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15.10.2003 Rainer Rupp Junge Welt
Feldpostgeheimnis
Nachrichten aus dem Irak: Ein Leserbriefschwindel des Pentagon wird zur Lachnummer
Amerikanische Zeitungen veröffentlichten in letzter Zeit vermehrt Leserbriefe von US-Soldaten, die mit glühenden Worten von den Leistungen der US-Army beim zivilen Aufbau und vom überschwenglichen Dank der Iraker erzählten. Erst als die Zeitung Olympian aus Olympia im Bundesstaat Washington zwei dieser Briefe mit identischem Text, aber unterschiedlichen Unterzeichnern erhielt, flog der jüngste Public-Relation-Schwindel des Pentagon auf. Nun droht er, eine Lachnummer zu werden.

Nach Informationen des Gannett News Service sind bislang mindestens elf Tageszeitungen, darunter auch die renommierte Boston Globe, auf den Betrug hereingefallen und haben die identischen, vorgefertigten Briefe gedruckt. Die Organisatoren dieser Desinformationskampagne, die in der Abteilung für psychologische Kriegsführung der US-Army sitzen dürften, sorgten dafür, daß jeder Brief die Unterschrift eines Soldaten aus der Stadt trug, in der die jeweilige Zeitung erscheint. So sollte wohl die Chance der Veröffentlichung erhöht und an das Zugehörigkeitsgefühl der Leser appelliert werden.

Die jüngste, im Auftrag von USA Today und CNN erstellte Meinungsumfrage zeigt, daß die Amerikaner gegenüber dem Krieg skeptischer werden. Nur noch 50 Prozent der Befragten waren der Ansicht, daß die Lage im Irak den Krieg notwendig gemacht hatte. Im April waren es noch 73 Prozent. Die Phrasen der vorgefertigten Briefe sollen dem Trend entgegenwirken. Von einer »Mission« in der nordirakischen Stadt Kirkuk ist da die Rede: »Die Früchte der Anstrengungen all unserer Soldaten sind in den Straßen überall deutlich sichtbar.« Es gäbe keinen Müll mehr, die Menschen seien auf den Märkten, die Kinder wieder in den Schulen. »Die Stadt ist zu unserer zweiten Heimat geworden. Lebensqualität und Sicherheit sind weitgehend wiederhergestellt und das ist zum großen Teil uns zu verdanken«, heißt es weiter. Schön wäre es, »inmitten der Iraker zu leben«, die »alles über Demokratie lernen« würden, und dafür natürlich sehr dankbar seien. »Selbst nach fünf Monaten kommen die Leute immer noch aus ihren Häusern gelaufen, in die sengende Hitze von 50 Grad, um unseren Truppen zuzuwinken, wenn diese bei ihren täglichen Kontrollen vorbeifahren«, schreiben die Soldaten der in Kirkuk stationierten 173. US-Luftlandebrigade.

Dank der Nachforschungen des Olympian und des Gannett News Service steht mittlerweile fest, daß mindestens ein Leserbriefschreiber nicht selbst unterschrieben hat. Pfc. Nick Deaconson, dessen Unterschrift unter einem Vordruck stand, der in Beckley/West Virginia veröffentlicht worden war, gab an, den Brief weder gekannt noch unterschrieben zu haben. Inzwischen ist klar, daß der Vordruck von einem Unteroffizier an die Soldaten verteilt wurde. Von einem direkten Befehl wollen US-Offiziere jedoch nichts wissen. Die New York Times zitierte gestern einen Sprecher der 173. Luftlandebrigade, nach dessen Worten es sich um eine Eigeninitiative der Soldaten gehandelt habe, »um die guten Nachricht über unsere Arbeit zu Hause zu verbreiten, zumal die Medien sich nur auf die Opfer und die Angriffe der Terroristen fokussieren.«


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