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Wir blicken dem Tod
grundlos ins Auge In den letzten sechs Monaten war ich an der in
meinen Augen größten modernen Lüge beteiligt: Operation Iraqi
Freedom. Nach den schrecklichen Ereignissen vom 11. September 2001 und
während der Kämpfe in Afghanistan wurde der Boden für die
Invasion des Irak bereitet.
"Shock and awe" waren die Worte, die benutzt
wurden, um die Zurschaustellung der Macht zu beschreiben, auf die die Welt zu
Beginn der Operation Iraqi Freedom blickte. Diese wurde zu einer hautnahen,
dramatischen Demonstration militärischer Stärke und hoch entwickelter
Technik aus den Arsenalen des amerikanischen und britischen
Militärs.
Aber als Soldat, der sich darauf vorbereitete, an der
Invasion des Irak teilzunehmen, hallten die Worte "shock and awe" tief in
meiner Psyche. Selbst als wir uns auf die Abfahrt vorbereiteten, schien es,
dass diese beiden Supermächte im Begriff waren, eben die Regeln zu
verletzten, von denen sie erwarteten, das die Anderen sie einhielten. Ohne
Zustimmung der Vereinten Nationen und ohne auf die Bitten der eigenen
Bürger zu hören, marschierten die USA und Großbritannien in den
Irak ein.
"Shock and awe"? Ja, diese Worte beschreiben die emotionale
Wirkung, die ich fühlte, als wir an Bord gingen, nicht um für eine
gerechte Sache einzutreten, sondern aus Heuchelei.
Von dem Moment, an
dem der erste Schuss in diesem so genannten Krieg, der den Irak befreien und
die Freiheit bringen sollte, abgefeuert wurde, regierte die
Heuchelei.
Nach der Übertragung aufgenommener Bilder von gefangen
genommenen und getöteten US-Soldaten im arabischen Fernsehen schworen die
politischen Führer aus den USA und Großbritannien Rache und griffen
die Fernsehgesellschaften an, weil sie solche anschaulichen Bilder
übertrugen. Doch innerhalb weniger Stunden nach dem Tod der Söhne
Saddam Husseins strahlte die US-Regierung schreckliche Bilder der beiden toten
Brüder aus, die in der gesamten Welt zu sehen waren. Wieder einmal ein
widerspruchsvolles Szenario.
Als Soldaten, die im Irak ihren Dienst
verrichten, hat man uns gesagt, ist es unser Ziel, den Menschen im Irak zu
helfen, indem wir sowohl militärische Unterstützung als auch
humanitäre Hilfe leisten. Erzählen Sie mir bitte dann, worin die im
kürzlich veröffentlichten Bericht in Stars und Stripes (die Zeitung
der US-Armee) Humanität besteht, in dem über zwei kleine Kinder
berichtet wird, die von ihrer Mutter in ein US-Militärlager gebracht
wurden, weil sie medizinische Hilfe benötigten.
Die beiden Kinder
hatten unbewusst mit Militärmunition gespielt, die sie gefunden hatten,
und dabei schwere Verbrennungen erlitten. In dem Bericht wird uns mitgeteilt,
dass die beiden US-Militärärzte den Kindern nach stundenlangem Warten
die nötige Hilfe verweigerten. Ein Soldat beschrieb diesen Vorfall als
eine von vielen "Grausamkeiten" seitens des US-Militärs, das er mit
eigenen Augen beobachtet habe.
Ich bin dankbar, dass ich persönlich
nicht Zeuge einer derartigen Grausamkeit geworden bin - außer
natürlich, sie betrachten, so wie ich, diesen Krieg im Irak als die
schlimmste Grausamkeit. Welches Ziel verfolgen wir also hier? Geschah diese
Invasion wegen der Massenvernichtungswaffen, wie wir oft gehört haben?
Falls ja, wo sind sie? Sind wir einmarschiert, um einen Führer und sein
Regime loszuwerden, weil sie eng mit Osama bin Laden liiert waren? Falls ja, wo
ist der Beweis?
Oder hat unser Eindringen vielleicht mit unseren eigenen
ökonomischen Vorteilen zu tun? Die Raffinierung des irakischen Öls
geschieht zu einem Preis, der weltweit der günstigste ist. Dies alles
sieht nach einem modernen Kreuzzug aus, bei dem es nicht um die Befreiung
eines unterdrückten Volks und die Befreiung der Welt von einem
dämonischen Diktator geht, der auf grausame Weise seine Eroberungs- und
Vorherrschaftsziele verfolgt, sondern um einen Kreuzzug, mit der Absicht, die
natürlichen Ressourcen eines anderen Landes unter Kontrolle zu bringen.
Zumindest für mich scheint das Öl der Grund für unsere
Anwesenheit zu sein.
Es gibt nur eine einzige Wahrheit und die besagt,
dass Amerikaner sterben. Es gibt jeden Tag schätzungsweise zehn bis
vierzehn Angriffe auf unsere Soldatinnen und Soldaten. Da die Zahl der Toten
kontinuierlich wächst, scheint kein sofortiges Ende in Sicht.
Einst
glaubte ich für eine gute Sache zu dienen, nämlich "die Verfassung
der Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten und zu verteidigen". Daran glaube
ich nicht länger; ich habe sowohl meine Überzeugung als auch meine
Entschlossenheit verloren. Ich kann meinen Dienst nicht länger auf der
Grundlage von - wie ich glaube - Halbwahrheiten und dreisten Lügen
rechtfertigen.
Die Weisheit kommt mit dem Alter und mit 36 bin ich nicht
länger so naiv, etwas zu glauben, ohne es zu hinterfragen.
Als ich
im letzten November im Fort Campbell in Kentucky ankam, hörten wir das
Gerede von unserem Einsatz und als dieses Gerede sich als tatsächliche
Vorbereitung herausstellte, wurde mir bang ums Herz und meine Zweifel nahmen
zu. Meine Zweifel sind nie vergangen, wohl aber meine Entschlossenheit und mein
Engagement.
Meine Zeit hier und die vieler anderer, mit denen ich
gedient habe, ist fast vorbei. Wir haben ohne jeglichen Grund und ohne jegliche
Rechtfertigung dem Tod ins Auge geschaut. Wie viele müssen noch sterben?
Wie viele Tränen müssen noch vergossen werden, bevor die Amerikaner
erwachen und die Rückkehr der Männer und Frauen verlangen, deren
Beruf es ist, sie zu schützen und nicht die Interessen ihrer
Führer?
* Tim Predmore ist Angehöriger der US-Armee in der
101st Airborne Division, die in der Nähe von Mosul im Norden des Irak
stationiert ist. Eine Fassung dieses Artikels erschien im Peoria Journal Star;
Illinois.
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