Juan
Gonzalez: Robert Fisk - hier spricht Juan Gonzalez, mit Amy. Zum Thema
Zivilopfer - Sie haben mehrere Artikel über ein Thema verfasst, das
ansonsten nicht gecovert wird, vor allem nicht hier, in den USA. Es
geht um die Zahl ziviler Opfer, Menschen, die Tag für Tag im Irak als
Resultat der Besatzung ihr Leben verlieren. Können Sie uns etwas dazu
sagen?
Robert Fisk: Ja. Ich habe mich auf diese Story
eingelassen - eine ganze Serie von Artikeln -, weil ich so erschüttert bin
über einen Artikel, der letzte Woche in der New York Times erschien. Darin
war von der schrecklich hohen Opferzahl in den Sommermonaten die Rede. Erst im
dritten Absatz wurde mir klar, dass mit schrecklich hoher Opferzahl
ausschließlich die 72 (toten) amerikanischen Soldaten im Land gemeint
waren. Aber seit 9. April sind tausende irakischer Zivilisten hier im Land
durch Gewehrfeuer und andere Formen der Gewalt umgekommen. Schuld sind Anarchie
und Chaos, die nach der Befreiung Bagdads (auf das Land)
losgelassen wurden. Nochmal, es geht nicht darum, Saddam zu romantisieren. Vor
dem Krieg war es dessen Regierung, die die Verbrechen beging. Jetzt, nach dem
Krieg, begehen die Irakis die Verbrechen; das eigentliche Problem aber ist, es
gibt keine Sicherheit. Nacht für Nacht geschehen absolute Gemetzel an
Irakern. Entweder, sie werden aus Rache ermordet oder sie fallen Dieben zum
Opfer, oder sie werden an amerikanischen Checkpoints von
schießwütigen US-Soldaten niedergeschossen, oder es handelt sich um
Leute, die in Familien- Fehden verwickelt waren. Gerade komme ich - ich
erzähle Ihnen von der Bagdader Leichenhalle, (von der ich gerade komme).
Kurz zuvor kamen dort 21 neue Opfer mit Schusswunden an. Mit 5 der betroffenen
Familien habe ich gesprochen. Alle Opfer wurden erschossen, weil jemand ihr
Auto stehlen wollte, oder sie wurden nächtens von Dieben ermordet oder von
völlig Unbekannten getötet. Es gibt hier Waffen zuhauf. Jede Nacht
hört man die Schießereien. Ganz Bagdad dröhnt vom Gewehrfeuer.
In einer Leichenhalle, in der ich war, erzählte mir der
Leichenwächter, fast 40% aller Toten, die in seine Leichenhalle
kämen, seien an US-Checkpoints erschossen worden, von Soldaten. Entweder,
ein Auto nähert sich dem Checkpoint zu schnell, oder amerikanische
Soldaten geraten unter Feuer und feuern zurück - und treffen Zivilisten in
der Nähe - sie (die Soldaten) suchen nicht den direkten Feindkontakt, wer
immer die Angreifer sein mögen. Hier so ein Vorkommnis: Vor 4 Tagen wurde
eine Frau und ihr Kind tot ins Krankenhaus eingeliefert, US-Soldaten hatten sie
erschossen. Sie hatten das Feuer auf Leute eröffnet, die anlässlich
einer Hochzeitsfeier in die Luft schossen. Und solche Dinge passieren
ständig. Vor rund 6 Wochen hatten wir auch so einen Fall - den ich
persönlich untersuchte. 2 Männer fahren zu nah an einen Checkpoint
heran - kein normaler Checkpoint, nur ein Stück Stacheldraht über die
Straße geworfen; es passierte in einem sehr armen Stadtteil Bagdads. Die
Amerikaner eröffneten das Feuer auf den Wagen. In dem ausgebrannten
Fahrzeug habe ich etwa 23 Einschusslöcher gezählt. Die Kugeln setzten
das Benzin in Brand. Ich weiß nicht, ob die zwei Insassen, beides
Männer, noch lebten (aber ich schätze), sie verbrannten bei
lebendigem Leib. Jedenfalls verbrannten sie, bis sie tot waren. Ich
schätze, einer oder beide haben noch gelebt, als das Auto in Flammen
aufging. Als das Auto brannte - so Augenzeugen - hätten die Amerikaner
einfach zusammengepackt und den Checkpoint geräumt. Später ging ich
wieder in die Leichenhalle. Ich fand zwei Skelette mit verbranntem Fleisch vor.
Ihre Ausweise waren längst im Feuer verbrannt. Das Auto selbst und das
Autokennzeichen schmolzen in die Straße hinein. Also warteten in jener
Nacht erneut zwei irakische Familie auf geliebte Menschen, die nie mehr
heimkehren sollten.
Juan Gonzalez: In einem Ihrer Artikel,
Robert, schätzen Sie, dass landesweit rund 1000 Iraker pro Woche sterben.
Aber Sie haben Schwierigkeiten, in die Hospitäler hineinzukommen - die
Besatzung verbietet es Journalisten oder erschwert es ihnen, in die
Hospitäler zu gehen.
Robert Fisk: Absolut richtig. Die
Provisorischen Koalitionsbehörden (C.P.A.) - wie sich die
Besatzungsbehörden ja nennen -, haben durch das Gesundheitsministerium
mitteilen lassen, das neue Gesundheitsministerium, es untersteht der C.P.A. und
arbeitet natürlich für die Besatzungsbehörden, dass es
Journalisten nicht erlaubt sei, in die Hospitäler zu gehen, es sei denn,
sie besäßen eine offizielle Erlaubnis der neuen Minister, und die
arbeiten natürlich für die Besatzungsbehörden. Das heißt,
theoretisch wird so verhindert, dass wir an die Zahlen kommen. In der Praxis
allerdings kommen wir in die Krankenhäuser hinein, wir kennen ja viele
Ärzte, oder es findet sich ein anderer Weg. Normalerweise sympathisieren
die Sicherheitsleute sehr mit uns. Es sind Iraker. Sie wollen, dass wir die
Geschichte dieser großen Tragödie für die Iraker erzählen.
Gestern zum Beispiel. Ich habe ja gerade wieder 6 Stunden in der
städtischen Bagdader Leichenhalle verbracht. Gestern also bekamen sie 21
Tote herein - zwölf davon im Kugelhagel gestorben. Heute morgen hatten sie
bis 10 Uhr - Bagdader Zeit - schon wieder 5 Neuzugänge. Rechnet man das
alles zusammen und bezieht es auf einen tödlichen Monat - und man bedenke,
selbst auf den Najafer Friedhof, der etwa 200 Meilen südlich von Bagdad
liegt, werden an Tagen, an denen es zu Schießereien kommt, 20 Tote
eingeliefert, Gewaltopfer, nicht alle natürlich von Amerikanern
getötet, manche sind Opfer familiärer Rache, von schießenden
Dieben, oder Leute versuchen Plünderer zu stoppen und kommen dabei eher
zufällig ums Leben oder sie geraten ins Kreuzfeuer -, also demnach kommen
wir auf eine Zahl von mindestens 1000 getötete Iraker pro Woche. Aber
natürlich ist es nicht möglich, in die Hospitäler zu gehen -
nicht nur wegen der Restriktionen für Journalisten - man kann einfach
nicht jeden Morgen sämtliche Hospitäler sämtlicher irakischer
Städte besuchen, und die Todeszahlen addieren. Dennoch, es ist wirklich
extrem.
Heute morgen hatte ich auch so einen Fall - ein junger Mann,
einziger Sohn eines Schiiten. Er stammte aus der ärmsten Gegend Bagdads.
Man hat ihn unter seiner Türe getötet - keiner weiß warum. 4
sehr, sehr wütende Schiiten brachten den Leichnam zur Leichenhalle. Der
eine trug eine Milizuniform, ich denke, er war Mitglied der sogenannten
Badr-Brigade. Das ist, weil es keine Sicherheit gibt. Amerika will nicht,
dass wir Sicherheit haben. Es will unsere Gesellschaft spalten. Wir werden es
nicht zulassen. Wir werden uns explodierend gegen die Amerikaner werfen,
sagte er und meinte damit die Selbstmordbomber. Er war Schiit - nicht etwa
Sunnit aus dem sunnitischen Dreieck. Was hier passiert, immer mehr Irakis -
zumindest die etwas Politischeren - haben das Gefühl, die Amerikaner
hätten gar kein Interesse, das Sicherheitsdefizit zu beheben. Iraker, die
weniger konspirativ denken, sehen die Sache etwas milder. Aber sie hegen die -
in meinen Augen schreckliche - Vorstellung oder Haltung, es sei den Amerikanern
so ziemlich egal, was aus den Irakern wird, dass sie zwar über Demokratie
reden, die sie ihnen bringen wollen, sie befreien. Dabei interessierten sie
sich aber nur für die westlichen Soldaten, die sterben. Das Leben ganz
normaler Irakis interessiere sie nicht wirklich.
Und immer und immer
wieder diese Beispiele - Menschen, die an Checkpoints von Amerikanern
erschossen wurden. Die Amerikaner wollen nicht einmal herausfinden, wen sie
niedergeschossen, getötet oder verletzt haben. Nachts gehen sie nicht auf
die Straße. Gerade vor ein paar Tagen hatten wir einen sehr traurigen
Fall. Ein Mann, er hat überlebt - ich habe mit seiner Familie geredet -,
er ist Nachtwächter und bewachte ein Gebäude, eine Fabrik, sie wurde
von Plünderern angegriffen. Er erwiderte das Feuer auf die Plünderer,
dann tauchten Amerikaner auf und schossen ihn in die Brust. Vor zwei Tagen
wurde er zum zweitenmal operiert, um sein Leben zu retten. Kein einziges Mal
haben ihn die US-Militärs besucht. Und von niemandem eine Entschuldigung.
Keiner sagt, wollen Sie vielleicht eine Entschädigung? Wir helfen Ihnen.
Aber wir kennen Fälle - vor allem in abgelegenen Gebieten, in denen es
sehr rau zugeht -, wo die Amerikaner und andere westliche Truppen den Familien
ihrer toten Opfer durchaus finanzielle Kompensation anboten und auch gezahlt
haben. Ich denke, auch im Falle der Polizisten sind sie so verfahren. Die
Dritte US-Infanterie-Division hat ja nahe Falludschah mindestens 8 Polizisten
getötet - Freitag letzter Woche bzw. Donnerstag letzter Woche. Es war
empörend, lange Zeit haben die Amerikaner nur immer gesagt, sie
hätten keine Information zu den Todesfällen - lange, nachdem wir dort
gewesen waren und bewiesen hatten, dass US-Munition einer Infanterie-Einheit
bei der Tötung der Polizisten verwendet wurde. Ich habe die Zähne und
das Gehirn eines der Polizisten neben der Straße gefunden*. Hätte es
sich um das Gehirn und die Zähne eines Amerikaners gehandelt, ich glaube
kaum, dass man das alles so einfach dort hätte herumliegen lassen. Es ist
ein generelles Gefühl. Es geht nicht darum - da widerspreche ich den
Verschwörungstheorien - dass die Amerikaner den Bürgerkrieg wollen
oder die Leute spalten, Gewalt erzeugen - nein. Sie werden auf die Weise ja
selbst zu Opfern - wenn auch in einem unendlich kleineren Maßstab als die
Iraker. Nein, die Amerikaner interessieren sich einfach nicht wirklich für
die Iraker. Und das ist genau das Krebsgeschwür, das sich momentan in
diese Gesellschaft hineinfrisst.
Anmerkung: Falls Sie eine Audio- oder
Videokopie des gesamten Beitrags möchten, rufen Sie an unter 1 (800)
881-2359
Anmerkung d. Übersetzerin
*Ein Rätsel -
und die USA beeilen sich nicht mit der Auflösung von Robert Fisk,
hier auf unserer ZNet-Seite
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Übersetzt von: Andrea
Noll Orginalartikel: "Slaughter Every Night" |