Zeuge: Drahtzieher des Mordes an serbischem Premier sitzt in
der Regierung Wer am gestrigen Freitag die Belgrader Tageszeitung Kurir las,
konnte sich nur verwundert die Augen reiben. Wiederholt sich die Geschichte?
Die Parallelen zwischen der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy
im Herbst 1963 und der des serbischen Premiers Zoran Djindjic im Frühjahr
2003 scheinen jedenfalls immer offensichtlicher. Jugendlich, dynamisch,
gutaussehend, eine schöne Frau an seiner Seite: Zoran Djindjic galt
ob berechtigt oder nicht wie 40 Jahre zuvor JFK als die Hoffnung der
Jugend. Der Schock nach seiner Ermordung am 12. März war deshalb bei
seinen Landsleuten nicht geringer als der vieler US-Amerikaner nach der Bluttat
von Dallas: In Belgrad folgte eine halbe Million Menschen seinem Sarg, tagelang
sendeten die Rundfunk- und Fernsehanstalten nur Trauermusik. In beiden
Fällen wurde der Anschlag schnell den »Roten« in die Schuhe
geschoben damals wurde Fidel Castro, diesmal Slobodan Milosevic als
Drahtzieher verdächtigt. Ebenfalls gab es damals wie heute ernstzunehmende
Hinweise auf die Verwicklung des organisierten Verbrechens in den Fall. Wie
aber hätte die Welt 1963 reagiert, wären glaubhafte Zeugen
aufgetaucht, die einen politischen Rivalen aus Kennedys eigener Partei
bezichtigten? Die also aussagten, daß Lee Harvey Oswald vor dem Attentat
mehrfach von sagen wir Lyndon B. Johnson besucht worden
wäre?
Solche Zeugen »drei unabhängige Quellen,
allesamt in Positionen, die gute Informationen verbürgen«
präsentierten jetzt das der militärischen Abwehr nahestehende
Wochenblatt Nedeljni Telegraf und die auflagenstarke Tageszeitung Kurir.
Demnach soll es Videoaufnahmen von einem »hochgestellten
Regierungsmitglied« geben, als dieser einige Tage vor dem Attentat das
Hauptquartier des Zemun-Clans betrat. Diese Mafiabande hat nach allen bekannten
Ermittlungsergebnissen den Mord ausgeführt. Ein Minister sagte Telegraf
unter dem Siegel der Anonymität: »Es wird ein Schock für die
Öffentlichkeit sein, wenn sie erfährt, daß der Mörder
Djindjics in dessen unmittelbarer Umgebung in der Regierung
saß.«
Einen entsprechenden Verdacht hatte es bereits Mitte
Juni gegeben. Ein Wärter im Belgrader Zentralgefängnis hatte zu
Protokoll gegeben, daß der derzeitige Vize-Premierminister Cedomir
Jovanovic einen der mutmaßlichen Djindjic-Killer mehrfach dort besucht
habe, einen gewissen Dusan Spasojevic. Allerdings konnten diese Visiten damals
nur für 2001 und 2002 nachgewiesen werden, also für einen Zeitraum
lange vor dem Attentat. Ob sich Vizepremier und Mafiakiller auch später
noch getroffen haben, konnte nicht mehr geklärt werden: Spasojevic wurde
nämlich seinerseits liquidiert, bevor er plaudern konnte nicht
anders als vor vierzig Jahren Lee Harvey Oswald. Bei der Fahndung nach den
Djindjic-Mördern wurden Spasojevic und sein Kumpan Mile Lukovic Kum von
Spezialeinheiten der serbischen Polizei erschossen, weil sie sich angeblich mit
Waffengewalt ihrer Verhaftung widersetzten. Doch es gab widersprüchliche
Angaben über den Tag dieses Show-Down, und die freigegebenen Fernsehbilder
zeigten blutige Schwellungen in den Gesichtern der Leichen. »Es ist
offensichtlich, daß Lukovic und Spasojevic liquidiert wurden, damit sie
nicht aussagen. Es ist auch offensichtlich, daß beide gefoltert
wurden«, schlußfolgert Spomenka Deretic im oppositionellen
Internetportal Artel.
Zarko Korac, der Vorsitzende einer
Regierungskommission zur Untersuchung der Mordumstände, bestritt
gegenüber Kurir, Hinweise auf die Tatbeteiligung von Regierungsmitgliedern
zu haben. Doch auch im Abschlußbericht seiner Kommission vom 13. August
finden sich Hinweise, daß die Attentäter in Djindjics Umfeld
Unterstützer gehabt haben müssen: So wurden die
Überwachungskameras am Tatort, dem Sitz der serbischen Regierung, just
zwei Tage vor dem Mord abgeschaltet. Und als der Premier am 12. März aus
seinem Wagen stieg und seinen Dienstsitz betreten wollte, fand er das
Eingangstor verschlossen. So mußte er warten und bot ein ideales Ziel.
Die Korac-Kommission beklagt statt dessen die mangelnde Kooperation der
deutschen Polizei. Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte für Djindjic einen
Bericht für die Verbesserung seines Personenschutzes erarbeitet
doch der wurde der Kommission nicht zugänglich gemacht. Außerdem ist
von Expertisen des BKA die Rede, wonach das bisher als Tatwaffe identifizierte
G3-Gewehr von Heckler&Koch aus technischen Gründen nicht dafür in
Frage kommen soll. Es wird also Zeit, daß die Wiesbadener Behörde
ihr Wissen öffentlich macht. |