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Vier ehemalige Chefs des
israelischen Inlandgeheimdienstes Shin Beth haben vor einer
«Katastrophe» gewarnt, wenn keine Friedensvereinbarung mit den
Palästinensern zustande kommt.
rw. Mit selten harscher Kritik an der
Art, wie die israelische Regierung den Konflikt mit den Palästinensern
handhabt, haben vier ehemalige Leiter des Inlandgeheimdienstes Shin Beth vor
einer «Katastrophe» gewarnt, wenn keine Friedensübereinkunft
mit den Palästinensern erreicht werAde.
«Wir steuern direkt einer
Katastrophe entgegen. Wenn nichts passiert und wir weiter mit dem Schwert in
der Hand leben, werden wir uns auch weiterhin im Schlamm wälzen und uns
selbst zerstören», äusserte sich der Ex-Geheimdienstchef Yaakov
Perry der Zeitung «Yedioth Achronoth» gegenüber und gab damit
einen Konsens wieder, der unter seinen drei Kollegen - Ami Ayalon, Avraham
Shalom und Carmi Gillon - herrscht.
Perry erklärte im israelischen
Radio, dass der einzig gangbare Weg für Israel darin bestehe, einseitige
Schritte, wie den Rückzug aus dem Gaza-Streifen, zu unternehmen. Diese
Schritte könnten dazu beitragen, die Palästinenser zu
Friedensgesprächen zu gewinnen und den Terror zu vermindern. Die Folge
wäre auch eine wirtschaftliche Erholung Israels. Und es würde den
Status von Israel in den Augen der Welt verbessern. «Wir müssen die
Situation in die Hand nehmen, Gaza verlassen und illegale Siedlungen
räumen, mit allen Schwierigkeiten, die dies mit sich bringt», sagte
Perry, der dem Geheimdienst sieben Jahre vorstand, so auch während der
Intifada von 1987 bis 1993. «Wenn es Israel nicht gelingt, diese Schritte
zu machen, wird es unter einer konstanten Bedrohung des Terrors
bleiben.»
Ayalon, ein linksgerichteter
früherer General, der den Shin Bet von 1996 bis 2000 leitete, forderte von
der Regierung, von sich aus zu handeln und Truppen und Siedler aus dem
Gaza-Streifen herauszuziehen. Auch Perry unterstützt diese Position.
Ayalon sagte der Zeitung «Yedioth Achronoth»: «Wir sind im
Begriff, mit sicheren, stetigen Schritten in eine Situation zu gelangen, wo der
Staat Israel nicht mehr länger eine Demokratie und eine Heimat für
das jüdische Volk ist.» Ayalon ist der Autor der inoffiziellen
Friedensinitiative «Stimme des Volkes», zusammen mit Sari
Nusseibeh, dem Präsident der Al-Quds-Universität, einem
führenden palästinensischen Intellektuellen.
Shalom, der Veteran der Gruppe und Chef
des Shin Beth von 1980 bis 1986, bezeichnete die Politik der Regierung als
«dem Wunsch nach Frieden entgegengesetzt». «Wir müssen
ein für allemal anerkennen, dass eine andere Seite existiert, dass sie
Gefühle hat, dass sie leidet und dass wir schändlich handeln
[
]. Dieses ganze Verhalten [die Terroraktionen auf der
palästinensischen Seite, die Red.] ist das Resultat der Besetzung»,
so Shalom.
Die vier sind der Meinung, dass Israel
sich von der West Bank und aus dem Gaza-Streifen zurückziehen müsse,
auch wenn dies einen unvermeidlichen Zusammenstoss mit den Siedlern beinhalte.
«Es wird immer Gruppen geben [
], für die das Land Israel in
den Hügeln von Nablus und in Hebron liegt, und wir müssen den
Zusammenstoss mit ihnen riskieren», sagte Perry.
Ayalon erwartet, dass nur
10 Prozent der über 200000 Siedler bei einer Evakuation der
Siedlungen Widerstand leisten würden. «Wir müssen in der Lage
sein, uns mit dieser Anzahl zu konfrontieren», sagte er.
Carmi Gillon beschrieb die Regierung
als kurzsichtig: «Sie befasst sich einzig mit der Frage, wie der
nächste Terroranschlag zu verhindern sei. Sie ignoriert aber die Frage,
wie wir aus dem Schlamassel, in dem wir uns heute befinden,
herauskommen.»
Der palästinensische Minister Saeb
Erekat lobte die Ex-Shin-Beth-Chefs. Sie verträten die realistische
Politik, die auf der israelischen Seite nötig wäre.
Vor wenigen Wochen hatte der Chef der
israelischen Armee (IDF), Moshe Yaalon, ebenfalls die Regierungspolitik
kritisiert, indem er darauf hinwies, dass die Road-Blocks in der West Bank und
im Gaza-Streifen Ressentiments der Palästinenser nähren und zu einer
Zunahme der Unterstützung für Hamas und andere militante
Gruppierungen führen würden. Yaalon beschuldigte die israelische
Regierung auch, zum Scheitern der palästinensischen Regierung von Mahmud
Abbas beigetragen zu haben, da Israel nicht genug Schritte unternommen habe,
Abbas zu unterstützen. Nach seiner Niederlage im Machtkampf mit Arafat ist
Abbas schliesslich zurückgetreten.
Quelle: Zeitung Haaretz vom
14.11.03
Israel-Palästina
Hoffnungsvolle
Friedensinitiative
rw. Nun hat die Verteilung von Kopien
des «Genfer Übereinkommens» in jeden Haushalt Israels
begonnen. Dieses Dokument, Ergebnis langer Diskussionen zwischen den
israelischen und palästinensischen Teams, präsentiert ein Modell
für ein permanentes Statusabkommen zwischen den beiden Völkern, das
auf der Zweistaatenlösung beruht. In Israel durchgeführte Umfragen
zeigten schon bevor der genaue Wortlaut des Dokuments bekannt wurde ein
beeindruckendes Mass an Zustimmung in der Bevölkerung.
Gleichzeitig kommt die
Friedensinitiative «Stimme des Volkes» des Ex-Shin-Beth-Chefs Amy
Ayalon und des Rektors der palästinensischen Universität Al-Quds,
Sari Nusseibeh, gut voran. Wie die «Genfer Initiative» basiert sie
auf einer Zweistaatenlösung. Sie soll demokratisch vom Willen der
Bevölkerung getragen werden. Schon 150000 Menschen in Palästina und
Israel haben die Initiative unterschrieben. Das bedeutet, dass auch diese
Initiative eine substantielle Unterstützung in beiden Bevölkerungen
geniesst.
Unter den neuesten positiven und
hoffnungsvollen Aktivitäten führt die Zeitung «Haaretz»
auch die Warnung von vier ehemaligen Shin-Beth-Chefs, Amy Ayalons und drei
seiner Kollegen, vor einer «Katastrophe» auf, wenn Israel nicht
sofort mit dem Frieden ernst macht und sich als ersten Schritt aus den
besetzten Gebieten zurückzieht und Siedlungen aufgibt. (Siehe
obenstehenden Artikel)
Zweifel an den Grundvoraussetzungen der
aktuellen Politik äusserte auch Moshe Ya'alon, der Generalstabschef der
israelischen Armee, in einem Gespräch mit Journalisten.
Hinter diesen Manifestationen eines
neuen Denkens steht die drohende demographische Realität, die nicht mehr
länger ignoriert werden kann: In ein paar Jahren wird die
palästinensische Bevölkerung zwischen Jordan und Mittelmeer gleich
gross sein wie die jüdische Bevölkerung. Wenn jetzt keine Bewegung in
Richtung eines Abkommens zustande kommt, wird es eine wachsende
Unterstützung bei den Palästinensern und in der internationalen
Gemeinschaft für die Errichtung eines binationalen Staates geben. Dessen
Charakter wird dann durch die palästinensische Mehrheit bestimmt werden,
so «Haaretz».
Die Wirklichkeit ist klar, und die
Hoffnungslosigkeit der Regierungspolitik ist ebenso klar. Die
Friedensinitiativen und die verschiedenen Pläne sowie die
Unterstützung, die sie erhalten, reflektieren die sich verbreiternden
Risse im Vertrauen der Öffentlichkeit in die Positionen der Regierung. Um
aber die positiven Entwicklungen in reale politische Impulse umsetzen zu
können, muss sich die geeignete politische Konstellation erst noch
zusammenfinden.
Quelle: Zeitung Haaretz vom
17.11.03 |