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21.09.2003 The Guardian
von  Tom Predmore
zmag
Die abweichende Meinung eines Soldaten
Wir blicken dem Tod grundlos ins Auge
In den letzten sechs Monaten war ich an der in meinen Augen größten modernen Lüge beteiligt: Operation Iraqi Freedom. Nach den schrecklichen Ereignissen vom 11. September 2001 und während der Kämpfe in Afghanistan wurde der Boden für die Invasion des Irak bereitet.

"Shock and awe" waren die Worte, die benutzt wurden, um die Zurschaustellung der Macht zu beschreiben, auf die die Welt zu Beginn der Operation Iraqi Freedom blickte. Diese wurde zu einer hautnahen, dramatischen Demonstration militärischer Stärke und hoch entwickelter Technik aus den Arsenalen des amerikanischen und britischen Militärs.

Aber als Soldat, der sich darauf vorbereitete, an der Invasion des Irak teilzunehmen, hallten die Worte "shock and awe" tief in meiner Psyche. Selbst als wir uns auf die Abfahrt vorbereiteten, schien es, dass diese beiden Supermächte im Begriff waren, eben die Regeln zu verletzten, von denen sie erwarteten, das die Anderen sie einhielten. Ohne Zustimmung der Vereinten Nationen und ohne auf die Bitten der eigenen Bürger zu hören, marschierten die USA und Großbritannien in den Irak ein.

"Shock and awe"? Ja, diese Worte beschreiben die emotionale Wirkung, die ich fühlte, als wir an Bord gingen, nicht um für eine gerechte Sache einzutreten, sondern aus Heuchelei.

Von dem Moment, an dem der erste Schuss in diesem so genannten Krieg, der den Irak befreien und die Freiheit bringen sollte, abgefeuert wurde, regierte die Heuchelei.

Nach der Übertragung aufgenommener Bilder von gefangen genommenen und getöteten US-Soldaten im arabischen Fernsehen schworen die politischen Führer aus den USA und Großbritannien Rache und griffen die Fernsehgesellschaften an, weil sie solche anschaulichen Bilder übertrugen. Doch innerhalb weniger Stunden nach dem Tod der Söhne Saddam Husseins strahlte die US-Regierung schreckliche Bilder der beiden toten Brüder aus, die in der gesamten Welt zu sehen waren. Wieder einmal ein widerspruchsvolles Szenario.

Als Soldaten, die im Irak ihren Dienst verrichten, hat man uns gesagt, ist es unser Ziel, den Menschen im Irak zu helfen, indem wir sowohl militärische Unterstützung als auch humanitäre Hilfe leisten. Erzählen Sie mir bitte dann, worin die im kürzlich veröffentlichten Bericht in Stars und Stripes (die Zeitung der US-Armee) Humanität besteht, in dem über zwei kleine Kinder berichtet wird, die von ihrer Mutter in ein US-Militärlager gebracht wurden, weil sie medizinische Hilfe benötigten.

Die beiden Kinder hatten unbewusst mit Militärmunition gespielt, die sie gefunden hatten, und dabei schwere Verbrennungen erlitten. In dem Bericht wird uns mitgeteilt, dass die beiden US-Militärärzte den Kindern nach stundenlangem Warten die nötige Hilfe verweigerten. Ein Soldat beschrieb diesen Vorfall als eine von vielen "Grausamkeiten" seitens des US-Militärs, das er mit eigenen Augen beobachtet habe.

Ich bin dankbar, dass ich persönlich nicht Zeuge einer derartigen Grausamkeit geworden bin - außer natürlich, sie betrachten, so wie ich, diesen Krieg im Irak als die schlimmste Grausamkeit.
Welches Ziel verfolgen wir also hier? Geschah diese Invasion wegen der Massenvernichtungswaffen, wie wir oft gehört haben? Falls ja, wo sind sie? Sind wir einmarschiert, um einen Führer und sein Regime loszuwerden, weil sie eng mit Osama bin Laden liiert waren? Falls ja, wo ist der Beweis?

Oder hat unser Eindringen vielleicht mit unseren eigenen ökonomischen Vorteilen zu tun? Die Raffinierung des irakischen Öls geschieht zu einem Preis, der weltweit der günstigste ist. Dies alles sieht nach einem modernen Kreuzzug  aus, bei dem es nicht um die Befreiung eines unterdrückten Volks und die Befreiung der Welt von einem dämonischen Diktator geht, der auf grausame Weise seine Eroberungs- und Vorherrschaftsziele verfolgt, sondern um einen Kreuzzug, mit der Absicht, die natürlichen Ressourcen eines anderen Landes unter Kontrolle zu bringen. Zumindest für mich scheint das Öl der Grund für unsere Anwesenheit zu sein.

Es gibt nur eine einzige Wahrheit und die besagt, dass Amerikaner sterben. Es gibt jeden Tag schätzungsweise zehn bis vierzehn Angriffe auf unsere Soldatinnen und Soldaten. Da die Zahl der Toten kontinuierlich wächst, scheint kein sofortiges Ende in Sicht.

Einst glaubte ich für eine gute Sache zu dienen, nämlich "die Verfassung der Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten und zu verteidigen". Daran glaube ich nicht länger; ich habe sowohl meine Überzeugung als auch meine Entschlossenheit verloren. Ich kann meinen Dienst nicht länger auf der Grundlage von - wie ich glaube - Halbwahrheiten  und dreisten Lügen rechtfertigen.

Die Weisheit kommt mit dem Alter und mit 36 bin ich nicht länger so naiv, etwas zu glauben, ohne es zu hinterfragen.

Als ich im letzten November im Fort Campbell in Kentucky ankam, hörten wir das Gerede von unserem Einsatz und als dieses Gerede sich als tatsächliche Vorbereitung herausstellte, wurde mir bang ums Herz und meine Zweifel nahmen zu. Meine Zweifel sind nie vergangen, wohl aber meine Entschlossenheit und mein Engagement.

Meine Zeit hier und die vieler anderer, mit denen ich gedient habe, ist fast vorbei. Wir haben ohne jeglichen Grund und ohne jegliche Rechtfertigung dem Tod ins Auge geschaut. Wie viele müssen noch sterben? Wie viele Tränen müssen noch vergossen werden, bevor die Amerikaner erwachen und die Rückkehr der Männer und Frauen verlangen, deren Beruf es ist, sie zu schützen und nicht die Interessen ihrer Führer?

* Tim Predmore ist Angehöriger der US-Armee in der 101st Airborne Division, die in der Nähe von Mosul im Norden des Irak stationiert ist. Eine Fassung dieses Artikels erschien im Peoria Journal Star; Illinois.


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