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Öl ist ein glitschiger Stoff, aber nicht
so glitschig wie die Zahlen, die uns jetzt von den amerikanischen Besatzern im
Irak feilgeboten werden. In der Gegend um Kirkuk im Norden halten die
Behörden die Zahl der begangenen Sabotageakte geheim, weil sie nicht
verhindern können, dass die Pipelines, die in die Türkei führen,
in die Luft gejagt wird. Und weiter südlich in Bagdad, wo die Männer,
die die Produktionszahlen für irakisches Öl präsentieren,
anfangen den Bewohnern von Platos Höhle zu ähneln und
Schlussfolgerungen aus den Schatten an den Wänden ziehen, werden die
Statistiken frisiert. Paul Bremer, der Prokonsul in Kampfstiefeln,
verschönt die Zahlen bis zu einem Punkt, an dem sogar die Ölexperten
mit dem Kopf schütteln. Nehmen wir Kirkuk. Nur wenn die Fernsehkameras
eine explodierte Pipeline einfangen und Flammen in die Luft steigen, berichtet
die Besatzungsmacht von Sabotage. Das geschah zum Beispiel am 18. August. Aber
dieselbe türkische Ölleitung ist bereits vorher und auch später
wieder explodiert. Sie wurde einmal am 17. September und vier Mal am darauf
folgenden Tag in die Luft gejagt. US-Patrouillen und Hubschrauber sind an die
Pipelines vorgerückt, aber in den großen Schluchten und
Stammesgebieten, durch die diese führen, sind große Bereiche nicht
zu verteidigen. Europäische Ölexperten verstehen jetzt, dass die
irakischen Beamten im Ölministerium - nur eines von zwei Ministerien, das
die Amerikaner gegen Plünderungen schützten - sehr wohl wussten, dass
Sabotageakte geschehen würden. "Sie erzählten mir im Juni, dass es
keine Ölexporte aus dem Norden geben würde", teilte mir einer von
ihnen diese Woche mit. "Sie wussten, dass diese sabotiert würden und das
war offensichtlich sehr lange vor der Invasion im März geplant worden." Zu
Beginn ihrer Besatzung trafen die Amerikaner die geheime - und unkluge -
Entscheidung, viele Öltechnokraten, die der Baath-Partei angehörten,
wieder einzustellen, was bedeutet, dass eine große Anzahl der
Ministerialbeamten den Amerikanern immer noch ambivalent gegenüberstehen.
Die einzigen Öleinnahmen, an welche die USA gelangen, kommen aus dem
Süden. Mitte August erweckte Mr Bremer den Eindruck, die Produktion
läge bei 1,5 Millionen Barrel am Tag. Aber die wirklichen Zahlen lagen bei
780 000 Barrel und selten erreicht die Produktion 1 Million. Mit den Worten
eines Ölanalysten, der den Irak bereiste, ist das eine "unverzeihliche
Katastrophe". Als die USA den Irak im März angriffen, produzierte das Land
2,7 Millionen Barrel am Tag. Es ist durchgesickert, dass die US-Truppen in den
ersten Stunden, nachdem sie am 09. April in Bagdad einmarschiert sind,
Plünderern den Zugang zum Ölministerium genehmigten. Als dann
höhere Offiziere ankamen und die Plünderer herauskommandierten,
hatten diese schon nicht
ersetzbare seismische Daten und solche, die Auskunft
über Bohrungen gaben, im Wert vom mehreren Milliarden Dollar
zerstört. Während die großen Ölkonzerne in den USA
bereitstehen, Milliarden Dollar abzuschöpfen, wenn die Ölproduktion
ernsthaft wieder aufgenommen wird, wollten viele ihrer leitenden Angestellten -
lange vor dem Krieg - von der Bush Administration wissen, wie diese
beabsichtige, Sabotageakte zu verhindern. Saddam hatte eigentlich keine
Pläne, die Ölfelder selbst zu zerstören, aber viele, die
Pipelines für den Export in die Luft zu jagen. Das Pentagon hat das ganz
anders verstanden und schickte seine Truppen zum Schutz der Ölfelder und
ignorierte die ungeschützten Ölleitungen. Im Nachkriegsirak ist die
Anarchie jetzt soweit verbreitet, dass es für internationale Investoren
kaum möglich ist, dort zu arbeiten. Es gibt für sie keine
Versicherung, deshalb haben Mr Bremers Besatzungsbeamten heimlich beschlossen,
dass über die Hälfte der 20 Milliarden Dollar, die für den Irak
bestimmt waren, in die Sicherheit seiner Produktionsinfrastruktur investiert
werden. Während des Krieges deutete eine detaillierte Analyse von Ayhya
Sadowski, einem Professor an der American University of Beirut, an, dass die
Reparatur der Bohrlöcher und Pipelines 1 Milliarde Dollar kosten
würde, die Erhöhung der Ölproduktion auf 3,5 Millionen Barrel
täglich drei Jahre dauern und zusätzliche 8 Milliarden Dollar
Investitionen verschlingen würde sowie weitere 20 Milliarden Dollar
benötigt würden für die Reparatur des Elektrizitätsnetzes,
welches die Pumpen und Raffinerien mit Strom versorgt. Um die Produktion auf
bis zu 6 Millionen Barrel am Tag zu erhöhen, wären weitere 30
Milliarden Dollar - einige sprechen gar von 100 Milliarden - nötig. Mit
anderen Worten - nehmen wir an, nur 8 der 20 Milliarden Dollar würden
für die Industrie genutzt werden - dann würde Bushs gesamtes Budget
von 87 Milliarden Dollar, das den Kongress schon jetzt entsetzt, wahrscheinlich
auf etwa 200 Milliarden steigen. Auweh! Seit den 1920ern sind nur 2300
Ölquellen im Irak betrieben worden und die befinden sich in den
Tälern des Tigris und des Euphrats. Die irakischen Wüsten sind fast
vollkommen unerforscht. Offiziell besitzt der Irak 12 Prozent der
Weltölreserven
- zwei Drittel der Weltreserven befinden sich in nur vier
anderen Ländern, Saudi Arabien, der Iran, Kuwait und die Emirate - er
könnte aber über 20, vielleicht sogar 25 Prozent verfügen. Es
ist möglich, die Ansicht zu vertreten, dass Saddam die Entscheidung
getroffen habe, im November 2000 vom Dollar zum Euro zu wechseln und das dies
für die USA einen "Regimewechsel" so wichtig machte. Als der Iran drohte,
das Gleiche zu tun, wurde er zur "Achse des Bösen" hinzugefügt. Die
Verteidigung
des Dollars ist fast so wichtig wie Öl. Aber die
wirkliche Ironie liegt in der Natur der neuen Macht Amerikas im Irak. Die US-
Öllagerstätten gehen zunehmend zur Neige und spätestens 2025
werden die Ölimporte 70 Prozent der inländischen Nachfrage ausmachen.
Die USA müssen die Weltreserven kontrollieren - und erzählen Sie mir
nicht, sie wären in den Irak einmarschiert, wenn dessen wichtigstes
Exportgut Rüben wären - und momentan kontrollieren Sie vielleicht 25
Prozent der Weltreserven. Aber sie sind nicht in der Lage, das Öl zum
Fliessen zu bringen. Die Kosten dafür würden in den USA zu einer
ökonomischen Krise führen. Und das ist der Grund für die
wachsende Panik der Bush Administration und nicht der, dass täglich junge
amerikanische Soldaten sterben. Washington hat den Zugriff auf die
größte Schatztruhe der Welt, kann aber den Deckel nicht öffnen.
Kein Wunder, dass sie die Bilanzen in Bagdad frisieren. -- Übersetzt von:
Tony Kofoet Orginalartikel: "
Oil, War And A Growing Sense Of Panic In The Us"
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