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04.10.2003 Jürgen Elsässer Junge Welt
Wende im Fall Djindjic
Zeuge: Drahtzieher des Mordes an serbischem Premier sitzt in der Regierung
Wer am gestrigen Freitag die Belgrader Tageszeitung Kurir las, konnte sich nur verwundert die Augen reiben. Wiederholt sich die Geschichte? Die Parallelen zwischen der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy im Herbst 1963 und der des serbischen Premiers Zoran Djindjic im Frühjahr 2003 scheinen jedenfalls immer offensichtlicher. Jugendlich, dynamisch, gutaussehend, eine schöne Frau an seiner Seite: Zoran Djindjic galt – ob berechtigt oder nicht – wie 40 Jahre zuvor JFK als die Hoffnung der Jugend. Der Schock nach seiner Ermordung am 12. März war deshalb bei seinen Landsleuten nicht geringer als der vieler US-Amerikaner nach der Bluttat von Dallas: In Belgrad folgte eine halbe Million Menschen seinem Sarg, tagelang sendeten die Rundfunk- und Fernsehanstalten nur Trauermusik. In beiden Fällen wurde der Anschlag schnell den »Roten« in die Schuhe geschoben – damals wurde Fidel Castro, diesmal Slobodan Milosevic als Drahtzieher verdächtigt. Ebenfalls gab es damals wie heute ernstzunehmende Hinweise auf die Verwicklung des organisierten Verbrechens in den Fall. Wie aber hätte die Welt 1963 reagiert, wären glaubhafte Zeugen aufgetaucht, die einen politischen Rivalen aus Kennedys eigener Partei bezichtigten? Die also aussagten, daß Lee Harvey Oswald vor dem Attentat mehrfach von – sagen wir – Lyndon B. Johnson besucht worden wäre?

Solche Zeugen – »drei unabhängige Quellen, allesamt in Positionen, die gute Informationen verbürgen« – präsentierten jetzt das der militärischen Abwehr nahestehende Wochenblatt Nedeljni Telegraf und die auflagenstarke Tageszeitung Kurir. Demnach soll es Videoaufnahmen von einem »hochgestellten Regierungsmitglied« geben, als dieser einige Tage vor dem Attentat das Hauptquartier des Zemun-Clans betrat. Diese Mafiabande hat nach allen bekannten Ermittlungsergebnissen den Mord ausgeführt. Ein Minister sagte Telegraf unter dem Siegel der Anonymität: »Es wird ein Schock für die Öffentlichkeit sein, wenn sie erfährt, daß der Mörder Djindjics in dessen unmittelbarer Umgebung in der Regierung saß.«

Einen entsprechenden Verdacht hatte es bereits Mitte Juni gegeben. Ein Wärter im Belgrader Zentralgefängnis hatte zu Protokoll gegeben, daß der derzeitige Vize-Premierminister Cedomir Jovanovic einen der mutmaßlichen Djindjic-Killer mehrfach dort besucht habe, einen gewissen Dusan Spasojevic. Allerdings konnten diese Visiten damals nur für 2001 und 2002 nachgewiesen werden, also für einen Zeitraum lange vor dem Attentat. Ob sich Vizepremier und Mafiakiller auch später noch getroffen haben, konnte nicht mehr geklärt werden: Spasojevic wurde nämlich seinerseits liquidiert, bevor er plaudern konnte – nicht anders als vor vierzig Jahren Lee Harvey Oswald. Bei der Fahndung nach den Djindjic-Mördern wurden Spasojevic und sein Kumpan Mile Lukovic Kum von Spezialeinheiten der serbischen Polizei erschossen, weil sie sich angeblich mit Waffengewalt ihrer Verhaftung widersetzten. Doch es gab widersprüchliche Angaben über den Tag dieses Show-Down, und die freigegebenen Fernsehbilder zeigten blutige Schwellungen in den Gesichtern der Leichen. »Es ist offensichtlich, daß Lukovic und Spasojevic liquidiert wurden, damit sie nicht aussagen. Es ist auch offensichtlich, daß beide gefoltert wurden«, schlußfolgert Spomenka Deretic im oppositionellen Internetportal Artel.

Zarko Korac, der Vorsitzende einer Regierungskommission zur Untersuchung der Mordumstände, bestritt gegenüber Kurir, Hinweise auf die Tatbeteiligung von Regierungsmitgliedern zu haben. Doch auch im Abschlußbericht seiner Kommission vom 13. August finden sich Hinweise, daß die Attentäter in Djindjics Umfeld Unterstützer gehabt haben müssen: So wurden die Überwachungskameras am Tatort, dem Sitz der serbischen Regierung, just zwei Tage vor dem Mord abgeschaltet. Und als der Premier am 12. März aus seinem Wagen stieg und seinen Dienstsitz betreten wollte, fand er das Eingangstor verschlossen. So mußte er warten und bot ein ideales Ziel.

Die Korac-Kommission beklagt statt dessen die mangelnde Kooperation der deutschen Polizei. Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte für Djindjic einen Bericht für die Verbesserung seines Personenschutzes erarbeitet – doch der wurde der Kommission nicht zugänglich gemacht. Außerdem ist von Expertisen des BKA die Rede, wonach das bisher als Tatwaffe identifizierte G3-Gewehr von Heckler&Koch aus technischen Gründen nicht dafür in Frage kommen soll. Es wird also Zeit, daß die Wiesbadener Behörde ihr Wissen öffentlich macht.


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