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15.01.2004 Ulla Jelpke Junge Welt
Gewalt ist Alltag
Neue Dokumentationen polizeilicher Mißhandlungen und Folter in Deutschland
Als im Mai 2003 der Student Moulaye Dagnogo, ein Friedrich-Ebert-Stipendiat von der Elfenbeinküste, auf dem Bahnhof in Oberhausen in eine »verdachtsunabhängige Kontrolle« des Bundesgrenzschutzes gerät, fragt er, warum nur ausländische Personen kontrolliert werden. Das hätte er besser nicht getan. Es entsteht ein Wortwechsel. Dagogno wird nach eigenen Angaben geschlagen, gefesselt und für Stunden festgenommen.

Der Nigerianer Michael Ibeh wird im August 2003 in Braunschweig angeblich wegen überhöhter Geschwindigkeit von einem Streifenwagen zum Halten gezwungen. In Wahrheit wollen die Polizeibeamten im Kofferraum nach Kokain suchen. Ibeh muß zum Polizeirevier mitkommen. Er sagt, dort habe er sich nackt ausziehen müssen, er sei zu Boden geworfen, gefesselt, getreten, geschlagen und nackt in ein anderes Revier gebracht worden.

Hinweise von Menschenrechtsorganisationen auf die Häufung solcher Fälle werden von der Politik als übertrieben abgetan. In der breiten Öffentlichkeit spielen sie keine Rolle.

Am Dienstag legten AktionCourage und am Mittwoch Amnesty International (ai) auf Pressekonferenzen in Berlin Dokumentationen vor, die erneut Folter und Gewalt in großem Ausmaß durch Polizeibeamte in Deutschland belegen. AktionCourage weist exemplarisch insgesamt 70 »Polizeiübergriffe« auf Migranten und Migrantinnen in Deutschland von 2000 bis 2003 nach. ai schließt an seine Berichte aus den Jahren 1995 und 1997 an und schildert detailliert die Entwicklung der letzten Jahre. An die sogenannte Folterdebatte um den Mörder eines Frankfurter Bankierssohnes im Jahr 2003 wird ebenso erinnert wie an die tödliche Verabreichung von Brechmitteln an einen Beschuldigten im Hamburger Polizeigewahrsam. Weitere Berichte über öffentlich nicht bekannte Fälle zeigen, daß Mißhandlungen und Folter im Gewahrsam deutscher Behörden oft zu schmerzhaften Verletzungen und dauerhaften Traumatisierungen bei den Betroffenen führen.

Besondere Brisanz erhalten die beiden Berichte im Hinblick auf bevorstehende Überprüfungen durch die UNO. Im Jahre 2004 werden der UN-Menschenrechtsausschuß und der Ausschuß gegen Folter untersuchen, inwieweit die Bundesrepublik Deutschland ihren internationalen Verpflichtungen als Vertragsstaat des UN-Übereinkommens gegen Folter und des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte nachkommt.

ai-Generalsekretärin Babara Lochbihler forderte in diesem Zusammenhang die Bundesregierung auf, endlich das Zusatzprotokoll zur UN-Antifolterkonvention zu unterzeichnen. Dies würde unangemeldete Inspektionen des UN-Antifolterkomitees in Gefängnissen, Polizeistationen oder psychiatrischen Anstalten ermöglichen.

AktionCourage beschreibt in ihrer Dokumentation die Vorwürfe gegen den Bundesgrenzschutz, die Länderpolizeien und private Sicherheitsdienste. Die Verschärfung der Polizeigesetze treffe vor allem Ausländer. Sie gelten allein wegen ihrer Hautfarbe als »auffällig«. Amnesty gliedert die Fälle nach äußeren Anlässen: Polizeiliche Mißhandlungen bei Festnahmen bzw. in Polizeihaft, Mißhandlungen und exzessive Gewaltanwendung bei Abschiebungen und schließlich tödlicher Schußwaffengebrauch durch die Polizei.

Einig sind sich beide Organisationen, daß sie nur »die Spitze des Eisbergs« beschreiben können und die Dunkelziffer bei Gewalt und Folter hoch ist. Lochbihler bezeichnete es als »skandalös«, daß bis heute keine einheitlichen und umfassenden Statistiken erhoben werden. Viele Fälle blieben unbekannt, weil die Opfer aus Angst vor der Polizei schweigen. Illegale könnten es ohnehin nicht wagen, Anzeige zu erstatten. Oft sei die Beweislage für die Opfer aussichtslos. Beschuldigte Polizeibeamte erstatteten häufig als Gegenstrategie Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Die Regel sei, daß Verfahren gegen Polizisten wegen Mißhandlungen und Verfahren wegen Widerstands als unaufklärbar eingestellt werden. Komme es doch zu Gerichtsverhandlungen gegen Polizeibeamte und zu Verurteilungen, seien die Strafen unverhältnismäßig gering. Insgesamt zögen sich die Verfahren monatelang, manchmal jahrelang hin.

AktionCourage fordert, einer falsch verstandenen Kollegialität bei der Polizei, die zu Vertuschung und Tolerierung von Übergriffen führt, entgegenzutreten. Insgesamt müsse es zu einer Bewußtseinsveränderung kommen.

Amnesty International wiederholt Vorschläge, die schon 1996 und 1998 an die Bundesregierung herangetragen wurden, bislang ohne Erfolg. Die Bundesregierung soll danach – entsprechend den Empfehlungen des Europarats und der Vereinten Nationen – ein unabhängiges Gremium schaffen, das in der ganzen Bundesrepublik Beschwerden über polizeiliches Fehlverhalten beobachtet, untersucht und veröffentlicht.


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