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12.01.2004 Arnold Schölzel Junge Welt
Auswege aus der Barbarei
Kuba und Venezuela standen im Mittelpunkt der diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin
Beinahe hätte es nicht geklappt: Direkt vom Flughafen war Ana Elisa Osorio Granado, die Umweltministerin im Kabinett des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, zur Rosa-Luxemburg-Konferenz geeilt, aufgehalten durch zwei Demonstrationen – am Brandenburger Tor zogen Studenten im Protest auf, in Lichtenberg stoppten Neonazis und Gegendemonstranten den Verkehr. Berlin Anfang 2004.

Die Veranstalter der diesjährigen Konferenz junge Welt, Cuba sí und Gesellschaft für Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM) hatten die Verzögerung genutzt, um den Teilnehmern den Film »Innenansichten eines Putsches« in voller Länge zu zeigen – eine nüchterne Dokumentation des Versuchs der Besserverdienenden Venezuelas, die gewählte Regierung Chávez aus dem Amt zu jagen, selbstverständlich im Namen der Demokratie, der Menschenrechte und des Weißen Hauses. Die Ministerin, eben noch als energische Anti-Putschistin auf der Leinwand zu sehen, stand nun selbst im Auditorium maximum der Fachhochschule für Wirtschaft und Politik – und erhielt einen begeisterten Empfang. Die Begeisterung hielt während ihres Referates an – es war klar in Sprache und Inhalt. Jede Revolution sei Teil eines globalen Kampfes, hieß es da. Es gelte – mit Bezug auf Rosa Luxemburg – eine Vision von Demokratie wiederzuerlangen, über die repräsentative Demokratie hinaus, die stets zum Nutzen des Kapitals funktioniere. Denn: »Kapitalismus ist kein Ausweg aus der Barbarei.« Der Lebensstandard des Nordens kein Weg für die gesamte Welt, Luxemburgs Alternative »Kapitalismus oder Barbarei« daher aktuell wie je.

Beispiel Venezuela: Ende der 80er Jahre war das Ölland ruiniert. Die Therapie verordneten die Pleitiers. Mehr als Privatisierung, Streichung des Sozialhaushalts, also Anweisung an die Armen, gefälligst zu verhungern, fiel ihnen wie überall nicht ein. Osorio schilderte: Der erste Volksaufstand im Februar 1989 kostete 2000 Tote. Die Rebellion von Chávez 1992 wurde mit Gefängnis bestraft, aber der Bruch zwischen Oben und Unten war da. Es bildete sich eine Bewegung, deren Themen Volkssouveränität, eigene Wirtschaftsordnung und Agrarreform waren. Nach dem Wahlsieg von Chávez wurde erstmals eine Verfassung nach landesweiter Diskussion verabschiedet, »ein Paradigma für Lateinamerika«, nannte es die Ministerin. Und zählte Instrumente der »bolivarianischen Revolution« auf: Staatliche Kontrolle der Ölindustrie und Bruch mit den US-Konzernen, Förderung der Einheit erdölproduzierender Länder – einschließlich Iran und Irak, Kritik an der Bombardierung Afghanistans, Besteuerung ungenutzter Landwirtschaftsflächen und ein Gesetz zum Schutz der privaten Fischer, Gründung von Banken für Kleinstkredite, speziell an Frauen, Anerkennung indigener Völker. »Keine radikalen Veränderungen«, faßte Osorio zusammen, aber alles im Widerspruch zu den maßgeschneiderten Gesetzen der Bourgeoisie. Fazit: »Jede Forderung nach nationaler Souveränität wird heute zu einer antiimperialistischen Position und damit antikapitalistisch.« Und: »Die US-Intervention gegen Venezuela wäre aggressiver ohne den Widerstand des irakischen Volkes.« Die nächste Probe steht bevor: Ein Absetzungsreferendum gegen Chávez wird wohl stattfinden.

Dem Höhe- und Schlußpunkt des Referateteils der Konferenz unter derm Titel »Strategien der Konterrevolution« waren ähnlich sachkundige, parteiergreifende Vorträge vorausgegangen. Hannes Hofbauer (Wien) hatte zu Beginn »das größte imperiale Projekt seit 1945« – die Osterweiterung der EU – analysiert. Zentrales Stichwort auch dort: Privatisierung. Mit Hilfe der »Schocktherapie«, also Hyperinflation, Lohnsenkung und Deindustrialisierung, wurden die Länder »fit gemacht für die EU«. Das angestrebte Resultat: immense Staatsverschuldung in kürzester Zeit, also Abhängigkeit vom westlichen Bankensystem und von einzelnen Industriezweigen wie der Autoindustrie – eine »volkswirtschaftliche Verwundbarkeit höchsten Ausmaßes«. Hofbauer nannte es »politischen Kolonialismus«.

Was dem geschieht, der sich dagegen wehrt, resümierte der langjährige jugoslawische Diplomat Vlado Nadazdin (Belgrad): In der »Neuen Weltordnung« ist das Recht des Stärkeren an die Stelle des Rechts getreten. Der Balkan ist nach dem Bombenkrieg von 1999 Interessensphäre des Westens, der Serbien und Montenegro mit Zuckerbrot und Peitsche bearbeitet. Allerdings hat sich herausgestellt: Nicht Milosevic, wie stets behauptet, ist das einzige Problem Serbiens, sondern die serbische Bevölkerung. Offen ist, wie das Land vom »Auslieferer« wieder zum Verhandlungspartner werden soll. Spielraum könne langfristig nur durch Kooperation mit Rußland und China gewonnen werden.

Ein dramatisches Bild der Lage in Kolumbien zeichnete Cesár Carillo, Europavertreter der Erdölgewerkschaft USO. Jahrzehntelanger Bürgerkrieg, jährlich 35 000 Morde, Intervention der USA mit dem »Plan Colombia«. Dagegen setzen die linken Kräfte des Landes, einschließlich der Aufständischen, einen Prozeß für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Erstmals auf einer Rosa-Luxemburg-Konferenz war per Aufzeichnung die Stimme Mumia Abu-Jamals zu hören, seit über zwanzig Jahren in einer US-Todeszelle, seit Dezember 2003 Ehrenbürger von Paris. Kernsatz seines Kommentars zum Irak-Krieg: »Man kann nicht an das Selbstbestimmungsrecht und den Imperialismus gleichzeitig glauben.«

Jorge Santana Peréz, Philosoph aus Havanna, griff ein zentrales Thema des Kampfes der Ideologien auf auf: Soziale Gleichheit und Gerechtigkeit. Neoliberalismus, so Santanas Ausgangsthese, schaffe eine Polarisierung von Reichtum und Armut, die als »Zeitbombe im Innern des Systems« schlummere. In dieser Hinsicht sei Kuba, mit seinem Festhalten an der Idee von sozialer Gleichheit, wichtig, eine Position, die durch innere wie äußere Faktoren stets bedroht sei. Die Globalisierung habe Elemente des Kapitalismus ins Land gebracht, zugleich gehe es um die Vervollkommnung des Sozialismus. Ungefähr 30 Prozent der Beschäftigten Kubas arbeiten heute nicht mehr im staatlichen Sektor, knapp die Hälfte der Bevölkerung hat Zugang zu US-Dollars. Ein Kriterium für soziale Gleichheit sieht Kuba nach wie vor weit vorn: Die Kindersterblichkeit ist niedriger als in den USA.

Die venezolanische Ministerin hob die Hilfe Kubas und Brasiliens für ihr Land hervor – bei der medizinischen Versorgung wie im Bildungswesen. Bis Juli 2004 soll die Alphabetisierung abgeschlossen sein. Die westlichen Medien werden darüber kaum berichten, für Weltbank, Währungsfonds oder Pentagon ist das eher eine gefährliche Kennziffer am Rande. Den über 900 Gästen der Rosa-Luxemburg-Konferenz war es Beifall wert.


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