetzerin
*Triage - Bestimmen der Handlungsreihenfolge während einer
Notlage -- Übersetzt von: Andrea Noll
Orginalartikel: "The
Cameraman And The Diplomat" |