| Infos von www.das-gibts-doch-nicht.info
|
| 04.11.2003 |
Jürgen Elsässer |
Junge
Welt |
| »Für Zahnersatz, Lenin und wider den
Krieg« |
Ignorant aber auch interessiert: Wie die Presse auf
die Demonstration der 100 000 in Berlin reagierte Der unerwartete Erfolg der
Großdemonstration vom Sonnabend erwischte die bürgerlichen Medien im
Land ähnlich indisponiert wie Mitte der siebziger Jahre das
plötzliche Entstehen der Anti-Atom-Bewegung. Deshalb sind die
Sprachregelungen noch nicht standardisiert, und der Leser kann sich
vorübergehend eines gewissen Pluralismus erfreuen.
Ein Zeichen
für die Konfusion auch in der kapitalfreundlichen Presse ist, daß in
keinem einzigen Blatt der ansonsten gängige Trick versucht wurde, die
Teilnehmerzahl der linken Demonstration herunterzuschwindeln. Der Berliner
Tagesspiegel versuchte allerdings nachzutreten: Die Hunderttausend seien
»erheblich weniger, als sich die Veranstalter erhofft hatten«,
wurde wahrheitswidrig behauptet.
Mit Wegducken versuchte es die
Frankfurter Allgemeine, die sowohl in ihrer Sonntagszeitung wie in der
Montagsausgabe nur in wenigen Zeilen über die demonstrierende
»Randgruppe« berichtete. Nicht viel besser die Süddeutsche
Zeitung, die neben einem Foto auf der Titelseite gerade 30 Zeilen auf Seite
fünf zustande brachte. Chefkommentator Heribert Prantl belehrte im
weiteren die Demonstranten: »Wenn Sozialetats schrumpfen, nimmt die
Gerechtigkeit nicht automatisch ab.« Auch die Berliner Zeitung mag den
Unzufriedenen gerade mal »Gefühlte Gerechtigkeit« zubilligen
so der Titel ihres Kommentars. Der Bericht vom Sonnabend wurde in den
Lokalteil verbannt, wo auch ein ATTAC-Sprecher im Interview einen Gegenakzent
setzen durfte. Auf der Titelseite dominierte dagegen Boris Becker mit seiner
neuen Autobiographie und die Schlagzeile »Experten loben
Merz«.
Ganz anders dagegen die Frankfurter Rundschau, die dem
Geschehen den großformatigen Aufmacher und zwei weitere freundliche
Beiträge widmete. Auch die Springerzeitung Die Welt war positiv
verunsichert: »Wieso schafft ein bunter Haufen von diffus linken
Sozialinitiativen und Globalisierungsgegnern, was ganz anderen im
Frühsommer noch kläglich mißriet nämlich die
gutbürgerliche Mitte gegen Schröder in Bewegung zu setzen?« Das
Blatt verweist auf die gebrochenen Versprechen von SPD und Grünen, gibt
aber zu, daß die Unionsparteien bei den Demonstranten auch nicht
beliebter sind. »So wächst an den als ewigen Bremsern
diskreditierten Gewerkschaften vorbei die Bereitschaft,
außerparlamentarischen Kräften zu folgen. Das dürfte noch
spannend werden.«
Wie stark die traditionellen politischen Lager
in Auflösung sind, beweist der Vergleich zwischen der in den achtziger
Jahren noch gewerkschaftsfreundlichen taz und der Financial Times Deutschland
(FTD). »Überraschend viele zeigen ihre Empörung über die
geplanten Sozialkürzungen, aber auch ihre Ratlosigkeit«, beschied
das Zentralorgan der grünen Besserverdiener. Und weiter: »Wohin der
politische Weg geht, scheint nicht ganz klar. Zu viele Gruppen, zu viele
unterschiedliche Menschen haben sich hier getroffen.« Die Tazisten
trösten sich immerhin damit, daß »die Stalinisten« bei
der Demonstrationen keine Chance gehabt hätten. So hätten Gruppen wie
Linksruck und MLPD »die Idee der Anti-Kahlschlag-Demonstration vom
Samstag propagiert. Bei einem Vorbereitungstreffen in Hannover versuchte die
MLPD, alles unter ihrer roten Fahne ablaufen zu lassen. Vergebens: ATTAC und
die Berliner Bezirke der Gewerkschaften ver.di und BAU machten eine eigene
Organisationsgruppe auf, in der Marx und Lenin keine Rolle mehr spielen.«
Die FTD hingegen sah die Klassiker im Kommen: »Für Zahnersatz, Lenin
und wider den Krieg« so faßte sie ihren Eindruck in der
Überschrift zusammen. |
|