|
Es gab eine Verschwörung
- und die CIA war darin verwickelt.
Das rote Telefon,
eine drohende atomare Eskalation, hatte die Kommission unter Verfassungsrichter
Warren nach der Tat unter Druck gesetzt, ihre Ermittlung auf verwirrte
Einzeltäter zu fixieren und deren Umfeld und Verbindungen auszublenden.
„Er bekam nicht einmal die Befriedigung wegen der Bürgerrechte
ermordet zu werden – es mußte ein dummer kleiner Kommunist sein“,
sagte Jackie Kennedy, als sie erfuhr, dass man einen „linken“ Verdächtigen
festgenommen hatte. Doch ob Oswald wirklich dieser dumme kleine
Kommunist war, dagegen lassen sich, (auch jenseits des Eids der
CIA-Mata Hari Marita Lorenz, den einige anzweifeln) mittlerweile
erhebliche Einwände anbringen. Die zerrütteten Familienverhältnisse,
sein soziopathisches Verhalten, die Gewalttätigkeit gegenüber seiner
Frau – das Psychogramm des Täters Oswald ist von vielen Autoren,
darunter Norman Mailer, ausführlich nachgezeichnet worden. „Ich
bin der Sündenbock hier!“ hatte er auf der Pressekonferenz nach
seiner Verhaftung gesagt – nicht gerade das Statement eines fanatisierten
Polit-Mörders. Für wen aber gab Oswald den Sündenbock ab ?
Erst aus den seit Mitte der 90er Jahre ins Nationalarchiv überführten
Akten, insgesamt 2 Millionen Seiten, tröpfelt nach und nach heraus,
dass Lee Oswald für die CIA kein unbeschriebenes Blatt war: „Wir
können endlich mit einiger Autoriät sagen“ so John Newman,
der die Akten immer noch auswertet, in Oswald & the CIA,
1995, „dass die CIA schon Wochen vor dem Präsidentenmord ein
Netz der Täuschung über Oswald spann, eine Tatsache, die direkt
zu dem Ergebnis in Dallas geführt haben könnte. Ist es denkbar,
dass die CIA… sich in einen undenkbaren Alptraum aus ihrer eigenen
Produktion versetzt fühlte ?“
Es ist denkbar.
1955 trat Lee Oswald der Civil Air Patrol (CAP) in New Orleans bei,
einer paramilitärischen Pfadfindertruppe, bei der man neben dem
soldatischen Drill auch schießen und fliegen lernen konnte.
Leiter dieser Gruppe war niemand anderes als der Pilot David
Ferrie, der unter merkwürdigen Umständen kurz vor seiner
Aussage im Garrison-Verfahren ums Leben gekommen war. Ferrie
war einer jener Mentoren von Oswald die ihre direkte Zugehörigkeit
zur CIA stets bestritten, deren gesamte Biographie aber unzweifelhaft
auf geheimdienstliche Tätigkeit schließen läßt. Im Falle von Ferrie
bestand diese Mitte der 50er Jahre, seinen persönlichen Neigungen
sehr entsprechend – wegen seiner Homosexualität hatte er gerade
einen zivilen Pilotenjob bei „Southern Airlines“ verloren – im Rekrutieren
junger, abenteuerlustiger Luftkadetten. Außerdem drillte er
im Zuge der Schweinebucht-Operation Exil-Kubaner für die Invasion
in von der CIA eingerichteten Lagern. Schon direkt nach dem Kennedy-Mord
als Oswalds CAP-Vergangenheit bekannt wurde, war Ferrie vom FBI
verhört worden und hatte bestritten, ihn persönlich zu kennen. Auch
im Vorfeld seiner Vorladung durch Garrison behauptete er,
ihn nicht näher gekannt zu haben. Tatsächlich aber war Lee Oswald
einer von Ferries „Elite-Boys“, wie Daniel Hopsicker in Interviews
mit zahlreichen Ex-Mitgliedern der New Orleans CAP herausfand –
in seinem Buch („Barry and the Boys“, 2001) über einen
weiteren Zögling von David Ferrie, der später ebenfalls Geschichte
machen sollte: Barry
Seal, der Chefpilot eines gigantischen CIA-Drogen-und
Waffenschmuggels, der als „Iran-Contra-Affäre“ bekannt werden sollte.
Auch Barry Seal, der schon als jugendlicher CAP-Flieger Waffen nach
Kuba flog, in den 60ern Heroin aus Laos und Vietnam einflog und
zu seinen Spitzenzeiten Ende der 70er wöchentlich 1,5 Tonnen Kokain,
war offiziell nie Angestellter der CIA oder eines anderen Diensts
– obwohl er (wie David Ferrie, wie Frank Sturgis) zeitlebens
für sie arbeitete.
Es gab eine Verschwörung
zur Ermordung Kennedys, die CIA war darin verwickelt und versuchte,
dies zu vertuschen.
Dass Staatsanwalt
Garrison sich 1967 zwar erfolglos in den Fall verbissen hatte,
mit seinem plötzlich verstorbenen Hauptzeugen David Ferrie aber
genau in der richtigen Richtung lag - hier sein abschließendes Statement - wird spätestens
10 Jahre später klar, als vor dem Sonderauschuß des Parlaments (HSCA)
ein Super-8-Film aus dem Archiv der Universität Georgestown
auftaucht. Aufgenommen im Frühsommer 1963 zeigt dieser Film ein
von der CIA eingerichtetes militärisches Übungslager für Exil-Kubaner
in Lacombe am Lake Pontchartrain nördlich von New Orleans,
dessen Existenz bis dahin notorisch bestritten worden war. Die fünf
Personen, die auf dem Film zu sehen sind, wurden von dem HSCA-Untersuchungsrichter
Bob Tannenbaum identifiziert:
es handelt sich um den Piloten David
Ferrie, um David
Atlee Phillips, den Chef des CIA-Büros Mexico, das
nach der Oswald Verhaftung die KGB-Kuba-Gerüchte streute, um Antonio
Veciana von der CIA-gestützten Anti-Catsro-Truppe „Alpha 66“, um
den Ex-FBI-Mann, Waffenschieber und Ausrüster der Anti-Kuba-Front
Guy
Bannister, aus dessen Büro Oswald seine „Fair Play For Cuba“-
Flugblätter verschickt hatte – und um Lee Harvey Oswald selbst,
beim Schießtraining mit CIA-Agenten und kubanischen Anti-Kommunisten
in die Kamera grinsend – bevor er kurz darauf als „Kommunist“
und Kennedymörder Weltruhm erlangen sollte. Bob Tannenbaum
glaubte kaum seinen Augen zu trauen, als er den Film zum ersten
Mal sah – und fertigte ein Transkript und ein Protokoll des Films.
Als jedoch vom Kongreß blockiert wurde, den CIA-Mann David Atlee
Philipps dazu ins Kreuzverhör zu nehmen – und wenig später der Film
aus dem Archiv des Parlaments verschwand, bis heute spurlos – trat
Tannenbaum von seinem Amt als HSCA Deputy Counsel zurück.
Das Ergebnis des
„House
Select Commitee of Assasinations“ von 1978, dass Kennedy
einer Verschwörung zum Opfer gefallen sei, deren Hintermänner nicht
ermittelt werden könnten, war eine Schutzbehauptung. Sie sollte
verbergen, dass Staatsanwalt Garrison sehr richtig gelegen hatte,
als er die Mörder Kennedys in Kreisen rechtsgerichteter, CIA-unterstützter
Anti-Castro-Terroristen suchte. Das bezeichnenderweise verschwundene
(aber zweifelsfrei dokumentierte) Homevideo über das Lager in Lacombe
zeigt die Verschwörer, einschließlich des Fake-Kommunisten Oswald,
wie in einer Nußschale. Hätte dieser Film 1967 schon Garrison
vorgelegen, oder nach seinem kurzen Auftauchen vor dem HSCA-Auschuß
öffentlich gezeigt werden können – die Legende des verwirrten „kommunistischen“
Einzeltäters Oswald hätte sich ein für alle Mal in Luft aufgelöst.
Die Invasion in
der Schweinbucht war schon vor Kennedys Vorgänger Eisenhower
von der CIA geplant und vorbereitet worden, doch der neue Präsident
zögerte, als man ihm den Plan vorlegte – die Gefahr, dass dies
als offizielle US-Invasion ausgelegt werden und zur Eskalation mit
den Sowjets führen könnte, schien ihm zu groß. Unter Druck
gesetzt und mit dem Hinweis beschwichtigt, dass ausschließlich Exil-Kubaner
und keine US-Truppen beteiligt seien, stimmte Kennedy schließlich
zu. Die CIA-Planer unter Allan Dulles gingen in völliger
Verkennung der Lage
davon aus, dass sich mit der Invasion die kubanischen Streitkräfte
und die Bevölkerung gegen Fidel Castro erheben würden
- und Kennedy so zu einer massiven militärischen
Intervention gebracht werden könnte. Doch die 2500 Mann,
die am 17. April 1961 den Angriff in der Schweinebucht starteten,
wurden innerhalb vier Tagen von vielfach überlegenen und wütenden
Castro-Getreuen niedergemacht bzw. gefangengenommen. Als dieses
Debakel schon kurz nach dem Start der Invasion absehbar wurde, forderten
CIA-Chef Dulles und militärische Hardliner vom Präsidenten Luftunterstützung
durch die Air Force, die Kennedy aber verweigerte. Damit war für
alle Beteiligten klar: JFK, und niemand anderes hatte „la
casa“, die kubanische Sache, versaut. Zusätzlich war
sein Bruder Bobby als neuer Justizminister wie der Teufel
hinter denen her, die die ganze Aktion großzügig finanziert
hatten: dem Mob der Kasino-und Bordellbesitzer, die an ihre von
Castro verstaalichten Fleischtöpfe in Havanna zurückwollten.
Die Verschwörungstheorie,
dass die „Mafia“ Kennedy ermordet habe, lenkte gezielt von
der eigentlichen Verschwörung ab.
Dass die „Mafia“,
der Mob, das organisierte Verbrechen hinter dem Kennedy-Mord steckt
ist bis heute eine der populärsten Theorien, was aber weniger
mit ihrer beweiskräftigen Fundierung als damit zu tun
haben dürfte, dass die vielen Bücher und Dokumentationen ,
die sie „beweisen“, eine gewisse Förderung erfuhren - durch
CIA und FBI. Dass Vater Joseph Kennedy, der sein Vermögen
in der Prohibitionszeit in enger Kooperation mit der Mafia gemacht
hatte, auf diese alten Verbindungen zurückgriff, um seinem Sohn
in entscheidenden Stimmebezirken die (denkbar knappe) Präsidentenwahl
zu kaufen; dass John F. Kennedy und und sein Bruder Robert als Justizminister
sich dann nicht an die Abmachungen hielten und weiter gegen
den Mobster Jimmy Hoffa und seine „Teamster“-Gewerkschaft ermittelten,
ebenso wie gegen die Bosse Santos Trafficante (Florida), Carlos
Marcello (New Orleans) und Sam Giancana (Chicago); und dass nun
auch noch die von ihnen finanzierte Schweinebucht durch Kennedy
zu Desaster wurde - dieser Verrat soll die Mafiachefs so erzürnt
haben, dass sie drei französische Profikiller für den Job in Dallas
anheuerten und sofort nach der Tat wieder außer Landes schafften.
Soweit, in aller Kürze, die „Mob did it!“- Theorie, die bei aller
Güte freilich einen entscheidenden Haken hat : selbst wenn man dem
organisiereten Verbrechen viel zutraut, es ist nicht in der Lage,
ein halbes Dutzend Untersuchungskommisionen über Jahrzehnte zu manipulieren
– und Beweisstücke aus den Staatsarchiven verschwinden zu lassen.
Wie den oben erwähnten Film, der nicht nur die CIA-Verbindung Oswalds
und seiner Mitverschwörer aufzeigt, sondern auch ihre Mob-Connections.
Das Trainingscamp
für die Anti-Castro-Guerilla, in dem Lee Oswald mit seinem
Mentor David Ferrie Schießen übte und dessen Existenz CIA
und FBI im Garrison Prozess noch vehement abgestritten hatten,
lag auf dem Grundstück von Mike McLaney – einem Casinobetreiber
in Havana und „Leutnant“ des Mob-Moguls Meyer-Lansky, der auf demselben
Anwesen ein Jagdhaus hatte. Sein Bruder Bill McLaney betrieb
den „Carousel“-Club in Las Vegas und einer ihrer engsten Mitarbeiter,
Lewis McWillie, war der beste Freund des Mannes, der den „Carousel“-Club
in Dallas betriebt: Jack Ruby. Dessen gute
Verbindungen nicht nur zum Dallas Police Department, das er regelmäßig
mit Informationen und Sandwiches versorgte – Polizisten hatten in
Rubys Strip-Club freien Eintritt – sondern auch zur Mafia, wurden
von der Warren-Kommision noch heruntergespielt: man brauchte verwirrte,
( im Falle von Ruby „emotionale“, „patriotische“) Einzeltäter. Tatsächlich
hatte Ruby, wie der HSCA- Auschuß später fand, schon Ende der 40er
in seiner Heimatstadt Chicago für den Mob Drogen geschmuggelt
und erledigte auch später in Dallas diverse illegale Geschäfte –
darunter seit 1959 Waffenschmuggel für die Anti-Castro-Guerillas.
Wie Oswald in seiner ersten und letzten Pressekonferenz beteuerte
auch sein Mörder Ruby mehrfach „nur der Sündenbock“ zu sein
– und verlangte von der Polizei und später von der Warren-Kommision
nach Washington gebracht zu werden wo er eine volle Aussage
machen würde: in Dallas sei er seines Lebens nicht sicher. Doch
so genau wollte man es gar nicht wissen. Rubys Gesuche wurden verweigert
– er starb im Gefängnis 1967 an Krebs.
Der Fall ist nicht
abgeschlossen und es sind keineswegs nur „grassy knoll“- Spinner,
Konspirologen oder Extremisten, die das Verbrechen des Jahrhunderts
interessiert. Immer noch bergen freigegebene Akten aus den Archiven
neue Details, sorgen neue Dokumente und für erregte Debatten, wie
etwa die Belege über die Manipulationen der pathologischen Befunde
Kennedys - oder über die tatsächliche CIA-Verbindung
von Garrisons Hauptangeklagten Clay Shaw. Noch 2001 sahen sich staatstragende
Magazine wie „The Nation“ oder „“Foreign Affairs“ genötig,
diese neuerlichen Kredite an die „Paranoiker“ Garrison und Oliver
Stone in aufgeregten Artikeln
zurückzuweisen – mit der „Enthüllung“, Garrison sei 1963 einer über
die italienische Wochenzeitung Paese Sera lancierte
KGB-Desiformation anheim gefallen. In dem italienischen Artikel
ging es aber gar nicht um die Kennedy-Ermordung, sondern um eine
internationale Firma, die Geldwäsche betreibt, in den in den Putsch
gegen Frankreichs General de Gaulle verwickelt war und des Landes
verwiesen wurde. Diese „Centro Mondiale Comerciale [CMC]“
und ihre Muttergesellschaft „Permindex“ wurden in dem Artikel verdächtigt,
Tarnfirmen für CIA- Aktivitäten zu sein und Clay Shaw aus New Orleans
als einer ihrer Direktoren benannt. „Alles in den Paese
Sera –Artikeln ist Lüge!“ so „Nation“- Autor Max
Holland, dessen Artikel die CIA gleich auch auf ihrer eigenen
Website publizierte. Als sich das Blatt weigerte, eine Erwiderung
Oliver Stones zu drucken, schaltete er sie als Anzeige:
„Zwei wichtige Fakten aus der Paese Sera Geschichte bleiben wahr:
1.) CMC wurde 1962 gezwungen Italien zu verlassen (nach Johannesburg,
Südafrika), unter einer Wolke des Verdachts über seine CIA-Verbindungen
2.) Clay Shaw war Mitglied des CMC Direktoriums.“
Die CIA behauptet
bis heute, ihr „ehemaliger“ Mitarbeiter Clay Shaw sei 1956 ausgeschieden.
Es gab eine Verschwörung
zur Ermordung Kennedys, die CIA war darin verwickelt und versucht
bis heute, dies zu vertuschen.
Es scheint, dass
Jacqueline Kennedys Wunsch nach einem würdigen Anlaß für den Mord
an ihrem Mann in Erfüllung gegangen ist: es war kein „silly
little communist“, es war, alles in allem, Kennedys Kampf für
die „Bürgerrechte“, der die Koalition seiner Mörder zusammenschweißte
und zum Attentat führte. Gegen die Intensionen seines FBI-Chefs
Hoover ließ er Rassisten wie den KuKluxKlan verfolgen und
setzte das Ende der Rassentrennung an den Schulen im Süden mit der
Nationalgarde durch, gegen die Interessen von Wall Street und „Big
Oil“ sprach er sich für Sozialpolitik und „New Deal“ aus, über Empfehlungen
von Generälen und Beratern setzte er sich zunehmend hinweg -
und in Sachen Kuba suchte er jenseits der Invasions-Hardliner
in CIA und Militär den Verhandlungsweg mit Castro. Als die Nachrichten
darüber durchsickerten und gleichzeitig das FBI im Auftrag seines
Bruder im Juli 1963 das Lager in Lacombe durchsuchte, ein großes
Waffen- und Sprengstofflager beschlagnahmte und 8 anwesende Exil-Kubaner
festnahm, war das Maß voll. Dass die Festgenommenen kurz darauf
ohne irgendwelche Anklagen wieder freigelassen werden gilt einigen
Beobachtern als der entscheidende Wendepunkt – Kennedy schien die
Macht im Staate zu entgleiten, er war zum Abschuß freigegeben. Und
eben jene Koalition aus CIA-Haudegen wie Sturgis, Ferrie und Phillips,
deren mühsam aufgebautes illegales Waffendepot gerade beschlagnahmt
worden war, macht sich jetzt daran, den finalen Plot zu arrangieren,
mit verschiedenen Schützen – möglicherweise von der Mafia beigesteuert
– und ihrem Zögling, dem „Kommunisten“ Oswald, dem man rechtzeitig
einen „aussichtsreichen“ Arbeitsplatz verpaßt, als potentiellem
Sündenbock. Falls etwas schiefgeht, was dann auch prompt und reichlich
geschah, als Oswald, bereits eine Stunde nach der Tat gestellt,
einen Polizisten erschießt - und schon im Polizeipräsidium
zu plaudern beginnt. Jack Ruby, Sam Giancana’s „Mann in Dallas“
und Kumpel aller Polizisten gelangt mühelos ins bewachte Untergeschoß,
als Oswald gerade abgeführt wird und erschießt ihn vor laufender
TV-Kamera.
Lee Oswald und
sein Mörder Jack Ruby waren als Sündenböcke auserkoren und Teile
DERSELBEN Verschwörung.

Jack Ruby erschießt Oswald vor laufender TV-Kamera
Solange nicht die
letzten Dokumente ins Licht der Öffentlichkeit gelangen –
und die Sperre für die heikelsten beträgt noch weitere 35 Jahre
– ist der Fall nicht geschlossen, die Debatte nicht beendet. Die
Lager in Sachen JFK-Mord – „Einzeltäter“-Gläubige hier, „Verschwörungs“-Gläubige
da – stehen fest, wobei das Einzeltäterlager mit etwa
25 % der US-Bevölkerung zahlenmäßig zwar weit unterlegen ist
(66 % glauben an eine Verschwörung), http://www.pollingreport.com/news.htm
aber dafür
nahezu den gesamten Mainstream von Medien und Meinungsführern auf
seiner Seite hat. Deshalb konnte sich die Einzeltäter-Theorie als
offizielle historische Version in den Lexika und Enzyklopädien etablieren,
während die Verschwörung dem Bereich der Legende, dem Mythos, dem
Volksglauben zugeschrieben wird. Obwohl sich die akademischen
Historiker bis heute des Themas Kennedy-Mord weitgehend enthalten
haben: aufgrund der einerseits zwar riesigen, andererseits
aber nach wie vor nicht nur lückenhaften, sondern auch fragwürdigen
(weil behördlich gefilterten) Menge an Beweismaterial und Dokumenten
wäre es, zumindest nach streng wissenschaftlichen Kriterien,
schlicht verfrüht, Schlüsse zu ziehen. Einerseits. Andererseits
kann kein Professor mit großer Förderung für den Nachweis
rechnen, dass im Namen des Staats Verbrechen begangen und Präsidenten
ermordet werden. Und so konnte es kommen, dass nach vier Jahrzehnten
trotz aller offensichtlichen Widersprüche und Ungereimtheiten die
Einzeltäter-Theorie als historische „Wahrheit“ gilt und die der
Realität sehr viel näher kommenden Verschwörungstheorien als „Mythos“.
Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben und so haben es
auch die Sieger des Staatsstreichs vom 22. November 1963 getan.
Das Wuchern von
Verschwörungstheorien über den Kennedy-Mord dient nach wie vor der
Tarnung der eigentlichen Verschwörung.
Nur zweimal sah
ich als kleiner Junge meine Mutter morgens am Frühstückstisch weinen:
als mein Großvater gestorben war und nach dem Mord an Kennedy. Ich
kam in die Küche, die Zeitung mit der Schlagzeile lag vor ihr und
ich fragte, warum sie weint: „Ach“, sagte sie und nahm mich in den
Arm, „die Welt ist so schlimm.“ Der Sunnyboy aus Massachusetts,
der „Berliner“ aus Amerika, hatte nicht nur in seinem Land in kürzester
Zeit die Hirne und Herzen der Menschen erobert – und weder seine
notorischen Hurengeschichten, noch der mafiose Vater, der
schon eine Dynastie von 30 Jahren voraussah, wenn alle seine Söhne
zweimal kandierten, noch außenpolitische Debakel wie die Schweinebucht
und Vietnam konnten daran etwas ändern. Der Mythos Kennedy als Synonym
für ein demokratischeres, freieres Amerika hat bis heute Bestand,
auch wenn Entmythologisierer wie Seymour Hersh – in seinem Buch
„The dark side of camelot, 1998 - ihr Bestes getan haben.
Wie die Harvard-Historiker May und Zelikow anhand freigegebener
Tonbandaufzeichnungen über die Beratungen im Weissen Haus angesichts
der in Kuba stationierten Sowjet-Raketen analysierten, war
Kennedy „oft der einzige Mann im Raum der nicht zum Krieg entschlossen
war“
(Ernest R. May
& Philip D. Zelikow. The Kennedy Tapes, 1997).
Ihr
Kollege Howard Jones stellt zu den Beratungen über das Engagement
in Vietnam fest, „dass das einzige hochrangige Mitglied
der Kennedy-Administration, das sich stets gegen eine Entsendung
von US-Truppen aussprach, der Präsident selbst war.“
(Howard Jones:
Death of a Generation – How the Assassinations of Diem and
JFK Prolonged the Vietnam War, 2003)
Kennedys Biograph
von der Boston University, David Lallek (An Unfinished
Life – John F. Kennedy 1917 – 1963, 2003) fügt dazu ein Original-Zitat
an, das den Kern der Materie trifft: „Der erste Rat, den ich meinem Nachfolger
gebe, ist, auf die Generäle zu achten und das Gefühl zu vermeiden,
dass nur weil sie Militärs sind ihr verdammter Rat etwas wert
ist.“
Kennedy war in den
1055 Tagen seiner Präsidentschaft zu einer Herausforderung geworden
- für die Machtelite, für den militärisch-industriellen Komplex,
für die Geheimdienste. Der Strahlemann, dem niemand viel zugetraut
hatte, machte sich zunehmend selbstständig. Er hatte, unterstützt
von seinem Bruder, intern mehrfach gedroht, die CIA „in tausend
Stücke zu zerschlagen“ – eine zweite Amtszeit für John F.Kennedy,
da sind sich viele Historiker mittlerweile einig, hätte einen entscheidenden
Politikwechsel mit sich gebracht. Die Killer, die am 22. November
1963 in Dallas zuschlugen, wußten das zu verhindern – und
ihren Auftraggebern ist es bis auf den heutigen Tag gelungen, die
Tat zu verschleiern. Der „dumme kleine Kommunist“ mag uns
auch künftig besser schlafen lassen, ansonsten aber gilt: „Die Welt
ist so schlimm“.
Mathias Bröckers
|