Scharon: Israels Armee wird alle Hamas-Führer
töten. Liquidierung Arafats befürchtet Israel will seine
staatsterroristischen Aktivitäten verstärken. Nach dem gescheiterten
Mordanschlag auf Hamas-Chef Scheich Ahmed Jassin kündigte der israelische
Ministerpräsident Ariel Scharon an, alle Führer der
palästinensisch-islamischen Widerstandsorganisation töten zu wollen.
In einem Zeitungsinterview sprach der Premier am Sonntag von einer neuen
unerbittlichen Jagd: »Wir werden ihnen keine Sekunde Ruhe geben.«
Dem Bericht zufolge hatte Scharon selbst den Angriff auf ein
Hamas-Spitzentreffen am Samstag angeordnet. Die israelische Armee versuchte
kurz nach dem Rücktritt des palästinensischen Premiers Mahmud Abbas,
den Tötungsauftrag umzusetzen. Eine von einem Kampfflugzeug abgeworfene
Bombe verletzte den querschnittsgelähmten Jassin allerdings nur leicht. 15
weitere Palästinenser in Gaza wurden bei dem Terroranschlag verletzt,
einige davon schwer. Seit dem 21. August hat die israelische Armee elf
Hamas-Politiker liquidiert. Die israelische Friedensgruppe »Gush
Shalom« warnte unterdessen, angesichts der Gewaltpolitik Scharons sei
auch das Leben von Palästinenserpräsident Yassir Arafat unmittelbar
bedroht.
Rückendeckung für ihr Mordprogramm erhielt die
israelische Führung am Wochenende von der Europäischen Union. Die
EU-Außenminister verständigten sich auf dem Gipfel in Riva am
Gardasee darauf, die Hamas als terroristische Organisation einzustufen und
Konten der Gruppe einzufrieren. Vor allem Bundesaußenminister Joseph
Fischer machte sich für eine entsprechende Entschließung stark. Eine
geheim tagende Arbeitsgruppe soll nun die konkrete Umsetzung beraten.
US-Präsident George W. Bush wollte sich in einer von seinem Stab vorab als
»programmatisch« angekündigten Ansprache in der Nacht zu
Montag zum Nahost-Konflikt und seinen weiteren Irak-Plänen
äußern.
Nur wenige Stunden nach dem gescheiterten
Mordanschlag auf Scheich Jassin räumte die israelische Armee am Samstag
ein, daß die Hamas-Spitze liquidiert werden sollte. Die
Sicherheitskräfte seien mit einem Luftangriff auf ein Gebäude, in dem
sich Hamas-Gründer Scheich Jassin befunden habe, zur »Aktion«
übergegangen, hieß es in einer Erklärung des Militärs. In
dem Haus habe die Hamas-Führung getagt, um »neue terroristische
Attentate« gegen Israel vorzubereiten, behauptete die Armee.
Jassin, der bei dem Bombenanschlag an der Hand leicht verletzt wurde,
erklärte anschließend, Israel sei zu weit gegangen und werde
dafür einen hohen Preis zahlen. Tausende von Hamas-Anhängern
demonstrierten in Gaza und bekundeten, Israel habe mit dem Angriff auf Scheich
Jassin das »Tor zur Hölle« geöffnet. Führer der
Organisation erklärten ihrerseits, ihre Aktionen zu intensivieren:
Oberstes Hamas-Ziel sei nun der israelische Premier persönlich.
Den
Preis für Scharons Liquidationsbefehl dürfte zunächst aber die
israelische Zivilbevölkerung zahlen müssen: Aus Angst vor
Vergeltungsschlägen der Hamas befinden sich israelische Polizei und Armee
seit Sonntag morgen in höchster Alarmbereitschaft. Gaza-Streifen und
Westjordanland wurden erneut total abgeriegelt, die Palästinenser bleiben
bis auf weiteres wieder in ihren Gebieten eingesperrt. In der Vergangenheit
konnte dies allerdings blutige Attentate in Israel auch nicht
verhindern.
Die Friedensgruppe »Gush Shalom« fürchtet
eine noch größere Gewalteskalation seitens Israels. Nach dem
Rücktritt des palästinensischen Premiers Abbas sei das Leben von
Präsident Arafat in unmittelbarer Gefahr, warnte die Organisation in einer
in Tel Aviv verbreiteten Erklärung. Die am Samstag eingereichte Demission
sei »ein großer Sieg für Ariel Scharon«. Der israelische
Premier habe, so Gush Shalom, von Anfang an versucht, Abbas zu stürzen und
Arafat dafür die Schuld zu geben. »So hofft Scharon, zwei Fliegen
mit einer Klappe zu schlagen: den exklusiven Einfluß auf Bush zu sichern
und den Weg für die Eliminierung von Arafat vorzubereiten.« Abbas
hatte seinen Rücktritt am Samstag unter anderem mit der mangelnden
Bereitschaft Israels begründet, den sogenannten Friedensplan
»Roadmap« umzusetzen, sowie mit anhaltendem
innerpalästinensischem Widerstand gegen seine Regierung. Abbas hatte das
Amt des Ministerpräsidenten erst vor vier Monaten übernommen. Es war
auf Betreiben der USA eingerichtet worden. Die israelische Führung
kündigte nach Abbas Rücktritt an, eine palästinensische
Regierung, der Arafat oder einer seiner Anhänger vorstehe, werde man nicht
anerkennen. |