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  Rüdiger Göbel Junge Welt
Prämien für Söldner
US-Armee mit Personalproblemen im Irak. Wie 130 000 Soldaten ersetzen?
Die US-Armee steht unter Druck: In den kommenden Monaten sollen die derzeit rund 130 000 Soldaten, die im Irak als Besatzungstruppen stationiert sind, ausgetauscht werden. Viele von ihnen versehen seit mehr als einem Jahr ihren Kriegsdienst. Angesichts anhaltender Angriffe auf die Besatzungstruppen und mittlerweile fast 500 getöteter GIs versucht die US-Armee, amerikanische Soldaten mit »Bonuszahlungen« zu einer Verlängerung ihres Einsatzes im Irak und auch in Afghanistan zu bewegen.

Sie sollen bleiben und den »Neuen« ihre Erfahrungen im umkämpften Besatzungsgebiet weitergeben. Eine einmalige Finanzspritze von 5 000 bis 10 000 Dollar erhält, wer sich freiwillig länger verpflichtet – und sich damit weiter der Gefahr für Leib und Leben aussetzt. Die Höhe der einzelnen Zuwendung hängt vom Rang des Soldaten und der Dauer des verlängerten Einsatzes ab. Im US-Verteidigungshaushalt 2004 sind insgesamt 63 Millionen Dollar Bonusgelder eingeplant.

Das Pentagon machte noch keine Angaben über eine erste Resonanz auf die gefährlichen Geldprämien. Offensichtlich glaubt die Armeeführung aber selbst nicht an einen durchschlagenden Erfolg der Offerte: Rund 7 000 höherrangige Soldaten erhielten die Order, daß ihre Stationierung im Irak um bis zu drei Monate verlängert wird – ohne Sonderzahlung.

Das US-Verteidigungsministerium stellte zudem eine Umstrukturierung bei der Führung der US-Truppen am Golf in Aussicht. Künftig soll ein Vier-Sterne-General für den Irak zuständig sein. Diese Überlegung sei mit Blick auf die für Mitte des Jahres vorgesehene Installierung einer irakischen »Übergangsregierung« zu verstehen, hieß es im Pentagon. Wie die Washington Post am Mittwoch berichtete, sollen im sogenannten sunnitischen Dreieck nördlich und westlich von Bagdad demnächst US-Marineinfanteristen die regulären Truppen der US-Army ablösen. Die Region gilt bei den US-Soldaten wegen zahlreicher Anschläge als besonders gefährlich.

Bei Protesten ehemaliger irakischer Soldaten wurde am Dienstag unterdessen ein Iraker getötet. Die Besatzungstruppen hatten in der südirakischen Stadt Basra das Feuer auf mehrere hundert Demonstranten eröffnet, als diese versuchten, in die Niederlassung der Zentralbank einzudringen. Die Soldaten a. D. forderten die Überweisung des monatlichen Soldersatzes in Höhe von 50 Dollar. Nach Auflösung der irakischen Armee und einsetzenden Massenprotesten im Mai hatten die US-geführten Besatzungsbehörden die Ausgleichszahlung zugesagt. Seit September blieben die Überweisungen allerdings aus. Betroffen sind mehrere hunderttausend Familien.

Mit einer feierlichen Zeremonie schloß derweil in Bagdad das 2. Bataillon der von den USA aufgebauten irakischen Kollaborationsstreitkräfte eine zweimonatige »Ausbildung« ab. Lediglich 705 Iraker wurden in die neue Armee übernommen, die nach Vorstellung von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bis September auf 40 000 Mann anwachsen und die amerikanischen Soldaten perspektivisch beim gefährlichen Besatzungsdienst entlasten soll. Doch die »Irakisierung« der Sicherheit gerät ins Stocken. Das Problem: Bereits im Dezember desertierten 200 der 650 Soldaten des 1. Bataillons. Offiziell hieß es, ihnen sei der Lohn von 60 Dollar pro Monat zu niedrig, offensichtlich wurde ihnen jedoch der Job als bewaffnete Besatzungshelfer zu heiß. Wie die Nachrichtenagentur AP berichtete, maskierten sich Mitglieder des »Iraqi Civil Defence Corps« (ICDC – Irakisches Zivilverteidigungskorps) etwa am vergangenen Freitag bei einer Patrouille mit Kopftüchern, um nicht erkannt zu werden. Adnan Wadi, Kommandeur einer Kompanie, wird mit den Worten zitiert: »Dieser Job ist sehr gefährlich.« Er beklagte sich, daß das US-Militär keine angemessene Ausrüstung wie kugelsichere Westen zur Verfügung stellte.

Mangelhafte Ausbildung und nachlässiges Auswahlverfahren bei der Rekrutierung führen dazu, daß das ICDC kaum als einsatzfähige Einheit bezeichnet werden kann. »Sie sind großartig, aber ... wenn man sie nicht überwacht, beginnen sie, nachlässig zu werden«, erklärte ein Ausbilder, US-Stabsfeldwebel Hugo Olveraleija. Eine freundliche Formulierung für Nötigung und »friendly fire«: Laut Olveraleija haben mehrere Mitglieder der Einheit den Besitzer einer Tankstelle dazu genötigt, ihnen kostenlos Benzin zu geben und sie trotz langer Warteschlangen aufgrund der Benzinknappheit als erste zu bedienen. Auch ist es zu mehreren Zwischenfällen gekommen, bei denen Mitglieder des ICDC versehentlich auf Kameraden geschossen haben, ohne daß es dabei allerdings Verletzte gab. »Das Gute ist, daß sie nichts treffen können«, so Olveraleija gegenüber AP. Um weitere Massendesertionen zu verhindern und die irakischen Besatzungshelfer bei Laune zu halten, wurde auch ihr Sold erhöht.


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