|
F: Wann wird es die ersten Waren mit
dem Etikett »Enthält Gentechnik« in unseren
Lebensmittelregalen geben?
Ich denke, daß Anfang nächsten Jahres mit
den ersten Nahrungsmitteln dieser Art gerechnet werden muß.
F: Die EU-Kommission läßt den einzelnen
Staaten auffällig viel Spielraum, wie die kürzlich erlassenen
Richtlinien zu gentechnisch veränderten Pflanzen national umgesetzt
werden.
Die Bestimmungen zur Kennzeichnung von Lebensmitteln
sind gar nicht so schlecht. Wenn es allein darum ginge, genveränderte
Nahrungsmittel mit entsprechender Auszeichnung in Europa zuzulassen, dann
wäre das eine Sache, mit der man meiner Ansicht nach leben kann. Schlimm
ist, daß künftig auch bei uns gentechnisch veränderte Pflanzen
angebaut werden sollen.
F: Hat die Klage bei der WTO gegen die
Europäische Union darauf Einfluß?
Die Klage der USA, Argentiniens und Kanadas gegen die
Kennzeichnungspflicht in der EU läuft unabhängig davon. Ich sehe eine
Gefahr darin, daß die Verbraucher mit der Kennzeichnungsverordnung in
Sicherheit gewiegt werden und glauben, diese sei ein tatsächlicher Schutz.
Wenn aber der Anbau von Genpflanzen unter dem Deckmantel der
Kennzeichnungspflicht erlaubt wird, dann wird es in Europa bald keine
gentechnikfreie Landwirtschaft mehr geben. Denn die Koexistenz, also das
Nebeneinander von Gentechnik und konventionellem Anbau, ist nichts als eine
Illusion.
F: Ist es denkbar, daß auf Druck der WTO sogar
die Kennzeichnungspflicht gekippt wird?
Da kann man zwei mögliche Szenarien durchspielen.
Einmal: Das europaweite Genmoratorium fällt. Dann haben wir Anbau von
gentechnisch veränderten Pflanzen und in zwei, drei Jahren, das ist meine
Prognose, wird jede andere Landwirtschaft hier in Europa vernichtet sein. Und
dann spielt es auch keine Rolle mehr, ob es eine Kennzeichnungsverordnung gibt
oder nicht. Oder aber wir schaffen es, daß das Moratorium bestehen
bleibt. Die Kennzeichnungsverordnung wäre obsolet, weil wir hier nichts
hätten, was wir kennzeichnen müssen. Und Banken und Unternehmen
würden aufhören, Geld in die Entwicklung von Gentechnik zu stecken.
Monsanto macht ja schon seit einiger Zeit damit rote Zahlen. Vielleicht
würde die Genindustrie weltweit zusammenbrechen.
F: Aber in den Vereinigten Staaten boomt doch die
Gentechnik...
Landwirte, die dort auf Gentechnik gesetzt haben,
überlegen bereits, sich wieder davon abzuwenden, weil sie ihre Produkte
nicht loswerden. Die USA sind auf Export angewiesen, aber selbst Afrika hat den
amerikanischen Genweizen abgelehnt. China ist am Kippen. In Australien will
zwar die Regierung Gentechnik einführen, aber die Bauern sind dort so
stark, daß sie solche Importe verhindern konnten. Es steht überall
auf der Welt auf der Kippe. Und deswegen schaut auch die ganze Welt auf Europa.
Bleibt es da noch bei der Position gegen die »Grüne
Gentechnik« oder geht es in die Richtung der USA?
F: Es gibt ja auch in Europa einen ersten
Sündenfall: den kommerziellen Anbau von gentechnisch verändertem Mais
in Spanien. Wurden davon schon andere Felder in Mitleidenschaft gezogen?
Und wie! Dort haben Biolandwirte schon ihre Konzession
verloren, weil deren Felder durch Pollenflug von Nachbarfeldern mit
genmanipulierten Pflanzen kontaminiert wurden.
F: Wie ist es zu erklären, daß Bauern in
Afrika bei Annahme einer US-Spende von Genweizen in Abhängigkeit geraten
können?
Normalerweise behalten Bauern, auch wenn sie
Hilfslieferungen bekommen, einen Teil vom Weizen oder Mais zurück, um
Saatgut fürs nächste Jahr zu haben. Das funktioniert nicht, wenn sie
genmanipulierte Pflanzen anbauen, denn dann werden unweigerlich
Lizenzgebühren fällig, und durch pestizidresistente Genpflanzen
werden sie von den Agrokonzernen abhängig, die zugleich die Gen-Pflanzen
und die dazu passenden Pestizide anbieten.
* Informationen zur Unterschriftenaktion
www.gen-moratorium.de |