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29.11.2003 Knut Mellenthin Junge Welt
Symbolische »Strafe«
Israel kündigt nach Kürzung von US-Kreditgarantien beschleunigten Mauerbau an
Mit Erleichterung hat die israelische Regierung auf die Washingtoner Ankündigung reagiert, die Kreditbürgschaften im laufenden Jahr wegen Meinungsverschiedenheiten über die Besatzungspolitik in den Palästinensergebieten nur um knapp 290 Millionen Dollar zu kürzen. Als erste Reaktion kündigte Premierminister Ariel Scharon an, daß der Bau der Sperranlagen um die besetzten Gebiete beschleunigt fortgesetzt werden soll.

Die Kreditgarantien erhält Israel von den USA seit 1992 – zusätzlich zur Militär- und Finanzhilfe, die im laufenden Jahr zusammen rund drei Milliarden Dollar beträgt. Auf Grund der Bürgschaft der US-Regierung kann Israel zu relativ niedrigen Zinsen Kredite aufnehmen, von denen mehr und mehr sein wirtschaftliches Überleben abhängt. Die Höhe der Kreditgarantien beträgt derzeit insgesamt neun Milliarden Dollar für die Jahre 2003 bis 2005.

Israel darf die von den USA gewährte Hilfe nur innerhalb der Staatsgrenze von 1967 (vor dem Juni-Krieg) einsetzen. Deshalb wird von den Kreditgarantien ein jährlich festgelegter Betrag abgezogen, der der Höhe der israelischen Ausgaben für die Siedlungspolitik entsprechen soll.

Im laufenden Jahr soll die Kürzung erstmals auch die Meinungsverschiedenheiten um die Absperranlagen, von den Israelis »Sicherheitszaun« genannt, berücksichtigen. Die US-Regierung hat zwar grundsätzlich die Berechtigung des »Zaunes« anerkannt, wendet sich aber dagegen, daß dieser allzu tief in palästinensisches Gebiet einschneidet und wichtige Verkehrswege unterbricht. Nach einer vor zwei Wochen bekanntgewordenen UNO-Studie folgt der realisierte oder geplante Verlauf der Absperranlagen nur auf etwa elf Prozent der Gesamtlänge von 690 Kilometern der 1967er Grenze. Der »Zaun« wird 14,5 Prozent der besetzten Gebiete abtrennen und das Leben von fast 700 000 Palästinensern nachhaltig stören. Die Kosten dieser Anlagen werden auf 1,5 Milliarden Dollar geschätzt.

Die US-Regierung hatte zunächst geplant, die Entscheidung über die Gesamthöhe der Kürzung der Kreditgarantien erst zu treffen, wenn Klarheit über den geplanten Verlauf der Absperranlagen an einigen besonders umstrittenen Stellen besteht. Damit wäre ein gewisser Druck auf Israel aufrechterhalten worden. Daß die Entscheidung jetzt vorgezogen wurde, gibt Israel grünes Licht für den Weiterbau nach seinen eigenen Vorstellungen.

Welcher Prozentsatz der Kürzung um knapp 290 Millionen Dollar auf Unstimmigkeiten über den Verlauf des »Zaunes« entfällt, ist von der US-Regierung nicht zu erfahren. Das israelische Finanzministerium schätzte vor einigen Wochen die voraussichtlichen Abzüge ohne diesen Dissenspunkt auf 200 bis 250 Millionen Dollar. Die britische BBC behauptete am Mittwoch sogar, vor einigen Wochen hätten US-Regierungsbeamte die voraussichtliche Kürzung nur wegen der Siedlungspolitik auf etwa 300 Millionen Dollar beziffert.

Demnach ist höchstens ein Drittel der jetzt bekanntgegebenen Kürzung mit Meinungsverschiedenheiten über den Verlauf der Absperrmauer begründet. Falls die Meldung von BBC zutrifft, wäre der tatsächliche Abzug wegen dieses Dissenspunktes sogar gleich Null. Die Regierung Scharon hat also allen Grund, über die Entscheidung der US-Regierung hochzufrieden zu sein.

Der wirtschaftliche Schaden für Israel ist gering. Die israelische Tageszeitung Ha’aretz zitierte am Donnerstag Ben-Zion Zilberfarb, einen ehemaligen Generaldirektor des Finanzministeriums, mit der Schätzung, daß die Kürzung der Kreditgarantien jährlich eine Mehrbelastung durch höhere Zinsen um vier Millionen Dollar bedeuten werde.

Scharon hat jetzt »einseitige Schritte« angedroht, falls die Palästinenser nicht sehr schnell einen Friedensschluß nach israelischen Vorstellungen akzeptieren. Worin solche Schritte bestehen könnten, wollte Scharon nicht erläutern. Es wird mit der Möglichkeit gerechnet, daß Israel nach Fertigstellung des »Zaunes« diesen einseitig zur neuen Grenze erklären wird. Aussicht auf einen lebensfähigen Palästinenserstaat gäbe es dann nicht mehr.


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