Ein Kommentar zum SPD-Parteitag in Bochum
Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer
definierte am 29. Juni 1991 den Hirntod als einen "Zustand des irreversiblen
Erloschenseins der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des
Hirnstamms bei einer durch kontrollierte Beatmung noch aufrechterhaltenen
Herz-Kreislauffunktion".
Die Definition lässt sich auf die SPD übertragen.
Die Partei existiert noch, aber das Nervensystem ist außer Funktion. Die
Partei, die wie keine andere darauf spezialisiert war, den Unmut der kleinen
Leute aufzufangen, auf ihre Sorgen zu reagieren und sie (meist nur mit Worten)
zu beruhigen, ist klinisch tot. Sie reagiert nicht mehr auf Druck von unten.
Das ist die Bilanz des Bundesparteitags, der Mitte vergangener Woche in der
Ruhrgebietsmetropole Bochum zu Ende ging.
Nur zwei Wochen vor dem Parteitag hatten in Berlin
hunderttausend Menschen gegen die Agenda 2010 der sozialdemokratisch
geführten Bundesregierung demonstriert - unerwartet viele für eine
Demonstration, die von den großen Gewerkschaften boykottiert wurde. Zuvor
hatte die SPD Rekordverluste bei der Landtagswahl in Bayern und den
Kommunalwahlen in Brandenburg erlitten - eine unmissverständliche Quittung
für die drastischen Sozialkürzungen, die Schröder mit
Brachialgewalt und ständigen Rücktrittsdrohungen durchgesetzt
hatte.
Auf dem Parteitag fand dieser Unmut der Bevölkerung
keinerlei Widerhall. Die 520 Delegierten stellten sich weitgehend geschlossen
hinter den Kanzler und beklatschten seine Parteitagsrede, in der er die
unsoziale Politik seiner Regierung verteidigte, mit minutenlangen stehenden
Ovationen. Der Leitantrag des Parteivorstands, in dem alle Maßnahmen der
Agenda 2010 aufgelistet sind, wurde mit nur einer Gegenstimme angenommen.
Auf früheren SPD-Parteitagen war manchmal noch heftig
gestritten worden. So hatte es über die Einführung der
Notstandsgesetze Ende der sechziger Jahre oder den Nato-Doppelbeschluss Anfang
der achtziger Jahre scharfe Auseinandersetzungen gegeben, die - wenn auch in
verzerrter Form - Konflikte in der Gesellschaft widerspiegelten. In Bochum
zeigte sich die SPD als geschlossener bürokratischer Apparat, der jede
Initiative von unten, mag sie noch so schwach und entfernt an die Interessen
der Bevölkerung erinnern, im Keim erstickte.
Der Parteitag wurde von Parteibürokraten und
Parteibeamten dominiert, deren politische Auffassungen sich kaum von den
Ansichten durchschnittlicher Wirtschaftsmanager unterschieden, wobei in den
Chefetagen der Wirtschaft die persönliche Verantwortung in der Regel
ernster genommen wird. Immer auf der Suche nach dem Weg des geringsten
Widerstands wird die Engstirnigkeit dieser Leute nur noch von ihrem politischen
Zynismus übertroffen. Sie hätten in Bochum auch die Auflösung
der eigenen Partei mit einer stehenden Ovation begrüßt.
Schröders Grundsatzrede
Kanzler Schröder hatte seine Grundsatz-Rede unter das
Motto gestellt: "Mut zur Wahrheit!" Sie bestand aus 80 Minuten politischen
Verdrehungen, absurden Behauptungen und dreisten Lügen.
Schröder begann damit, dass er die Sozialkürzungen
als großen gesellschaftlichen Fortschritt bezeichnete. Die Agenda 2010
beschreibe nicht nur eine "politische Notwendigkeit", sondern leite "eine
große sozialdemokratische Epoche" ein, rief er den Delegierten zu. Das
Protokoll vermerkt "Beifall".
Nachdem seine Regierung durch Sozialkürzungen auf der
einen Seite und durch Steuergeschenke an Großverdiener und Unternehmen
auf der anderen Seite eine Umverteilung des gesellschaftlichen Einkommens im
Umfang von 30 Milliarden Euro durchgeführt hat und die
rückläufigen Steuereinnahmen als Begründung für immer neue
Kürzungen anführt, erklärte Schröder im Brustton der
Überzeugung: "Unser Ziel bleibt mehr soziale Gerechtigkeit!"
Unter dem Beifall der Delegierten rief er pathetisch: "Es
ist doch wahr: Mit unserer SPD beginnt die Demokratie in Deutschland. Ohne uns
gäbe es weder heute noch morgen in Deutschland eine Gesellschaft, die so
frei und so tolerant, so gerecht und so modern ist." Selbst einem Georg Orwell
hätte eine derartige Umwertung der Werte die Sprache verschlagen.
Wahr ist, dass die Regierung Schröder mit drei
Gesetzespaketen zur inneren Sicherheit grundlegende demokratische Rechte
eingeschränkt und teilweise abgeschafft hat. Darüber hinaus ebnet die
systematische Zerschlagung der staatlichen Sozialsysteme den
reaktionärsten politischen Kräften den Weg.
Mehrmals nahm Schröder auf die Geschichte Bezug und
behauptete: "Auch wenn es heute schmerzlich ist, die Geschichte wird uns
bestätigen und zeigen, dass wir recht haben." Nein - die Geschichte hat
bereits bewiesen, dass derartige Angriffe auf die Schwächsten der
Gesellschaft nicht nur unsozial sind, sondern die rechtesten politischen
Kräfte stärkt. Schon Ende der zwanziger Jahre hatte die
Koalitionsregierung unter der Leitung des Sozialdemokraten Hermann Müller
mit einer Politik des Sozialabbaus den Weg für die Brüning-Regierung
geebnet, die mit Notverordnungen regierte und dem Naziregime den Weg
bereitete.
Auffallend auf dem Bochumer Parteitag war die Tatsache, dass
nicht ein einziger Delegierter dem Parteivorsitzenden und Kanzler ernsthaft
entgegen trat. Was war in den vergangenen Wochen nicht alles über das
"aufmüpfige Duzend" der SPD-Linken gesagt und geschrieben worden. Als es
darauf ankam, ließen sich die Kritiker der Agenda 2010 in Bochum mit
einem winzigen Zuckerbrot abspeisen. Sie taten so, als seien vage Andeutungen
des Parteivorstands, er werde sich für eine höhere Besteuerung
großer Erbschaften und eine Ausbildungsabgabe für Betriebe
einsetzen, die ihrer Ausbildungsverpflichtung nicht nachkommen, eine Kehrtwende
im rot-grünen Sozialabbau.
Selten zuvor haben die Kritiker des Vorstands derart
deutlich gezeigt, dass sie der reaktionären Politik an der Parteispitze
nichts entgegen zu setzen haben. Sie sind zutiefst eingeschüchtert und
fungieren nur noch als Feigenblatt einer obszönen Politik, die im Namen
von "Reformen" das soziale und demokratische Gefüge der Gesellschaft
ruiniert.
Die Kriegsfrage
Die Weigerung, dem politischen Kurs der Parteiführung
entgegenzutreten, zeigte sich auch in der Debatte über die
Außenpolitik.
Schröder rief den Delegierten in bekannt demagogischer
Manier zu: "Sozialdemokratische Außenpolitik war, ist und bleibt
Friedenspolitik." Gleichzeitig erinnerte er an die Opposition seiner Regierung
gegen den Irakkrieg und versuchte, dies als prinzipiellen Antikriegsstandpunkt
darzustellen.
Kein Delegierter stand auf, um deutlich zu machen, dass
diese Opposition niemals ernst gemeint war, weil die Bundesregierung nicht im
Traum daran gedacht hatte, den deutschen Luftraum und die US-Basen auf
deutschem Boden für den Krieg zu sperren. Und niemand sprach darüber,
dass die Bundesregierung ihren Kurs längst geändert hat und die
Besetzung des Irak durch die USA unterstützt.
Unmittelbar nach dem Parteitag reiste Kanzler Schröder
nach New York und kündigte dort an, er werde einer Umschuldung der 116
Milliarden Dollar Auslandsschulden des Irak zustimmen. "Wir haben nicht
vergessen, was nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geholfen hat",
erklärte er vor Journalisten und fügte hinzu: "Ohne die
großzügige Streckung der deutschen Auslandsschulden, die damals
übrigens auf Initiative der Amerikaner zu Stande kam, hätte es den
Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder' so nicht gegeben."
Wie schon die Zustimmung zu zwei UN-Beschlüssen
bedeuten diese finanziellen Zusicherungen eine direkte Wahlhilfe für Bush
und damit für die rechtesten Elemente in den USA, die so zu weiteren, noch
schlimmeren militärischen Abenteuern ermutigt werden. Darauf läuft
die "sozialdemokratische Friedenspolitik" hinaus.
Niemand nannte diese Dinge beim Namen. Stattdessen blieb die
Parteitagsdiskussion in Bochum auf niedrigstem Niveau. Delegierte aus den
Gewerkschaften feierten die Annahme eines Antrags zur Verteidigung der
Tarifautonomie als "großen Erfolg", was damit zusammenhängt, dass
die Abschaffung der Tarifverträge auch die Gewerkschaften - und damit
nicht selten ihren eigenen Arbeitsplatz - in Frage stellen würde.
Hinzu kommt, dass die Tarifabschlüsse längst keine
anständigen Löhne und Arbeitsbedingungen mehr garantieren, weil sie
durch unzählige Betriebsvereinbarungen durchlöchert sind, die
allesamt von Betriebsräten und Gewerkschaften ausgearbeitet und
unterschrieben wurden, während die tarifliche Friedenspflicht vor allem
dazu dient, Arbeitskämpfe zu unterdrücken.
In seinem Grußwort auf dem Parteitag versicherte
DGB-Chef Michael Sommer den Delegierten die uneingeschränkte
Unterstützung der Gewerkschaften und rief: "Ich bin nicht hierher
gekommen, um euch zu sagen, was die SPD nach unserer Meinung tun oder lassen
sollte." Während er der SPD-Regierung den Rücken stärkt, streckt
Sommer gleichzeitig die Fühler in Richtung Union aus. Vor kurzem
führte er Gespräche mit der CSU über eine mögliche
Zusammenarbeit bei der Durchsetzung der Gesundheitsreform.
In den vergangenen Monaten hat der Gewerkschaftsbund alle
eigenen Proteste gegen die Agenda 2010 abgesagt.
Austrittswelle
Viele Mitglieder stimmen inzwischen mit den Füssen
über die Politik des Parteivorstands ab. Auf allen Ebenen des Parteitages
- im Plenum ebenso wie in den Pausen - wurde über die wachsende Zahl von
Austritten diskutiert.
Seit Beginn der neunziger Jahre hat die SPD fast 300.000
Mitglieder verloren. Im vergangenen Jahr waren es 26.000. Mit der
Ankündigung der Agenda 2010 im März dieses Jahres schwoll der
Mitgliederschwund dramatisch an. In den ersten neun Monaten dieses Jahres
verließen bereits 30.000 Mitglieder die Partei - die über 7.000
Sterbefälle nicht mitgezählt.
Insbesondere im Ruhrgebiet, aufgrund der ehemaligen Bergbau-
und Stahlindustrie jahrzehntelang eine SPD-Hochburg, laufen die Mitglieder in
Scharen davon. In Herten beispielsweise, nur unweit vom Konferenzort Bochum
entfernt, verließen rund die Hälfte der Mitglieder die Partei. Der
Kreisgeschäftsführer einer anderen Ruhrgebietsstadt konnte nur mit
Mühe davon abgebracht werden, Schröder auf dem Parteitag einen Stapel
von 600 zurückgegebenen Parteibüchern zu überreichen.
Viele, die der SPD den Rücken kehren, stellen sich die
Frage nach den Ursachen der Rechtswende dieser Partei, die mit ihren
Sozialkürzungen den eigenen Ruin in Kauf nimmt. Der grenzenlose
Opportunismus und die Unterwürfigkeit von Schröder und des gesamten
Berliner Regierungspersonals gegenüber den Wirtschaftsverbänden
spielen dabei sicherlich eine wichtige Rolle. Doch für sich genommen
können solche Charaktereigenschaften den Kurs der Regierung nicht
erklären.
Wichtiger ist die tiefe Krise des kapitalistischen Systems
im Weltmaßstab, die der Politik des sozialen Ausgleichs den Boden
entzogen hat. Die Sozialdemokratie ist nicht mehr in der Lage,
gesellschaftliche Gegensätze durch soziale Reformen zu dämpfen.
Deshalb geht sie dazu über, die bürgerliche Ordnung auf Kosten
vergangener Reformen zu verteidigen. Damit die Wirtschaft wieder Fuß
fassen und wachsen könne, lautet ihr Standardargument, müssten
Löhne, Lohnnebenkosten und Steuern gesenkt und soziale Leistungen abgebaut
werden.
Immer wieder behaupteten Regierungsmitglieder auf dem
Parteitag, es gäbe keine Alternative zur Agenda 2010. Wenn die SPD sie
nicht durchführe, dann würde sie von der Union durchgeführt, und
alles würde noch viel schlimmer.
Die wichtigste Lehre des Bochumer-Parteitages besteht darin,
dass es keinen Weg zurück zu den Sozialreformen der siebziger Jahre gibt.
Der Niedergang der SPD hat tiefe, objektive Ursachen. Notwendig ist der Aufbau
einer neuen Partei, die den Kampf für Demokratie und soziale Gleichheit
auf der Grundlage eines internationalen sozialistischen Programms
führt. |