Liebe
Newsletter-Empfänger,
vor 12 Monaten habe ich begonnen,
über die Ankündigungen zum Stellenabbau in Deutschland Buch zu
führen. Vor wenigen Tagen übersprang der Zähler die Marke von 1
Million Arbeitsplätzen in Deutschland, deren Vernichtung im Laufe dieses
einen Jahres beschlossen wurde.
Dr. Peter Hartz, der Vorsitzende der
gleichnamigen Kommission, war vor einem Jahr davon überzeugt, die Zahl der
Arbeitslosen bis zum 30. Juni 2005 um 2 Millionen senken zu können. Mit
dem nachstehenden Offenen Brief an Dr. Hartz will ich die Erinnerung an dieses
Ziel wachrufen und dazu beitragen, die Debatte um die geeigneten
Maßnahmen zum Abbau der Arbeitslosigkeit trotz aller entmutigenden
Ereignisse der letzten zwölf Monate und gegen die überlauten Stimmen
aller, die glauben, mit Lohnkürzung, Arbeitszeitverlängerung und
Sozialabbau sei die Lösung schon gefunden, am Leben zu
erhalten.
Ich bitte Sie darum, diesen Offenen Brief - oder den
Link
dorthin - an möglichst viele Freunde und Bekannte weiterzuleiten und
Ihrerseits zu versuchen, wo immer Sie können, den laufenden Denk- und
Entscheidungsprozess, dessen Ergebnisse die gesellschaftliche
Entwicklung unseres Landes für sehr lange Zeit festlegen werden, positiv
zu beeinflussen.
Mit besten Grüßen
Egon W.
Kreutzer
Egon W. Kreutzer, Schrobenhausener Str. 15, 86556
Kühbach-Unterbernbach
Offener Brief zum Stellenabbau in
Deutschland
veröffentlicht im Internet unter
http://home.knuut.de/EWKberater/Meinung/12793OffenHartz.html, als e-mail an den Verteiler meines Newsletters versandt, sowie
dem Forum Demokratische Linke (Forum DL21) und dem LabourNet zur weiteren
Veröffentlichung und Verbreitung angeboten am 01.10.2003
Herrn Dr. Peter Hartz
Volkswagen AG
Berliner
Ring 2
38440 Wolfsburg
Unterbernbach, 1. Oktober 2003
Sehr geehrter Herr Dr.
Hartz,
vor einem Jahr, am 1. Oktober 2002, fand ein Interview,
das der Stern mit Ihnen geführt hatte, ein lebhaftes Medienecho. Sie
erklärten darin, der Kommissionsbericht sei eine Bibel für den
Arbeitsmarkt und würde man den Empfehlungen nur vollständig und ohne
jeden Abstrich folgen, könne trotz der schlechten Konjunkturaussichten die
Halbierung der Arbeitslosenzahl erreicht werden.
Zitat: «Ich
bleibe dabei, dass wir mit einer Projektkoalition aller Profis der Nation die
Zahl der Arbeitslosen bis zum 30. Juni 2005 um zwei Millionen senken
können.»
Die großen und kleinen Profis der Nation kamen der
Aufforderung, eine Projektkoalition zur Verbesserung der Lage auf dem
Arbeitsmarkt zu bilden, jedoch nicht nach. Stattdessen übertrafen sie sich
in immer neuen Ankündigungen weiteren Stellenabbaus und immer mehr und
immer dreisteren Forderungen zum Abbau der sozialen Sicherungssysteme und der
Sozialgesetzgebung unseres Landes.
Ich habe - angeregt und aufgeregt
durch das eingangs erwähnte Interview - am 2. Oktober 2003 begonnen,
über die in den Medien veröffentlichten Ankündigungen
beabsichtigten bzw. drohenden Arbeitsplatzabbaus Buch zu führen und eine
Liste der geplanten Arbeitsplatzvernichtung auf meiner Homepage zu
veröffentlichen.
Gestern um 23.00 Uhr stand der Zähler bei
1.007.054 Jobs, deren Abbau von eben diesen Profis der Nation im Laufe der
letzten 12 Monate beschlossen und verkündet wurde. Zu den jüngsten
Meldungen gehört auch der am 24.9. angekündigte Verlust von 170
Arbeitsplätzen bei Faurecia in Peine, der damit begründet wird, dass
Zulieferteile für den neuen Golf künftig aus Polen kommen werden.
Die aktuelle Liste mit den jeweils neuesten Meldungen ist im Internet
unter
http://home.knuut.de/EWKberater/Meinung/12700cFrame-SetAlmanach.html
zu finden.
Sie ist ein Dokument der fortwährenden und
fortschreitenden Fehlentwicklung auf dem Arbeitsmarkt und könnte allen
Volkswirtschaftsprofessoren, Parteivorsitzenden, Wirtschaftsministern und
anderen Sonntagsrednern, die immer noch in längeren Tages-, Wochen-,
Jahres- und Lebensarbeitszeiten das Mittel der Wahl zur Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit sehen, helfen, aus ihren theoretischen Höhenflügen
im eingeschränkten Erkenntnisraum neoliberaler Heilslehren auf den Boden
der Realität zurückzufinden.
Sie, Herr Dr. Hartz, haben inzwischen selbst
erfahren müssen, dass die Hoffnung, welche Sie in die
"volkswirtschaftliche Loyalität" der Entscheidungsträger der
globalisierten deutschen Wirtschaft gesetzt hatten, unbegründet war und
dass Ihr Aufruf zur gemeinsamen Anstrengung mit kaltem Lächeln ignoriert
wurde.
Sie haben inzwischen aber auch erkennen können,
dass - entgegen aller Versicherungen Ihrer damaligen Berater und Kommissare -
jede Maßnahme zur beschleunigten und verbesserten Vermittlung
Arbeitsloser ihr zwangsläufiges Ende an der letzten unbesetzten Stelle
finden muss, dass alle Versuche, Arbeitslose durch Umetikettierung unkenntlich
zu machen, scheitern müssen, wie auch der Versuch, immer mehr
Beschäftigte durch immer billigere Arbeitskräfte aus dem Pool der
Arbeitslosigkeit zu substituieren, nur zur Beschleunigung der Fluktuation, zu
einer unter dem Risiko von Qualitätsverlusten erkauften Senkung der
Personalkosten, nicht aber zur Verminderung der Arbeitslosigkeit führen
wird.
Es wäre, mit Verlaub, an der Zeit, dass Sie sich mit
diesen ernüchternden Erkenntnissen erneut zu Wort zu melden.
Es wäre an der Zeit, weniger auf Meinhard Miegel zu
hören und stattdessen zu versuchen, die Gedanken eines Heiner Flassbeck zu
verstehen.
Es wäre an der Zeit, die totale
Verbetriebswirtschaftung des politischen Denkens als selbstmörderischen
Irrsinn vom Rang eines Lemmingszuges zu brandmarken und stattdessen die nicht
profitorientierten Leistungen des Staates wieder ihrer Bedeutung entsprechend
zu würdigen und zu schützen.
Die nach Ihnen benannte
Kommission ist mit den Vorschlägen, denen Sie Ihren guten Namen geliehen
haben, längst gescheitert. Die Ablehnung der nach Ihnen benannten Gesetze
durch den Bundesrat ist beschlossene Sache. Doch leider entspringt diese
Ablehnung weder dem Wunsch nach Umkehr noch wenigstens dem Verlangen nach einer
Richtungskorrektur, sondern lediglich dem ungestümen Drang, vom
vermeintlich gemächlichen Trab schnellstmöglich in einen
halsbrecherischen Galopp zu wechseln.
Ich habe die Arbeit der "Hartz-Kommission" mit einiger,
bisweilen sehr boshafter Polemik begleitet und dabei gehofft, dass sich nach
vielen großen Ankündigungen, selbst noch nach der Weihestunde
im sakralen Raum, letztlich doch ein vernünftiger, gemäßigter
und sozial gerechter Weg öffnen würde, wenn nur erst die
Aufgeregtheiten des Wahlkampfes verebbt wären und die Wirtschaft sich von
kurzlebiger Stimmungsmache ab- und ihren ureigensten Aufgaben zuwenden
würde.
Es ist anders gekommen und nur immer weiter abwärts
gegangen, weil der geringe Widerstand gegen die Vorschläge der nach Ihnen
benannten Kommission dazu ermunterte, die Schmerzgrenzen auszuloten. Ich
fürchte, daß es zu spät sein wird, das Ruder
herumzureißen, wenn eben diese Schmerzgrenze in voller Fahrt durchbrochen
wird. Daher bitte ich Sie heute:
Sehr geehrter Herr Dr. Hartz,
falls Sie im letzten Jahr Erkenntnisse gewonnen haben, aus denen heraus
Sie heute zu anderen Urteilen und anderen Vorschlägen kommen, als sie von
der Kommission vorgelegt und von der Regierung in Gesetzestexte gegossen
wurden, dann vergessen Sie bitte jegliches selbstauferlegte
"Schweigegelübde" und melden Sie sich zu Wort. Unser Land braucht - weit
über die tagesaktuelle Debatte hinaus - tiefere Einsichten, bessere
Vorschläge und loyale, aber selbstbewusste Diener.
Mit
besten Grüßen
Egon W. Kreutzer