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Poker ums Wasser
"Wer auch immer mit dem Wasser des Nils spielt, erklärt uns den Krieg." So hart sagte es in den 1970er Jahren der ägyptische Präsident Sadat. Spätestens da begriff es die Welt: Wasser kann ein Grund zum Töten sein!
Sadat reagierte damals auf den Plan von Anrainerstaaten des Nils, am oberen Abschnitt des Flusses einen Staudamm zu bauen. Für Ägypten mit seinen weiten Wüstenflächen hätte das Projekt bislang kaum vorstellbare Probleme bei der Wasserversorgung zur Folge gehabt: Das Land ist zu neunzig Prozent vom Wasser des Nils abhängig.
Poker ums Wasser

Im Norden Afrikas konnte ein Krieg bis jetzt verhindert werden; zwischen einigen Ländern des Nahen Ostens war die knappe Ressource bereits Anlass für militärische Auseinandersetzungen.


Vielfältig sind die Ursachen für den anhaltenden Wasser-Konflikt rund um das Becken des Flusses Jordan.


Fünf Staaten – Jordanien, Syrien, Libanon, Israel und Palästina – müssen sich die geringen Wasservorkommen teilen. Diese beschränken sich auf den Fluss Jordan, seinen Zufluss Yarmuk und einige Aquifere = grundwasserleitende Gesteinsschichten. Der Jordan mit seinen kaum 93 Kilometern und einem Wasserdurchfluss, der mit dem der Spree vergleichbar ist, versorgt zehn Millionen Menschen mit dem lebenswichtigen Nass.

Politische Konflikte um geplante Staudamm-projekte arabischer Anrainerstaaten waren ein wichtiger Auslöser für die Besetzung der Golan-Höhen durch Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967. Seit es alle Quellen des Jordan kontrolliert, kann Israel das Wasser

ausschließlich für sein transnationales Leitungssystem nutzen, mit dem die Felder in der Negev-Wüste und die Großstädte versorgt werden. Syrien und Jordanien müssen sich auf Wasser aus dem Yarmuk beschränken, die Palästinenser auf Wasser aus Aquiferen. Aber sogar solche Wasserreservoirs beansprucht Israel überproportional hoch.

Ein Meer trocknet aus

Diese einseitige Wasserverteilung führte in der Vergangenheit immer wieder zu diplomatischen Protesten und militärischen Drohungen. Zunehmender Wasserverbrauch verändert aber auch die Umwelt: Durch die intensive Wasserentnahme aus dem Jordan sank der Wasserspiegel des Toten Meeres in den vergangenen dreißig Jahren um fünfundzwanzig Meter. Steigende Bevölkerungszahlen, Wasserverschwendung wegen brüchiger Leitungen und übermäßig hoher Verbrauch verschärfen ohnehin schon angelegte Konflikte zusätzlich.

Ernsthafte Wasserkrise

Weltweit haben die Vereinten Nationen dreihundert solcher potenziellen Konfliktherde ausgemacht. Circa 214 Flüsse fließen durch mehrere Länder und versorgen vierzig Prozent der Weltbevölkerung mit Wasser. Viele Länder haben zwar zwischenstaatliche Abkommen geschlossen, doch kein Vertrag berücksichtigt die Interessen aller jeweiligen Anrainerstaaten. Klar ist: Wenn in Zukunft die Wasserressourcen noch knapper werden, dürften sich auch die Nutzungskonflikte weiter verschärfen.

"Am Beginn des 21. Jahrhunderts steht die Erde ... vor einer ernsthaften Wasserkrise."

"(Es) ist eine Krise des Wassermanagements, verursacht im wesentlichen durch unsere falsche Bewirtschaftung von Wasser. Die wirkliche Tragödie bilden jedoch die Auswirkungen auf das tägliche Leben armer Menschen," heißt es im Welt-Wasser-Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen, der im Internationalen Jahr des Süßwassers 2003 herausgegeben wurde.

Bereits heute leben 436 Millionen Menschen in Ländern, in denen das Wasser knapp ist. Bis zum Jahr 2050 wird voraussichtlich ein Viertel der Weltbevölkerung mit chronischem oder immer wiederkehrendem Süßwassermangel existieren müssen.

Zahlen und Fakten
+ Der weltweite Wasserverbrauch hat sich zwischen 1940 und 1990 vervierfacht; die Weltbevölkerung hat sich im gleichen Zeitraum lediglich verdoppelt.
+ 1,2 Milliarden Menschen hatten 1999 keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 2050 werden es vorraussichtlich 2,3 Milliarden sein.
+ Sieben Millionen Menschen sterben jährlich an Krankheiten, die auf eine unzureichende Wasserqualität zurückzuführen sind.
+ Der größte Wasserverbraucher (und Verschwender) ist die Landwirtschaft, die knapp zwei Drittel aller Reserven verbraucht. Durch ineffiziente Bewässerung gehen weltweit rund sechzig Prozent des Wassers verloren.
+ Zwischen dreißig und vierzig Prozent der weltweit produzierten Nahrungsmittel sind von künstlicher Bewässerung abhängig.
+ Die zunehmende Verschmutzung des Oberflächen- und Grundwassers verschärft die Wasserkrise.
+ Prognosen gehen davon aus, dass 2050
44 Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugriff auf ausreichende Mengen an Süßwasser haben werden, 18 Prozent werden an Wassermangel (Angebot unter 1.700 Kubikmeter pro Kopf und Jahr) leiden und 24 Prozent an Wasserknappheit (Angebot unter 1.000 Kubikmeter pro Kopf und Jahr).

Süßwasser ist zur Nahrungsmittelerzeugung und als Energiequelle unersetzbar. Mensch, Tier und Pflanze brauchen Süßwasser zum Leben.

Siebzig Prozent der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt, aber nur 2,5 Prozent davon sind Süßwasservorkommen. Doch selbst diese Zahl täuscht: Denn ein erheblicher Teil liegt unerreichbar unter der Erde oder ist in den polaren Eiskappen gebunden. Tatsächlich verfügbar bleibt am Ende gerade mal ein Prozent.


Verteilung der Wasservorräte

Region/Jahr 1950 1980 2000
Europa 5,9 4,6 4,1
Asien 9,6 5,1 3,3
Afrika 20,6 9,4 5,1
Nord-Amerika 37,2 21,3 17,5
Latein-Amerika 105,0 48,8 28,3


Wasservorräte je Einwohner und Jahr (Angabe in 1.000 Kubikmeter)

Ungleiche Verteilung

Die wirkliche Crux ist aber die ungleiche Verteilung der begrenzten Vorräte: Während Europa und Nordamerika noch gut mit erneuerbaren Wasservorkommen ausgestattet sind, leiden der Nahe Osten, Nordafrika und Südasien bereits unter extremer Knappheit.

Abwasseraufbereitung, Auffangen von Regenwasser und Meerwasserentsalzung: diese Methoden der Trinkwassergewinnung können sich meist nur reiche Staaten in den Trockengebieten der Erde leisten. Und die demografischen Entwicklungen, gerade in den armen Ländern, lassen alle Planungen schnell veralten. Nach Angaben der Weltgesundheits-organisation (WHO) braucht jeder Mensch zwanzig Liter sauberes Wasser am Tag,

um gesund leben zu können: Drei bis fünf Liter zum Trinken und Kochen, den Rest für die Hygiene. Tatsächlich verbraucht heute ein europäischer Haushalt durchschnittlich bereits 150 Liter Wasser täglich, davon nur drei für Essen und Trinken, den Rest für Haushalt, Garten und Auto, Geschirr, Wäsche und Körperhygiene.

Umgang ändern

Wenigstens an besserem Wissen fehlt es nicht: Eine Lösung, so der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung, kann nur im "guten Umgang" mit dem Wasser liegen. Modernisierung der Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft, Sanierung und Ausbau von Trinkwasser- und Abwassersystemen, Verträge über die gemeinschaftliche Nutzung von grenzüberschreitenden Vorkommen, Schutz von Süßwasservorkommen und Verhaltensänderungen haben die Experten als Aufgaben im Umgang mit der Ressource Süßwasser ausgemacht.

Deutschland spielt hier eine Vorreiterrolle: In den vergangenen zehn Jahren ging der Wasserverbrauch um zwanzig Prozent zurück. Der "nachhaltige Umgang" mit Wasser ist also erlernbar.

cn

Mit 15.000 Kubikmeter Wasser kann man...
100 Nomaden und 450 Stück Vieh drei Jahre lang versorgen oder
100 ländliche Familien für vier Jahre oder
100 städtische Familien für zwei Jahre oder
100 Gäste eines Luxushotels für 55 Tage.

Trinkwasser: kommunal oder privat?

Poker ums Wasser

Den Hahn aufdrehen und sauberes Wasser sprudeln lassen – für viele ein alltäglicher Vorgang. In Deutschland sorgen rund 6.300 – hauptsächlich kommunale - Unternehmen dafür, dass in Dörfern und Städten das Wasser fließt. Doch der Zugang zu bezahlbarem und sauberem Trinkwasser könnte bald erschwert werden, befürchten viele Bürger. Wegen leerer öffentlicher Kassen machen Privatisierungen bei der Wasserver- und entsorgung rasante Fortschritte. Mit noch schwer absehbaren Folgen für Bürger und Umwelt.


In teuren Anlagen speichern Wasserwerke das kostbare Lebensmittel.

Über Jahrhunderte haben Menschen ihr Trinkwasser aus Flüssen und Brunnen gewonnen. Erst im 19. Jahrhundert begannen Kommunen mit dem Bau von Trinkwasser- und Abwasserleitungen.


Medizinische Untersuchungen wiesen damals auf den Zusammenhang zwischen massenhaft auftretenden Erkrankungen wie Durchfall und verunreinigtem Wasser hin. Da die Privatwirtschaft nicht bereit war, diese Aufgabe zu übernehmen, entwickelten sich Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung zu öffentlichen Aufgaben.

Erfolgsrezept Privatisierung?

In über 150 Jahren haben sich kommunale Wasserversorger zu hochspezialisierten Organisationen entwickelt, die nun dennoch vor dem Aus stehen. Leere öffentliche Kassen, eine immer schwierigere und aufwändigere Trinkwassergewinnung und -reinigung sowie hohe Investitionen für die Sanierung der oft maroden Anlagen stellen die Wasserversorger vor große Probleme. Politiker und Wirtschaftsexperten sehen die Lösung in der Privatisierung der Unternehmen. Doch dagegen sträuben sich viele Verbraucher. Sie befürchten enorme Preiserhöhungen für die Bereitstellung von Trinkwasser und Abwasserbeseitigung, überhöhte Investitionen für neue Anlagen sowie negative Auswirkungen auf die Umwelt wegen der Profitorientiertheit privater Unternehmen.

Kredite nur für Private
Diese Ängste sind nicht unbegründet: 1998 entschieden sich zum Beispiel die italienische Stadt Arezzo und 36 weitere Kommunen, die Wasserversorgung für 25 Jahre zum Teil einer privaten Gesellschaft zu übergeben. Für die Gemeinden war es der einzige Weg, um an einen Kredit zur Sanierung der maroden

Trinkwassergewinnungs- und Abwasser-Beseitigungsanlagen zu gelangen. Nach der Teilprivatisierung flatterten vielen Leuten doppelte Rechnungen ins Haus, die Preise stiegen teilweise um das Vierfache. Allerdings konnte gleichzeitig die Wasserqualität verbessert werden.

25 Prozent teurer

In England führte nach einer Studie die bislang einzige durchgreifende Wasser- und Abwasserprivatisierung in zehn Jahren zu einer Preissteigerung um rund fünfundzwanzig Prozent. Im gleichen Zeitraum wurden knapp über zwanzig Prozent der Mitarbeiter entlassen. Besonders auf internationalem Parkett scheint sich die Privatisierung des bis dato öffentlichen Sektors nicht besonders positiv auszuwirken. Mit der finanzkräftigen Unterstützung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) kaufen sich multinationale Konzerne wie Nestlé und Vivendi weltweit in den kommunalen Wassersektor ein.

"Wasser für die Armen"

IWF und Weltbank versprechen, dass mit der Übergabe der Aufgabe in private Hände die Versorgung verbessert, die Wirtschaftlichkeit gesteigert und das "Wasser für die Armen" sichergestellt werde. Doch den Konzernen geht es um maximale Rendite in dem Wachstumssektor: So wenig wie möglich Investitionen bei größtmöglichem Gewinn, scheint ihr Motto zu sein. In Cochabama, der drittgrößten Stadt Boliviens, stiegen die Wasserpreise nach der Privatisierung 1999 um 200 Prozent. Letztendlich wurde nach vehementen öffentlichen Protesten der Vertrag gekündigt.


Damit das Wasser fließt, müssen komplexe Leitungsnetze gewartet und erneuert werden.

Im eigenen Land ist es vor allem der deutsche Osten, der zum Teil multinationale Unternehmen anzieht. Marode Wasser- und Abwasserleitungen überfordern dort das Leistungsvermögen der öffentlichen Kassen eklatant. Also müssen private Investoren her. Die Unternehmen betrachten überdies ihr dortiges Engagement als ideale Startbasis für weitere Expansionen Richtung Osten, mit Blick auf die Erweiterung der Europäischen Union.

Viel Wasser - viel Profit

Verunsicherungen der Bürger, vor allem in den Flächenländern Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, haben in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt. Grundlegend ist der mit Privatisierungen in diesem Bereich immer verbundene Widerspruch: Wird viel Wasser verbraucht – und damit viel Abwasser erzeugt – können

private Unternehmen schwarze Zahlen schreiben und auch die Wasserpreise für den Verbraucher bleiben erträglich. Sinkt das verbrauchte Volumen hingegen, steigt der Preis pro Kubikmeter schnell. Dies hat seine Ursache vor allem darin, dass der Haupt-Kostenfaktor technische Anlagen und Leitungsnetze sind, die unabhängig vom Verbrauchsvolumen errichtet und gewartet werden müssen.


Das Wasser rieselt im Wasserwerk über dicke Kiesbänke. Eisen- und Manganoxide werden so entfernt.

Im Interesse der Unternehmen und – bei dieser Konstellation leider auch der Verbraucher - liegt also ein erhöhter Wasserverbrauch. In Interesse von Umwelt- und Ressourcenerhaltung müsste der Verbrauch aber verringert werden.


Leitungswasser oder Mineralwasser?
Viele schwören auf die gesundheitsfördernde Wirkung und den guten Geschmack des Mineralwassers. Dafür bezahlen sie auch gern ein wenig mehr. Die anderen setzen lieber auf das erfrischende Nass direkt aus dem Wasserhahn, manchmal nur noch durch etwas Sprudel aufgepeppt. Leitungswasser oder Mineralwasser? Welches ist das bessere Trinkwasser?
Für beide gelten unterschiedliche Gesetze und Schadstoffgrenzwerte. Mineralwasser muss laut Mineral- und Tafelwasser-Verordnung aus unterirdischen, vor Verunreinigungen geschützten, natürlichen Wasservorkommen stammen und von ursprünglicher Reinheit sein. Hingegen stellt die Trinkwasser-Verordnung an Leitungswasser den Anspruch, keimarm, farb- und geruchlos und geschmacksneutral zu sein. Über die Hälfte des Wassers stammt aus Grundwasserreservoirs, ein Teil wird aus Oberflächen- oder Quellwasser gewonnen. Die Schadstoffgrenzwerte sind bei Leitungswasser viel strenger gesetzt als bei Mineralwasser. Sorgen bereiten den Ingenieuren allerdings alte Leitungsrohre, besonders Bleirohre, die schädliche Stoffe abgeben. Experten der Stiftung Warentest kamen nach mehreren Vergleichen dennoch zu dem Schluss, dass "Leitungswasser den Vergleich mit Mineralwasser nicht zu scheuen braucht."

Auf rein privatwirtschaftlicher Basis kann dieser Konflikt wahrscheinlich nicht gelöst werden.



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