Zurück zur Seite vorher


Seitenzugriffe seit dem 10.07.2006410

Druckversion dieser Seite

Diese Information an einen Freund senden

 
Wie beurteilen Sie diesen Artikel Wie beurteilen Sie die Quelle dieses Artikels
Hier können Sie Ihren persönlichen Kommentar eingeben,
bzw. Kommentare von anderen Besuchern lesen
Kommentare
bisher
3
Infos von  www.das-gibts-doch-nicht.info
  Jörg Blech Sonnenseite
Die Krankheitserfinder

Die Pharmaindustrie definiert die Gesundheit des Menschen gegenwärtig neu.
Die Pharmaindustrie definiert die Gesundheit des Menschen gegenwärtig neu. Viele normale Entwicklungsphasen des Lebens - Geburt, Alter, Sexualität und Tod - werden systematisch zu Krankheiten umdefiniert. Global operierende Konzerne sponsern die Erfindung von "Krankheiten" und Behandlungsmethoden und schaffen so ihren Produkten die Märkte. Häufig genug stehen hinter alarmierenden, aufklärenden Nachrichten über Krankheiten finanzkräftige Marketingstrategien. In diesem Zusammenhang erscheinen beispielsweise Osteoporose, das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom, Bluthochdruck und die männliche Menopause in neuem Licht. Wo ist die Grenze zwischen seriöser Medizin und raffinierter Marketingkampagne?



Eine Rezension von „pengoblin“ – TopRezensent von amazon.de »
Ex-Buchhändler und Ethnologe, Literatur- & Creative Writing-Dozent, lebt z.Zt. in der Nähe von Mainz

"Wer sich nicht für krank hält, ist nur noch nicht gründlich genug untersucht worden." - Dies ist, wenn man dem Wissenschaftsjournalist Jörg Blech glauben will, einer der Leitsprüche eines Großteils der Institutionen unserer Schulmedizin. Ärzte, Pharmakonzerne, Kliniken und Massenmedien - sie alle sind an einer Verschwörung gegen den wünschenswertesten und (solange er währt) selbstverständlichsten Zustand des Menschen beteiligt: der physischen und psychischen Gesundheit. Krankheiten werden frei erfunden und gezielt propagiert, damit die entsprechenden Behandlungen auf breiter Basis vermarktet werden können, Arztpraxen und Therapiezentren optimal (d.h. gewinnträchtig) ausgelastet sind und stets noch ein wenig mehr Geld vom leidenden Verbraucher für die Wiedergewinnung seines entschwundenen Wohlbefindens aufgewendet wird.

Denn unendlich krank sind wir alle, wie die alarmierenden Statistiken der Gesundheitsbeilagen in TV-Zeitschriften beweisen: wir leiden an Modekrankheiten wie dem "Aging Male Syndrom" oder am "Sissi-Syndrom", unsere Kinder sind Opfer des "Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms" (ADHS) und so fort. Laut Blech sind äußerst viele dieser neuen Krankheiten lediglich künstlich medikalisierte Alltagsphänomene, "Befindlichkeiten in der Grauzone zwischen krank und gesund" (S. 51) oder über willkürlich festgesetzte Normwerte erst erschaffene Krankheitsbilder (wie im Falle der Cholesterinphobie). Man ist z.B. nicht mehr einfach nur schüchtern, sondern leidet an "Sozialphobie", die man aber zum Glück jetzt endlich mit Psychopharmaka behandeln kann. Der beste Arzt ist nicht etwa jener, der kranken Menschen das gibt, was sie tatsächlich brauchen (vielleicht nur Ruhe und einen Zuhörer), sondern der, der bei jedem Menschen eine furchterregende Krankheit findet und wunderbarerweise auch stets gleich eine Therapie dazu verkaufen kann.

Es geht Blech nicht darum - wie oft in mehr oder weniger wissenschaftlichen alternativmedizinischen Abhandlungen der Fall -, die gesamte Schulmedizin in Bausch und Bogen zu verdammen. Aber er verweist auf ihre auf Selbsterhaltung und Zugewinn ausgerichteten Strukturen, denen das ursprünglich primäre Ziel Gesundheitsbewahrung und -wiederherstellung mehr und mehr zum Opfer fällt.
Das Buch enthält eine auf breiter Ebene recherchierte Vielzahl von Einzelbeispielen aus den letzten Jahrzehnten, und einiges davon wird so ziemlich jedem Lesenden bekannt sein. Besonders in den Bereichen der psychischen und geriatrischen Erkrankungen (oder eben: Pseudoerkrankungen) ist die Industrie der Krankheitserfinder dabei offenbar äußerst rege. Wie schrieb schon Harry Rowohlt so schön: "Früher, wenn man sich Namen nicht mehr merken konnte, hieß das vergesslich. Heute heißt das Alzheimer. Und schon wieder muss man sich einen Namen merken."

Worauf Jörg Blech nicht eingeht (und es vielleicht in diesem Rahmen nicht kann), sind - neben der Gewinnorientiertheit - die tieferen Hintergründe für diese ungesunde Entwicklung unserer Zivilisation. In einer auf Leistung und Perfektion getrimmten Gesellschaft stellt Krankheit eine der letzten akzeptierten Möglichkeiten für Nichtperfektion dar. Und indem wir unter dem Druck des permanenten Konsumterrors zusammenbrechen und erkranken, werden wir einfach zu Konsumenten anderer Art und somit wieder zu funktionierenden Beiträgern des Systems.

"Die Krankheitserfinder" regt - obwohl manchmal eine Spur zu reißerisch geraten, um ohne Stirnrunzeln zitierfähig zu sein - zu einer kritischen Neubewertung des eigenen Verhältnisses zu Krankheit und Gesundheit an. Es beantwortet nicht die vielleicht wesentlichste Frage - warum sich so viele Menschen so bereitwillig ihre eigene Verantwortlichkeit dem eigenen Befinden gegenüber aberziehen lassen. Es zeigt allgemeine Kriterien auf, die auch dem Laien eine kritischere Bewertung so manchen aus dem Nichts auftauchenden Syndroms vielleicht etwas leichter machen, indem bestimmte Verkaufs- und Überzeugungsstrategien bloßgelegt werden. Umgekehrt ist leider die ebenfalls beigefügte Checkliste von "Fragen zur Erkennung von Nicht-Krankheiten" für den Nichtmediziner unverwertbar, da ihm die erforderlichen Grundlagen für eine Beantwortung (mangels unverfälschter Zahlen, wie Blech selbst wiederholt schreibt) fast immer fehlen dürften.

Dennoch lässt das Buch aufmerksamer werden gegenüber dem merkwürdig verbreiteten hypochondrischen Streben, bei jeder Symptombeschreibung eines neuen 'Volksleidens' mit grimmiger Befriedigung festzustellen, "He! Davon passt etwas ja auch auf mich!" Und das ist u.U. schon eine ganz gute Impfung gegen die Infektion durch eine erfundene Krankheit.


Über den Autor von "Die Krankheitserfinder"
Jörg Blech, Jahrgang 1966, studierte Biologie und Biochemie in Deutschland und England. Er absolvierte die Hamburger Journalistenschule und arbeitet seit 1994 als Medizin- und Wissenschaftsredakteur beim "Stern", bei der "Zeit" und jetzt beim "Spiegel". Mit seinem Buch 2Leben auf dem Menschen. Die Geschichte unserer Besiedler" errang er vor drei Jahren einen großen Publikumserfolg. Jörg Blech gilt als einer der besten Medizinjournalisten Deutschlands.


Jörg Blech "Die Krankheitserfinder
Wie wir zu Patienten gemacht werden"

S.Fischer - Frankfurt
ISBN: 310004410X
Preis: EUR 17,90



Diese Domain  www.das-gibts-doch-nicht.info an einen Freund weiterempfehlen

Diese Seite zu den Favoriten hinzufügen

Diese Seite auf Ihrem PC speichern!

Möchten Sie diese Domaine als Startseite haben...

 


Das Kopieren und Verteilen dieser Information ist ausdrücklich erwünscht!
www.das-gibts-doch-nicht.info


Sinn dieser Informationen

Zurück zur Seite vorher

Zur Gesamtübersicht

Wenn Sie sich wegen irgendeiner Information ärgern, deswegen wütend oder frustriert werden bzw. Hass oder Wut auf entsprechende Personen bekommen, sind SIE selbst der einzige der diese Emotion in Form von Krankheiten zurückbekommt. Ihre Wut trifft niemals den anderen.
Einen Herrn Bush zum Beispiel interessiert es herzlich wenig, ob Sie sich über ihn ärgern.
Sie sind Schöpfer der Ereignisse die in Ihrem Leben eintreten, also seien Sie sich bewußt
wie Sie denken oder sprechen.