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13.09.2003 Naomi Klein Zmag
Freihandel ist Krieg
Montag wurden in Soweto 7 Antiprivatisierungs-Aktivisten verhaftet,
die die Installierung von Vorauskasse-Wasserzählern verhindert hatten. Die
Zähler sind die privatisierte Antwort auf die Tatsache, dass Millionen
armer Südafrikaner ihre Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen können.
Die neuen Geräte funktionieren wie Karten-Handys. Aber während man
beim Telefonieren nur eine tote Leitung hat, wenn das Geld ausgeht,
geht es hier um den Tod von Menschen - Leute, die krank werden, weil sie
Wasser trinken, das mit Cholera-Bakterien infiziert ist.
Am selben Tag, als die südafrikanischen "Wasserkrieger"
in Haft kamen, gerieten in Argentinien die Verhandlungen des
Internationalen Währungsfonds (IWF) ins Stocken. Der kritische Punkt waren
höhere Preise für privatisierte Versorgungseinrichtungen.
In einem Land, in dem 50% der Bevölkerung in Armut leben, fordert der
Internationale Währungsfonds, dass Wasser- und Elektrizitäts-
Multis ihre Preise um schwindelerregende 30% erhöhen dürfen.
Auf Handelsgipfeln wirken Privatisierungsdebatten manchmal diffus
und abstrakt. Vor Ort aber ist die Sache klar und dringlich, es geht um
das Recht zu überleben.

Nach dem 11. September konnten die Gurus der Rechten
die Globalisierungsbewegung nicht schnell genug beerdigen. Fröhlich sagte
man uns, in Kriegszeiten würde sich niemand um so frivole Dinge
wie Wasserprivatisierung scheren.
Und große Teile der US-Antikriegsbewegung gingen ebenso in die Falle:
Es sei nicht die Zeit, sich auf spaltende Wirtschaftsdebatten
einzulassen sondern zusammenzustehen und zum Frieden
aufzurufen.
Diese Woche hat der Blödsinn in Cancún ein Ende. Tausende Aktivisten
kommen zusammen und erklären, das brutale ökonomische Modell, für das
die Welthandelsorganisation (WTO) eintritt, sei selbst eine Art Krieg:
Krieg - weil Privatisierung und Deregulierung töten, sie treiben die
Preise für Unentbehrliches wie Wasser und Medikamente in die Höhe
und dumpen die Preise für Rohwaren - Kaffee - sodass kleine Farmen
unrentabel werden; Krieg - weil die, die Widerstand leisten und
sich "weigern zu verschwinden", wie es die Zapatistas ausdrücken,
routinemäßig verhaftet, verprügelt oder sogar getötet werden;
Krieg - denn falls die Low-intensity-Repression nicht zum gewünschten
Erfolg führt und den Weg für die Konzern-Liberation freimacht, setzt echter
Krieg ein.

Die globalen Antikriegs-Proteste am 15. Februar, die die Welt in
Erstaunen versetzten, gingen aus Netzwerken hervor, die in Jahren des
Globalisierungs-Aktivismus aufgebaut wurden - von Indymedia
bis Weltsozialforum. Es gab Versuche, die Bewegungen
separiert zu halten, aber ihre einzige Chance für die Zukunft liegt in der
Annäherung, wie jetzt in Cancún. Die Bewegungen der Vergangenheit
versuchten, gegen Krieg zu kämpfen, ohne die wirtschaftlichen Interessen,
die dahintersteckten, anzugehen. Andere Bewegungen
versuchten, Wirtschaftsgerechtigkeit herzustellen, ohne sich mit der
militärischen Macht anzulegen.
Die heutigen Aktivisten sind Experten, wenn es darum geht, den Weg des
Geldes nachzuvollziehen - sie begehen diesen Fehler nicht mehr.

Nehmen wir zum Beispiel Rachel Corrie. Sie wird uns in Erinnerung bleiben
als die 23jährige mit der orangenen Jacke, die den Mut hatte, sich den
israelischen Bulldozern entgegenzustellen. Aber Corrie hatte begonnen, die
noch größere Bedrohung hinter der militärischen Hardware zu sehen:
"Ich glaube, es ist kontraproduktiv, wenn man die Aufmerksamkeit
nur auf Krisenpunkte wie Häuserzerstörungen, Erschießungen und
offene Gewalt lenkt", schrieb sie in einer ihrer letzten Mails. "So vieles von
dem, was hier in Rafah passiert, hängt damit zusammen, dass man den
Leuten langsam aber sicher die Möglichkeit zum Überleben nimmt...
Vor allem Wasser ist ein kritischer Punkt und unsichtbar".

Die "Battle of Seattle", 1999, war Corries erste große Protestveranstaltung.
Als sie nach Gaza kam, hatte sie sich genug antrainiert, um nicht nur
die Oberfläche der Repression zu sehen sondern tiefer zu graben - nach den
ökonomischen Interessen, denen die Attacken der Israelis nützen.
Dieses Graben ließ Corrie auf die Brunnen der nahen (jüdischen) Siedlungen
stoßen, die sie im Verdacht hatte, das kostbare Gaza-Wasser auf
israelische Landwirtschaftsflächen umzuleiten - ihre Ermordung setzte
diesem 'Graben' ein Ende.

Ein vergleichbares Beispiel: Als Washington im Irak begann, die
Wiederaufbauverträge zu vergeben, entlarvten die Veteranen
der Globalisierungsdebatte die zugrundeliegende Agenda - sie erkannten
die altbekannten Namen der Deregulierungs- und Privatisierungs-Pusher
Bechtel und Halliburton. Wenn diese Jungs vorausmarschieren, kann das
nur bedeuten, hier findet ein Ausverkauf des Irak statt - nicht sein Wiederaufbau.
Selbst wer den Krieg ursprünglich nur wegen der Art der Umsetzung
ablehnte (keine UN-Zustimmung, keine ausreichenden Beweise, dass vom
Irak eine imminente Gefahr ausgeht), wird jetzt begreifen, weshalb
dieser Krieg geführt wurde: Es sollte genau die Art von Politik umgesetzt
werden, gegen die in Cancún anprotestiert wird - Massen-Privatisierung,
schrankenloser Zugang für die Multis, drastischer Rückbau des öffentlichen
Sektors. Wie schrieb Robert Fisk doch kürzlich in 'The Independent':
Paul Bremers Uniform beweise schon alles: "Geschäftsanzug und Kampfstiefel".
Der besetzte Irak wird zu einem perversen Laboratorium, in dem Derivate
der  freien Marktwirtschaft hergestellt werden - ganz wie es Chile nach dem
Coup 1973 für Milton Friedmans "Chicago boys" war. Friedman sprach
von "Schocktherapie" - dabei handelte es sich, wie jetzt im Irak, um
einen bewaffneten Raub an Kriegsopfern.

Bleiben wir bei Chile. Die Bush-Administration lässt wissen, sollte Cancún
scheitern, wird man einfach mit neuen bilateralen Freihandelsabkommen
weitermachen - siehe das kürzlich mit Chile getroffene Abkommen.
In ökonomischer Hinsicht ist das Abkommen bedeutungslos. Seine
eigentliche Bedeutung: Man kann es als Keil benutzen. Schon heute
setzt es Washington ein, um Brasilien und Argentinien unter Druck zu setzen;
die beiden Länder sollen FTAA, die Panamerikanische
Freihandelszone, mitunterstützen - andernfalls riskieren sie, abgekoppelt
zu werden.

30 Jahre seit jenem anderen 11. September, als General Augusto
Pinochet - mithilfe der CIA - Chile die freie Marktwirtschaft bescherte - "mit
Blut und Feuer" - wie man in Lateinamerika sagt. Bis heute wirft der
Terror Dividende ab. Die Linke hat sich nie mehr erholt, Chile
ist nach wie vor das gefügigste Land in der Region. Bereitwillig fügt es sich
Washington, während die Nachbarn - an der Wahlurne und auf der Straße -
dem Neoliberalismus trotzen.

Im August 1976 erschien in 'The Nationalist' ein Artikel von Orlando Letelier,
der als Außenminister dem (damals schon gestürzten) Kabinett Allende
angehört hatte.
Darin zeigte sich Letelier frustriert über eine internationale Gemeinschaft,
die sich zwar geschockt zeigt über Pinochets Menschenrechtsverletzungen,
seine Politik des freien Markts jedoch verteidigt. Sie weigere sich "die
brutale Kraft" zu sehen, "die nötig ist, um diese Ziele durchzusetzen.
Repression für die Mehrheiten und 'ökonomische Freiheit' für kleine
privilegierte Gruppen sind in Chile zwei Seiten einer Münze".
Kaum einen Monat später starb Letelier in Washington D.C. bei der
Explosion einer Autobombe.

Die größten Feinde des Terrors sind die, die nicht aus den Augen verlieren,
dass Gewalt wirtschaftlichen Interessen dient - und auch nicht,
dass Kapitalismus selbst Gewalt ist.
Letelier hat das begriffen und Rachel Corrie.
Auch wir sollten es begreifen - jetzt, da sich unsere Bewegungen in
Cancún einander annähern.



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Einen Herrn Bush zum Beispiel interessiert es herzlich wenig, ob Sie sich über ihn ärgern.
Sie sind Schöpfer der Ereignisse die in Ihrem Leben eintreten, also seien Sie sich bewußt
wie Sie denken oder sprechen.