|
Was ist mit dem Generalstabschef, Generalleutnant Moshe
(Bogie) Yaalon, los? Bis vor kurzem war er der aggressivste
Falke in der Armee, ja, vielleicht im ganzen Land. Plötzlich verwandelt er
sich fast in eine Taube. Hat er eine göttliche Offenbarung wie der Rabbi
Saul von Tarsus gehabt, als er nach Damaskus ging, um dort die Christen zu
verfolgen - und kam dort als Apostel Jesu an? Bis heute war Yaalons
Evangelium weit entfernt von den Lehren des sanften jüdischen
Predigers von Nazareth. Seine Lehre war: schlagt die Araber auf den Kopf, dann
werden sie nachgeben. Falls es nicht genügt, schlagt noch härter zu!
Macht das Leben jedes einzelnen Palästinensers unerträglich, hindert
ihn daran, sein Dorf oder seine Stadt zu verlassen, zerstört den
Lebensunterhalt seiner Familie, nehmt ihm das Land weg! Dies war eine fast
mathematische Formel. Wenn ein Schlag nach dem andern folgt, wird das Leben der
Palästinenser an einen Punkt gelangen, an dem sie aufgeben. Sie werden
nicht mehr in der Lage sein, Widerstand zu leisten. Sie werden ihre Hände
heben, ihren Kopf senken und alles akzeptieren, was die Regierung Israels ihnen
als gut genug anzubieten, bereit ist. Sie werden ihre Kämpfer ( in der
Sprache der Besatzer Terroristen in der Sprache der
Besetzten Nationalhelden) übergeben. Sie werden in den
Enklaven leben, die ihnen Israel zugesteht oder sie werden sich in einem
anderen Land nach einem besseren Leben umsehen.
Plötzlich
distanziert sich der Generalstabschef nun selbst von dieser Strategie. Er sagt
der Öffentlichkeit, dass die Politik der Regierung deren treuester
Unterstützer er gewesen ist destruktiv sei. Statt den
Terrorismus zu liquidieren, so sagt er, produziere sie Terrorismus. Das Leben
der Palästinenser muss erleichtert werden, ihnen muss Hoffnung gegeben
werden. Was ist also geschehen? Der erste Teil des Planes lief besser als
erwartet. Das Leben der Palästinenser ist zur Hölle geworden. Die
meisten von ihnen leben unterhalb des Existenzminimums, viele von ihnen an der
Schwelle zur Hungersnot, einige tatsächlich in Hungersnot. Hunderttausende
von palästinensischen Kindern leiden an Unterernährung. Jedes Dorf
ist da völlig von Straßensperren umgeben - zu einem
Gefängnislager geworden. Verkehr ist beinahe unmöglich. Viele
Palästinenser können ihren Arbeitsplatz, das Krankenhaus, die
Universität und Schule nicht erreichen und ihre Produkte nicht auf den
Markt bringen. Israelische Truppen durchstreifen Städte und Dörfer,
demolieren Häuser, verhaften oder töten Aktivisten und gleichzeitig
auch Frauen und Kinder. Das ferne Motorengeräusch eines Flugzeugs
genügt, dass die gesamte Bevölkerung den Atem anhält. In dieser
Hinsicht sind alle Ziele Yaalons erreicht worden. Es würde schwierig
sein, sich eine schrecklichere Situation vorzustellen abgesehen von
einem wirklichen Massaker. Nach dem Plan hätten die Palästinenser
schon längst aufgeben müssen. Aber - Wunder über Wunder - dies
ist nicht geschehen. Die Palästinenser haben nicht aufgegeben. Sie haben
es irgendwie fertig gebracht, selbst unter diesen entsetzlichen Umständen
zu existieren. Die gegenseitige Unterstützung aller Mitglieder der
arabischen Großfamilie hat geholfen. Außerdem unterstützt die
große Mehrheit der Palästinenser weiterhin die gewalttätigen
Angriffe ( Terrorismus in der Sprache der Besatzung,
bewaffneter Widerstand in der Sprache der Besetzten) Die
Selbstmordattentäter werden mit Stolz und voller Bewunderung angesehen.
Für jeden Märtyrer, der sich selbst in die Luft sprengt,
drängen hundert nach.
Die einzige Diskussion unter den
Palästinensern geht darüber, ob sie mit den Selbstmordattentaten
innerhalb Israels weiter machen oder ob sie sich darauf beschränken
sollten, Siedler und Soldaten innerhalb der besetzten Gebiete
anzugreifen.
Es scheint, Yaalon und seine Generäle seien zu
der Folgerung gekommen, ihr Feldzug sei fehl geschlagen ist. Jeder weitere
Druck auf die Palästinenser wird kontraproduktiv sein und mehr Hass, mehr
Feindschaft erzeugen. Also wird es mehr Angriffe geben und die Armee zwingen,
noch mehr Truppen zu mobilisieren, noch mehr Ressourcen zu investieren
ohne irgendetwas zu erreichen. Yaalon, der Falke, wandelte sich in eine
Pseudo-Taube. Aber auch sein neues Rezept gründet sich auf falsche
Voraussetzungen. Statt sie auf den Kopf zu schlagen, heißt es
nun erleichtert ihre Situation !. Wie denn? Erlaubt ein paar
Tausend in Israel zu arbeiten? Lasst einige hundert Kaufleute nach Israel, um
Waren einzukaufen? (Gewiss, die israelische Wirtschaft könnte dies
gebrauchen). Entfernt hier und dort ein paar Straßensperren? Gebraucht
die Peitsche etwas weniger und das Zuckerbrot etwas mehr? Auch dies ist ein
Rezept für vorhergesagtes Misslingen. Weil genau wie die alten Rezepte und
alle falschen Voraussagen in all den Jahren( denken wir nur an Yom Kippur!)
diese auf einer bodenlosen Verachtung der Araber im allgemeinen und der
Palästinenser im besonderen beruhen. Doch der extrem rechte zionistische
Führer Vladimir Jabotinsky begriff schon vor etwa 80 Jahren: man kann die
Araber nicht kaufen. Die totale Hölle in eine weniger totale Hölle zu
ändern, wird sie nicht dahin bringen, ihre nationalen Ziele
aufzugeben.
Selbst wenn die besetzten Gebiete in ein Paradies auf Erden
verwandelt würden, und die Militärregierung jeden männlichen
Bewohner mit 70 Jungfrauen ( wie im islamischen Paradies versprochen) versehen
würde, würden die Palästinenser nur eines wünschen: ein
Ende der Besatzung . Sie wünschen sich einen eigenen Staat auf der ganzen
Westbank und im Gazastreifen mit Ost-Jerusalem als seiner Hauptstadt. Die von
Yaalon jedoch versprochene Erleichterung wird weit davon entfernt sein,
ein Paradies zu schaffen. Sie wird wie ein Tropfen Wasser auf einem
heißen Stein sein. In der Zwischenzeit zerstört die monströse
Sicherheitsmauer täglich den Lebensunterhalt von Tausenden
mehr Menschen, indem sie ihnen ihr Land raubt und sie von der Welt
abschneidet.
Yaalon leidet also nicht an einem plötzlichen
Anfall von Menschlichkeit. Er spürt, dass die israelische
Öffentlichkeit sich langsam von seiner Strategie abwendet. Selbst Laien
fangen zu begreifen an, dass er versagt hat. Yaalon ändert seinen
Kurs, weil die Öffentlichkeit beginnt, ihren Kurs zu ändern. Ein Mann
von Prinzipien würde zum Ministerpräsidenten gehen, seine
Generalsinsignien auf den Tisch legen und erklären: Herr
Ministerpräsident, ich habe versagt, ich lege mein Amt nieder.
Übrigens würde ich Ihnen raten, dasselbe zu
tun.
-- |