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Die Pharmaindustrie
definiert die Gesundheit des Menschen gegenwärtig neu. Die
Pharmaindustrie definiert die
Gesundheit
des Menschen gegenwärtig neu. Viele normale Entwicklungsphasen des Lebens
- Geburt, Alter, Sexualität und Tod - werden systematisch zu Krankheiten
umdefiniert. Global operierende Konzerne sponsern die Erfindung von
"Krankheiten" und Behandlungsmethoden und schaffen so ihren Produkten die
Märkte. Häufig genug stehen hinter alarmierenden, aufklärenden
Nachrichten über Krankheiten finanzkräftige Marketingstrategien. In
diesem Zusammenhang erscheinen beispielsweise Osteoporose, das sogenannte
Zappelphilipp-Syndrom, Bluthochdruck und die männliche Menopause in neuem
Licht.
Wo ist die Grenze zwischen seriöser Medizin und raffinierter
Marketingkampagne?
Eine Rezension von pengoblin
TopRezensent von amazon.de
» Ex-Buchhändler und Ethnologe, Literatur- &
Creative Writing-Dozent, lebt z.Zt. in der Nähe von Mainz
"Wer sich nicht für krank hält, ist nur noch nicht gründlich
genug untersucht worden." - Dies ist, wenn man dem Wissenschaftsjournalist
Jörg Blech glauben will, einer der Leitsprüche eines Großteils
der Institutionen unserer Schulmedizin. Ärzte, Pharmakonzerne, Kliniken
und Massenmedien - sie alle sind an einer Verschwörung gegen den
wünschenswertesten und (solange er währt) selbstverständlichsten
Zustand des Menschen beteiligt: der physischen und psychischen
Gesundheit.
Krankheiten werden frei erfunden und gezielt propagiert, damit die
entsprechenden Behandlungen auf breiter Basis vermarktet werden können,
Arztpraxen und Therapiezentren optimal (d.h. gewinnträchtig) ausgelastet
sind und stets noch ein wenig mehr Geld vom leidenden Verbraucher für die
Wiedergewinnung seines entschwundenen Wohlbefindens aufgewendet wird.
Denn unendlich krank sind wir alle, wie die alarmierenden Statistiken
der Gesundheitsbeilagen in TV-Zeitschriften beweisen: wir leiden an
Modekrankheiten wie dem "Aging Male Syndrom" oder am "Sissi-Syndrom", unsere
Kinder sind Opfer des "Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms"
(ADHS) und so fort. Laut Blech sind äußerst viele dieser neuen
Krankheiten lediglich künstlich medikalisierte Alltagsphänomene,
"Befindlichkeiten in der Grauzone zwischen krank und gesund" (S. 51) oder
über willkürlich festgesetzte Normwerte erst erschaffene
Krankheitsbilder (wie im Falle der Cholesterinphobie). Man ist z.B. nicht mehr
einfach nur schüchtern, sondern leidet an "Sozialphobie", die man aber zum
Glück jetzt endlich mit
Psychopharmaka
behandeln kann. Der beste Arzt ist nicht etwa jener, der kranken Menschen das
gibt, was sie tatsächlich brauchen (vielleicht nur Ruhe und einen
Zuhörer), sondern der, der bei jedem Menschen eine furchterregende
Krankheit findet und wunderbarerweise auch stets gleich eine Therapie dazu
verkaufen kann.
Es geht Blech nicht darum - wie oft in mehr oder
weniger wissenschaftlichen alternativmedizinischen Abhandlungen der Fall -, die
gesamte Schulmedizin in Bausch und Bogen zu verdammen. Aber er verweist auf
ihre auf Selbsterhaltung und Zugewinn ausgerichteten Strukturen, denen das
ursprünglich primäre Ziel Gesundheitsbewahrung und -wiederherstellung
mehr und mehr zum Opfer fällt. Das Buch enthält eine auf breiter
Ebene recherchierte Vielzahl von Einzelbeispielen aus den letzten Jahrzehnten,
und einiges davon wird so ziemlich jedem Lesenden bekannt sein. Besonders in
den Bereichen der psychischen und geriatrischen Erkrankungen (oder eben:
Pseudoerkrankungen) ist die
Industrie
der Krankheitserfinder dabei offenbar äußerst rege. Wie schrieb
schon Harry Rowohlt so schön: "Früher, wenn man sich Namen nicht mehr
merken konnte, hieß das vergesslich. Heute heißt das Alzheimer. Und
schon wieder muss man sich einen Namen merken."
Worauf Jörg Blech
nicht eingeht (und es vielleicht in diesem Rahmen nicht kann), sind - neben der
Gewinnorientiertheit - die tieferen Hintergründe für diese ungesunde
Entwicklung unserer Zivilisation. In einer auf Leistung und Perfektion
getrimmten Gesellschaft stellt Krankheit eine der letzten akzeptierten
Möglichkeiten für Nichtperfektion dar. Und indem wir unter dem Druck
des permanenten Konsumterrors zusammenbrechen und erkranken, werden wir einfach
zu
Konsumenten
anderer Art und somit wieder zu funktionierenden Beiträgern des Systems.
"Die Krankheitserfinder" regt - obwohl manchmal eine Spur zu
reißerisch geraten, um ohne Stirnrunzeln zitierfähig zu sein - zu
einer kritischen Neubewertung des eigenen Verhältnisses zu Krankheit und
Gesundheit
an. Es beantwortet nicht die vielleicht wesentlichste Frage - warum sich so
viele Menschen so bereitwillig ihre eigene Verantwortlichkeit dem eigenen
Befinden gegenüber aberziehen lassen. Es zeigt allgemeine Kriterien auf,
die auch dem Laien eine kritischere Bewertung so manchen aus dem Nichts
auftauchenden Syndroms vielleicht etwas leichter machen, indem bestimmte
Verkaufs- und Überzeugungsstrategien bloßgelegt werden. Umgekehrt
ist leider die ebenfalls beigefügte Checkliste von "Fragen zur Erkennung
von Nicht-Krankheiten" für den Nichtmediziner unverwertbar, da ihm die
erforderlichen Grundlagen für eine Beantwortung (mangels
unverfälschter Zahlen, wie Blech selbst wiederholt schreibt) fast immer
fehlen dürften.
Dennoch lässt das Buch aufmerksamer werden
gegenüber dem merkwürdig verbreiteten hypochondrischen Streben, bei
jeder Symptombeschreibung eines neuen 'Volksleidens' mit grimmiger Befriedigung
festzustellen, "He! Davon passt etwas ja auch auf mich!" Und das ist u.U. schon
eine ganz gute Impfung gegen die Infektion durch eine erfundene Krankheit.
Über den Autor von "Die
Krankheitserfinder" Jörg Blech, Jahrgang 1966, studierte Biologie
und Biochemie in Deutschland und England. Er absolvierte die Hamburger
Journalistenschule und arbeitet seit 1994 als Medizin- und
Wissenschaftsredakteur beim "Stern", bei der "Zeit" und jetzt beim "Spiegel".
Mit seinem Buch 2Leben auf dem Menschen. Die Geschichte unserer Besiedler"
errang er vor drei Jahren einen großen Publikumserfolg. Jörg Blech
gilt als einer der besten Medizinjournalisten
Deutschlands.
Jörg Blech "Die Krankheitserfinder Wie wir
zu Patienten gemacht werden" S.Fischer - Frankfurt ISBN:
310004410X Preis: EUR 17,90
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