| Selbst haarsträubende Ungereimtheiten in der offiziellen
Darstellung erregten anscheinend kein Misstrauen. Inzwischen wurden zwei Kriege
mit 60.000 zivilen Opfern im Namen der amtlichen Darstellung der 11.
September-Ereignisse geführt, die Vereinigten Staaten wurden ausgebaut zu
einem Überwachungsstaat, neben dem sich die Stasi-Gesellschaft der DDR wie
ein rührender Kindergarten ausnimmt, und Milliarden und Abermilliarden
öffentlicher Gelder wurden umgeleitet in die Taschen der
Rüstungsindustrie. Aber bei einst kritischen Vertretern der deutschen
Presse klingelt noch immer kein Glöckchen. Der erste SPIEGEL-Titel, der
die andere Sicht auf die Terroranschläge von New York und Washington zum
Inhalt hat, gilt nicht etwa neuen Ergebnissen bei der Aufklärung des
Jahrhundertverbrechens, sondern dem Bashing jener Journalisten, die dessen
Aufklärung fordern und durch eigene Recherchen vorantreiben. Die
polemische generalisierende Form der Auseinandersetzung wirft ein übles
Licht auf den Zustand dieses Landes.
Es bedarf keiner Verschwörung,
um eine gesamte Presselandschaft zu streamlinen und auf eine Linie zu bringen.
Wie immer wenn einer der Großen anfängt, folgen die Kleinen bis zur
letzten Provinzpostille auf dem Fuße. "Verschwörungswahnsinnige"
sind ein "Thema". Ein Thema sein, das heißt: Der kleine freie Journalist
findet ein offenes Ohr bei seinem Chef in der Redaktion. Kein Thema sein,
heißt: Kein Artikel, kein Geld. Innerhalb von zwei, drei Wochen hat dann
auch Lieschen Müller in Hintertupfingen irgendwo irgendetwas über das
Thema gehört oder gelesen und kann sich wieder beruhigt zurücklehnen
in der sicheren Gewissheit, dass unsere verrückte Welt doch nicht so
schlecht ist wie ihr Ruf. Nach dem 11. September 2001 konnte man
persönlich und anschaulich mitverfolgen, wie die politische Ausrichtung
einer ganzen Gesellschaft aus ihren eigenen Strukturen heraus und weitgehend
freiwillig funktioniert.
Während in den Ländern der Kriegskoalition,
insbesondere England und den USA selbst, das Misstrauen gegenüber
Regierung und uniformierten Medien eher zunimmt, beginnt in Deutschland das
Presse-Imperium erst jetzt zurückzuschlagen. Während in Kalifornien
der Bürgermeister von Santa Cruz aus Protest gegen den
innenpolitischen Kurs der Bush-Regierung auf den Stufen des Rathauses kostenlos
Marihuana an alle verteilt, die ein Rezept vorlegen können, werden in
Deutschland alle Köpfe, die aus der Masse der Angepassten herausragen,
abgeschlagen.
Journalisten, die das Undenkbare tun, nämlich den
unausgesprochenen Konsens der Berichterstattung über den "neuen
Terrorismus" durch unvoreingenommenes Herangehen an die Fakten zu verlassen,
werden im bekannten deutschen Stil ausgegrenzt, beleidigt und zerstört.
Dies hat viele 9/11-Skeptiker zu Spekulationen über eine Verschwörung
der Presse verleitet. Wenn man aber weiß, dass die Selbstsicherheit, mit
der die unkritische Verbreitung der Weltsicht von King Bush & Co. von als
seriös bekannten Journalisten vorgetragen wird, nur in den seltensten
Fällen durch eine tiefgreifende Kenntnis der Fakten begründet ist,
ergibt sich ein anderes Bild. Was sind das für Menschen, die in den
Chefetagen der Medienkonzerne sitzen und uns die tägliche Wahrheit
verkaufen? Ich kenne einen von ihnen persönlich. Er, nennen wir
ihn Chefredakteur S, ist ein Freund von mir. Ich habe als junger Mensch mit ihm
Fußball gespielt, man hat sich über Jahre ab und an gegenseitig zum
Essen eingeladen und schon mal ein Wochenende gemeinsam auf einer Almhütte
oder bei einer Silvesterparty verbracht. S ist Chefredakteur eines wichtigen
deutschen Nachrichtenmagazins. Sein Boss ist ein Promi, der Boss seines Bosses
ein ausländischer Medienmogul. S hat sich seine Sporen als Journalist in
jungen Jahren an vorderster Nachrichten-Front verdient; er war an Brennpunkten
des Nahen Ostens und bei Straßenkämpfen in Moskau. Solche
waghalsigen Jobs hat er seit vielen Jahren nicht mehr gemacht, aber sie
bildeten die Grundlage für seine steile Karriere.
S wohnt in einem schönen Haus in einem schönen
Viertel seiner schönen Stadt, für das er eine Menge Geld bezahlen
muss. Er hat mittlerweile eine vierköpfige Familie zu ernähren.
Dafür arbeitet er bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit oder sogar
über diese hinaus. Er hat in den letzten Jahren einige graue Haare
hinzubekommen und einige verloren. Durch seine Stellung ist er Teil der
bundesrepublikanischen High Society geworden. Er geht in den entscheidenden
Kreisen der Politik und Wirtschaft ein und aus. Bei diesen handelt es sich zum
großen Teil um Menschen, die auf den ersten Blick einen guten Anzug von
einem billigen Imitat unterscheiden können. Einige von ihnen erscheinen
selbst zu einer Garten-Grillparty mit Schlips und Kragen.
S liebt klassische Musik. Er braucht es nicht auszusprechen,
aber es ist klar: klassische Musik ist das einzig Wahre und jeder anderen Musik
überlegen. Ab und zu lässt er sich zwar auch mal eine Jazz-CD von
einem Freund mitbringen, der in der Musikbranche arbeitet, aber sein
Musikgeschmack ist jedenfalls nicht auf der Höhe des Geschehens. Ihm fehlt
schlichtweg die Zeit, sich mit solchen Dingen intensiver zu befassen. Ebenso
wenig hat er Zeit, in großem Stil Bücher zu lesen, die ihm für
seine gegenwärtige Arbeit wichtiges Grundlagenwissen verschaffen
könnten. Während ich in den letzten 25 Jahren sicher mehr als zwei
Dutzend Werke über Themen wie Geheimdienste, die Außenpolitik der
Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg oder die Geschichte des
20.Jahrhunderts gelesen sowie eine noch größere Zahl von
entsprechenden TV-Dokumentationen gesehen habe, dürfte es bei ihm nicht so
gut bestellt sein mit solidem Grundwissen über bestimmte, für die
Einschätzung der gegenwärtigen Weltpolitik relevanten Informationen.
Ich glaube, ehrlich gesagt, dass er kein einziges Buch über die
Hintergründe der CIA oder die amerikanischen Kriege nach '45 gelesen hat.
Hat er die Standard-Dokumentation von James Bamford über die NSA
gelesen? Wohl kaum. Zum Thema Kennedy-Attentat hat er vielleicht den
Oliver-Stone-Film gesehen, aber gewiss nicht die diesem zugrunde liegende
BBC-Dokumentation. Chefredakteur S glaubt an die
Lee-Harvey-Oswald-Alleintäter-These. Dafür kennt er sich in
Philosophie ausgezeichnet aus.
Das Witzige ist, dass auch der Bundesnachrichtendienst
immerhin die Haupt-Informationsquelle für unseren Kanzler, den
Außen- und den Verteidigungsminister, die Vereinigten Staaten von Amerika
nicht als wichtig genug ansieht, um diese zu einem seiner
Aufklärungsgebiete zu machen. Jedenfalls ist das die offizielle Linie des
BND. Ich war selbst dort, als die Spione noch im Münchner Vorort Pullach
residierten, habe es mit eigenen Ohren aus ihren offiziellen Mündern
gehört. Verwundert mich eigentlich nicht angesichts der Tatsache, dass
unser Geheimdienst nach dem Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern aus der Taufe
gehoben wurde. Ich erwähne es auch nur, um zu zeigen, dass Journalisten
wie mein Freund S vermutlich in guter Gesellschaft sind.
Seit dem 12. September 2001
löchere ich S mit Fragen über Ungereimtheiten des 11. September. Ich
hatte auch vor diesem historischen Datum schon hin und wieder meine Bedenken
gegenüber der US-Politik zum Ausdruck gebracht. Das hat mir in seinem
Freundeskreis nicht gerade einen guten Ruf eingebracht, und oft umspielt
mitleidiges Lächeln seinen Mund, wenn ich wieder etwas sage. Oder er wird
nervös und muss "mal ganz dringend telefonieren". Seine Reaktion auf
Fakten, die ich meiner jeweils aktuellen Lektüre entnehme, ist stets
ablehnend. Der CIA soll hinter einigen der Bombenattentate im Italien der
1970er Jahre stecken, die den Roten Brigaden zugeschrieben wurden? Unsinn! Das
sind doch alles Verschwörungstheorien. Und die Araber, die kennt er doch
aus eigener Anschauung. Das sind tatsächlich solche Fanatiker, da solle
ich mir gar nichts vorzumachen. Darauf ich: Ob er nicht mal Lust habe, das eine
oder andere Buch zu lesen? Keine Zeit. Nur einmal hat er auf eine Email
reagiert. Ich hatte ihm die wenige Tage nach den Anschlägen aktuelle Story
über die angeblich von CNN getürkten Filmaufnahmen
palästinensischer Jubel-Demonstranten zukommen lassen, die sich
später tatsächlich als falsch herausstellte. Da fiel es ihm leicht zu
antworten, und seither ist die ganze Geschichte für ihn klar.
Verschwörungstheorien lassen sich alle widerlegen. Man muss sich nur die
richtigen heraussuchen. Was würde eigentlich passieren, wenn ein
Chefredakteur S zur Abwechslung mal auf die andere, die böse, die
inoffizielle Linie der bösen verrückten Verschwörungstheoretiker
umschwenken würde? Ganz gleich welche Fakten seinem Sinneswandel zugrunde
liegen würden, muss man über die Folgen weder reden, noch
grübeln, noch spekulieren. Das wäre das Ende, das sofortige
bedingungslose Aus seiner Karriere, seines Einkommens, seines Hauses und seines
gegenwärtigen Lebensplanes. Das Aus für Kanzleramtsempfänge,
Katja-Riemann-Premieren und VIP-Skiwochenenden. Die Strukturen, die das Leben
von Chefredakteur S umgeben, lassen nur zwei Alternativen: alles oder nichts.
Schon der kleinste begründete Zweifel an der Version der Ereignisse, auf
die sich alle verständigt haben, könnte das ganze Kartenhaus zum
Einsturz bringen.
Der Urheber eines solchen Gedankens würde unweigerlich
zum Außenseiter gestempelt werden. Das wäre für S etwa so wie
als Penner unter der Brücke zu enden. Daher werden alle Fakten, die auf so
ein Szenario hinauslaufen könnten, von vornherein ausgeblendet. Dazu
bedarf es keiner Verschwörung, das macht der Kopf ganz von selbst. Es
bedarf erst recht keiner Geheimdienstagenten in den Redaktionen, die die
Veröffentlichungen der Presse steuern, wie einer der Autoren von einem der
neuen 9/11-Bücher tatsächlich glaubt. Wenn man sich die Strukturen
unserer Wettbewerbsgesellschaft anschaut und sich darüber im Klaren ist,
dass sie auch in der Welt der Medien gelten, dann wird klar, dass hier eine
staatstragende Schicht durch die wirtschaftlichen Bande, auf deren Basis sie
überhaupt erst existiert, auf Gedeih und Verderb zusammengekettet ist. Und
dass der stillschweigende immaterielle Vertrag, den jeder Einzelne von ihnen
bei seinem Eintritt in diese Welt unterzeichnet, der Konsens ist. Selbst
über Redaktions- und Parteigrenzen hinweg. Denn sie alle treffen sich in
denselben Aufenthaltsräumen der Macht, auf die sie angewiesen sind, ganz
gleich für wen sie gerade arbeiten. Es ist dieses beruhigende Gefühl,
es geschafft zu haben, dazuzugehören, in den Olymp aufgestiegen zu sein,
das die ganze Staatsräson ausmacht. |